mini|Abendmahlstisch der Evangelical Lutheran Church in America: Offene Bibel, Teller mit ungesäuertem Brot und glutenfreien Hostien, Gießkelche mit Wein und Traubensaft (2010) mini|Abendmahl in der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder Brot und Wein werden in den Kirchen der Reformation den Teilnehmern beim Abendmahlsgottesdienst gereicht. Der Begriff Abendmahl ist eine Wortprägung Martin Luthers. Er betonte den Mahlcharakter der eucharistischen Feier und nahm damit auf das Urchristentum () Bezug.Josef Andreas Jungmann: „Abendmahl“ als Name der Eucharistie. In: Zeitschrift für katholische Theologie 93/1 (1971), S. 91–94, besonders S. 91: „Ein zweitesmal [nach dem 1. Jahrhundert] erscheint eine den Mahlcharakter hervorhebende Bezeichnung der eucharistischen Feier erst wieder im 16. Jahrhundert, bei Luther. „Abendmahl“ wird von da an bei den protestantischen Gemeinschaften allmählich der gewöhnliche Name.“

Die Reformatoren verwendeten im 16. Jahrhundert weiterhin Hostien (OblatenDas eucharistische Brot war in der Westkirche seit der Karolingerzeit ein Gebäck aus ungesäuertem Weizenmehl und Wasser; man bezeichnete es als Oblate (lateinisch oblata), nach der Konsekration als Hostie (lateinisch hostia); beide lateinischen Begriffe bedeuten Opfergabe. Vgl. Helmut Hoping: Mein Leib für euch gegeben: Geschichte und Theologie der Eucharistie. 2., erweiterte Auflage, Herder, Freiburg / Basel / Wien 2015, S. 180.) und Messwein, während sich Theologie und Liturgie änderten. In reformierten Gemeinden wurde es dann wichtig, beim Abendmahl alltagsübliches Brot zu verwenden, weil es sättigt und nährt. In der Church of England wurde die Frage, ob Hostien oder Weißbrot, nach intensiver Diskussion um 1600 zugunsten des Weißbrots entschieden. Die Feier des Abendmahls „unter beiderlei Gestalt“ bedeutete gegenüber der römisch-katholischen Praxis auch, dass eine größere Quantität von Wein benötigt wurde. Die Weinkanne (Foto) ist ein spezifisch protestantisches liturgisches Gerät.

Das Christentum wurde durch Kolonisation und Mission zur Weltreligion. Christliche Gemeinden entstanden in Gegenden, wo weder Getreideanbau noch Weinbau heimisch waren. Der Fernhandel war aber kaum in der Lage, Mehl und Wein aus Europa zu importieren – allenfalls als Luxusgüter und transportbedingt in sehr schlechter Qualität. Der Mangel an importiertem Wein und die negativen Erfahrungen mit Branntwein führten in Nordamerika im 19. Jahrhundert zur „Zwei-Wein-Theorie“ – Jesus habe keinen Alkohol, sondern Traubensaft („unfermentierten Wein“) getrunken, und so solle es auch bei der Abendmahlsfeier gehalten werden. In der Mission kam hinzu, dass Brot und Wein als europäische Lebensmittel für die Neubekehrten keinen Symbolwert hatten; dagegen gab es einheimische Lebensmittel, die eine ähnliche Bedeutung in der jeweiligen Kultur besaßen.

Abendmahl in der Reformationszeit mini|Schalen mit Hostien, Kelch, Pyxis und Weinkanne für eine lutherische Abendmahlsfeier, Dom zu Skara Wittenberger Reformation Martin Luther lehnte es 1525 ab, die Abendmahlsfeier als Nachahmung des Mahls Jesu mit seinen Jüngern in Jerusalem zu gestalten. Ironisch schlug er vor, das Abendmahl ganz bleiben zu lassen, bis man alle Sachfragen geklärt hätte: „Item wey wyr nicht wissen und der Text nicht gibt, ob es rot odder blanck weyn gewesen, ob es semlen odder gersten brot gewesen sey, Werden wyr ynn dem zweyffel die weyl mussen das abentmal lassen anstehen, bis wyrs gewis werden, da wir ia kein eusserlich ding umb eyn har anders machen denn Christus exempel fur tregt.“Martin Luther: Wider die himmlischen Propheten, von den Bildern und Sakrament. WA 18, S. 115.

