Kirtan (Sanskrit , Hindi , Bengali , in IAST kīrtan, Tamil , kīrtanam) ist ein devotionaler Gesangsstil in Südasien, bei dem meist eine Gruppe von Teilnehmern im Wechselgesang religiöse und mythologische Themen in Versen vorträgt. Der kirtan gehört besonders zum Bhakti-Kult des Vishnuismus und zur Glaubenspraxis im Sikhismus. Der hinduistische Bhakti-Kult war ursprünglich eine gegen die brahmanische Elite gerichtete Strömung und verwendete daher bei religiösen Ritualen Volkssprachen anstelle des klassischen Sanskrit. Kirtan sind in vielen regional unterschiedlichen Stilrichtungen bekannt, die sich überwiegend aus der formal strengen nordindischen Gesangstradition dhrupad ableiten. In einem allgemeineren Sinn, unabhängig von der Form oder als formal einfachere Gattung werden religiöse Lieder bhajan genannt.
Pada kirtan, vorgetragen von einem Vorsänger und im Kreis auf dem Boden sitzenden Begleitern, besteht aus mythischen Erzählungen in Versform über das Leben einer Gottheit und kommt in Varianten in ganz Indien vor. In Bengalen werden im vishnuitischen padavali kirtan, dessen Form von Narottama Das in den 1570er Jahren eingeführt wurde, mythische Episoden aus dem Leben Krishnas vorgetragen. Katha kirtan („Geschichten erzählen“) kombiniert Erzählung, gesungene Lieder und Instrumentalmusik. Der in ganz Indien populäre Chorgesang nam kirtan (auch samkirtan oder nam san kirtan) basiert wie der Dhikr im Sufismus auf einem gleichbleibenden Rhythmus und auf endlosen Wiederholungen eines Gottesnamens oder eines Mantras. Nam kirtan wird stehend im Tempel oder häufig draußen beim Gehen vorgetragen. Für Sikhs ist der shabad kirtan ein wesentlicher Bestandteil der Liturgie und wird gewissenhaft gemäß einer musikalischen Struktur vorgetragen, deren Tonfolge auf einem Raga basiert. Der nagar kirtan (auch nagara kirtan) der Sikhs ist der Vortrag von kirtan während einer Prozession. In Maharashtra unterscheidet sich der warkari kirtan mit einem großen Chor vom übrigen Indien durch die Kombination aus Erzählung, Musik, Tanz und theatralischen Elementen. In Südindien bildet der kirtanam ein Genre der südindischen klassischen Musik.
Kirtan-Vorsänger tragen den Titel kirtankar („jemand, der kirtan ausführt“). Nach der Legende gilt der mythische Weise Narada als der erste kirtankar. mini|hochkant=1.5|Nam kirtan-Aufführung im Dhekiakhowa Bornamghar, einer religiösen Versammlungshalle (namghar), die es nur in der besonderen Ausprägung des Hinduismus in Assam gibt. Distrikt Jorhat.
Herkunft Vedischer Ursprung mini|Ekstatische kirtan-Aufführung von Chaitanya-Anhängern in Bengalen. Malerei des 19. Jahrhunderts. Die sakrale Musik reicht bis in die altindische Zeit der Veden zurück, als die Priester bei Zeremonien heilige Worte und Silben mit magischer Bedeutung rezitierten. Die am Ende der vedischen Zeit entstandenen Upanishaden beinhalten Rezitationsweisen und Versmaße, die an personifizierte Gottheiten gerichtet waren. So entsprach das Metrum gayatri im Rigveda dem Sonnengott Savitri, das Metrum tristubh dem damals höchsten Gott Indra und das Metrum jagati den Maruts genannten untergeordneten Windgottheiten und später anderen Göttern. Das Samaveda handelt von den Melodien (saman) der Verse. Die Gesangsstimmen wurden durch eine von mehreren Sängern in der tiefsten Lage gemurmelte Silbe ergänzt. Dies war offenbar eine Bordunbegleitung, die bis heute ein wesentliches Element der indischen Musik darstellt.Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band 2. Musik des Altertums. Lieferung 8. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 13f Seit altindischer Zeit gilt der rein vokale oder von wenigen Instrumenten begleitete Gesang als kulturell höherstehend als die Instrumentalmusik.Walter Kaufmann, 1981, S. 20
