mini|hochkant=1.2|Ein Traceur führt einen Équilibre durch.

Parkour (abgekürzt PK, ) bezeichnet eine Fortbewegungsart, deren Ziel es ist, nur mit den Fähigkeiten des eigenen Körpers möglichst effizient von Punkt A zu Punkt B zu gelangen. Der Parkourläufer (franz.: le traceur „der, der eine Linie zieht“) bestimmt seinen eigenen Weg durch den urbanen oder natürlichen Raum – auf eine andere Weise als von Architektur und Kultur vorgegeben. Es wird versucht, sich in den Weg stellende Hindernisse durch Kombination verschiedener Bewegungen so effizient wie möglich zu überwinden. Bewegungsfluss und ‑kontrolle stehen dabei im Vordergrund. Parkour wird deshalb auch als „Kunst der effizienten Fortbewegung“ bezeichnet.

Parkour kann auf einem Hindernisparcours durchgeführt werden, wird aber in der Regel in einer kreativen Neuinterpretation eines urbanen Raumes praktiziert. Parkour beinhaltet das Betrachten der Umwelt mit der Vorstellung von Bewegungsmöglichkeiten innerhalb dieser.

Entwickelt wurde Parkour von Raymond Belle, seinem Sohn David Belle und anderen Pionieren in den späten 1980er Jahren. Parkour wurde in den späten 1990er Jahren und 2000er Jahren durch Spielfilme, Dokumentarfilme und Werbung populär.

Ursprung

„Méthode naturelle“

Anfang des 20. Jahrhunderts begann in Frankreich die Entwicklung einer Grundidee der Bewegungsform Parkour mit der Trainingsmethode Méthode Naturelle durch Georges Hébert. Als Befürworter des lebenslangen körperlichen Trainings war er der Meinung, dass körperliche Stärke und Geschicklichkeit mit Mut und Selbstlosigkeit einhergehen muss, damit ein Nutzen für die Gemeinschaft entstehen kann. Er unterrichtete an der Universität von Reims und führte einen bis dahin neuen körperkulturellen Lebensstil ein, indem er sein Training durch Kombination einer Vielzahl von körperlichen Fertigkeiten (Laufen, Rennen, Springen, Klettern, Balancieren, Werfen, Heben, Sich-Verteidigen und Schwimmen) aufbaute. Seine Studenten ließ er dazu in natürlichem Terrain trainieren und verband das Ganze mit einem 5–10 km langen Dauerlauf. Das Ziel war es, die Studenten zu befähigen, ihre konditionellen Fähigkeiten, Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit in jedem Gelände anwenden zu können. Dabei sprach er sich gegen den Konkurrenzkampf aus, weil dieser seiner Meinung nach eine Ablenkung von den Trainingsprinzipien darstellte. Hébert war einer der ersten, die das Training von Fortbewegungstechniken durch einen Hindernisparkour aus nicht militärischen Gesichtspunkten propagierten; dennoch hatte die „Méthode naturelle“ einen speziellen Einfluss auf das militärische Training von französischen Soldaten, genannt „parcours du combattant“. Während des Indochinakriegs wurde sein Prinzip angewendet, um Fluchttechniken im Dschungel zu perfektionieren. Raymond Belle war einer von ihnen.

Raymond und David Belle

Raymond Belle wurde 1939 in Vietnam geboren und schon in der Schule als Soldat für die französische Armee ausgebildet. Bereits im Alter von 12 Jahren trainierte er effiziente Fluchttechniken mit einigen Kameraden, um seine Überlebenschancen im Krieg zu steigern. Diese Fertigkeiten verschafften ihm später in Frankreich eine Stelle bei der Pariser Feuerwehr in der Einheit Sapeurs pompiers de Paris, bei der er mehrere Auszeichnungen erhielt.