Luther hielt es also für unwesentlich, ob Rot- oder Weißwein beim Abendmahl verwendet wurde. Doch seit 1523 kritisierte er die Praxis, den Wein bei der Eucharistiefeier mit Wasser zu verdünnen. Dass dies in der Antike üblich war, wusste Luther möglicherweise nicht, oder hielt es nicht für relevant. Er sah in der Mischung von Wein und Wasser eine Bezugnahme darauf, dass Blut und Wasser aus der Seitenwunde Christi am Kreuz geflossen seien (). Jesus Christus habe aber nicht angeordnet, beim Abendmahl Wein und Wasser zu mischen. Reiner, ungemischter Wein sei ein passendes Symbol für die reine Lehre des Evangeliums.Martin Luther: Formula Missae et Communionis. WA 12, S. 211: Sub symbolo vel post Canonem apparetur panis et vinum ad benedictionem ritu solito, nisi quod nondum constitui mecum, miscendane sit aqua vino, quamquam huc inclino, ut merum potius vinum paretur absque aquae mixtura, quod significatio me male habeat […] Merum vinum enim pulchre figurat puritatem doctrinae Euangelicae. Bewusst bezog Luther damit die gleiche Position wie die Armenische Apostolische Kirche, die deshalb von Rom als ketzerisch verurteilt worden war.Anselm Schubert: Gott essen: Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls. München 2018, S. 120 f.

Schon zu Luthers Zeit gab es Christen, die keinen Wein trinken konnten oder wollten. Luther hatte dafür kein Verständnis: „Man soll nichts anders nehmen als Wein (quam vinum!) Aber wenn man Wein nicht verwenden kann (sed si vino uti non potest), so soll mans lassen bleiben …“Martin Luther: WA Tischreden 5, S. 203. Johannes Brenz dagegen riet, den Wein mit Wasser zu verdünnen. Veit Dietrich und Hoe von Hoenegg erklärten, dass wenige Tropfen Wein in einem Glas mit Wasser genügten. Im 17. Jahrhundert wurde Luthers rigide Haltung erneut vertreten.Anselm Schubert: Gott essen: Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls. München 2018, S. 123.

Philipp Melanchthon wurde beim Regensburger Religionsgespräch (1541) gefragt, wie denn das Abendmahl unter beiderlei Gestalt gefeiert werden solle, wenn Wein nicht oder jedenfalls nicht für die ganze Gemeinde verfügbar sei. Er antwortete, die Schrift spreche genau genommen nicht vom Wein, sondern vom Kelch. Das könne so verstanden werden, dass im Falle der Not auch andere Getränke zulässig seien.Anselm Schubert: Gott essen: Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls. München 2018, S. 124. Diese Situation trat im Dreikronenkrieg ein, als das lutherische Schweden 1564 durch Seeblockade keinen Wein mehr importieren konnte. Ein Teil der Geistlichen um Johannes Nicolai Ofeegh, den Bischof von Västerås, sprach sich dafür aus, das Abendmahl mit Wasser, Milch, Met oder Bier zu feiern, wenn es anders nicht möglich war. Gerade in Notzeiten sei das Abendmahl eine Stärkung für die Gläubigen. Dagegen setzte sich im sogenannten Liquoristischen Streit die Gruppe um Erzbischof Laurentius Petri durch: Wenn Wein nicht zur Verfügung stand, solle gar kein Abendmahl gefeiert werden. Für Petri war der Weinmangel in Schweden eine göttliche Strafe, die man bußfertig tragen solle. Der Wein dürfe zwar mit Wasser gestreckt, aber nicht durch ein anderes Getränk ersetzt werden, so wenig man anstelle des Brotes Äpfel oder Birnen nehmen könne.Mia Korpiola: Archbishop Laurentius Petri (1499–1573): the respected authority of the Swedish reformation. In: Kjell Å. Modéer, Helle Vogt (Hrsg.): Law and the Christian Tradition in Scandinavia: The Writings of Great Nordic Jurists. Routledge, Oxon u. a. 2021, S. 105–127, hier S. 110f.