Die ästhetische Ausdrucksform des kirtan ist in der vedischen Literatur verankert. In den Upanishaden wird das unpersönliche göttliche Prinzip brahman als von rasa erfüllt beschrieben. Rasa ist ein für die darstellenden Künste in Indien zentraler ästhetischer Begriff, der eine Grundstimmung der inneren Erfüllung bedeutet. Die vedischen Formen von Tanz, Theater und Musik standen in einer engen Beziehung zur religiösen Sphäre, denn sie verfolgten das Ziel, rasa zu erzeugen. Offenbar waren sich die vedischen Sänger der magischen Kraft ihrer Musik bewusst, mit der sie die Götter zur Teilnahme an den Ritualen anriefen und sie priesen. Die Göttin Sarasvati ist die Patronin der Musik, die meist mit einer vina in der Hand dargestellt wird und Krishna spielt Querflöte. Auch anderen Göttern wird eine Freude an Musik attestiert, weshalb sie von Gandharvas, musizierenden himmlischen Wesen, umgeben sind. Die unter der Leitung des Weisen Narada singenden Gandharvas werden bei ihrer Gandharvasangita („himmlische Musik“) von tanzenden Apsaras und musizierenden Kinnaras begleitet. Zu der an die Götter gerichteten Ghandarva-Musik gehörten neben Tanz auch dramatische Inszenierungen. Laut der um die Zeitenwende entstandenen altindischen Musiktheorie Natyashastra wurden besondere Rituallieder (dhruva) nicht nur in der Literatursprache Sanskrit, sondern auch in den von der breiten Gesellschaft im Alltag gesprochenen Prakrit-Sprachen. Die dhruva waren die Vorläufer der späteren hinduistischen Tempelmusik und des mittelalterlichen pada kirtan (erzählende devotionale Lieder).Guy L. Beck, 2010, S. 588
Die in den Veden überlieferten Hymnen und Beschwörungsformeln waren und sind den Brahmanen vorbehalten, die in den Hindutempeln als Ritualpriester fungieren. Dagegen werden die religiösen Gesangsstile wie kirtan, bhajan und die eigene Gesangstradition der Bauls in Bengalen auch von Mitglieder anderer Kasten, Religionen und Bevölkerungsgruppen gepflegt. Als Begleitinstrumente bei hinduistischen Tempelzeremonien (puja), die um die Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. entstanden, dienen hauptsächlich Handglocken (Sanskrit ghanta), Schneckenhörner (sankha), Zimbeln (jhanjh, elathalam), Trommeln und in Südindien Doppelrohrblattinstrumente (wie die nadaswaram).Alain Daniélou: Südasien. Die indische Musik und ihre Traditionen. Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, S. 8f
mini|Kirtan-Ensemble der Gaudiya Vaishnavas in Westbengalen mit Handzimbeln (kartal) und zweifelligen Trommeln, die am Jahresfest Gaura-purnima zu Ehren ihres Sektengründers Chaitanya auftreten. Die grundlegenden altindischen Texte für die kirtan- und bhajan-Lieder, auf die sich die vishnuitische Bhakti-Bewegung beruft, sind die Bhagavad Gita und das Bhagavatapurana. In Bhagavadgita, Kapitel 9, Verse 13–14, stehen die Begriffe kirtan (als kirtayanto) und bhajan (bhajanti) für eine Hingabe (bhaktiya) an das Göttliche, die nicht notwendig in Verbindung mit Musik steht.Guy L. Beck, 2010, S. 589f Die Bhakti-Bewegung entstand dem tamilischen Schrifttum zufolge nach dem 6. Jahrhundert in Südindien und breitete sich bald in sektenartigen Kulten, die Vishnu, Shiva oder dessen weiblichen Aspekt Shakti verehrten, in ganz Nordindien aus. In der Bhakti-Bewegung gewann die individuelle Gottesverehrung Vorrang vor den von Priestern gelenkten Tempelritualen. Seit dem Mittelalter gehen neue religiöse Musikformen im Wesentlichen aus der Bhakti-Bewegung hervor. Eine große Anhängerschaft versammelten die Hinduheiligen Vallabha (Vallabhacarya, 1479–1531) im westlichen Nordindien und Chaitanya (1486–1533) in Bengalen um sich.
Sankirtana Eine besondere Form des kirtan, dessen Chorgesang und Tänze teilweise ekstatischen Charakter annehmen, ist der sankirtana in Bengalen, der sich unter dem hinduistischen Mystiker Chaitanya entwickelte und zur Radha-Krishna-Verehrung gehört.Alain Daniélou, 1978, S. 46 Neben Krishna, dem beliebtesten Gott im Bhakti-Kult, werden im Vishnuismus noch andere Avatare von Vishnu, unter ihnen Rama verehrt. Weitere devotionale Musik richtet sich an Shiva, Ganesha sowie die Göttinnen Durga und Sarasvati.Guy L. Beck, 2010, S. 589 Im nordöstlichen Bundesstaat Manipur wurde der sankirtana 2013 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.Sankirtana, ritual singing, drumming and dancing of Manipur. UNESCO Intangible Cultural Heritage, 2013.
