Unter der Bezeichnung Ulmer Schule werden einige Künstler der süddeutschen Spätgotik und Frührenaissance zusammengefasst, die in dieser Zeit in Ulm wirkten, dort ihre Werkstätten hatten oder aus Ulm stammten.

Entstehungsgeschichte mini|Der Bau des Ulmer Münsters ab 1377 zog viele Kunsttreibende im Spätmittelalter in die Stadt Ulm Ulm galt als bedeutendes Zentrum der Spätgotik in Südwestdeutschland mit Ausstrahlung nach ganz Süddeutschland, Franken, Tirol, Südtirol und Graubünden. Aus dem Spätmittelalter, der Zeit zwischen dem ausgehenden 14. Jahrhundert und dem beginnenden 16. Jahrhundert, sind aus Ulm inzwischen etwa 55 Maler (Fassmaler, Glasmaler, Kunstmaler) und 25 Bildhauer und Bildschnitzer namentlich bekannt.Die genauere Aufstellung und Statistik bei Reinhard Wortmann: Ulm als Kunstmetropole Schwabens. Ulmer Kunst - Kunst in Ulm. In: Württembergisches Landesmuseum Stuttgart (Hrsg.): Meisterwerke massenhaft. Die Bildhauerwerkstatt des Niklaus Weckmann und die Malerei in Ulm um 1500. 1993, ISBN 3-929055-25-2, S. 29.

Eine wichtige Grundlage dieser künstlerischen Konjunktur war die Entscheidung der Stadtgemeinde, 1377 die Pfarrkirche in das Zentrum des Stadtgebietes hineinzuverlegen und mit dem Bau des riesigen neuen Ulmer Münsters zu beginnen. Der Status Ulms als Freie Reichsstadt hatte eine kunstpolitische Orientierung an überregionalen Zentren wie Prag, Straßburg oder den Niederlanden zur Folge. Die Münsterbauhütte und zahlreiche Stiftungen der Ulmer Patrizierfamilien und des wohlhabenden Bürgertums boten Arbeit für Künstlerwerkstätten in verschiedenen Gattungen. Ein komplexes Netzwerk von Austauschprinzipien entstand. Bedeutende Künstler wanderten in die Stadt ein, und sie erhielten wiederum zahlreiche Aufträge aus der näheren und ferneren Umgebung.

So stellte Hans Koepf fest: .Hans Koepf: Schwäbische Kunstgeschichte. Band 3, Jan Thorbecke Verlag, Konstanz 1963, S. 39. Aber auch das andere galt, was Barbara Maier-Lörcher prägnant formulierte: Barbara Maier-Lörcher: Meisterwerke Ulmer Kunst. Ostfildern 2004, ISBN 3-7995-8004-2, S. 6. alternativtext=|mini|Martin Schaffners Altar, ein berühmtes Werk aus der Ulmer Schule, das gerahmt ist durch das Chorgestühl Syrlins mini|Das geschnitzte Chorgestühl im Münster von Michel Erhart und Jörg Syrlin, Meistern der Ulmer Schule

Künstler und Werkstätten

Die Bedeutung des Begriffes Ulmer Schule hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Eine konkrete "Schule" im Sinne eines institutionalisierten Ausbildungssystems hat es nie gegeben. Der Begriff wird eher als Metapher verwendet. Heute ist darunter eher ein sich über die Zeit wandelndes Netzwerk von Künstlern zu verstehen, das noch nicht in allen Einzelheiten erforscht ist. Zwar steht die Skulptur als Kunstgattung forschungsgeschichtlich im Vordergrund, aber typisch und in den Quellen vielfach belegt war eine enge Zusammenarbeit von Bildhauern, Malern, Glasmalern, Architekten und anderen Künstlern.

