mini|hochkant|Heutige Ansicht der denkmalgeschützten Villa Sonnenhaus mini|hochkant|Villa Sonnenhaus um 1915, damalige Adresse Kronacher Straße 19 mini|hochkant|Henriette „Jetta“ Bamberger, rechts, mit ihrer jüngeren Schwester Lina Wolff am Froschkönig-Brunnen der Villa Sonnenhaus, um 1915 mini|hochkant|Die Villa Sonnenhaus, vermutlich in den 1940er oder 1950er Jahren
Das Sonnenhaus in Lichtenfels (Oberfranken) ist eine 1914 in der Charakteristik des späten Jugendstils errichtete Villa in der heutigen Kronacher Straße 21,Bauherr Otto Bamberger, Architekt August Berger: Baupläne, 1913, Staatsarchiv Bamberg, Signatur Rep. K 14 Bpl. 5/1914 die seit 1994 unter Denkmalschutz steht.D-4-78-139-322 Kronacher Straße 21 (PDF; 0,2 MB). In: Bayerische Denkmalliste, Regierungsbezirk Oberfranken, Baudenkmäler Lichtenfels, hrsg. v. Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, Stand 11. Juli 2019, S. 16
Die Villa wurde von dem Architekten August Berger errichtet, der zu den wichtigsten Vertretern des späten Jugendstils in Oberfranken gehört, und zählt zu den Villenbauten, die insbesondere durch ortsansässige Unternehmer bzw. Industrielle errichtet worden sind.Siegfried Rudolph: Ein Mitwitzer Kunstsammler. In: Mitteilungsblatt – Amtsblatt für die Verwaltungsgemeinschaft Mitwitz, Nr. 25 (1992), 19. Juni 1992Martin Messingschlager: Die Entwicklung der Kronacher Straße in Lichtenfels 1900–1914. Von der Verkehrs- zur Ämter- und Repräsentationsstraße (= Fränkische Heimat am Obermain, Heft 39), Beilage zum Jahresbericht 2001/02 des Meranier-Gymnasiums Lichtenfels, im Juli 2002. Obermain-Tagblatt, Lichtenfels 2002. S. 34–37Günter Dippold: Bauliche Zeugnisse der Korbindustrie in der Deutschen Korbstadt Lichtenfels. In: Streifzüge durch Franken, Bd. 1, Colloquium Historicum Wirsbergense, Verlag H. O. Schulze, Lichtenfels 2010, ISBN 978-3-87735-201-4, S. 111–122 Bauherr der Villa Sonnenhaus war der von Lichtenfels aus international wirkende Kaufmann, Unternehmer, Kunstsammler und -mäzen Otto Bamberger,Steffen Huber: Ein Stück deutschlandweiter Baugeschichte (Interview mit Günter Dippold). In: Obermain-Tagblatt, 6. Oktober 2022, auf: obermain.de der das Gebäude zusammen mit seiner Familie ab 1914 bis 1933 (seine Angehörigen bis 1938) bewohnte.
Die Villa mit ihren mehrfarbig künstlerisch bemalten Sprossenfenstern im Eingangsbereich und TreppenhausSchriftliche Auskunft durch den Stadtbaumeister der Stadt Lichtenfels, Gerhard Pülz, vom 3. Juli 2019 und einem ursprünglich großzügigen Garten wurde seinerzeit als ein kultureller Mittelpunkt der Stadt betrachtet, weil darin regelmäßige Literaturabende stattfanden, Bildhauer, Grafiker, Kunstmaler, Zeichner, Literaten, Kunsthistoriker und Industrielle aus- und eingingen.Claude P. Bamberger: Breaking the Mold – A Memoir. C. Bamberger Molding Compounds Corp., Carlstadt, New Jersey, USA, 1996, ISBN 0-9653827-0-2, S. 6–7. Zitat: „Our home was constantly filled with all kinds of interesting people, mostly impoverished artists whom my father partially supported by buying their "crazy" pictures which the art world had not as yet recognized.“ Die Villa wurde regelmäßig von Gästen besuchtKlaus Philipp Bamberger: Meine Ferien [Tagebuch], handschriftliche Eintragungen, teils gereimt, mit 3 eingeklebten Fotos, undatiert [eindeutig Sommer 1935], unveröffentlicht, 43 Seiten plus Titelblatt, ohne Seitenzahlangabe [S. 10]. Zitat: „Nun ist das Sonnenhaus schon 1 Woche ohne jeglichen Besucher.“, deren Zahl während der NS-Zeit infolge der antisemitisch motivierten Diskriminierung ihrer Bewohner und einer Reihe der vorherigen Hausgäste zunehmend geringer wurde.
