Die Taufe des Kämmerers oder Die Taufe des Eunuchen, seltener Die Taufe des Mannes aus Äthiopien, ist ein Ölgemälde des niederländischen Malers Rembrandt van Rijn aus dem Jahr 1626. Es zeigt die Taufe des Eunuchen der Kandake durch Philippus, einen der sieben Diakone, aus Kapitel 8 der Apostelgeschichte des Lukas. Das Gemälde ist im Hochformat auf Eichenholz ausgeführt und zeigt Elemente mehrerer querformatiger Gemälde von Pieter Lastman zum gleichen Thema. Dabei ordnete Rembrandt die entlehnten Teile in einer neuen Bildkomposition an und verdichtete sie gegenüber den Vorlagen seines Lehrmeisters deutlich. Das Gemälde war der kunsthistorischen Forschung völlig unbekannt, als es 1974 in einem privaten Wohnzimmer vorgefunden wurde. Aufgrund zahlreicher Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen mit Merkmalen anderer Bilder aus Rembrandts Frühwerk wird das Bild seither durchgehend als Original von der Hand Rembrandts anerkannt.
Beschreibung mini|hochkant|Zustand ausgerahmt, zu Beginn der Restaurierung, 1976 mini|Nahaufnahme der Signatur, während der Restaurierung, 1976 Darstellung In der Mitte des Vordergrunds kniet als vorderste von sieben hintereinander gestaffelten Figuren ein Schwarzer, der einen Hermelinmantel über einem purpurfarbenen Gewand und darüber eine weiße Leibbinde trägt. Sein Haupthaar ist schwarz, kurz und gekräuselt, er scheint einen nur dünnen Kinn- und Backenbart zu tragen. Am linken Ohr trägt er einen goldenen Anhänger und am rechten Daumen einen goldenen Ring. Sein linkes Knie ruht auf dem Boden und das rechte Bein ist angewinkelt, mit dem Fuß auf dem Boden. Dabei ist der Mann mit vor der Brust gekreuzten Händen zum linken Vordergrund gewandt, so dass sich sein Scheitel im Bildmittelpunkt befindet und sein rechter Oberarm der Bilddiagonale nach links unten folgt.
Links von der Bildmitte, steht ein groß gewachsener Weißer mit schütterem Haarkranz und langem grauem Bart, der in ein hellbraunes Gewand gekleidet ist, und darüber eine orangefarbene Leibbinde und einen lilafarbenen Umhang trägt. Er blickt auf das Haupt des Schwarzen hinab und vollzieht mit der Rechten eine segnende Geste, die im Kontext als Taufgeste gesehen werden muss.
Hinter dem Täufling hockt ein weiterer Schwarzer, der deutlich jünger wirkt und ebenfalls kurze schwarze Haare hat. Er trägt ein am Saum aufwändig grün und gelb gemustertes graugrünes Gewand und einen grünen Umhang. Sein Gewand ist an der rechten Schulter mit einer goldenen Fibel verschlossen und er trägt am linken Ohr einen großen Ring. Er beobachtet aufmerksam die Taufe und hält auf den Knien den Turban seines Herren aus blauem und rotem Stoff.
Rechts von der Bildmitte, aber gegenüber dem Täufer leicht zum Hintergrund versetzt, steht ein Orientale mit brauner Haut, einem langen blauen Gewand und einer turbanähnlichen weißen und lila Kopfbedeckung mit einer weißen Feder. Er hält vor seinem Bauch ein großes aufgeschlagenes Buch und blickt dem Betrachter entgegen. Hinter ihm steht zum rechten Bildrand ausgerichtet eine zweispännige offene Kutsche mit einem orientalisch gekleideten Weißen, mit Peitsche auf dem Kutschbock und einem weiteren Diener dahinter. Wiederum hinter den beiden Pferden der Kutsche steht ein ebenfalls orientalisch gekleideter weißer Reiter, der nach links ausgerichtet ist und wie die beiden Kutscher zum Betrachter schaut. Er trägt einen Köcher mit Pfeilen am Sattel, von seinem Pferd ist nur der Schweif zu sehen.
