mini|Vittoria Tesi, um 1740
Vittoria Tesi (oder Tesi Tramontini), genannt „la Fiorentina“ oder „la Moretta“ (13. Februar 1701Im Taufeintrag (in: Opera di S. Maria del Fiore, Archivio delle fedi di battesimo di S. Giovanni, reg. 295, c. 84v) ist der 13. Februar 1700 angegeben. Dies bezieht sich jedoch laut Lora auf den Toskanischen Kalendergebrauch ab incarnatione, der damals in Florenz in Gebrauch war, und entspricht dem 13. Februar 1701 nach dem (modernen) Gregorianischen Kalender. Siehe: Francesco Lora: Tesi, Vittoria, detta la Fiorentina o la Moretta, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 95, 2019, (Italienisch; Abruf am 17. März 2020)Christian Fastl: Tesi (-Tramontini), Vittoria (La Moretta, La Fiorentina), in: Österreichisches Musiklexikon online (Abruf am 17. März 2020) in Florenz – 9. Mai 1775 in Wien)Francesco Lora: Tesi, Vittoria, detta la Fiorentina o la Moretta, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 95, 2019, (Italienisch; Abruf am 17. März 2020)Croll gibt als Geburtsdatum den 13. Februar 1700 an, da er offenbar nicht die toskanische Kalenderrechnung berücksichtigte. Gerhard Croll: „Tesi (Tramontini), Vittoria“, Januar 2001, auf Oxford Index (englisch; abgerufen am 21. Oktober 2019) war eine berühmte italienische Opernsängerin des 18. Jahrhunderts und Gesangslehrerin. Ihre Stimmlage war Alt.
Leben
Ihre Eltern waren Alessandro Tesi (Sohn von Antonio Tesi) und Maria Antonia Rapacciuoli (Tochter von Cosimo Rapacciuoli).Der originale Geburtseintrag wird zitiert in „Vittoria Tesi, di Ademollo“, S. 1 (italienisch; abgerufen am 24. Oktober 2019) Sie hatte zwei Brüder: Cosimo und den taubstummen und geistig behinderten Giovanni.Michael Lorenz: The Will of Vittoria Tesi Tramontini, 31. März 2016 (update: 30. Juli 2018), auf: Michael Lorenz - Musical Trifles and Biographical Paralipomena, online (abgerufen am 23. Oktober 2019) Vittorias Taufpaten waren der bekannte Kastrat Francesco de Castris („Cecchino“) und die berühmte Sopranistin Vittoria Tarquini,Francesco Lora: Tesi, Vittoria, detta la Fiorentina o la Moretta, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 95, 2019, online auf Treccani (italienisch; Abruf am 17. März 2020)Maria Augusta Timpanaro Morelli: Per Tommaso Crudeli: nel 255° anniversario della morte, 1745-2000, Firenze, Olshki, 2000, S. 31, ISBN 882224866X die beide zu den Sängern des musikliebenden Ferdinando de’Medici gehörten.
Über Vittoria Tesi kursieren verschiedene Anekdoten, eine davon bezieht sich auf ihre Herkunft und ihr exotisches Aussehen: demnach soll ihr eigentlicher Vater ein schwarzer, vermutlich afrikanischer, Lakai namens „Moretto“ („kleiner Mohr“) gewesen sein,Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse, L’Epos, 2004, S. 40, Fußnote 44 (Italienisch) der in den Diensten (ihres Paten) Francesco de Castris stand. Daher erhielt die Tesi den Beinamen „la Moretta“.Es sei darauf hingewiesen, dass im Italienischen la Moretta wie l’amoretta (Amorette) klingt, in dem Spitznamen steckt also auch ein Wortspiel. Auch Metastasio nannte sie in einem Brief an Farinelli „unsere unvergleichliche Afrikanerin“ („nostra impareggiabile africana“),Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse, L’Epos, 2004, S. 197, Fußnote 77 (Italienisch) und in jüngerer Zeit wurde sie von Reinhard Wiesend als „erste der großen farbigen Opernsängerinnen“ bezeichnet.
Ihre erste Ausbildung erhielt sie bei Francesco Redi in Florenz und studierte danach in Bologna bei Francesco Campeggi;Gerhard Croll: „Tesi (Tramontini), Vittoria“, Januar 2001, auf Oxford Index (englisch; abgerufen am 21. Oktober 2019) laut Mancini besuchte sie zu gleicher Zeit auch „die Schule des Bernacchi“,Giovanni Battista Mancini: Riflessioni, e pensieri pratiche sopra il canto figurato, 1774, S. 19, online auf archive.org (italienisch; abgerufen am 24. Oktober 2019) aber wenn sie nicht Privatunterricht bei ihm nahm, ist dies wahrscheinlich ein Irrtum oder eine Verwechslung, da Bernacchi erst 1737 seine Schule gründete.„Vittoria Tesi, di Ademollo“, Capitolo I, S. 2–3 (eigtl. keine Seitenzahlen) (italienisch; abgerufen am 24. Oktober 2019)
Eine Begegnung oder gar Beziehung von Händel mit einer Sängerin namens Vittoria 1707 in Florenz, als dort sein Rodrigo aufgeführt wurde, kann aufgrund ihres kindlichen Alters von nur 7 Jahren nicht mit Vittoria Tesi identifiziert werden (wie man früher dachte), und wird heute eher mit ihrer damals schon berühmten Patin Vittoria Tarquini in Verbindung gebracht.
