mini|Russischer Angriff auf Warschau
Die Belagerung von Warschau von 20. August bis 8. September 1831 gipfelte am 6. September mit der Schlacht um Wola. Die Auseinandersetzung stellte die letzte große Militäroperation des Novemberaufstands dar. Die Polen mussten am 8. September gegenüber der russischen Übermacht kapitulieren, die anschließend Warschau besetzten.
Hintergrund mini|Hans Karl Friedrich Anton von Diebitsch-Sabalkanski mini|Der russische Oberbefehlshaber Graf Paskiewitsch
Die im Juli 1830 in Frankreich und Belgien ausbrechende Revolution bedrohte das Ergebnis der europäischen Politik, welche die absolutistischen Monarchen am Wiener Kongress festgelegt hatten. Die Absetzung des Zaren Nikolaus I. als König von Polen wurden vom Sejm und Senat von Polen am 25. Januar 1831 beschlossen. Der russische Zar war der stärkste Befürworter der Vereinbarungen von 1815 und sah sich berechtigt den Aufstand der Polen militärisch nieder zuwerfen. Im Februar 1831 versuchten russische Truppen unter Feldmarschall von Diebitsch erstmals über den östlichen Vorort Praga nach Warschau einzubrechen. Nach der am 25. Februar östlich der Stadt geschlagenen Schlacht bei Grochów, konnte sich die polnische Hauptarmee intakt nach Warschau zurückziehen. Nicht imstande, Warschau durch einen Frontalangriff zu nehmen, versuchten die russischen Truppen unter Diebitsch die Stadt großräumig zu überflügeln und vom Westen her anzugreifen. Am 26. Mai 1831 wurden die Polen unter General Skrzynecki in der Schlacht bei Ostrołęka entscheidend geschlagen.
Eine zwischen dem 16. Mai und 20. August wütende Epidemie brachte den russischen Heer alleine vor Warschau, Verluste von 4734 Erkrankten und 2524 Toten. Feldmarschall Diebitsch erlag der Cholera am 10. Juni in Kłaczkowo. Der neu ernannte Oberbefehlshaber, Feldmarschall Paskewitsch ließ bei Nieszawa unweit Thorn die russische Hauptarmee vom 17. bis 19. Juli die Weichsel überschreiten und rückte zur Bzura vor. Am 21. Juli marschierten die Russen weiter über Gąbin in Richtung Warschau vor, die Avantgarde unter General de Witt gelangte am 1. August nach Łowicz. Das russische Korps des Generals Baron von Rosen (12.000 Mann mit 34 Kanonen) marschierte von Süden über Brest-Litowsk auf die polnische Hauptstadt und erreichte am 10. August die östliche Vorstadt Praga. Das Korps des Generals von Rüdiger (13.000 Mann mit 42 Kanonen) überquerte am 7. August die obere Weichsel bei Józefów und verband sich über Radom vorrückend mit dem Hauptheer. Die polnische Hauptarmee, die auf das linke Ufer der Weichsel übergegangen war und bei Sochaczew konzentriert war, konnte die russischen Bewegungen nicht verhindern. Die russischen Divisionen unter General Gerstenzweig und Generalleutnant Kreutz trafen gegenüber demselben Ufer ein, während das polnische Heer immer weiter gegen die Hauptstadt zurückwich.
mini|Jan Zygmunt Skrzynecki
Der neue Oberbefehlshaber der polnischen Armee, General Jan Skrzynecki, zögerte dem überlegenen Gegner eine Schlacht zu liefern. Stattdessen befahl er Warschau zu befestigten und erlaubte den Russen den ungehinderten Weichsel-Übergang. Skrzynecki glaubte in Warschau mehrere Wochen intakt standhalten zu können und wollte am Schluss eine entscheidende Schlacht gegen die Russen schlagen. Schon am 10. August wurde Skrzynecki aber zum Rücktritt gezwungen, General Henryk Dembiński wurde zum neuen Militärgouverneur von Warschau bestellt. Am 15. August brach in der Stadt ein Aufstand aus, bei dem zwischen 36 und 60 Menschen getötet wurden. Nach den Aufstand wurde General Jan Krukowiecki zum Generalgouverneur Warschaus ernannt und stellte als Präsident der neuen Regierung die Ordnung wieder her. In Warschau wohnten noch 175.000 Zivilisten und Flüchtlinge, im Arsenal lagerten 3 Millionen Schuss Gewehrmunition und 60.000 Kanonenkugeln, 200 Schuss pro Kanone waren vorhanden. Die Garnison in der bedrohten östlichen Vorstadt von Praga zählte 1361 Mann Infanterie und 524 Reiter.
