Vittoria Tarquini, genannt La Bombace (oder Bambagia) (3. März 1670 in Venedig – 1746 ebenda)Beth L. Glixon: „Supereminet omnes, New light on the Life and Career of Vittoria Tarquini“, in: Händel-Jahrbuch 62, 2016, S. 401–414, hier: S. 402 und 413. war eine italienische Sängerin (Sopran) des Barock. Sie war eine der gefeiertsten Sängerinnen ihrer ZeitEleanor Selfridge-Field: A New Chronology of Venetian Opera and Related Genres, 1660–1760, Stanford University Press, 2007, S. 185 (Fußnote 314), Auszüge online als Google-Book (englisch; abgerufen am 26. Oktober 2019) und galt als eine der besten, wenn nicht die größte Tragödin auf der Opernbühne.Vittoria Tarquini dite la Bombace, online auf Quell‘usignolo (französisch; abgerufen am 27. Oktober 2019)
Leben mini|hochkant=1|San Pantalon, Venedig Kindheit und Jugend Vittoria Tarquinis Geburtsort und Herkunft wurden erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts gelüftet. Sie wurde in der Gemeinde von San Pantalon in der damaligen „Opernstadt“ Venedig als Tochter von Andrea Tarquini († 1705) und seiner Frau Giustina Corner am 3. März 1670 geboren und zehn Tage später, am 13. März, getauft.Beth L. Glixon: „Supereminet omnes, New light on the Life and Career of Vittoria Tarquini“, in: Händel-Jahrbuch 62, 2016, S. 401–414, hier: S. 402 und 403 (Fußnote 7 und Fußnote 8). Möglicherweise stammten die Eltern aus venezianischem Adel, jedenfalls waren Taufpaten von Vittoria und ihrer jüngeren Schwester Caterina (* 1678) Adlige.Beth L. Glixon: „Supereminet omnes, New light on the Life and Career of Vittoria Tarquini“, in: Händel-Jahrbuch 62, 2016, S. 401–414, hier: S. 403.Der Name des Vaters geht auch hervor aus dem Taufeintrag der später berühmten Altistin Vittoria Tesi, deren Patin die Tarquini war (am 13. Februar 1700 „ab incarnatione“ = 13. Februar 1701 nach gregorianischem Kalender), und wo ihr Name angegeben ist als: „… Vettoria di Andrea Tarquini ne’ Farinelli, sempre del popolo di San Frediano, …“. Siehe: Maria Augusta Timpanaro Morelli: Per Tommaso Crudeli: nel 255° anniversario della morte, 1745–2000, Firenze, Olschki 2000, S. 31, ISBN 88-222-4866-X
Vittoria hatte eine ältere Schwester namens Rosana Tarquini, die ebenfalls Sängerin war und 1682–83 am venezianischen Teatro San Luca auftrat. Rosana war verheiratet mit Santo Santinelli und sang später unter dem Namen Rosana Santinelli auch in Dresden, neben der berühmten Margarita Salicola, sowie in Hannover.Beth L. Glixon: „Supereminet omnes, New light on the Life and Career of Vittoria Tarquini“, in: Händel-Jahrbuch 62, 2016, S. 401–414, hier: S. 403 (Fußnote 9). Sie sang öfters in Werken von Giovanni Legrenzi.
mini|links|Canaletto: Der Campo Sant’Angelo in Venedig (um 1730)
Ihren ersten bekannten Auftritt hatte die vierzehnjährige Vittoria Tarquini 1685 am Teatro Sant’Angelo. Laut Beth Glixon wurde sie im selben Jahr wahrscheinlich Opfer einer Vergewaltigung, jedenfalls brachte Vittorias Vater einige Monate später eine Anklage wegen „rapto“ vor den drei Obersten des Rates der Zehn vor; es ist nicht bekannt, was letztlich aus dem Fall wurde.