Erste Auftritte hatte Vittoria Tesi 1716 in Parma als Fileno in Il Dafni von Alessandro Scarlatti (?).Laut Lorenz ist die Oper von Astorga. Michael Lorenz: The Will of Vittoria Tesi Tramontini, 31. März 2016 (update: 30. Juli 2018), auf: Michael Lorenz - Musical Trifles and Biographical Paralipomena, online (abgerufen am 23. Oktober 2019) und in Bologna in Il sogno avverato (Komponist unbekannt). 1718–19 war sie dann in Venedig als virtuosa di camera des Fürsten Antonio von Parma.
1719 sang sie in Dresden neben Margherita Durastanti, Senesino und Santa Stella (der Frau des Hofkomponisten Antonio Lotti) bei den Festlichkeiten zur Hochzeit des Prinzen Friedrich August (III.) mit Erzherzogin Maria Josepha, und trat bei der Eröffnung der neuen Dresdner Oper (am Zwinger) am 3. September 1719 in Lottis Giove in Argo auf; einige Tage später folgte die Rolle der Matilda in seiner Oper Teofano. Nach der Dresdner Fürstenhochzeit kehrte die Sängerin zurück nach Italien, wo sie bis 1747 an allen großen Theatern Italiens auftrat, insbesondere in Venedig, Neapel und Mailand, sowie in Florenz, Bologna und Turin.
Im Karneval 1721 war sie in Florenz und sang u. a. die (männliche) Titelrolle in Luca Predieris Tito Manlio im Teatro della Pergola.. In Venedigs bedeutendstem Opernhaus, dem Teatro San Giovanni Grisostomo, trat sie 1721–22 zusammen mit Francesca Cuzzoni und Antonio Bernacchi auf, in Antonio Pollarolos Oper Plautilla. und in Giovanni Maria Capellis Giulio Flavio Crispo..
Die Tesi war gut befreundet mit dem berühmten Sopranisten Farinelli, mit dem sie in den 1720er und frühen 1730er Jahren öfters zusammen auftrat und der sie zuweilen in seinen Briefen erwähnt,Patrick Barbier: Farinelli, der Kastrat der Könige, Econ, Düsseldorf, 1995, S. 37, 47f, 50f, 62, 65, 73, 141, 167 und als „wunderbaren Menschen“ bezeichnete.Patrick Barbier: Farinelli …, 1995, S. 65 Relativ zu Beginn dieser Freundschaft steht die oft erwähnte Konzertaufführung von Johann Adolph Hasses Serenata Marc’Antonio e Cleopatra in Neapel 1725,Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse, L’Epos, 2004, S. 39–40 (Italienisch) wobei die beiden mit vertauschten Rollen auftraten, Farinelli als Cleopatra und die Tesi als Marc’Antonio, was im Barocktheater nichts ungewöhnliches war.Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse, L’Epos, 2004, S. 197 (Italienisch)Reinhard Strohm: „Wer ist Farinelli?“, Booklettext zur CD: Arias for Farinelli, mit Vivica Genaux, Akademie für Alte Musik Berlin, René Jacobs; harmonia mundi, 2002–2003. S. 38–44, hier: 41Adriana De Feo: „Johann Adolf Hasses Marc’Antonio e Cleopatra“, auf der Website des Mozart-Opern Instituts der Universität Mozarteum Salzburg, auf Mozartoper.at (abgerufen am 22. Oktober 2019) Am Teatro San Bartolomeo in Neapel sangen die Tesi und Farinelli zwischen 1724 und 1726 zusammen (und gemeinsam mit Anna Maria Strada del Po) in verschiedenen Opern der jungen neapolitanischen Komponistengeneration, wie Leonardo Vinci,.. Domenico Natale Sarro,. und Leonardo Leo..