Am 16. August wurden aus Warschau zwei Expeditionen abgesendet, eine mit etwa 4000 Reitern unter General Tomasz Łubieński in die Woiwodschaft Płock. General Lubienski sollte die Verbindung des russischen Hauptheeres nach Osten völlig unterbrechen und die zur Dämpfung des litauischen Aufstandes verwendeten russischen Truppen auf sich ziehen. Ein zweites polnisches Korps mit 16.000 Mann Infanterie, 4000 Reitern und 40 Geschützen sollte unter General Girolamo Ramorino gegen Brest-Litowsk operieren. Ramorinos Truppen sollten gegen General Rosen vorgehen, der bei Siedlec konzentrierte. Am 20. August rückten polnische Truppen unter Łubieński in Richtung Płock vor, durchbrachen die Einkreisung der Hauptstadt auf und brachten dringend benötigten Nachschub nach Warschau zurück. Andere polnische Truppen unter Jan Krukowiecki brachen bis Mitte August zu Dembińskis Hauptarmee durch und errichteten einen Brückenkopf am rechten Ufer der Weichsel. Die Streitkräfte unter Ramorino und Łubieński blieben auf dem rechten Ufer des Weichsel und bedrohten die dort stehenden russischen Truppen unter den Generalen Rosen und Rüdiger. Sie zwangen Paskiewitsch weitere Kräfte abzugeben, in der Podlasie besiegte das russische Corps von Rosen die Polen unter Ramorino in Gefechten bei Międzyrzec und Rogoźnica. Am 29. August waren Ramorinos Truppen gezwungen sich auf Siedlce zurückzuziehen, Rosens Truppen erlaubten den Rückzug auf Brest-Litowsk. Der Abzug regulärer Einheiten unter Ramorino und Lubienski schwächen die Verteidigungslinie von Warschau. Die Besatzung sank damit auf 28.000 reguläre Soldaten und 10.000 frische Truppen, zumeist schlecht ausgebildet und bewaffnet. Weitere 7000 Soldaten und 20 Kanonen sicherten die Flussübergänge.
Beginn der Belagerung mini|Befestigungsarbeiten in Warschau
Am 19. August, nach einem einzigen Gefecht mit der polnischen Nachhut (am 14. August bei Sognianow) hatte die Russen Warschau auf dem linken Ufer der Weichsel völlig eingeschlossen. Feldmarschall Paskiewitsch hatte zwei Brücken bei Góra Kalwaria und Podgórze über die Weichsel für seine Versorgung gesichert.
mini|Die Befestigungen rund um Warschau
Das polnische Hauptquartier beschloss die äußere Verteidigungslinie von Warschau, auch vor den dicht besiedelten Gebieten anzulegen. 53 Prozent der Gebäude (3148 Häuser) waren aus Holz, ein Feuer konnte die Stadt leicht zerstören. Die erste, äußere Verteidigungslinie um die Stadt Warschau bestand aus kleineren Forts und Wällen entlang einer halbkreisförmigen Linie entlang der Dörfer-Linie Szopy durch Rakowiec, Wola nach Pulkow zum Weichsel-Ufer. Die Polen konzentrierten ihre Hauptkräfte auf fünf große Abschnitte an der Außenlinie: Królikarnia, Szopy (Forts 44 bis 47) Rakowiec (Forts 48 bis 53) Wola (Fort 55 bis 57) Parysów (Forts 61 und 62) Marymont (Fort 65 und 66) Das stärkste Fort im äußeren Verteidigungsbereich sicherte die Straße nach Kalisch in der Vorstadt von Wola und war das Fort 56, das um die Kirche St. Lazarus konzentriert war, südlich davon waren zwei Forts (54 und 55) zur Unterstützung befestigt. Zwischen Rakowiec und dem Jerozolimskie Tor befand sich das Fort 73. Die zweite Verteidigungslinie befand sich 400 bis 600 Meter vor der innersten Verteidigungslinie. Am 4. September sandte Paskiewitsch einen Gesandten in die Stadt, welche die Übergabe forderte und für die Revision der Verfassung den freien Abzug zusagte. Nur drei von zehn Mitgliedern der polnischen Kommission stimmte für weitere Verhandlungen, am 5. September wurde dem russischen Kommandant die Ablehnung des Antrages durch den Sejm überbracht.
Beteiligte Truppenteile mini|hochkant|Jan Nepomuk Uminski mini|hochkant|Kazimierz Małachowski
Polnische Armee General Kazimierz Małachowski war Stellvertreter des Oberbefehlshabers Jan Krukowiecki, General Ignacy Prądzyński fungierte als Chef des Generalstabes. Anfang September 1831 zählte die reguläre polnische Besatzung in Warschau etwa 49 Bataillone und 40 Schwadronen mit rund 35.000 Mann, davon 31.100 Infanterie und 3800 Mann Kavallerie, dazu kamen etwa 20.000 Mann Miliz. Die Artillerie zählte 94 Feld- und 145 Festungs-Geschütze aller Art und 21 Congreve Raketen-Batterien, bemannt von 4550 Soldaten der regulären Armee und 200 Mitglieder der Gwardia Narodowa. Die Besatzung der Warschauer Verteidigung war nicht ausreichend, um alle Forts zu bemannen, einige Festungen musste daher aufgegeben werden.