Als große Besonderheit ihres Interieurs gilt die seinerzeit wohl einzigartige Komplettausstattung mit Bauhaus-Mobiliar im Stil der Neuen Sachlichkeit.Bamberger, Otto, Korrespondenz mit Erich Dieckmann und Otto Bartning. In: Hauptstaatsarchiv Weimar, Bestandssignatur: 6-33-9010Claude P. Bamberger: History of a Family – The Bambergers of Mitwitz and Lichtenfels 1770–1992. Selbstverlag, Tenafly, New Jersey, USA, 1993, S. 17Klaus Bamberger: Aus der Geschichte der Familie Bamberger. Kindheitserinnerungen an Lichtenfels (= Kleine CHW-Schriften, Colloquium Historicum Wirsbergense, Heft 2; Lichtenfelser Hefte zur Heimatgeschichte, Sonderheft 3), hrsg. v. Stadtarchiv Lichtenfels, H. O. Schulze, Lichtenfels 2005, ISBN 3-87735-177-8, S. 18–24Ramona Popp: Geschichtsträchtiges Haus wird Hort, 29. März 2019, auf: infranken.de [Der Artikel erwähnt die Profiteure und Nachnutzer des Anwesens ab 1939 nicht (Striwa-Mitinhaber Conrad Wagner mit Ehefrau Grete und Sohn Siegfried), enthält trotz zugrunde liegender Zuarbeit des Stadtarchivs Lichtenfels sachliche Ungenauigkeiten und Unschärfen sowie hinsichtlich des Verbleibs der Kunstsammlung Otto Bambergers eine gravierende Falschaussage.] Die Villa war daher das wohl einzige private Gebäude reichsweit, das vollständig mit Mobiliar, Leuchten und Accessoires des Bauhauses ausgestattet wurde.Katja Schneider: Erich Dieckmann. Bemerkungen zu Leben und Werk. In: Anita Bach, Alexander von Vegesack: Erich Dieckmann – Praktiker der Avantgarde: Möbelbau 1921–1933. Bauhaus Weimar, Bauhochschule Weimar, Burg Giebichenstein, Katalog zur Ausstellung 13. Juni – 30. September 1990, Vitra Design Museum, 1990, ISBN 3-9802539-1-0, S. 9–28, 109
Bis zu ihrer Beschlagnahme und Raub (siehe Raubkunst) am 10. November 1938 beherbergte die Villa die regional umfangreichste Sammlung expressionistischer Kunst von mittlerweile international bekannten Künstlern.. In: New York State, Department of Financial Services, Holocaust Claims, auf: ny.gov
Errichtung der Villa Den Bau der Villa gab der Kaufmann Otto Bamberger bei dem zu dieser Zeit von Hildburghausen aus wirkenden Architekten August Berger in Auftrag, als seine Heirat mit Henriette „Jetta“ (1891–1978),Heiratsurkunde des Otto Bamberger und der Henriette Wolff vom 24. Dezember 1913. In: Familienbuch Beni Wolff, Eintrag B. Nr. 58; Standesamt Schwäbisch Hall, übermittelt durch das Stadtarchiv Schwäbisch Hall, Andreas Maisch, am 5. Juli 2019Der Vorname von Otto Bambergers Ehefrau wird in den englischsprachigen Quellen als Henrietta bzw. „Jetta“, in den deutschsprachigen teils als Henriette bzw. „Jette“ angegeben. Die standesamtlichen Eintragungen im Familienbuch der Familie des Beni Wolff (1. April 1857 in Braunsbach; † 2. Januar 1923 in Stuttgart) aus Hall, das wegen deren Übersiedlung am 13. September 1921 an das Standesamt Stuttgart übergeben wurde, weisen in der Heiratsurkunde des Otto Bamberger und der Henriette, geborene Wolff, die auf „e“ endende Schreibweise aus, ebenso zwei 1938 erstellte Listen des Bezirksamts Lichtenfels. In den während der frühen 1930er Jahre publizierten Periodika der Schule am Meer auf Juist ist die Schreibweise „Jetta Bamberger“ verzeichnet. Otto und Henriette Bambergers Sohn Klaus (1920–2008) hat in seinen Aufzeichnungen und Publikationen von 1934 bis 2005 durchgängig die auf „a“ endende Schreibweise benutzt geborene Wolff, bevorstand, mit der er am 24. Dezember 1913 getraut wurde. Sie war eine Tochter des Kaufmanns Beni Wolff (1857–1923) aus Hall.Trauzeugen der Hochzeit des Otto Bamberger und der Henriette Wolff waren Henriettes Vater, der Kaufmann Beni Wolff, und der Kaufmann Adolf Wolff, beide wohnhaft in Hall. Zitiert nach: Heiratsurkunde des Otto Bamberger und der Henriette Wolff vom 24. Dezember 1913. In: Familienbuch Beni Wolff, Eintrag B. Nr. 58; Standesamt Schwäbisch Hall und Standesamt Stuttgart. Für Beni Wolff existieren mehrere Schreibweisen seines selbst gewählten Vornamens, doch seine Unterschrift weist ihn eindeutig als „Beni“ aus.
Beide erwarteten im Jahr 1914 ihr erstes Kind, Ruth (1914–1983). Im Jahr 1920 wurde das zweite Kind des Ehepaares geboren, Klaus Philipp (1920–2008).