1688 erreichte ihre Karriere einen ersten Höhepunkt, als sie am 24. Januar 1688 in Venedig am Teatro San Giovanni Grisostomo die Rolle der Giulia in der Uraufführung der Oper Orazio sang, deren Musik vermutlich von Giuseppe Felice Tosi stammte.Helen Coffey: „Opera for the House of Brunswick-Lüneburg, Italian singers at the Hannover Court“, in: Claudia Kaufold, Nicole K. Strohmann, Colin Timms (Hrsg.): Agostini Steffani - Europäischer Komponist, hannoverscher Diplomat und Bischof der Leibniz-Zeit, Vandenhoeck & Ruprecht (V&R-unipress), Göttingen, 2017, S. 107–122, hier: S. 116, Auszüge online als Google-Book (abgerufen am 21. Oktober 2019) Um dieselbe Zeit lernte sie den ErbprinzenIn der hier verwendeten Literatur wird Ferdinand meist als Großfürst (engl.: Grand Duke) der Toskana bezeichnet, was er jedoch genaugenommen nicht war, sondern sein Vater Cosimo III. de’ Medici. der Toskana, Ferdinando de’ Medici (1663–1713), kennen, der später noch sehr wichtig für ihr Leben werden sollte. Der musikliebende Ferdinando war öfters zu Gast im Palast des Vincenzo Grimani, dem Leiter des Teatro San Giovanni Grisostomo, und begleitete die Tarquini bei einem privaten Konzert selber am Cembalo oder Spinett. Bereits zu dieser Zeit soll er eine Neigung („inclinatione“) für Vittoria gezeigt haben, der er einen Ring im Wert von 20 doppie schenkte.Beth L. Glixon: „Supereminet omnes, New light on the Life and Career of Vittoria Tarquini“, in: Händel-Jahrbuch 62, 2016, S. 401–414, hier: S. 405 (Fußnote 17). Ob Vittoria auch mit der „brava cantatrice“ (hervorragende Sängerin) identisch ist, der Ferdinando nach einem Konzert bei Grimani einen Diamanten im Wert von mehr als 100 Scudi schenkte, ist allerdings nicht gewiss.Selfridge bezieht die Episode von dem geschenkten Diamanten auf Vittoria Tarquini. Eleanor Selfridge-Field: A New Chronology of Venetian Opera and Related Genres, 1660–1760, Stanford University Press, 2007, S. 184–185, Auszüge online als Google-Book (englisch; abgerufen am 26. Oktober 2019) Am 14. Februar 1688, ebenfalls im San Giovanni Grisostomo, sang sie in Domenico Gabriellis Carlo il Grande die Partie der Angelica.Eleanor Selfridge-Field: A New Chronology of Venetian Opera and Related Genres, 1660–1760, …, 2007, S. 186.
Ein deutsches Intermezzo mini|hochkant=0.6|Titelblatt zu Agostino Steffanis Henrico Leone (1689) Bereits kurz darauf, im Mai/Juni 1688, begab sich die Sängerin zusammen mit ihrer Schwester Cornelia und einem „musico„Musico“ war die allgemein übliche italienische Bezeichnung für einen Kastraten. Niccolino“ oder Nicolini (sehr wahrscheinlich Nicola Paris)Beth L. Glixon: „Supereminet omnes, New light on the Life and Career of Vittoria Tarquini“, in: Händel-Jahrbuch 62, 2016, S. 401–414, hier: S. 405 (Fußnote 20). nach Hannover an den Hof des Kurfürsten Ernst August,Am 3. Juni schreibt der florentinische Botschafter in Venedig: „Vittorietta insieme con la sua sorella Cornelia convogliate als musico Niccolino partirono le settimane a dietro alla volta di Annover.“ Helen Coffey: „Opera for the House of Brunswick-Lüneburg, Italian singers at the Hannover Court“, in: Claudia Kaufold, Nicole K. Strohmann, Colin Timms (Hrsg.): Agostini Steffani – Europäischer Komponist, hannoverscher Diplomat und Bischof der Leibniz-Zeit, Vandenhoeck & Ruprecht (V&R-unipress), Göttingen, 2017, S. 107–122, hier: S. 117, Auszüge online als Google-Book (englisch; abgerufen am 21. Oktober 2019) wo sie sich spätestens im Herbst 1688 aufhielt, um in Agostino Steffanis Henrico Leone aufzutreten (UA:UA = Uraufführung (auch in der Folge) 30. Januar 1689), zusammen mit dem Tenor Antonio Borosini, Giuseppe Galloni und dem besagten „Nicolini“.Helen Coffey: „Opera for the House of Brunswick-Lüneburg, Italian singers at the Hannover Court“, in: Claudia Kaufold, Nicole K. Strohmann, Colin Timms (Hrsg.): Agostini Steffani – Europäischer Komponist, hannoverscher Diplomat und Bischof der Leibniz-Zeit, …, Göttingen, 2017, S. 107–122, hier: S. 117 Am 8. Januar 1689, drei Wochen vor der Premiere von Henrico Leone, heiratete sie in der Kirche Sankt Clemens in Hannover den Kapellmeister (oder ersten Violinisten) des Kurfürsten von Hannover, Jean Baptiste Farinelli.Beth L. Glixon: „Supereminet omnes, New light on the Life and Career of Vittoria Tarquini“, in: Händel-Jahrbuch 62, 2016, S. 401–414, hier: S. 406 (Fußnote 22).Timms behauptet, die Hochzeit habe in Kopenhagen (!) stattgefunden, was allein angesichts der damaligen Reisezeiten recht unglaubwürdig erscheint. Colin Timms: Polymath of the Baroque: Agostino Steffani and His Music, Oxford University Press, 2003, S. 55, Auszüge online als Google Book (englisch; abgerufen am 21. Oktober 2019)Matthew Gardner: „Steffani‘s Italian Opera singers in Hannover, Recruitment and Vocal Style“, in: Claudia Kaufold, Nicole K. Strohmann, Colin Timms (Hrsg.): Agostini Steffani – Europäischer Komponist, hannoverscher Diplomat und Bischof der Leibniz-Zeit, …, Göttingen, 2017, S. 123–138, hier: S. 128 Vermutlich blieb sie noch einige Jahre in Deutschland und bei ihrem Gemahl, und trat auch in Steffanis La Lotta d’Ercole ed Acheloo auf, was jedoch bisher nicht bewiesen ist.