Linker Flügel: 1. Korps des General Jan Nepomuk Uminski mit 18.100 Mann Infanterie und 1400 Reiter, unterstützt durch 34 Geschütze. Diese bestanden aus der 1. und 4. Division unter Maciej Rybiński und Henryk Otto Milberg sowie der Brigade Józef Czyżewski Zentrum: 3. Division unter General Ludwik Bogusławski Rechter Flügel: 2. Reservekorps unter General Henryk Dembiński mit 11.500 Mann Infanterie und 1700 Reiter, 12 Geschütze Reserve unter General Józef Bem, mit 64 Geschütze
Russische Armee Feldmarschall Paskiewitsch verfügte über 98 Bataillone, 130 Schwadronen und 6 Kosaken-Regimenter mit 78.500 Mann, davon 2000 Pioniere, 54.000 Mann Infanterie und 17.200 Reiter, als Generalstabschef fungierte General von Toll, Chef der Artillerie war Fürst Gortschakow. Auch die russische Artillerie war der polnischen zahlenmäßig weit überlegen, verfügte über 382 Geschütze mit einer Bedienung von 7300 Mann.
Der rechte Flügel der sich bis zur Weichsel ausdehnte, wurde durch die 2. leichte Division unter General Karl Gustav von Strandman eingenommen, mit 1400 Mann Infanterie und 484 Reiter (3 Bataillone, 4 Schwadronen, 6 Geschütze) Garde-Kavallerie-Division unter General Georgi Nostitz mit 2100 Mann Kavallerie (16 Schwadronen und 16 Geschütze) Division des General Nikolai Murawjow mit 3100 Mann Infanterie (7 Bataillone und 16 Geschütze)
mini|hochkant|Cyprian Kreutz
II. Infanterie-Korps unter General der Kavallerie Cyprian Kreutz mit 11.200 Mann Infanterie und 2300 Reiter mit 68 Kanonen (21 Bataillone, 16 Schwadronen, 72 Geschütze) Infanteriedivision von Generalleutnant Nikolai Sulima (mit Brigade Liprandi, Lutowski und Martinow) im zweiten Treffen stand das Gardekorps unter Großfürst Michael Romanow mit 15.700 Mann Infanterie (22 Bataillone mit 56 Geschütze)
mini|hochkant|Peter von der Pahlen
I. Infanterie-Korps unter General der Kavallerie Peter von der Pahlen mit 11.300 Infanterie, 424 Reiter (22 Bataillone und 66 Geschütze). Infanteriedivision unter Generalleutnant Fjodor Geismar (Kolonne des Generalleutnant Nabokow, Friedrich von Berg und Lüders) im zweiten Treffen stand das Grenadierkorps unter General der Infanterie Iwan Schachowski mit 11.000 Mann Infanterie (23 Bataillone und 40 Geschütze)
Den linken Flügel bis an die untere Weichsel sicherte vorwiegend Reiterei Kavallerie unter Generalleutnant Prinz Stepan Chilkow mit 28 Schwadronen (2240 Mann Kavallerie und 10 Kanonen) Kosaken-Division unter Generalmajor Anrep (847 Reiter)
Reserve Reserveartillerie unter Oberst Glinka (64 Geschütze) Kavalleriekorps unter General Iwan De Witt mit 70 Schwadronen (8500 Mann Kavallerie) und 40 Kanonen
Die Schlacht um Warschau Am Abend des 5. September verlegte Paskiewitsch sein Hauptquartier von Raszyn nach Włochy, die russische Armee bezog ihre Angriffspositionen an der Dörferlinie Wolica, Falenty, Dawidy und Raszyn. Die Grenadier-Division, das Kavalleriekorps und das I. Korps zogen über Szamoty näher heran, das II. Korps war bei Włochy konzentriert. Die Infanteriedivision unter General Murawjow besetzte die Felder zwischen Okęcie und Rakowiec, die Garde Kavallerie-Division rückte auf Zbarż vor, um die gelockerte Einkreisung von Warschau wieder zu festigen. Die Gardetruppen des Großfürsten wurde nach Wielkie Opacze vorgezogen. Die 2. leichte Division unter General Strandmann nahm Positionen bei Służew auf der Straße in Richtung Lublin ein, während General Chilkows Kavallerie in Richtung nach Chrzanów sicherte. Die Reserven wurden in Nadarzyn konzentriert.