mini|Laufmaschine aus Drais’ Nachlass, vor 1851 (Karlsruher Exemplar) mini|Buster Keaton auf einer Draisine im Film Verflixte Gastfreundschaft (1923)
Die Draisine oder Laufmaschine (so die auch vom Erfinder gebrauchte Bezeichnung) ist ein einspuriges, von Menschenkraft betriebenes Fahrzeug ohne Pedale, das als Urform des heutigen Fahrrads gilt. Sie wurde von dem badischen Erfinder Karl von Drais 1817 vorgestellt und 1818 zum Patent angemeldet (badisches Privileg vom 12. Januar 1818 und französisches Brevet vom 17. Februar 1818). Der angebliche Vorgänger Célérifère aus dem 18. Jahrhundert war tatsächlich eine französische Geschichtsfälschung von 1891, um die Erfindung einem Franzosen zuzuschreiben. Die angeblich von Michael Caßler 1761 gebaute Laufmaschine befindet sich im Deutschen Museum und ist wahrscheinlich Mechanikus Hoffmann 1817 in Leipzig zuzuordnen.Hans-Erhard Lessing: Wie Karl Drais das Fahrrad erfand. Lauinger, Karlsruhe 2018, Anhang D.
Geschichte und Technik Drais’ Wagen ohne Pferde (1813)
Drais hatte bereits am 27. Oktober 1813 ein Patent auf einen vierrädrigen Wagen ohne Pferde beantragt, der mit einer Kurbelwelle bewegt wurde, und führte ein solches Fahrzeug Anfang Dezember 1813 in Karlsruhe vor, anlässlich eines Besuches von Zar Alexander I. bei Markgräfin Amalie von Hessen-Darmstadt. Der Zar soll dabei „“ (dt. „Sehr genial“) ausgerufen und einen Diamantring an Drais überreicht haben. Johann Gottfried Tulla und Friedrich Weinbrenner wurden von Großherzog Karl Ludwig beauftragt, ein Gutachten über die Nützlichkeit der Maschine zu erstellen, die diese in ihrem Schreiben vom 17. Dezember 1813 jedoch nicht erkennen konnten.Hermann Ebeling: Der Freiherr von Drais. S. 53 ff. Auch die Vorführung des vierrädrigen Gefährts zum Wiener Kongress brachte Drais keinen Erfolg.
Drais’ einspurige Laufmaschine (1817)
mini|Badwochenblatt der Stadt Baden-Baden vom 29. Juli 1817, Bericht über die ersten beiden Fahrten mit der Draisine
Karl von Drais entwickelte bis zum Sommer 1817 eine einspurige Version und unternahm mit der vom Mannheimer Stellmacher Frey gebauten Maschine die erste längere Fahrt am 12. Juni 1817Badwochenblatt für die Großherzogliche Stadt Baden. Ausgabe Nr. 24, 29. Juli 1817, S. 188. von seinem Wohnhaus in Mannheim auf der gut ausgebauten „Chaussee“ zum Schwetzinger Relaishaus im heutigen Mannheimer Stadtteil Rheinau. „Für vier Poststunden Weg benötigte er eine Stunde“.Hermann Ebeling: Der Freiherr von Drais. S. 67. „Ohne große Anstrengung dreizehn bis fünfzehn Kilometer pro Stunde, das war eine Sensation“.Max J. B. Rauck, S. 21. In ebenem Gelände war mit der Draisine eine rasche Fortbewegung möglich.
Die Prachtdraisine von Johann von Österreich wird Anton Burg in Wien als Hersteller zugeschrieben und gehört heute dem Universalmuseum Joanneum in Graz. Der Rahmen stellt eine Seeschlange dar, Lenkhebel und Gabel aus Eisen sind vergoldet.Das „Jahr ohne Sommer“ und seine Folgen: Draisine Erzherzog Johanns. In: museum-joanneum.at, 2018, abgerufen am 1. November 2021. Sie wurde 2012 restauriert.Gemeinschaftsprojekt-Draisine Gemeinschaftsprojekt Draisine. In: konservierung-restaurierung.at, Atelier Anna Bernkopf, 2012, abgerufen am 1. November 2021 (Bilder von Details).
Technik
Zwischen zwei hintereinander stehenden Wagenrädern sind ein Sattel als Sitz und ein gepolstertes Brettchen („Balancierbrett“) zum Aufstützen der Unterarme angebracht. Hinter dem „gepolsterten Reitsitz liegt ein Brettchen quer, um eine Reisetasche mit Riemen zu befestigen.“Carl Johann Siegmund Bauer, S. 23.