Den linken Hintergrund nimmt eine bis zur Oberkante des Bildes aufragende Palme ein. Am rechten Bildrand reicht die Sicht weit in die Ferne, mit aufragenden dunklen Felsen oder der Silhouette eines Ortes vor zwei Hügeln. Im linken Vordergrund befindet sich ein großer braun-weißer Hund, der hinter dem Täufer hervorkommt und am Wasser des Flusses in der linken unteren Bildecke säuft. Rechts davon, aber noch im linken Vordergrund, sind einige Kräuter dargestellt. Der rechte Vordergrund ist frei, hier hat der Maler mit dem hölzernen Schaft seines Pinsels eine unregelmäßige Struktur in die Farbe geritzt. In der rechten unteren Ecke befinden sich ein Monogramm und die Datierung RH 1626. Die Signatur entspricht anderen Signaturen Rembrandts aus dem Jahr 1626.
Technische Untersuchung
mini|hochkant|Rückseite ohne Rahmen, während der Restaurierung, 1976 Das Gemälde hat das Format 63,5 × 48 cm und ist mit Ölfarbe auf eine etwa zehn Millimeter starke Tafel aus baltischem Eichenholz mit senkrechter Maserung gemalt. Die Tafel besteht aus zwei senkrechten Brettern, das linke hat eine Breite von 23,6 cm (± 0,4 cm). Die Rückseite wurde mit einer konkaven Klinge gehobelt, die breite vertikale Rillen hinterlassen hat. Die Ränder sind rückseitig rechts auf 3,5 cm Breite und an den übrigen Rändern auf 4 cm Breite abgeschrägt. Zum Zeitpunkt der Entdeckung wurden die beiden Teile des Gemäldes nur durch drei rückseitig aufgeleimte schmale Holzstreifen zusammengehalten. Sie waren zueinander nicht korrekt ausgerichtet und ließen sich, wahrscheinlich infolge einer zurückliegenden nicht fachgerechten Bearbeitung, nicht mehr passgenau zusammenfügen. Im Rahmen der Restaurierung von Juli bis August 1976 wurden sie zusammengeklebt und an der Verbindungsstelle fehlendes Holz bis zu 0,5 mm Stärke ergänzt. Die Holzstreifen auf der Rückseite wurden entfernt. Die dendrochronologische Untersuchung ergab für die Holztafel das frühestmögliche Nutzungsjahr 1615 und eine anzunehmende Entstehung des Gemäldes ab 1621.
Die hellgelbe Grundierung tritt nur an wenigen Stellen mit sehr dünnem Farbauftrag hervor, wie an den Ecken der Buchseiten und an einigen Stellen mit Beschädigungen der Farbschicht. Die erste gelbbraune Grundierung besteht aus Kalk und Leim. Darauf wurde als zweite Grundierung Bleiweiß mit dunkelbraunem und an manchen Stellen mit schwarzem Pigment aufgetragen. Die Farbschicht befindet sich in einem insgesamt guten Zustand, nur wenige Bereiche zeigen Abnutzung durch übermäßige Reinigungen. An einigen Stellen, so im Stamm der Palme, an Phillips Schulter und am Ellenbogen des knienden Dieners, kam es durch von der Rückseite nach vorne durchtretende Nägel zu Farbverlusten. An wenigen Stellen ist ein feines Krakelee zu finden, an wenigen weiteren Stellen gibt es Risse infolge des Schrumpfens der Farbschicht. Bei der Restaurierung im Jahr 1976 wurde eine alte Firnisschicht entfernt und durch eine neue ersetzt.
Die Infrarotfotografie offenbart eine Vorzeichnung im Bereich des Himmels, die verworfen und übermalt wurde. Dort sollte ein aufgespannter Schirm sein, wie in der wenige Jahre zuvor von Rembrandts späterem Lehrer Pieter Lastman gemalten Taufe des Mohrenkämmerers durch den Apostel Philippus. Die Röntgenaufnahme zeigt einige der von Rembrandt während der Arbeit durchgeführten Änderungen. So war das Rad der Kutsche größer geplant, seine Nabe befindet sich auf dem Röntgenbild tiefer als auf dem Gemälde. Statt der links oben dargestellten Palme sollte im ersten Entwurf ein Laubbaum abgebildet werden. Bildelemente, die erst auf den bereits gemalten Himmel aufgetragen wurden, sind auf dem Röntgenbild nicht zu sehen. Das betrifft die Palme und den Schweif des nach links gewandten Pferdes.