Vor Fertigstellung der Villa hatte Otto Bamberger bei seinen Eltern, Philipp Bamberger (1858–1919) und dessen Ehefrau Sarah „Serry“ (1863–1925), geborene Ullmann, in der Bamberger Straße 45 in Lichtenfels gewohnt. Deren Haus lag direkt neben dem familieneigenen Unternehmen D. Bamberger, als dessen Geschäftsführer Otto Bamberger seit 1910 neben seinem Vater Philipp und dessen Bruder Fritz (1862–1942) fungierte.Claude P. Bamberger: History of a Family – The Bambergers of Mitwitz and Lichtenfels 1770–1992. Selbstverlag, Tenafly, New Jersey, USA, 1993, S. 14
Namensgebung mini|hochkant|Gedruckter Briefkopf des Otto Bamberger mit dem Absender Lichtenfels Sonnenhaus, 1926
Die Bezeichnung der Villa als „Sonnenhaus“ ist durch eine Vielzahl zeitgenössischer Quellen unterschiedlicher Autoren dokumentiert.Brief des Reinhold Nägele (1884–1972) vom 15. Dezember 1919, adressiert an „Otto Bamberger, Lichtenfels in Bayern, Sonnenhaus“, handschriftlich, unveröffentlichtKorrespondenzkarte [Postkarte] des Leo Putz (1869–1940) vom 17. April 1920, abgesandt in Meran, Tirol, Poststempel datiert „17.IV.20“, adressiert an „Herrn Otto Bamberger, Lichtenfels, Deutschland, Sonnenhaus“, handschriftlich, unveröffentlichtBrief des Alfred Kubin (1877–1959) vom 5. Mai 1931 an Frau Otto Bamberger [Henriette „Jetta“ Bamberger]. Zitat: „Wie still mag es jetzt bei Ihnen im Sonnenhaus sein nachdem die beiden Kinder fort mussten und Ihr Gatte auch verreist ist – da begreife ich schon der »Einsamkeit Gefühl«“, handschriftlich, unveröffentlichtKlaus Philipp Bamberger: Meine Ferien, Tagebuch, handschriftliche Eintragungen, teils gereimt, mit 3 eingeklebten Fotos, undatiert [eindeutig Sommer 1935], unveröffentlicht, 43 Seiten plus Titelblatt, ohne Seitenzahlangabe [S. 2, 6, 10]Blätter der Außengemeinde der Schule am Meer, Juist (Nordsee), o. Jg., o. Nr., November 1934, ohne Seitennummerierung [S. 5]Steffen Huber: Geplanter Hort in der Kronacher Straße in Lichtenfels. In: Obermain-Tagblatt, 5. Juli 2019, auf: obermain.de [Ausweislich der erhaltenen Baupläne stammt der in diesem Artikel bzw. der Fotostrecke erwähnte Luftschutzraum im Kellergeschoss des Sonnenhauses nicht aus der Entstehungszeit der Villa, sondern wurde wohl während des Zweiten Weltkrieges auf Veranlassung der Nachnutzer-Familie Wagner dort eingebaut.]
Ihre Anschrift, bis zur Umbenennung während der NS-Zeit offiziell Kronacher Straße 19, wurde bevorzugt mit „Lichtenfels, Sonnenhaus“ angegeben. Es ist jedoch auch eine Vielzahl von Schreiben erhalten, die belegen, dass es für eine ordnungsgemäße postalische Zustellung seinerzeit genügte, an „Otto Bamberger, Lichtenfels“ zu adressieren, damit die Sendungen ihren Empfänger erreichten.
Architektur
Die als „Sonnenhaus“ bezeichnete Villa wird als eingeschossiger giebelständiger Bau mit Frackdach beschrieben, mit einem polygonalen Standerker und einem traufseitigen Zwerchhaus. Als eingeschossig wird die Villa charakterisiert, weil das Gebäude unter dem weit heruntergezogenen Dach auf der Westseite eingeschossig ausgebildet ist.
Das Gebäude wurde jedoch auf vier Ebenen geplant und ausgeführt, einem etwa zur Hälfte unterirdisch gelegenen Souterrain als Kellergeschoss, einem als Hochparterre ausgeführten Erdgeschoss, einem Obergeschoss und einem ausgebauten Dachgeschoss.
Die beiden Zugänge an der Süd- und Ostseite wurden über achtstufige Treppen erreicht, ebenso die in der wärmeren Jahreshälfte für Mahlzeiten genutzte Veranda an der Nordseite, die über ein Fenster der angrenzenden Küche bedient werden konnte. Die Villa verfügte über Räumlichkeiten für Hausangestellte sowie über eine Glocke zwischen der Küche im Erdgeschoss und dem Dachgeschoss, weiterhin über Räumlichkeiten für Gäste des Hauses, als Fremdenzimmer bezeichnet.
Interieur Sowohl Otto Bamberger als auch dessen Ehefrau Henriette interessierten sich für moderne Kunst, Literatur, Philosophie, Politik, Architektur und Innenarchitektur sowie Auslandsreisen.Claude P. Bamberger: History of a Family – The Bambergers of Mitwitz and Lichtenfels 1770–1992. Selbstverlag, Tenafly, New Jersey, USA, 1993, Prologue, S. i.
Eingangsbereich und Treppenhaus