Raymonds Sohn David Belle wurde am 29. April 1973 in Fécamp (Frankreich) geboren. Im Kindesalter übte er das Turnen und Leichtathletik, trainierte aber – durch seinen Vater beeinflusst – lieber in der freien Natur, wo er die Bewegungen praktisch anwenden und nutzen konnte.Jan Witfeld, Ilona E. Gerling, Alexander Pach: Parkour & Freerunning – Entdecke deine Möglichkeiten. 2010. S. 22f. Sie nannten das in Anlehnung an „parcours du combattant“ einfach „les parcours“. Ende der 1980er Jahre übertrug David spielerisch diese Methode auf die urbane Beton- und Stahl-Landschaft des Pariser Vororts Lisses. Aus den Verfolgungsjagden der Kinder über Treppen, Tischtennisplatten, Papierkörbe und kleinere Bäche entwickelten die Freunde als Jugendliche durch Einbeziehung immer schwierigerer Hindernisse wie Mauern, Zäune, Baugerüste – später auch Gebäudefassaden und Hochhäuser – entstand eine neue Sportart. Später arbeitete David erfolgreich als Stuntman. Der Schauspieler und Autor Hubert Koundé hat ihm dabei geraten, die Schreibweise von „parcours“ in „parkour“ zu ändern, damit es stärker und dynamischer wirkt. David Belle hat Le Parkour ursprünglich in der Parkour Worldwide Association organisiert, distanzierte sich 2006 aber von ihr.Bauer, Thomas 2008.

Das „natürliche Turnen“

In den 1920er Jahren führte die Spiel- und Sportbewegung immer mehr weg von strengen, systematischen Turnübungen. Jan Witfeld, Ilona E. Gerling, Alexander Pach: Parkour & Freerunning – Entdecke deine Möglichkeiten. 2010. S. 21f. Die Kinder sollten, ihrem natürlichen Bewegungsbedürfnis entsprechend, in der Entwicklung ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten unterstützt werden. Ausgehend von den österreichischen Schulreformern Karl Gaulhofer und Margarete Streicher, entwickelte sich das reformpädagogische Konzept des „natürlichen Turnens“ und setzte sich bald darauf auch in Deutschland durch. Im Vordergrund stand nicht mehr die stilgerechte Ausführung, sondern die Entwicklung eigener Fähigkeiten und Fertigkeiten anhand komplexer Bewegungsaufgaben unter Ausführung natürlicher Grundbewegungsformen. Als „Leibesübung“ war die Bildung der Persönlichkeit des ganzen Menschen wichtig. Dabei stand die Förderung von Individualität, Kreativität und Selbsttätigkeit im Vordergrund. Fehlerhafte Bewegungen waren wichtig, um richtige Bewegungen zu erkennen und deren Zweckmäßigkeit zu verstehen. Die „Leibeserziehung“ spiegelte die Ideale des Turnens nach J. C. F. GuthsMuths und L. Jahn wider, da anstatt vorgegebener Bewegungsmuster wie im Wettkampf besonderer Wert auf die individuelle Bewegungslösung gelegt wurde.

Training mini|Ein Passement

Grundsätzlich setzt sich ein Parkourtraining, wie bei jeder Sportart, aus einer Aufwärmphase, dem Hauptteil (beispielsweise Technik-, Kraft-, Ausdauertraining) und einer Abwärmphase zusammen. Viele Traceure entwickeln über die Jahre ihre eigene Trainingsweise, jedoch sind bestimmte Varianten besonders verbreitet. Beim Run (deutsch: „Lauf“) überwindet der Traceur einen Weg mit Hindernissen vom Start zum Ziel möglichst effizient und schnell, entsprechend der Definition der Sportart. Die Wiederholung einer bestimmten Einzeltechnik oder Kombination über einen längeren Zeitraum, besonders auch von kleinen Sprüngen, dient der Perfektionierung und Automatisierung des Bewegungsablaufs. Besonders verbreitet ist auch das Training in einer Art Jamsession. Dabei führt ein Traceur eine Technik vor, welche die anderen dann nachahmen. Man kann Parkour auch im Sportverein ausüben, wo man in der Halle über Sportgeräte springt.