Um 1691–92 brachte sie ihren einzigen Sohn Giorgio Luigi Farinelli zur Welt, möglicherweise bereits in Venedig, nachdem sie ihren Mann verlassen hatte.Beth L. Glixon: „Supereminet omnes, New light on the Life and Career of Vittoria Tarquini“, in: Händel-Jahrbuch 62, 2016, S. 401–414, hier: S. 406–407.
Venedig und Neapel Ende 1692 ist die mittlerweile zweiundzwanzigjährige Tarquini wieder in Venedig nachgewiesen, wo sie im Teatro San Giovanni Grisostomo in der besonders prunkvollen Premiere der Oper La forza della virtù (UA: 29. Dezember 1692) als Clotilda auftrat; die Musik schrieb vermutlich Carlo Francesco Pollarolo.Eleanor Selfridge-Field: A New Chronology of Venetian Opera and Related Genres, 1660–1760, …, 2007, S. 205 1693 war sie in Ferrara im Teatro Bonacossi und sang in einer Aufführung von Bernardo Pasquinis Lisimaco neben dem berühmten Kastraten Domenico Cecchi genannt „il Cortona“; sie wurde dabei mit dem italianisierten Nachnamen ihres Mannes als „Vittoria Farinelli“ angekündigt..
mini|hochkant|Alessandro Scarlatti
Als ein musikalischer Höhepunkt ihrer Laufbahn kann ihr Engagement in Neapel ca. 1693–98 gelten. Am Teatro San Bartolomeo war sie am 27. Dezember 1696 die erste Camilla in der Uraufführung von Giovanni Bononcinis erfolgreichster Oper Il Trionfo di Camilla, regina de’ Volsci, wo sie wieder an der Seite von „Cortona“ (D. Cecchi), sowie des Bassisten Cavana und der Sopranistin Maddalena Musi sang.. An derselben Bühne trat die Tarquini außerdem in verschiedenen Werken von Alessandro Scarlatti auf: in den Opern Il Pirro e Demetrio (1694), Didone delirante (1696),Beth L. Glixon: „Supereminet omnes, New light on the Life and Career of Vittoria Tarquini“, in: Händel-Jahrbuch 62, 2016, S. 401–414, hier: S. 407 (Fußnote 27). Comodo Antonino (UA: 18. November 1696),. und L’ Emireno (overo il consiglio dell’ombra) (UA: 2. Februar 1697)..
Außerdem sang sie während eines märchenhaften Festes in der meeresnahen Villa des spanischen Vizekönigs in Posillipo am 15. Juli 1696 als Venus in Scarlattis Serenata Venere, Amore ed Adone, an der Seite des berühmten Sopranisten Matteuccio und von Domenico Melchiorri. Die Gazzetta di Napoli lobte danach die „sehr auserlesenen Stimmen“ („scieltissime voci“) der drei Solisten.Grazia Carbonella: „Matteo Sassano il rosignolo di Napoli“, in: La Capitanata, 21, 2007, S. 235–260, hier: S. 239–240, online auf Academia (italienisch; abgerufen am 21. Oktober 2019)
Im folgenden Jahr sang sie in A. Scarlattis La Caduta de’ Decemviri (UA: 15. Dezember 1697, Teatro San Bartolomeo);. und im Karneval 1698 als Valeria in G. Bononcinis Muzio Scevola, beide Male in einem Ensemble mit Matteuccio (Matteo Sassani), Maddalena Musi und dem jungen Nicolino (Nicolò Grimaldi)..
Favoritin der Medici mini|links|hochkant|Ferdinando de’ Medici Spätestens ab März 1698 war sie in Florenz und stand von da an in den Diensten von Ferdinando de’ Medici,Beth L. Glixon: „Supereminet omnes, New light on the Life and Career of Vittoria Tarquini“, in: Händel-Jahrbuch 62, 2016, S. 401–414, hier: S. 408–409. den sie bereits zehn Jahre zuvor in Venedig kennengelernt hatte. Während ihrer Florentiner Jahre hatte sie außerdem ein freundschaftliches Verhältnis zu dem Kardinal Francesco Maria de’ Medici, mit dem sie auch in Briefkontakt stand; dagegen ist ein Briefwechsel zwischen der Tarquini und Ferdinando de’ Medici, dessen Maitresse sie angeblich gewesen sein soll, nicht belegt.Beth L. Glixon: „Supereminet omnes, New light on the Life and Career of Vittoria Tarquini“, in: Händel-Jahrbuch 62, 2016, S. 401–414, hier: S. 408 (besonders Fußnote 31).