Im Bhagavatapurana des 6. bis 9. Jahrhunderts werden kirtan und bhajan als feste Bestandteile des Bhakti-Kults etabliert. Zum Bhakti gehören demnach neun Handlungen, von denen kirtan an zweiter Stelle gelistet ist. Des Weiteren geht es um Opfergaben, die Verehrung (puja) und die Unterwerfung unter den Willen Gottes. Zur Verehrung gehört ausdrücklich die als gayan („singen“) und gita („Lied“) bezeichnete Musik. In einem weiteren Vers des Bhagavatapurana (11.11.36) werden gita („Lied“), tandava („Tanz“) und vaditra („Instrumentalmusik“) als gleichgewichtige Bestandteile des Tempeldienstes genannt.Guy L. Beck, 2010, S. 590
Dem Bhagavatapurana zufolge gab es gegen die streng hierarchische Gesellschaftsordnung, an deren Spitze die brahmanische Orthodoxie stand, gerichtete soziale Bhakti-Bewegungen, die in den religiösen Kulten anstelle von Sanskrit im Alltag gesprochene Sprachen verwendeten. Entsprechend gehört bis heute zu den üblichen Prinzipien der kirtan-Gesangsgruppen, bei der Zusammensetzung nicht auf Geschlecht und Kaste zu achten.
Auf die Unterscheidung zwischen brahmanischer Tradition und Bhakti-Bewegung wurde das Kategorienpaar great tradition versus little tradition des Ethnologen Robert Redfield angewandt. Dieses Konzept erklärt die brahmanischen Kulte (great tradition) zu einem städtischen Phänomen der Eliten, deren Status die ländliche Bevölkerungsmehrheit (little tradition) in einem „Sanskritisierung“ genannten Prozess zu erlangen sucht, indem sie entsprechende Kultpraktiken übernimmt. Auf musikalischer Ebene entspricht die great tradition in Indien dem Begriff shastriya sangit, der „klassischen Musik“, deren Melodiegerüst auf einem Raga basiert, während der little tradition der Bereich lok sangit, „Volksmusik“, einschließlich kirtan zugeordnet wird. Auch wenn eine kirtan-Melodie nicht konsequent einem bestimmten Raga folgt, so sind doch einige musikalische Strukturen wie etwa ein zunehmendes Tempo und regelmäßige Wiederholungen melodischer Phrasen als Übernahmen der klassischen Musik erkennbar.Stephen M. Slawe, 1988, S. 79, 85
Der devotionale Gesang stammt zwar aus altindischer Zeit, aber erst der mit der Bhakti-Bewegung verbreitete Gesang von kirtan mit mehreren Teilnehmern hat die religiöse Verehrung durch die breite Bevölkerung erleichtert. Für das kirtan-Singen braucht es keine Initiation durch einen religiösen Meister (Guru), keine sonstigen Rituale und keine asketische Lebensweise.
Kirtan und bhajan mini|Nam kirtan in Westbengalen mit Doppelkonustrommeln khol Begleitinstrumente für kirtan und bhajan sind Handzimbeln (jhanjh), Klappern (kartal), verschiedene Trommeln (tabla, pakhawaj, dholak im Norden und khol im Osten). In Nordindien übliche Melodieinstrumente wie sarangi und esraj werden zunehmend durch ein tragbares Harmonium ersetzt, das im 19. Jahrhundert von christlichen Missionaren eingeführt wurde und das auch anstelle der tanpura die Funktion eines Borduninstruments übernimmt. In Südindien sorgt die shrutibox für den Bordunton.
Kirtan und bhajan ähneln gleichermaßen in ihrer rituellen Funktion den Psalmen (von griechisch psalmos, „Saitenspiel“, „Preislied“) in der christlichen Liturgie und dem Dhikr der Sufis. In der indischen Tradition besteht zwar eine funktionelle Verbindung zu den auf Sanskrit vorgetragenen Hymnen (stotra und sutka) der vedischen Zeit an eine Gottheit, die devotionalen Musikformen kirtan und bhajan entstanden jedoch von der vedischen Tradition unabhängig zusammen mit der mittelalterlichen Bhakti-Bewegung.