Grundsätze Belle selbst sieht Parkour nicht nur als Sportart, sondern vielmehr als kreative Kunst, die dabei helfe, die eigenen, durch Körper und Umwelt gesetzten Grenzen zu erkennen und zu überwinden, ohne dabei andere mit seinem Können beeindrucken zu wollen. Hierbei ist es jedoch nicht erforderlich, sich gefährlichen oder waghalsigen Situationen auszusetzen. Die Philosophie von Parkour beinhaltet es, die Voraussetzungen für den Einsatz einer bestimmten Technik abzuschätzen und dabei immer im Auge zu behalten, ob man diese Voraussetzungen erfüllt und die Situation gefahrlos meistern kann.Interview mit David Belle bei YouTube (englische Untertitel)

Ein anderer Aspekt von Parkour ist der respektvolle Umgang des Traceurs mit seiner Umgebung und seinen Mitmenschen. Der Traceur ist auf seine Umgebung angewiesen und sollte deshalb darum bemüht sein, sie intakt zu halten, auch wenn er ungewöhnliche Wege beschreitet, die bei unvorsichtiger Begehung darunter leiden könnten. Ebenso ist er auf das Verständnis seiner Mitmenschen angewiesen, wenn er seinen Weg geht. Also sollte er auch anderen, die ungewöhnliche Interessen haben, offen entgegentreten und nicht von Vorurteilen beherrscht sein.

Die Prinzipien von Parkour beziehen sich jedoch nicht nur auf den eigenen Körper und Geist oder den Umgang mit anderen Menschen, sondern sind zugleich eine künstlerische Aussage zum öffentlichen und urbanen Raum. Parkour ist eine Rückeroberung des urbanen Raumes in Zeiten seiner zunehmenden Besetzung für private und vor allem kommerzielle Zwecke, in denen er immer mehr privatisiert wird und daher kaum noch öffentlicher Raum im Sinne eines für alle frei nutzbaren Raumes ist.

Der öffentliche bzw. urbane Raum wird bei Parkour in seiner Materialität nutz- und erlebbar gemacht. Scheinbar festgelegte Funktionen von Material und Orten werden erweitert, Material und Ort umgedeutet, andere Ebenen oder Sichtweisen von Material und urbanem Raum aufgezeigt und letztere neu interpretiert. Somit spielt Parkour auch im Diskurs der Kunst im öffentlichen Raum eine Rolle.

Die verschiedenen Aspekte von Parkour führen zu einem der wichtigsten Grundsätze: Parkour wird nicht im Wettstreit praktiziert. Dies bedeutet, dass Wettkämpfe jeglicher Art nicht notwendig sind. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Leistung an den Hindernissen und das immer wiederkehrende Erreichen und Verschieben von Grenzen sind Grundlage und Ansporn genug für weitere Trainingsfortschritte.

In dem von Chris Crudelli verfassten Buch Die Kunst des Kampfes: 300 Kampfsportarten, in welchem diverse Kampfkünste, Kampfsportarten und Selbstverteidigungssysteme geschildert sind, wird Parkour ebenfalls dazu gezählt. David Belle wird wie folgt zitiert: „Bei einer unliebsamen Begegnung hat man im Grunde drei Möglichkeiten: Reden, kämpfen oder flüchten. Fast alle Kampfkünste und Selbstverteidigungssysteme beschäftigen sich mit der Flucht überhaupt nicht. Meine Hoffnung ist es, dass Parkour diese Lücke schliessen kann.“

Techniken Wie bei vielen anderen Sportarten gibt es Grundtechniken, die der Traceur erlernt und für sich perfektioniert. Im Gegensatz zu vielen Funsportarten besitzt im Parkour jedoch nicht jede Technik-Hindernis-Kombination einen eigenen Namen. Die Methode, wie das Hindernis am besten zu überwinden ist, entsteht aus der Interaktion mit dem Hindernis selbst. Die verwendeten französischen Begriffe bezeichnen dementsprechend jeweils nur eine Grundtechnik, die in der Ausführung stark an das jeweilige Hindernis angepasst wird. Wichtig hierbei ist der Grundgedanke, das Hindernis so schnell und flüssig wie möglich und doch nur mit minimalem Aufwand zu überwinden, ohne dabei die Kontrolle über die Bewegung zu verlieren. Überflüssige Drehungen werden als hinderlich angesehen und eher beim Freerunning genutzt.