mini|1972 gefundene Fragmente („Sanaa Palimpsest“) eines Korans in der Großen Moschee von Sanaa Die Geschichte des Korantextes stellt die Entstehung des Korans in ihren historischen Zusammenhängen dar. Der Koran ist der Ursprung der islamischen Schriftkultur, seine Offenbarung, zwischen 610 und 632 n. Chr., wurde zunächst mündlich überliefert und nur teilweise schriftlich fixiert. Die historisch-kritische Wissenschaft geht, wie gläubige Muslime auch, zumeist von einer autoritativen Edition des Korans unter dem Kalifen Uthman ibn Affan aus.
Dabei sollen frühere mündliche und schriftliche Überlieferungen, die seit der Zeit des Propheten Muḥammad kursierten, vereinheitlicht und abweichende Versionen vernichtet worden sein. Neuere Forschungen weisen jedoch darauf hin, dass die Textgestalt des Korans auch nach der sogenannten ʿUthmānischen Redaktion noch kleineren redaktionellen Entwicklungen unterlag. Frühislamische Handschriftenfunde – etwa aus ṢanʿāʾSanaa Palimpsest (also Ṣanʽā’ 1 oder DAM 01-27.1) – zeigen Varianten, die auf eine längere Phase der Textkonsolidierung hindeuten. Die Koranentstehung ist somit sowohl im Kontext der frühislamischen Gemeindebildung als auch der politischen Legitimation des entstehenden Kalifats zu sehen.
Übersicht Der Koran ist in seiner späteren kanonischen Gestalt, nach kufischer Zählung, in etwa 6.236 Versen (āyāt, , singular ) und in 114 Suren (suwar, , Sg. sūra, ) gegliedert, die jeweils einen eigenen Namen tragen. Die Reihenfolge der Suren folgt nicht dem chronologischen Zeitpunkt ihrer Offenbarung, sondern orientiert sich, nach überwiegender Auffassung, weitgehend an ihrer Länge. Eine Ausnahme bildet die erste Sure, al-Fātiḥa (), die den Text einleitet. Mit Ausnahme der neunten Sure, at-Tauba (), beginnt jede Sure mit der Basmala-Formel: „Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Gnädigen“ ().Anton Spitaler: Die Verszählung des Koran nach islamischer Überlieferung. (= Heft 11, Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-historische Abteilung Jahrgang 1935), Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München 1935
Der Koran ist nicht nur durch seine sprachliche Form, sondern vor allem durch seinen unverwechselbaren Stil gekennzeichnet, der in der islamischen Tradition als „unnachahmlich“ () angesehen wird. Die Unnachahmlichkeit wird von Gelehrten anhand mehrerer Dimensionen bestimmt, darunter die Sprache, die inhaltliche Tiefe, die literarische Komposition und die stilistische Raffinesse. Charakteristisch für den koranischen Stil sind Reimelemente und assonanzreicheMit Assonanz wird ein Stilmittel des sprachlichen Gleichklangs zweier oder mehrerer Wörter bezeichnet. Die klangliche Übereinstimmung beruht auf einer Häufung bzw. Wiederholung von Vokalen. Die Konsonanten bleiben dabei unberücksichtigt. Prosastrukturen werden in der arabischen Literatur als () bezeichnet. Zentral für diesen Stil ist die Verwendung von Sadsch (), einer Form rhythmisch-klingender Prosa, die sowohl Endreime als auch Wiederholungen von Lauten und Vokalen innerhalb eines Satzes umfasst. Letztere werden in der westlichen Terminologie als Assonanz bezeichnet und erzeugen einen sogenannten „Innenklang“, der im Arabischen als besonders harmonisch wahrgenommen wird.Paul Ricœur: Poetische Fiktion und religiöse Rede. In: Franz Böckle, Franz-Xaver Kaufmann, Karl Rahner, Bernhard Welte (Hrsg.): Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft. Enzyklopädische Bibliothek in 30 Teilbänden, Band 2: „Mythos und Wissenschaft. Kunst und Religion. Literarische und religiöse Sprache“ Herder, Freiburg / Basel / Wien 1981, S. 96–105.
Thematisch steht der strikte Monotheismus (), der Glaube an die Einheit Gottes, im Zentrum des Textes.Matthias Radscheit: Iʿǧāz al-Qurʾān im Koran? In: Stefan Wild (Hrsg.): The Qurʾan as Text. E.J. Brill, Leiden 1996, S. 113–124.