Zur Ulmer Schule im engeren Sinne werden gerechnet

Meister Hartmann (15. Jahrhundert), Vertreter des „weichen Stils“ in der Ulmer Schule Hans Multscher (* um 1400 in Reichenhofen bei Leutkirch, † 1467 in Ulm) als früher und bedeutender Vertreter der „Schule“. Er führte die Stilauffassung des niederländischen Realismus in die Ulmer Kunst ein. Heinrich Multscher (* um 1400 in Reichenhofen, weitere Lebensdaten unbekannt), Bruder und wichtiger Mitarbeiter der Werkstatt Hans Multschers. Hans Acker, Lebensdaten unklar, Glasmaler um 1430 bis um 1461. Sein Werk ist sehr umstritten. Jakob Acker der Ältere, Lebensdaten unklar, Glasmaler am Ulmer Münster im Übergang vom 14. zum 15. Jahrhundert, schuf das älteste Glasfenster dieser Kirche und gilt als Werkstattgründer der Künstlerfamilie Acker Jakob Acker der Jüngere, Lebensdaten und Verwandtschaftsverhältnisse unklar, schuf die Flügelmalereien des nach ihm benannten „Ackeraltars“ in der Friedhofskapelle von Rißtissen, signiert 1483 Michael Erhart (Schreibweise auch Michel Erhart), sehr bedeutender Bildhauer mit großer Werkstatt, von 1469 bis 1522 in Ulm tätig. Gregor Erhart, Bildschnitzer (* 1470 in Ulm; † 1540 in Augsburg) Hans Schüchlin (* um 1430 in Ulm; † 1502 oder 1505 in Ulm), Vorsitzender der Lukasgilde, Maler Bartholomäus Zeitblom, Maler (* um 1455 in Nördlingen, † um 1518 in Ulm) Die Bildschnitzer Jörg Syrlin der Ältere und sein Sohn Jörg Syrlin der Jüngere Die Bildhauer Adolf Daucher (* um 1460 in Ulm, † um 1524 in Augsburg) und sein Sohn Hans Daucher (* 1486 in Ulm Herbert Schindler: Augsburger Renaissance, S. 8; † 1538 in Stuttgart) Daniel Mauch, Werkstattleiter (* 1477 in Ulm; † 1540 in Lüttich) Jörg Stocker, Maler und Schwiegervater von Daniel Mauch, bis 1496 vielleicht ein Lehrer von Martin Schaffner Niklaus Weckmann, Hauptmeister der Ulmer Bildschnitzer, 1481 mit größerer Werkstatt in Ulm Martin Schaffner, Maler (* um 1478, † 1547 in Ulm), wobei die letzten Werke bereits der beginnenden Renaissance zuzurechnen sind.

Zur Ulmer Schule in einem weiteren Sinn gehören alternativtext=|mini|Der Blaubeurer Hochaltar, entstanden zwischen 1493 und 1494, befindet sich im Chorraum der Kirche des ehemaligen Benediktinerklosters von Blaubeuren. Er wurde geschnitzt von Michael Erhart, bemalt von Bernhard Strigel und Hans Holbein dem Älteren. Einige Künstler des 15. und 16. Jahrhunderts wirkten mit Vertretern der Ulmer Schule für eine gewisse Zeit oder für ein bestimmtes Projekt zusammen, zogen dann aber weiter und sind auch anderen künstlerischen Schulbildungen (z. B. in Oberschwaben, in Tirol, in Augsburg und am Oberrhein) noch zuzurechnen.

Bernhard Strigel, Maler (* um 1460 Memmingen, † 1528 Memmingen) Hans Holbein der Ältere, Maler, wirkte um 1493 mit beim Blaubeurer Altar Ludwig Schongauer, Maler und Kupferstecher, jüngerer Bruder von Martin Schongauer, war 1479 bis 1486 in Ulm, zog dann aber nach Augsburg weiter und wirkte ab 1491 in Colmar im Elsass Hans Maler zu Schwaz (* um 1480 † 1526/29 in Schwaz) Porträtmaler, insbesondere der Fugger

Nicht übersehen werden sollten auch Steinmetzmeister und Architekten wie:

Ulrich Ensinger (* um 1350 † 1419) Matthäus Ensinger (* 1390 † 1463) Moritz Ensinger (* 1430 † 1483) Matthäus Böblinger (* 1450 † 1505)

Im Zusammenhang mit der Ulmer Schule werden diskutiert mini|Evangelist Markus, 1442, von einem unbekannten Ulmer Meister Eine Reihe von Meistern, die im Ulmer Umfeld auftauchen, sind mit einem Notnamen versehen. Diese Notnamen heben den Schöpfer eines Werkes als meisterlich hervor, dennoch ist damit die Identität des Meisters als einer werkstattleitenden oder stilbeeinflussenden oder innovativen Persönlichkeit nicht zweifelsfrei nachgewiesen. Auch liegen in den meisten Fällen die Quellen nur spärlich vor. Für eine kunstgeschichtliche Betrachtungsweise von Werken der Ulmer Schule und der dazugehörenden Hypothesenbildung sind die Notnamen trotzdem ein wichtiges Hilfsmittel.

Meister der Biberacher Sippe – stilistische Zusammenhänge werden erkannt, historische Quellen liegen bislang nicht vor. Meister des Bidpai Meister von Bronnweiler – ein Zusammenhang mit Meister Hartmann wird angedacht. Meister der Bestattung des Johannes – neuestens auch als Meister der Blaubeurer Kreuzigung diskutiert.Dietlinde Bosch: Bartholomäus Zeitblom. 1999, S. 150. Meister des Dornstädter Altars – eine Nähe zum Meister Hartmann wird verschiedentlich gesehen. Meister der Enthauptung des Johannes – neuestens auch als Meister der Blaubeurer Kreuzigung diskutiert. Meister von Meßkirch – auch der Umkreis Albrecht Dürers und Hans Schäufelin wird diskutiert. Meister des Munderkinger Altars Meister des Pfullendorfer Altars Meister des Talheimer Altars – ein Zusammenhang mit Weckmanns Werkstatt wird diskutiert. Meister des Tiefenbronner Hochaltars – der Zusammenhang mit Hans Schüchlin ist nicht klar. Meister des Ulmer Terenz Meister des Wippinger Altars – ein Zusammenhang mit Daniel Mauch wird diskutiert Meister der Wurzacher Tafeln.

