mini|Harriet Jacobs (1894)
Harriet JacobsViele Ausgaben ihrer Autobiographie geben ihren Namen als „Harriet A. Jacobs“ oder „Harriet Ann Jacobs“ wieder. Auch ihre Biographin und Herausgeberin Jean Fagan Yellin benutzt „Harriet A. Jacobs“ als Autorinnennamen für die von ihr besorgte Ausgabe der Autobiographie (Cambridge (Massachusetts) und London 2000). Im Register dieser Ausgabe wird Jacobs als „Jacobs, Harriet Ann“ aufgeführt (auf S. 330). In der 2004 erschienenen Biographie Harriet Jacobs. A Life benutzt Yellin jedoch nur den Namen „Harriet Jacobs“ (im Register auf S.384 entsprechend „Jacobs, Harriet“). In keinem der in beiden Büchern zitierten zahlreichen Dokumente findet sich ein zweiter Vorname „Ann“. Auch auf dem Grabstein steht nur „Harriet Jacobs“. (* 1813 oder 1815Ihre Biographin Yellin, die zahlreiche Dokumente über Jacobs und ihre Familie in Edenton untersucht hat, nennt 1813 als Geburtsjahr, ohne genauere Angaben zu Tag, Monat oder auch nur Jahreszeit zu machen; vgl. Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. New York 2004, S. 3. Allerdings nennt ihr Grabstein als Geburtsdatum den 11. Februar 1815 (siehe Foto am Ende dieses Artikels). Mary Maillard, die 2017 die Briefe von Jacobs' Tochter herausgegeben hat, vertritt die These von 1815 als Geburtsjahr in einem 2013 veröffentlichten Artikel: Die Daten und Altersangaben in diesem Artikel folgen Yellin. in Edenton (North Carolina); † 7. März 1897 in Washington, D.C.) war eine afroamerikanische Autorin. Als Sklavin geboren, wurde sie in ihrer Jugend von ihrem Besitzer sexuell bedrängt. Als er damit drohte, ihre Kinder zu verkaufen, versteckte sie sich in einer winzigen Kammer, in der sie nicht einmal stehen konnte, unter dem Dach des Hauses ihrer Großmutter. Nachdem sie dort fast sieben Jahre verbracht hatte, gelang ihr die Flucht nach New York, wohin auch ihre Kinder Joseph und Louisa Matilda und ihr Bruder John S. Jacobs gelangen konnten. Sie fand Arbeit als Kindermädchen für die Familie des damals populären Schriftstellers N. P. Willis und baute Kontakte zu den Netzwerken der Gegner der Sklaverei und der frühen Feministinnen auf. Ihre 1861 veröffentlichte Autobiographie, Incidents in the Life of a Slave Girl, gilt heute als „amerikanischer Klassiker“.Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs: A Life. New York 2004, S. 126.
Während des Amerikanischen Bürgerkrieges und unmittelbar danach organisierte sie gemeinsam mit ihrer Tochter Hilfe für Flüchtlinge aus der Sklaverei und gründete zwei Schulen.
Leben Herkunft und Name mini|St. Paul’s Episcopal Church in Edenton. Ort der Taufe von Harriet Jacobs und ihren Kindern. Sowohl Molly Horniblow als auch Dr. Norcom waren hier Kommunionempfänger.Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. New York 2004, S. 40 (Taufe der Kinder), 53 (Norcom in verschiedenen kirchlichen Funktionen), 72 (Molly Horniblow als „communicant“); : Dr. Norcom (hier „Dr. Flint“ genannt) als „communicant“ S. 115; Taufe von Harriet Jacobs und ihren Kindern S. 120 f. Harriet Jacobs wurde 1813 oder 1815 in Edenton, North Carolina als Tochter von Delilah Horniblow, einer Sklavin der Gastwirtsfamilie HorniblowDie Besitzverhältnisse waren kompliziert: John Horniblow war 1799 gestorben. Seine Witwe Elizabeth Horniblow führte die Gaststätte weiter und behielt zunächst auch Molly Horniblow und deren Kinder als Sklaven. Mollys Tochter Delilah übergab sie an ihre unverheiratete, behinderte Tochter Margaret, die dadurch auch die erste Besitzerin von Delilahs Kindern Harriet und John Jacobs wurde; Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. New York 2004, S. 6., geboren. Nach dem Gesetz war der Status der Mutter als Sklavin oder Freie für den Status der Kinder bestimmend (partus sequitur ventrem – „Die Leibesfrucht folgt dem Schoß“), so dass Harriet und ihr zwei Jahre später geborener Bruder John von Geburt an als Sklaven der Gastwirtsfamilie galten. Allerdings hätten Mutter und Kinder nach demselben Gesetz frei sein müssen, da Delilah Horniblows Mutter, Molly Horniblow, als Kind von ihrem Besitzer, der gleichzeitig ihr Vater war, freigelassen worden war. Sie war aber gekidnappt worden und hatte als dunkelhäutige Frau keine realistische Möglichkeit, den Schutz der Gerichte in Anspruch zu nehmen.Die Schwierigkeiten, mit denen Schwarze in ähnlichen Situationen einige Jahrzehnte später konfrontiert waren, werden z. B. beschrieben in: Der Vater von Harriet und John war Elijah Knox,Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. New York 2004, S. 92. ebenfalls ein Sklave, der aber als fähiger Zimmermann gewisse Privilegien genoss. Er starb 1826.Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. New York 2004, S. 18.