Biblischer Hintergrund mini|Die Taufe des Eunuchen, Pieter Lastman, 1615 bis 1620, Öl auf Holz, 63,5 × 98,8 cm, Fondation Custodia, Paris mini|Die Taufe des Mohrenkämmerers, Pieter Lastman, 1620, Öl auf Eichenholz, 70 × 104 cm, Alte Pinakothek, München mini|Die Taufe des Mohrenkämmerers durch den Apostel Philippus, Pieter Lastman, 1623, Öl auf Eichenholz, 85 × 115 cm, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe Der biblische Hintergrund des Gemäldes ist die Taufe des Eunuchen der Kandake durch Philippus, einen der sieben Diakone. Die Begebenheit wird am Ende von Kapitel 8 der Apostelgeschichte des Lukas geschildert . Der Kämmerer begegnet auf dem Rückweg von Jerusalem, wo er Gott anbetete, dem Diakon Philippus. Dieser erklärt sich bereit, dem im Buch Jesaja lesenden Kämmerer die Schrift zu erläutern. Nachdem er dem Reisenden an einem Beispiel aus dem Buch die christliche Lehre verkündet hat, ist der Kämmerer bereit sich taufen zu lassen. Er ist der erste Heidenchrist, von dessen Taufe die Bibel berichtet. Erst nach ihm wurde der römische Hauptmann Kornelius mit seinen Verwandten getauft .
Die Taufe des Eunuchen ist von besonderer Bedeutung, da im 5. Buch Mose Eunuchen die Teilnahme am jüdischen Gottesdienst verwehrt wurde . Dem stand die Verheißung an die Fremden und Kinderlosen des Buch Jesaja entgegen, in der ihnen die Aufnahme in die Gemeinde angekündigt wird . In der religiösen Praxis war auch zur Zeit Jesu die Aufnahme eines Eunuchen in die jüdische Gemeinde ausgeschlossen. Der Kämmerer kann entgegen vereinzelten Angaben in kunsthistorischen Veröffentlichungen kein Jude gewesen sein, obwohl es ihm möglich war Gott außerhalb des Tempels anzubeten. Erst mit der Taufe des Kämmerers wird die Ankündigung Jesajas verwirklicht, nicht mit der Aufnahme in das Volk Israel, sondern mit der Aufnahme in die christliche Gemeinde.
Der griechische Originaltext bezeichnet den „Kämmerer“ als εὐνοῦχος (eunuchos), also als Eunuch. Dem folgen auch die Vulgata mit eunuchus, sowie die Geneva-Bibel und die King-James-Bibel mit eunuch. Die Bezeichnung „Eunuch“ fand auch Eingang in die Hoffnung für alle, die Neue Genfer Übersetzung und die Gute Nachricht Bibel. Bereits in der Lutherbibel von 1545 wird der Täufling als ein Mann aus Mohrenland, ein Kämmerer und Gewaltiger der Königin Kandaze in Mohrenland bezeichnet. Auch die Lutherbibel von 2017, die Einheitsübersetzung 2016 und die Schlachter-Bibel in den Revisionen von 1951 und 2000 verzichten auf die Bezeichnung „Eunuch“ und nennen den Täufling einen „Kämmerer“. Die Bezeichnung „Mann aus Äthiopien“ wird hingegen nur selten und alternativ verwendet, so in der Hoffnung für Alle und in der Lutherbibel 2017.
Das Gemälde Rembrandts stellt offensichtlich die Taufhandlung dar, anders als in der Bibel sind Philippus und der Eunuch nicht zusammen in den Fluss hinabgestiegen, sondern befinden sich an dessen Ufer. Bei anderen Darstellungen biblischer Szenen hat sich Rembrandt ebenfalls nicht wörtlich an den Text gehalten, so in seinem Gemälde Bileam und die Eselin, in dem der Engel nicht den Weg versperrt, sondern aus den Wolken im Bildhintergrund erscheint. Die Taufszene auf dem Trockenen geht jedoch nicht auf Rembrandt zurück, sondern setzt eine bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts begründete ikonografische Tradition fort.
Kunsthistorische Einordnung Rembrandts Frühwerk