Verwandtschaftlich mit der Ulmer Schule verbunden Friedrich Herlin (* um 1430 in Nördlingen; † um 1500) war der Schwiegervater von Bartholomäus Zeitblom. Moritz Ensinger (* um 1430; † vor 26. Februar 1483) war Architekt und Ulmer Dombaumeister und seit etwa 1467 Schwager des Michael Erhart.

Mit Werken seit der Spätgotik stilbildend in Ulm vertreten Hans Schäufelin (auch Schäufelein, Schäuffelein, Scheifelen, Scheuflin) (* um 1480/1485 wahrscheinlich in Nürnberg; † um 1538 oder 1540 in Nördlingen); er schuf für das Ulmer Münster 1515 einen Abendmahlsaltar, der heute den Kreuzaltar bildet.

Während der Ausbildungsjahre in Ulmer Werkstätten vertreten Adam Kraft (* zwischen 1455 und 1460 in Nürnberg; † 1509) war als Bildhauer und Baumeister während seiner Wanderjahre in Ulm. Jörg Lederer (* um 1470; † um 1550), seine genaue Lehrzeit in Ulm ist unbekannt. Hans Maler zu Schwaz (* vermutlich 1480 / 1488 in Ulm; † 1526 / 1529 in Schwaz) war zur Ausbildung in der Werkstatt von Bartholomäus Zeitblom. Michael Zeynsler (zwischen 1515 und 1559 dokumentiert), seine Lehrzeit in Ulm wird nur vermutet, ist aber bisher noch nicht dokumentiert.

Früher der Ulmer Schule zugeschrieben Lucas Moser (* um 1390; † nach 1434), der Schöpfer des Magdalenenaltars von Tiefenbronn wurde in der Kunstgeschichte lange Zeit im Zusammenhang mit der frühen Ulmer Schule diskutiert. Die Identifizierung mit einem in Ulmer Quellen nachweisbaren Meisters mit Namen "Lukas" wird heute aber in Frage gestellt. Auch die räumliche Nähe zum in derselben Kirche St. Maria Magdalena aufgestellten Altar von Hans Schüchlin aus Ulm besagt nichts im Blick auf Lukas Moser.

Gliederung der spätgotischen Kunst in vier Generationen

Reinhard WortmannReinhard Wortmann: Ulm als Kunstmetropole Schwabens. Ulmer Kunst - Kunst in Ulm. In: Württembergisches Landesmuseum Stuttgart (Hrsg.): Meisterwerke massenhaft. Die Bildhauerwerkstatt des Niklaus Weckmann und die Malerei in Ulm um 1500. 1993, ISBN 3-929055-25-2, S. 43–45. unterscheidet insgesamt vier Generationen der Ulmer Kunst des 15. und 16. Jahrhunderts und benennt deren Hauptvertreter, vermeidet jedoch den Begriff "Ulmer Schule":

Generation Hauptvertreter Geburtsjahr BeschreibungErste GenerationHans Multscherum 1400 geborenträgt zum Aufschwung der Ulmer Schule beiZweite GenerationMichel Erhartum 1440/45 geborenmaßgeblich an der Chorausstattung des Ulmer Münsters und am Blaubeurer Altar beteiligtDritte GenerationNiklaus Weckmannum 1455 geborenerfolgreiche Bildschnitzerwerkstatt, 600 Werke identifiziert und erhaltenVierte GenerationDaniel Mauchum 1477 geborenverlässt Ulm im Zuge der Reformation wieder.

Chronologie wichtiger Werke der Ulmer Schule (Auswahl) 1432: Magdalenenaltar (Tiefenbronn) und Tiefenbronner Hauptaltar ab 1470: Chorgestühl des Ulmer Münsters um 1480: Ravensburger Schutzmantelmadonna ab 1493: Blaubeurener Altar ab 1503: Bingener Altar 1510: Bieselbacher Altar nach 1510: Frauensteiner Schutzmantelmadonna 1533: Tischplatte des Asymus Stedelin

Zusammenhänge Kooperationen zwischen Künstlern miniatur|Eine Zusammenarbeit verschiedener Meister stand in Ulm nicht nur beim Erstellen des Blaubeurer Hochaltars auf der Tagesordnung, sondern auch schon beim Erstellen des Chorgestühls im Ulmer Münster ab 1468. Teilweise wirkten die Künstler bei der Fertigung großer Aufträge zusammen, wie beispielsweise beim Hochaltar der Klosterkirche Blaubeuren aus dem Jahr 1493. Hier sieht man Hans Holbein den Älteren an der Seite von Michael Erhart. Beim Chorgestühl des Ulmer Münsters arbeiten, wie man inzwischen rekonstruiert hat, Jörg Syrlin der Ältere und Michel Erhart mit weiteren Bildschnitzern zusammen.