Während Harriets Mutter und Großmutter als Sklavinnen gemäß dem Familiennamen ihrer Besitzer Horniblow genannt wurden, nutzte sie selbst die Gelegenheit der Taufe ihrer Kinder, um für die Kinder den Namen Jacobs festzulegen, den sie und ihr Bruder John übernahmen, als sie die Freiheit erlangt hatten. Diese Taufe fand ohne Wissen von Harriets damaligem Herrn Dr. Norcom statt. Harriet ging davon aus, dass ihr Vater eigentlich Jacobs hätte heißen müssen, da sein Vater Henry Jacobs, ein freier weißer Mann, war. Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. New York 2004, S. 40. Nach dem Tod von Harriets Mutter hatte ihr Vater eine freie Afroamerikanerin geheiratet. Das einzige Kind aus dieser Ehe, Harriets Halbbruder, der wie sein Vater mit Vornamen Elijah hieß, benutzte zeitlebens den Nachnamen Knox, der auf den Besitzer seines Vaters zurückging.Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. New York 2004, S. 14, 223, 224.
Jugend als Sklavin mini|links|Dr. James Norcom Harriets Mutter starb, als Harriet sechs Jahre alt war. Sie lebte dann bei ihrer Besitzerin, einer Tochter des verstorbenen Gastwirtes, die ihr nicht nur das Nähen beibrachte, sondern auch Lesen und Schreiben. Nur äußerst wenige Sklaven konnten lesen oder schreiben, in North Carolina wurde es 1830 auch gesetzlich verboten, es ihnen beizubringen.Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. New York 2004, S. 35. Harriets Bruder John gelang es zwar, sich selbst das Lesen beizubringen, er konnte aber noch bei seiner Flucht aus der Sklaverei als junger Erwachsener nicht schreiben.
Die Besitzerin von Harriet und John starb 1825. In ihrem Testament vermachte sie Harriet ihrer 3-jährigen Nichte Mary Matilda Norcom. Mary Matildas Vater, der Arzt Dr. James Norcom (ein Schwiegersohn des verstorbenen Gastwirtes), wurde daher de facto Harriets Herr. Ihr Bruder John wurde mit dem Großteil des Besitzes an die Witwe des Gastwirtes vererbt. Da Dr. Norcom ihn aber mietete, lebten die beiden Geschwister im selben Haushalt. Nach dem Tod der Gastwirtswitwe wurden ihre Sklaven bei der Neujahrsauktion 1828 versteigert, darunter Harriets Bruder John, ihre Großmutter Molly und deren Sohn Mark. Öffentlich versteigert zu werden, bedeutete für den 12-jährigen John ein traumatisches Erlebnis. Freunde ersteigerten Molly Horniblow und Mark mit dem von Molly über viele Jahre angesparten Geld und ließen Molly Horniblow anschließend frei, während Mark aufgrund gesetzlicher Bestimmungen nicht freigelassen werden konnte, sondern 20 Jahre lang als Sklave seiner eigenen Mutter galt, bis sie ihn 1847/48 endlich freilassen durfte. John Jacobs wurde von Dr. Norcom ersteigert und blieb so mit seiner Schwester zusammen in dessen Haushalt.Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. New York 2004, S. 363 (Anmerkung zu S. 254).