Kanonisierung des Korans Im Jahr 632 n. Chr. (11 n. H.), kurz nach dem Tod des Propheten Mohammed, wurde unter dem Kalifen Abū Bakr (Regentschaft 632–634) erstmals eine Sammlung der koranischen Offenbarungen zu einem muṣḥaf (), unternommen. Ziel dieser Kompilation war es, den authentischen Wortlaut des Korans zu sichern und ihn von den übrigen prophetischen Überlieferungen (HadithenIn der islamischen Rechtslehre (Fiqh) gelten traditionell vier Hauptquellen: 1. Koran, das offenbarte Wort Gottes. 2. Sunna, das Vorbild und die Praxis des Propheten Mohammed. 3. Hadith, die überlieferten Aussagen, Taten und Billigungen Mohammeds, die die Sunna konkretisieren. 4. Weitere Quellen (Idschmāʿ, Qiyās usw.), Konsens und Analogieschluss.) abzugrenzen. Diese Sammlung war jedoch noch keine endgültige Kodifizierung, sondern eher eine Zusammenstellung verstreuter Materialien (z. B. Palmblätter, flachen Steinen oder Knochenstücken, Lederriemen, Pergamentstücken, Gedächtnisüberlieferungen).
Besondere Bedeutung erlangte der erwähnte Kalif Uthman ibn Affan (Regentschaft 644–656 n. Chr.) vor allem dadurch, dass er um das Jahr 650 n. Chr. die Sammlung und Vereinheitlichung des Korans veranlasste. Ziel war es, eine standardisierte und fortan einzig offiziell gültige Version des heiligen Textes zu schaffen, um der zunehmenden Vielfalt an Lesarten und regionalen Sprachvarianten entgegenzuwirken.Yāsin Dutton: Orality, Literacy and the ‘Seven Aḥruf’ Ḥadīth. Journal of Islamic Studies, Vol. 23, No. 1 (Jan. 2012), S. 1–49. Unter seiner Ägide wurde die erste kanonische Version des Korantexts erstellt, um die Vielfalt an Lesarten einzudämmen; „Uthmānische Rezension“.Harry Munt: The Arabian Context of the Qur’an: History and the Text. S. 97–110 In: Mustafa Shah, Muhammad Abdel Haleem (Hrsg.): The Oxford Handbook of QUR’ANIC STUDIES. Oxford University Press, Oxford 2020, ISBN 978-0-19-969864-6, auf almuslih.org almuslih.org S. 99.Adel Th. Koury: Der Islam. Sein Glaube, seine Lebensordnung, sein Anspruch. (= Band 4167 Herder Spektrum). Herder, Freiburg / Basel / Wien 1988, ISBN 3-451-04167-7, S. 36–40.
Nach islamischer Überlieferung wurde dabei großer Wert auf die Authentizität der Verse () gelegt: Es wurde angestrebt, dass jeder Vers durch die Aussage von mindestens zwei vertrauenswürdigen Personen belegt wird, die ihn direkt vom Propheten Mohammed gehört hatten. Nur sechs Verse sollen dabei laut Überlieferung von lediglich einem Zeugen übermittelt worden sein und zwar von Zaid ibn Thabit, einem engen Vertrauten und Schreiber des Propheten, der bereits unter dem ersten Kalifen Abu Bakr an einer früheren Sammlung mitgewirkt hatte.Adel Th. Khoury: Der Islam. Sein Glaube, seine Lebensordnung, sein Anspruch. (= Band 4167, Herder Spektrum) Herder, Freiburg / Basel /Wien 1988, ISBN 3-451-04167-7, S. 35–41.Tayyar Altikulac: Kodex und Kanon - Die Koranhandschriften der Kalifen Osman und Ali. Corpus Coranicum, Vortrag, auf islamheute.ch islamheute.ch S. 3 f.
Ein zentraler Aspekt der Vereinheitlichung war die sprachliche Standardisierung. In der Frühzeit des Islam existierten zahlreiche arabische Dialekte, die sich in Aussprache, Vokalisierung, Grammatik und Wortschatz unterschieden. Diese sprachliche Vielfalt ist typisch für die semitische Sprachfamilie, zu der das Arabischesiehe Geschichte der arabischen Sprache ebenso gehört wie Hebräisch, Aramäisch, Akkadisch und andere. Besonders das Syro-Aramäische (Syrisch), eine weit verbreitete Sprache in religiösen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontexten des Vorderen Orients, hatte bereits vor und zur Zeit Mohammeds großen Einfluss auf die Region.Hamed Abdel-Samad: Islam. Eine kritische Geschichte. dtv, München 2024, ISBN 978-3-423-35226-0, S. 61; Omar Hamdan: Zur Rolle frühislamischer Grammatiktheorien in der Entwicklung der koranischen Orthographie. In: Mohammed Nekroumi, Jan Meise (Hrsg.): Modern Controversies in Qurʾānic Studies. EB-Verlag, Hamburg 2009, ISBN 978-3-936912-15-9, S. 45–95; Hamed Abdel-Samad: Der Koran. Botschaft der Liebe. Botschaft des Hasses. Droemer, München 2018, ISBN 978-3-426-30126-5, S. 21–22.