Schweizer Reformation In Zürich fand am Gründonnerstag, dem 13. April 1525, eine reformierte Abendmahlsfeier statt, die deutlicher als die Wittenberger mit der Tradition brach. Die Liturgie hatte Huldrych Zwingli verfasst. Neu war der Gedanke des Gemeinschaftsmahls. Wie im Gleichnis vom großen Gastmahl versammelte sich die Gemeinde mit ihrem Pfarrer um den Tisch des Herrn.Peter Opitz: Ulrich Zwingli: Prophet, Ketzer, Pionier des Protestantismus. TVZ, Zürich 2015, S. 70. Vorne im Kirchenraum stand ein Tisch mit ungesäuertem Brot und Wein. Dieses ungesäuerte Brot hatte die Form von quadratischen Hostien, auf die ein Christusbild eingeprägt war.Anselm Schubert: Gott essen: Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls. München 2018, S. 125 f. Kirchendiener brachten das Brot in hölzernen Schalen zu den Teilnehmern der Feier; jeder brach sich ein Stück ab. Den Wein reichten die Mahlteilnehmer einander in hölzernen Bechern zu. Es war kein Tischabendmahl; die Gemeinde blieb an ihren Plätzen (da es wohl kein Kirchengestühl gab, heißt das, die Menschen standen oder knieten).Johannes Voigtländer: Ein Fest der Befreiung: Huldrych Zwinglis Abendmahlslehre. Neukirchener verlag, Neukirchen-Vluyn 2013, S. 67 und Anm. 32.

Johannes Calvin wurde 1557 mit der Frage konfrontiert, wie man das Abendmahl auf dem amerikanischen Kontinent feiern könne, nämlich in einer projektierten Hugenottenkolonie in Brasilien (France Antarctique). Hier lebten die Menschen von Wasser, Früchten und gebackenen Wurzeln. Calvin meinte, dass Jesus Brot und Wein gebraucht hätte, weil sie in Judäa übliche Lebensmittel waren. „Wer […] der Not gehorchend statt Wein ein anderes in der Gegend übliches Getränk verwendet, dürfte dem Willen und der Absicht Christi gemäß handeln.“Anselm Schubert: Gott essen: Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls. München 2018, S. 130. In seinem Hauptwerk Institutio Christianae Religionis formulierte er 1559 ebenfalls eine pragmatische Position: Es sei gleichgültig, „ob die Gläubigen das Brot in die Hand nehmen oder nicht, ob sie es untereinander verteilen oder ob jeder ißt, was man ihm gegeben hat, ob sie den Kelch dem Diakon in die Hand geben oder an den Nächsten weiterreichen, ob das Brot gesäuert oder ungesäuert ist, und ob der Wein rot oder weiß ist.“Johannes Calvin: Institutio 4.17.43. In Genf war das Hôpital Général für die Versorgung der Kirchen mit Abendmahlsbrot und -wein zuständig und bewirtschaftete dazu eigene Weinberge in Peney, Satigny und Bossey.Christian Grosse: Les rituels de la cène: le culte eucharistique réformé à Genève (XVIe – XVIIe siècles). Droz, Genf 2008, S. 230f.

Täufertum Als verfolgte Minderheit feierten Täufer im 16. Jahrhundert nur selten und in sehr schlichter Form das Abendmahl. Beim Oster- oder Pfingstgottesdienst der mährischen Hutterer standen Teller mit Brotscheiben und Weinkannen auf den Tischen. Wenn Wein nicht erhältlich war, feierten Täufergruppen das Abendmahl auch nur mit Brot oder Semmeln.Anselm Schubert: Gott essen: Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls. München 2018, S. 127.

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