mini|Filippo Tommaso Marinetti
Filippo Tommaso Marinetti (genannt oft F.T. Marinetti), eigentlich Emilio Angelo Carlo Marinetti (* 22. Dezember 1876 in Alexandria, Ägypten; † 2. Dezember 1944 in Bellagio, Italien), war ein italienischer Schriftsteller, faschistischer Politiker und Begründer des Futurismus.
Leben Jugend in Ägypten mini|Gedenktafel an Marinettis Haus in Mailand
Filippo Tommaso Marinetti wurde am 22. Dezember 1876 als Emilio Angelo Carlo Marinetti geboren. Sein Vater Enrico, ein Rechtsanwalt, stammte aus Voghera (Piemont) und war 1865 als Rechtsberater der Handelsgesellschaft des Suez-Kanals nach Alexandria gezogen. Amalia Grolli, die Mutter Marinettis, stammte aus Mailand. Beide lebten nach außen hin verheiratet zusammen, ohne die Ehe formal zu vollziehen (more uxorio).
1874 kam ihr erster Sohn Leone zur Welt, der 1895 überraschend verstarb. Der Vater war fleißig und beruflich sehr erfolgreich. In wenigen Jahren hatte er sich mit eigenen Büros in Ramleh, Kairo und Khartum selbstständig gemacht und es schließlich erreicht, der persönliche Rechtsberater von Muhammad Tawfiq Pascha, des Khediven der osmanischen Provinz Ägypten, zu werden. In dieser Position machte er ein erhebliches Vermögen, das später seinem Sohn zugutekam, der auch ohne seine Einkünfte als Journalist und Schriftsteller immer finanziell unabhängig war.
Marinetti besuchte nach der Grundschule ab 1888 das französische Jesuiten-Kolleg St.Francois-Xavier, nicht zuletzt auf Wunsch der Mutter, deren Interesse der französischen Literatur galt. 1893 gab der Vater seine ägyptische Praxis auf und wohnte seither in Mailand. Zeitgleich wurde Marinetti aus dem Kolleg entlassen, weil er die Werke von Émile Zola gelesen und empfohlen hatte. Auch seine Tätigkeit als Redakteur der Schülerzeitschrift Papyrus wurde nicht gutgeheißen.
Studium in Paris, Pavia und Genua Marinetti wechselte nach Paris, bestand dort am 13. Juli 1894 die Aufnahmeprüfung für die Universität (Baccalauréat) mit der Mindestpunktzahl und begann mit dem Jurastudium. Von Paris war er begeistert:Evelyn Benesch, Ingried Brugger (Hrsg.): Futurismus. Radikale Avantgarde. Wien 2003, S. 14.
Er setzte dann das Studium an der Universität Pavia und dann an der Universität Genua fort und schloss es am 17. Juli 1899 mit einer Dissertation über Die Krone in der parlamentarischen Regierung ab (Prof. A. Ponsiglioni).
Journalist und Schriftsteller 1899 zog er nach Mailand zu seiner Familie in die via Senato Nr. 2. Die Idee, als Rechtsanwalt tätig zu sein, lehnte er ab, da er sich schon sehr früh parallel zu seinem Studium für Literatur interessiert hatte: Schon 1898 war es ihm gelungen, erste Gedichte in der italienischen/französischen Zeitschrift Anthologie-Revue zu veröffentlichen, die in Mailand gedruckt wurde.
Dann zog er wieder nach Paris und schrieb seine Arbeiten in französischer Sprache, denn er sprach und schrieb Italienisch und Französisch auf muttersprachlichem Niveau. Darüber hinaus war er als Redaktionssekretär der Pariser Zeitungen „La Vogue“ und „La Plume“ tätig. Sein erstes, vom Symbolismus geprägtes Buch, La Conquête des Étoiles, erschien 1902. 1904 konnte er den ersten Band Gedichte in französischer Sprache veröffentlichen (Destruction). 1911 folgte eine Übersetzung ins Italienische. Im gleichen Jahr zog er innerhalb Mailands in das »Rote Haus« am Corso Venezia 61. 1905 gründete er gemeinsam mit Sem Benelli in Mailand die literarische Zeitschrift Poesia Rassegna Internationale.
1907 begegnete Marinetti der von George Duhamel mitgegründeten Künstlergruppe Abbaye de Créteil, die sich nach einer alten Abtei im Umfeld von Paris benannt hatte und in der sich zahlreiche Pariser Schriftsteller, Maler und Bildhauer trafen. Die Gruppe gab eigene Bücher heraus und veranstaltete Ausstellungen, darunter auch des Künstlers Brancusi. Zu ihnen gehörten etwa Alfred Jarry und Robert de Montesquiou, ein Dandy und Schriftsteller, der später Marcel Proust (»Baron de Charlus« und »Robert de Saint-Loup«) und Joris-Carl Huysmans (»Jean Floreasses des Esseintes«) als literarische Vorlage diente. Dort erhielt er zahllose künstlerische Anregungen, die schließlich in seinem Futuristischen Manifest (s. unten) mündeten.