Der sogenannte ʿUthmānische KoranIm Zusammenhang mit dem Koran bezeichnet den ʿUthmānischen Schriftbefund, also das konsonantische Grundgerüst des Korantextes, das zur Zeit des Kalifen ʿUthmān ibn ʿAffān standardisiert wurde. gilt in der islamischen Tradition als die maßgebliche und authentische Textfassung des Korans, deren Ziel es war, die sich abzeichnenden regionalen Unterschiede in der Rezitation und schriftlichen Überlieferung zu beseitigen. Diese Redaktion führte zur Erstellung mehrerer identischer Exemplare, die an die großen Zentren des Kalifats (etwa nach Mekka, Kufa, Basra und Damaskus) gesandt wurden. Alle abweichenden Versionen sollten daraufhin vernichtet werden.
Die ʿUthmānische Redaktion standardisierte allerdings nicht die vollständige sprachliche Gestalt des Textes, sondern lediglich das sogenannte rasm (), also das Konsonantenskelett der arabischen Schrift. Zu dieser Zeit war die arabische Schrift noch unpunktiert und unvokalisiert, das heißt, sie unterschied weder zwischen gleich geformten Konsonanten (z. B. b, t, ṯ, n, y) noch enthielt sie Zeichen für kurze Vokale. Erst in den folgenden Jahrhunderten wurden diakritische Punkte und Vokalzeichen (ḥarakāt) eingeführt, um die korrekte Aussprache zu fixieren und Missverständnisse zu vermeiden.Munther A. Younes: Ist der Koran tatsächlich unverfälscht? In: Willi Steul (Hrsg.): Koran erklärt. (= Band 4802 Suhrkamp Taschenbuch). Suhrkamp, Berlin 2017, ISBN 978-3-518-46802-9, S. 34–371; Suleiman Mourad, Perry Anderson; Das Mosaik des Islam. Berenberg, Berlin 2016, ISBN 978-3-946334-31-6, S. 18–26.
Aus dieser Entwicklung ging ein System verschiedener kanonischer Lesarten () hervor, die jeweils auf autoritative Rezitatoren des frühen Islam zurückgeführt werden. Diese Lesarten unterscheiden sich in Details der Aussprache, Grammatik und teilweise auch in der Bedeutung einzelner Wörter, basieren jedoch alle auf demselben ʿUthmānischen rasm. Heute erkennt die islamische Orthodoxie zehn kanonische Lesarten (nach Nāfiʿ, Ibn Kathīr, Abū ʿAmr, Ibn ʿĀmir, ʿĀṣim, Ḥamza, al-Kisāʾī, Abū Jaʿfar, Yaʿqūb und Khalaf) an, die jeweils über eine Kette von Überlieferern (isnād) tradiert wurden.
Neben diesen kanonischen Varianten existierten in der Frühzeit des Islam zahlreiche weitere nicht-kanonisierte Lesarten, die im Zuge der späteren Normierung des Korans verworfen oder marginalisiert wurden. Die Existenz dieser Varianten zeigt, dass der Korantext in seiner Frühgeschichte eine gewisse mündlich-textliche Fluidität aufwies, bevor sich die heutige kanonische Form endgültig durchsetzte.
In diesem Zusammenhang lassen sich auch im Koran eine Reihe syro-aramäischer Lehnwörter nachweisen. Begriffe wie furqan („Unterscheidung“), sirat („Weg“), zakat („Almosen“) oder rahman („barmherzig“) deuten darauf hin, dass sich der Koran sprachlich nicht in einem isolierten Raum entwickelte, sondern unter dem Einfluss benachbarter Kulturen und Sprachen stand. Einige dieser Wörter könnten zur Zeit der Offenbarung nicht allen arabischsprachigen Zuhörern vollständig verständlich gewesen sein, was die Notwendigkeit einer sprachlichen Vereinheitlichung zusätzlich verstärkte.Hamed Abdel-Samad: Mohammed. Eine Abrechnung. Droemer, München 2015, ISBN 978-3-426-27640-2, S. 42; 151–159.
Uthman entschied sich daher, den Korantext im quraischitischen Dialekt – der als Sprache des Propheten Mohammed galt – zu fixieren. Dieser Dialekt wurde später zur Grundlage des klassischen Hocharabisch. Frühere Koran-Kodizes, die in anderen Dialekten verfasst waren, wurden laut Überlieferung auf Befehl des Kalifen eingesammelt und verbrannt, um die einheitliche Rezitation sicherzustellen. Diese Maßnahme stieß insbesondere bei den Huffaz – also denjenigen, die den Koran auswendig gelernt hatten – auf Widerstand, da ihre persönlichen Überlieferungen nicht immer berücksichtigt wurden.