Im selben Jahr ergriff Molly Horniblows jüngster Sohn Joseph die Flucht. In Ketten wurde er nach Edenton zurückgebracht, ins Gefängnis geworfen und später nach New Orleans verkauft. Die Familie erfuhr noch, dass er von dort erneut floh und bis New York gelangte. Danach riss der Kontakt zu ihm ab. Für die Jacobs-Geschwister, die schon als Kinder über eine mögliche Flucht sprachen, wurde er dadurch zu einem Helden, und beide benannten später ihren Sohn nach ihm.Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. New York 2004, S. 20–21.
Norcom begann bald, Harriet Jacobs sexuell zu bedrängen, was wiederum die Eifersucht von Norcoms Ehefrau hervorrief. Eine Beziehung zu einem freien Afroamerikaner, in den sie sich verliebt hatte, und der sie freikaufen und heiraten wollte, verbot Norcom.Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. New York 2004, S. 33, 351 (Anmerkung zu S. 224). In der Hoffnung, der Zudringlichkeit Norcoms zu entkommen, ließ sich Jacobs auf eine Beziehung mit dem weißen Rechtsanwalt Samuel Sawyer ein, der später in das US-Repräsentantenhaus gewählt wurde. Aus der Beziehung gingen die einzigen beiden Kinder von Harriet Jacobs hervor, Joseph (geb. 1829/30)Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. New York 2004, S. 33, 351 (Anmerkung zu S. 224). und Louisa Matilda (geb. 1832/33).Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. New York 2004, S. 278 (Anmerkung zu S. 39). Als sie von Jacobs’ Schwangerschaft erfuhr, verwies Norcoms Ehefrau sie des Hauses, was für Jacobs den großen Vorteil hatte, dass sie nun bei ihrer Großmutter wohnen konnte. Norcom bedrängte sie aber weiterhin bei zahlreichen Besuchen dort – er wohnte weniger als 200 m Luftlinie entfernt.Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. New York 2004, S. 28, 31.
Jahre im Versteck mini|links|Suchanzeige für Harriet Jacobs als entflohene Sklavin mini|Stadtplan des Zentrums von Edenton mit den Häusern von Norcom (markiert N), Sawyer (S) und Molly Horniblow (M)Der Stadtplan zeigt Edenton im Jahre 2019, der Verlauf der Straßen unterscheidet sich aber nicht von der Situation in den 1830er Jahren. Auch die Namen der Straßen sind bis auf die heutigen Zusätze "East" bzw. "West" gleich geblieben. Vgl. Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. New York 2004, Bildtafel Map of Edenton zwischen S. 266 und 267.
Im April 1835 beendete Norcom schließlich Jacobs’ Aufenthalt bei ihrer Großmutter und schickte sie auf die 10 km entfernt gelegene Plantage seines Sohnes. Verbunden damit war die Drohung, ihre Kinder zunächst dem harten Leben der Plantagensklaven auszusetzen und sie später – einzeln und ohne die Mutter – zu verkaufen. Daraufhin entschloss sich Jacobs im Juni 1835 zur Flucht. Eine weiße Frau, die selbst Sklaven hielt, versteckte sie trotz des damit verbunden hohen persönlichen Risikos in ihrem eigenen Haus. Nach kurzer Zeit sah Jacobs sich gezwungen, in ein Sumpfgebiet in der Nähe auszuweichen und fand schließlich eine Zuflucht in einem kleinen Raum, in dem sie nicht aufrecht stehen konnte, unter dem Dach des Hauses ihrer Großmutter Molly Horniblow – 9 Fuß (2,74 m) lang, 7 Fuß (2,13 m) breit, an der höchsten Stelle 3 Fuß (91 cm) hoch. Hier verbrachte sie fast sieben Jahre, wobei der durch die Enge des Raumes verursachte Bewegungsmangel zu einem Verfall ihrer körperlichen Kräfte führte. Noch zur Zeit der Abfassung ihrer Autobiographie zwanzig Jahre später litt sie unter den körperlichen und seelischen Folgen. Durch kleine Lichtlöcher, die sie in das Dach gebohrt hatte, hatte sie etwas Licht zum Lesen und Nähen.