Die Hände liegen auf dem Lenker des Vorderrades. Durch abwechselndes Abstoßen der Füße auf dem Erdboden wird das Fahrzeug fortbewegt. An die Schuhspitzen schraubte man eiserne Schutzkappen. Das Hinterrad ist fest im Rahmen gelagert, während das Vorderrad in seiner Achse als Ganzes um einen senkrecht stehenden Gewindebolzen drehbar ist. Das ist das schon von Kutschen bekannte Prinzip der Drehschemellenkung. Dadurch wurde die Laufmaschine erst fahrbar, im Gegensatz zu allfälligen früheren Laufrädern mit starr gelagertem Vorderrad. Die Lenkachse befand sich etwa 15 cm vor der Vorderradachse. Dadurch bekam das Vorderrad Nachlauf und die Laufmaschine im Prinzip dynamische Stabilität wie beim modernen Fahrrad. Mit einer Schleifbremse konnte das Hinterrad gebremst werden. Drais’ Originalversion aus Eschenholz wog mit weniger als 50 Pfund1 Pfund = 467,290 g. nicht viel mehr als ein heutiges Hollandrad.
Drais warb mit einer Broschüre für seine Laufmaschine mit folgenden Eigenschaften:
Patente und Verkauf (ab 1818)
mini|hochkant|Lithographie aus Drais’ Beschreibung von 1817
Drais besorgte die DraisineDraissine laut Brockhaus. Supplementband. 1819, S. 379. zu einem Preis von 1 Carolin (44 Gulden) – eine Maschine mit Verstellmöglichkeiten für unterschiedliche Körpergrößen gab es für 50 Gulden – mit einem kleinen Silberplättchen mit seinem Wappen.Anton Daul: Illustrierte Geschichte der Erfindung des Fahrrades und der Entwickelung des Motorfahrradwesens. Verlag Creutz, Dresden 1906., S. VIII.Wappen der Familie Drais von Sauerbronn. Neun rote Steine in der Form eines Andreaskreuz. Der Besitzer erwarb damit das Recht, die Maschine gemäß dem badischen Privileg vom 12. Januar 1818 zu fahren. Drais lieferte Maschinen an den Herzog von Sachsen-Weimar, Herzog von Gotha, Graf von Lindemann in Frankfurt an der Oder, General von Pelet, Graf Strascensky in Prag und Kammerherr Reuttner von Weyl in Aichstetten. Dessen Exemplar wurde von seinem Enkel 1884 dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg überlassen; heute steht dieses Original als Dauerleihgabe im Deutschen Museum in München.Feldhaus, S. 237.Hermann Ebeling: Der Freiherr von Drais. S. 69.
Das französische Patent erhielt am 17. Februar 1818 Karl Drais (Nr. 896, „vélocipède“), das englische Patent am 22. Dezember 1818 Denis Johnson (Nr. 4321, „Pedestrian Curricle“ oder „Dandy-Horse“) und das amerikanische Patent am 26. Juni 1819 W. K. Clarkson. Die Laufmaschine erhielt in den Zeitungen nach ihrem Erfinder die Bezeichnung „Draisine“, im englischen Sprachraum „Hobby-Horse“. 1819 stellte in England Birch Damen-Draisinen mit niedrigem Durchstieg und eine Maschine für Landbriefträger her und Lewis Gompertz 1821 eine Draisine, die mit einer Handkurbel mit Zahnradsegment bewegt wurde.Feldhaus, Anhang I, S. 11–13.
Erfindung in Vergessenheit (nach 1822)
Am 5. Januar 1822 reiste Drais mit Georg Heinrich von Langsdorff nach Brasilien als Landmesser auf dessen Fazenda und verblieb in Brasilien bis zum Juni 1827.Hermann Ebeling: Der Freiherr von Drais. S. 95, 101. In der Zwischenzeit geriet seine Laufmaschine in Vergessenheit. 1833 erwähnt Drais, dass ein gewisser Döring in Karlsruhe Laufmaschinen für Kinder baue. Drais selbst verbesserte seine Maschine mehrfach und fuhr sein Exemplar bis zu seinem Tod. Die nachgelassene Maschine steht heute im Prinz-Max-Palais in Karlsruhe.Objekt im Fokus. Laufmaschine des Freiherrn von Drais. In: karlsruhe.de, Stadtmuseum Karlsruhe, abgerufen am 6. August 2025 (mit einem Foto des Originals).
Meile der Innovationen
Die erste Bronzeplatte der „Kurpfälzer Meile der Innovationen“ auf der Mannheimer Bismarckstraße ist der Draisine gewidmet und erinnert so an die Laufmaschine des genialen Erfinders.Erste Bronzeplatte der „Kurpfälzer Meile der Innovationen“ ist Karl Drais gewidmet. In: monnem-bike.de, 30. Mai 2017, abgerufen am 6. August 2025.