Am 4. November 1729 in Neapel, zur Feier des Namenstages von Kaiser Karl VI., sang sie die Cleopatra in Hasses Oper Tigrane.Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse, L’Epos, 2004, S. 41, Fußnote 52 (Italienisch)
In Turin 1731 erschien sie wieder neben Farinelli in Hasses Vertonung von Metastasios Catone in Utica.Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse, L’Epos, 2004, S. 105 (Italienisch) Farinelli selber berichtete darüber seinem Freund Graf Pepoli: „Die Tesi wurde sehr gemocht, obwohl sie bei der Premiere noch nicht die ganze Zuneigung des Publikums hatte, und sogar missfiel; aber nach wenigen Abenden, an denen die erste Oper (Catone in Utica) gegeben wurde, und nachdem jeder ihre besonderen Verdienste gesehen hatte, ließen sie ihr doch Gerechtigkeit widerfahren, wie man sie jemals einer Virtuosin ersten Ranges zukommen ließ,…“, und man lobte ihr Feuer (brio) und ihre Darstellung.Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse, L’Epos, 2004, S. 106 (Italienisch)
Während ihrer gesamten Laufbahn (ab den späten 1720er Jahren) war auch der Sopranist Caffarelli ein häufiger Bühnenpartner der Tesi (siehe unten die Repertoire-Liste) und ein Höhepunkt in ihrer Karriere war im Mai 1733 eine Aufführung von Hasses Siroe re di Persia im Teatro Malvezzi in Bologna, wo sie gemeinsam mit Farinelli und Caffarelli auf der Bühne stand.Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse, L’Epos, 2004, S. 106–107 (Italienisch)Patrick Barbier: Farinelli …, 1995, S. 62 & 64 Sie war auch Anfang September 1734 bei Farinellis letzten Auftritten in Italien dabei, im Teatro della Pergola in Florenz,Patrick Barbier: Farinelli …, 1995, S. 65 in einigen Aufführungen von Orlandinis L’innocenza giustificata.Die Oper war schon etwas älter, es handelte sich also nicht um eine Uraufführung: . Bereits Ende Oktober sang Farinelli zum ersten Mal in London.
1736 am Teatro San Giovanni Grisostomo in Venedig sang sie zusammen mit dem Tenor Angelo Amorevoli in der stark revidierten 2. Fassung von Hasses Alessandro nell’Indie (Libretto: Metastasio),Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse, L’Epos, 2004, S. 56, Fußnote 100 (Italienisch) und bei der Eröffnung des Teatro San Carlo in Neapel 1737 sang sie in Sarros Oper Achille in Sciro die männliche Titelpartie, neben Anna Maria Peruzzi und Angelo Amorevoli, die beide ebenfalls häufige Bühnenpartner waren..
1739–40 wurde sie von Farinelli, der mittlerweile nur noch für den spanischen König sang, nach Madrid eingeladen, und gehörte zusammen mit Caffarelli, der Peruzzi und dem Tenor Annibale Pio Fabbri zu den italienischen Opernstars, die während der Feierlichkeiten zur Hochzeit des Infanten Felipe in Francesco Corsellis Oper Farnace sangen, in einer beispiellos prächtigen Inszenierung.Patrick Barbier: Farinelli …, 1995, S. 140–141 Farinelli schrieb: „Unsere Tesi wusste durch ihren sprühenden Geist unter allen Mitgliedern des Ensembles hervorzustechen. Sie hat die Bestimmung gefunden, die die Götter des höchsten Altars für sie vorgesehen haben, denn ihr Spiel und ihr schönes Gesicht haben alle anderen (wie man hier sagt) zu Dienern gemacht…“;Patrick Barbier: Farinelli …, 1995, S. 141 was die rein gesanglichen Qualitäten anging, fand er allerdings Caffarelli noch besser.Patrick Barbier: Farinelli …, 1995, S. 141
Laut Croll sang sie eventuell 1741–42 in Frankfurt am Main bei der Kaiserkrönung (?).
mini|hochkant|Vittoria Tesi auf einer Karikatur von Anton Maria Zanetti, 1741 Von 1741 bis 1745 hatte die Tesi wieder ein Engagement in Venedig am Teatro San Giovanni Grisostomo, wo sie u. a. am 21. November 1744 die Titelrolle in der Uraufführung von Glucks Ipermestra und am 27. Dezember zusammen mit dem berühmten Mezzosopranisten Giovanni Carestini in Semiramide riconosciuta von Hasse sang (Libretto: Metastasio).Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse, L’Epos, 2004, S. 56, Fußnote 102 (Italienisch)
In Neapel 1747, zur Feier des Erstgeborenen Sohnes Filippo des neapolitanischen Königs Carlo, trat sie zuerst im Palazzo Reale und später am Teatro San Carlo neben Caffarelli, Gizziello (eigtl. Gioacchino Conti) und Giovanni Manzuoli in der Serenata Il sogno d’Olimpia von Giuseppe de Majo auf (mit Libretto von Ranieri de’ Calzabigi).Vittoria Tesi, di Ademollo, Ende des „Capitolo II“ (Text ohne Seitenzahlen) (italienisch; abgerufen am 24. Oktober 2019) Von der prächtigen Aufführung wurden Kupferstiche publiziert.