Es folgten La ville charnelle (1908) und das Theaterstück Le Roi Bombance. Der damals virulente Kulturpessimismus kommt dort besonders zum Ausdruck. Schließlich folgte 1910 in Paris sein erster Roman Mafarka der Futurist.
Nach dem Erscheinen des Futuristischen Manifests in Paris (1909) bildeten sich in Italien und Frankreich zahllose Gruppen, die die Gedanken des Textes in eigenen Werken aufgriffen. Marinetti reiste in den folgenden Jahren viel in Europa, USA und Südamerika und unterhielt einen ausführlichen Briefwechsel auch mit deutschen Schriftstellern, Verlegern und Galeristen, darunter vor allem Herwarth Walden. Schon in diesen frühen Anfängen spiegeln seine Arbeiten die Aspekte der Leere und Verlogenheit des großbürgerlichen Lebens des Fin de siècle wider. Marinetti sah seine Zeit ähnlich wie sein Freund Joris-Karl Huysmans als dem Untergang geweiht. So dreht sich sein Denken und Schreiben darum, die alte Welt der Bourgeoisie mit neuen Begriffen beiseite zu fegen. Dem Begriff „Futurismus“ folgte das Wort „Passatismus“ (von „passato“: vergangen, überholt), das er 1910 im Manifest Contro Venezia Passatista einführte:
Ehe mit Benedetta Cappa mini|Benedetta Marinetti 1938
1919 begegnete er (damals: 43 Jahre) in Rom der Tochter seines Anwalts Innocenzo Cappa, der ihn 1910 in einem Prozess verteidigt hatte, bei dem ihm wegen seines Romans Mafarka, der Futurist Obszönitäten vorgeworfen worden waren. Die damals 22-jährige Schriftstellerin und Malerin Benedetta Cappa (1897–1977) war Malschülerin von Giacomo Balla, und beide heirateten 1926 nach einigen Jahren des Zusammenlebens. Sie hatten drei Töchter, Vittoria, Ala und Luce.
Das Familienleben war harmonisch. Antonio Gramsci: „Seit dem Ende des Krieges hat die futuristische Bewegung in Italien ihr charakteristisches Profil verloren. Marinetti widmet ihm sehr wenig Zeit er hat geheiratet und zieht es vor, seine Energien auf seine Frau zu konzentrieren.“ Benedetta betreute den künstlerischen Nachlass ihres Mannes nach dessen Tod 1944 noch viele Jahrzehnte.
Prägungen Symbolisten und Anarchisten In Paris beeinflusste ihn vor allem sein Freundeskreis, zu dem er Symbolisten wie Guillaume Apollinaire, Joris-Karl Huysmans, Stéphane Mallarmé und Paul Valéry zählte. Mit ihnen teilte er neben der Verachtung für das als korrupt erachtete Bürgertum auch die Vorliebe für das Extravagante, die Gefahr und die Gewalt. Dieses Bekenntnis zur Gewalttätigkeit brachte ihn in Nähe der Anarchisten, die zu dieser Zeit Paris mit Bombenattentaten und Banküberfällen in Atem hielten. Gemeinsam mit seinem Freundeskreis begrüßte er diese Anschläge generell, da er sie als Symbol der Befreiung aus psychisch beengenden Lebensverhältnissen ansah. Die Detonationen der Anschläge klangen Octave Mirbeau zufolge wie das „Rollen des Donners, das der Freude über die Sonne und dem friedlichen Himmel vorausgeht.“ Attentäter wie Emile Henry, Auguste Vaillant und Ravachol wurden als Helden gefeiert. Den theoretischen Überbau für diese Gewalttaten lieferten die führenden Theoretiker der Anarchie wie Georges Sorel. Auf den jungen Marinetti machte vor allem Sorel Eindruck, der in seinen „Réflexions sur la violence“ (Überlegungen zur Gewalt) die Gewalt und den Aufruhr zur politischen Doktrin hochstilisierte. Sorel brachte dies auch in einem Manifest zum Ausdruck, mit dem er 1907 an die Öffentlichkeit ging. In ihm vertrat er die Meinung, dass der gewalttätige Klassenkampf ein Beitrag zur Gesundung und Kräftigung der Gesellschaft sei. Die „proletarische Gewalt“ könne in der Gestalt von Bergsons „élan vital“ neue ethische Werte schaffen und die Welt vor den „Zerstörungen der Barbarei“ bewahren. Dieses Gedankengut und den Ruf „Lang lebe die Gewalt gegen alles was unser Leben hässlich macht!“ wird man – geringfügig variiert – bald auch in den Manifesten Marinettis wieder finden.