Weiterentwicklung zum Fahrrad (ab 1861)
Im Jahr 1861 tauchte die Draisine in zweckmäßig veränderter Konstruktion wieder auf. Die Franzosen Pierre Michaux und Pierre Lallement (US-Patent 1866) hatten Tretkurbeln am Vorderrad angebracht. Des Weiteren bestand der Rahmen nun aus schmiedbarem Eisenguss und der Sattel war gefedert. Bei der Weltausstellung Paris 1867 wurde diese von den Gebrüdern Olivier finanzierte Produktion Michaux’ weltbekannt. Auseinandersetzungen beendeten die Oliviers gerichtlich und gründeten ihre Fabrik zur Herstellung von Fahrrädern, die Compagnie Parisienne, ancienne maison Michaux & Comp. Die Fahrzeuge hießen Vélocipède bicycle. Es vergingen noch etliche Jahre, bevor die Luftbereifung von John Boyd Dunlop wiedererfunden und die Fahrradkette entwickelt wurde.
mini|Vélocipèdraisiavaporianna (1818)
Utopie Motorrad: Vélocipèdraisiavaporianna
Bereits 1818 entwickelte ein unbekannter französischer Künstler die Utopie der dampfgetriebenen Vélocipèdraisiavaporianna, die die Dampfmaschine mit der neu erschienenen Draisine verband. Diese Fantasie war der technischen Realität 50 Jahre voraus: der Entwicklung des Dampfrads und Vorläufer des Motorrads.
Historischer Zusammenhang der Entwicklung
mini|Korrelation von Getreidepreis mit Erfindungen von Drais(nach Hans-Erhard Lessing)
Nach unterschiedlichen Theorien führten äußere Umstände zur Erfindung der Laufmaschine wie auch zu ihrem Verbot oder verhinderten ihren Erfolg.
Tambora-Hypothese
Nach einer 1996 entwickelten These von Hans-Erhard Lessing war die Entwicklung des Laufrads beeinflusst durch Hungersnot, Futtermangel (Hafer) und Pferdesterben nach der Tambora-Eruption von 1815, einer der größten Naturkatastrophen der Geschichte, die auf der Nordhalbkugel im Sommer 1816 durch Kälte und Dauerregen zu Ernteausfällen führte (Jahr ohne Sommer) und die Getreidepreise steigen ließ.Hans-Erhard Lessing: Karl von Drais – Der Empire-Technologe wird rehabilitiert. In: Mannheimer Geschichtsblätter. N.F. 3 (1996), S. 275–359.Tambora und das «Jahr ohne Sommer» 1816 auf unibe.ch (abgerufen am 27. April 2017).Drais-Memoriale von Sven Fink.Die Zeit: Klimawandel: Alle redeten vom Wetter (5. April 2015) (verlegt die Erfindung der Laufmaschine nach Karlsruhe)FAZ: Vulkanausbruch, Die Eruption, die Europa zittern ließ (7. April 2015) undSüddeutsche Zeitung: Sommer ohne Sonne (10. April 2015) übernahmen unkritisch die These.
Drais schrieb 1813 anlässlich seiner gewünschten Patentierung eines vierrädrigen Wagens: In Kriegszeiten, wo die Pferde und ihr Futter oft selten werden, könnte ein solcher Wagen wichtig sein – Muskelkraft statt Zugpferd. Ein badisches Privileg war abgelehnt worden, und Drais wandte sich anderen Erfindungen zu.Hans-Erhard Lessing: Automobilität. S. 120–121. Den Zusammenhang zwischen der damals herrschenden Hungersnot, dem Pferdesterben wegen Futtermangel und der Zweiraderfindung durch Drais sieht Lessing als schlüssig an.Hans-Erhard Lessing: What led to the Invention of the early Bicycle? In: Cycle History. Nr. 11 (2000), Van der Plas, San Francisco 2001.
Die These wurde 2017 von Jost Pietsch angezweifelt, der fehlerhafte Quellenangaben beanstandete und darauf hinwies, dass die Draisine damals nur als Kuriosität galt und in keiner Weise als Pferdeersatz dienen konnte.Jost Pietsch, Der große Tambora-Schwindel. Der von Lessing angenommene Zusammenhang zwischen dem Tambora-Ausbruch und der Erfindung von Drais gilt mittlerweile als nicht bewiesen.Holger Sonnabend, Gerrit Jasper Schenk: Initiativen zur historischen Katastrophenforschung (2006).
Boykott