Gabriele D’Annunzio; Benedetto Croce; Giovanni Gentile Sehr nahe bei Nietzsche angesiedelt war auch der Schöpfer des Mythos vom Dichter-Kämpfer (poeta-condottiero) Gabriele D’Annunzio. Marinetti hatte sich neben ihm aber auch mit den beiden bedeutendsten italienischen Intellektuellen Benedetto Croce und Giovanni Gentile seiner Zeit auseinandergesetzt. Beide kamen vom Liberalismus, reichten jedoch mit ihrer Philosophie über den Positivismus eines Auguste Comte und den historischen Materialismus eines Karl Marx hinaus und hatten sich dem Idealismus als philosophische Bewegung verpflichtet. Für Croce ist die Geschichte nicht von materiellen Aspekten determiniert, sondern von Ideen geprägt. Für ihn entspringen diese Ideen keinem wissenschaftlichen Kalkül, sondern jenem irrealen, leidenschaftlichen Charakter, den er als Teil der anthropologischen Konstante des Menschen betrachtet. Diese Gedanken führen Futuristen wie Giovanni Papini und Giuseppe Prezzolini in ihrer 1908 gegründeten Zeitschrift La Voce im futuristischen Sinn weiter. Dabei kam es allerdings zu einer Apologie des Irrationalismus, die Croce plötzlich als Vordenker des Futurismus erscheinen ließ, was als ahistorisch zu werten ist. Für Croce war auch das Irrationale im Menschen berechenbar, da es auch Träger von Werten und Idealen sein konnte. Croce ging es auch nicht darum, einen neuen Menschen und „…eine neue Welt zu schaffen, sondern die alte Welt zu bearbeiten, die immer neu ist,“ was auch die Rückkehr zu Traditionen wie „der König, das Vaterland, die Stadt, die Nation, die Kirche, die Menschlichkeit“ einschloss. Auch dies waren Ansichten, die zumindest mit dem Futurismus der Vorkriegszeit keineswegs kompatibel waren. Zu Gabriele d’Annunzio hatte Marinetti eine besonders kritische Einstellung:
Frauen Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Philosophie Marinettis hatten seine Erfahrungen mit Frauen. Am Anfang standen negative Erfahrungen mit Prostituierten und egofördernde (missbräuchliche) Sexualerlebnisse als Soldat. Gestützt auf diese Erfahrungen schrieb er 1917 ironisch formulierte taktische Ratschläge „Wie man Frauen verführt.“
Trotz der positiven Erfahrungen in seiner eigenen Ehe äußerte er sich in seinen Schriften nicht nur immer wieder kritisch zu den Lebensformen der Bourgeoisie, darunter vor allem der Rolle der Frauen. In seinem futuristischen Manifest plädierte er unverhohlen dafür, die Verachtung des Weibes nicht nur zum Programm zu erheben, sondern sie ebenso zu "verherrlichen" wie etwa den Krieg.Nr. 9 und 10 des
Das futuristische Manifest
mini|Mauergedicht in Leiden
Am 20. Februar 1909 trat Marinetti in Paris mit dem futuristischen Manifest an die Öffentlichkeit, das er auf der Titelseite der Pariser Tageszeitung Le Figaro präsentierte.Baumgarth. 23 ff. Einem langen, poetischen Prolog, der den (falschen) Eindruck eines Autorenkollektivs vermittelt, folgen elf „Programmatische Punkte“, mit denen Marinetti den Anspruch erhebt, nicht nur eine neue Kunstrichtung, sondern eine alle Lebensbereiche umfassende Kultur aus der Taufe zu heben, die Kultur des Futurismus. In seinen 11 Thesen verherrlicht er vor allem die Gewalt und den Krieg, die „einzige Hygiene der Welt“. Gepriesen wird auch „die anarchistische Tat, … die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, der Laufschritt, der Salto mortale, die Ohrfeige und der Faustschlag.“
Charakteristika des Manifestes mini|Italienische Futuristen 1916. Von links: Remo Chiti, Nerino Nannetti, Bruno Corra, Emilio Settimelli, Arnaldo Ginna, Maria Ginanni, Vieri Nannetti, Filippo Tommaso Marinetti
Gewalt, Rücksichtslosigkeit, Ziellosigkeit