mini|Alfred Ernest Jones Alfred Ernest Jones (* 1. Januar 1879 in Rhosfelyn, heute Gowerton/Glamorgan, Wales; † 11. Februar 1958 in London) war ein britischer Mediziner, Psychoanalytiker und Freud-Biograf.

Leben Ernest Jones wurde in einem Industriedorf am Stadtrand von Swansea, als erstes Kind von Thomas und Ann Jones geboren. Sein Vater war Bergbauingenieur, der sich später als erfolgreicher Geschäftsmann etablierte. Zeitweise war er Buchhalter und Firmensekretär bei Elba Steelworks in Gowerton. Seine Mutter Mary Ann, geborene Lewis entstammte einer walisischsprachigen Familie aus Carmarthenshire, die später nach Swansea gezogen war. Jones wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf und entschied sich frühzeitig für den Beruf des Mediziners. Er studierte an der Medizinischen Fakultät der Universität London, wo er 1903 promoviert wurde und 1904 in das Royal College of Physicians aufgenommen wurde.Barbara I. Tshisuaka: Jones, Alfred Ernest. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 704. Er lernte die deutsche Sprache, um bei Kraepelin in München Psychiatrie zu studieren. Von dort wechselte er nach Zürich ans Burghölzli, nachdem er 1907 C. G. Jung bei einem Neurologenkongress kennengelernt hatte. 1908 traf er in Wien zum ersten Mal mit Sigmund Freud zusammen, woraus sich eine lebenslange Freundschaft entwickelte. 1908 war Jones an der Vorbereitung und Durchführung des ersten psychoanalytischen Kongresses am 26. April 1908 in Salzburg beteiligt und am 6. Mai nahm Jones an der psychoanalytischen Mittwochsrunde in Wien teil. Im selben Jahr nahm er eine Direktorenstelle an der psychiatrischen Klinik in Toronto an. 1910 war er Mitbegründer der Amerikanischen Psychopathologischen Vereinigung, ebenso ein Jahr später bei der Amerikanischen Psychoanalytischen Vereinigung. 1912 schlug er die Gründung eines kleinen Kreises von Freud-Schülern vor, das spätere „Geheime Komitee“, der die Lehren Freuds langfristig bewahren sollte.Das Geheime KomiteeFreud’s Ideologisches Clearing Instrument auf der Seite: Internet Publikation für Allgemeine und Integrative Psychotherapie 1914 absolvierte Jones auf Freuds Rat eine zweimonatige Lehranalyse bei Sandor Ferenczi. miniatur|Gruppenphoto 1909 vor der Clark University. Vorne: Sigmund Freud, Granville Stanley Hall, Carl Gustav Jung. Hinten: Abraham A. Brill, Ernest Jones, Sándor Ferenczi. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kehrte er nach Europa zurück und siedelte sich in London an, wo er 1919 die British Psychoanalytic Society gründete. Als Präsident der BPS förderte er zunächst Melanie Klein, die 1926 nach England übersiedelte. Jones rief 1920 das International Journal of Psychoanalysis ins Leben, das bis heute international bedeutendste psychoanalytische Publikationsorgan. Für dessen Herausgeberschaft zeichnete er auch von 1920 bis 1939 verantwortlich.

Jones war zweimal Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (1920–1924 und 1932–1949). In der Zeit des Nationalsozialismus war Jones an den Verhandlungen mit dem Regime beteiligt, die den verbliebenen nichtjüdischen Analytikern eine weitere berufliche Tätigkeit im Rahmen des sogenannten Göring-Instituts sicherten, nachdem Wilhelm Reich aus der internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen worden war und die jüdischen Mitglieder der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, d. h. die große Mehrheit „freiwillig“ austraten. „Im November 1935 schrieb Jones an Freuds Tochter Anna Freud ‚All Jews have to resign from Berlin Society. Deplorable as it would be, I should still say that I prefer Psychoanalysis to be practiced by Gentiles in Germany than not at all and I hope you agree.‘ Um die ‚Integration‘ der Gesellschaft zu erleichtern, trafen sich Jones, Brill, Boehm und Müller-Braunschweig mit Göring.“Eli Zaretsky: Freuds Jahrhundert. Die Geschichte der Psychoanalyse. Zsolnay, Wien 2006, S. 325. Der Institutsleiter Matthias Heinrich Göring war ein Vetter von Hermann Göring.

Jones half seinem Lehrer und Freund Sigmund Freud nach dem Anschluss Österreichs 1938 an das Deutsche Reich bei dessen Emigration. Jones blieb in engem Kontakt mit Freud bis zu dessen Tod im Jahr 1939.

1947 begann Jones die Arbeit an einer Biographie Freuds und unterbrach dafür die Arbeit an seiner eigenen Autobiographie. In den Jahren zwischen 1953 und 1957 veröffentlichte Ernest Jones eine voluminöse, dreibändige Freud-Biographie, die nach wie vor als wichtige Quelle der Freud-Biographik angesehen wird. Für seine Arbeit konnte Jones unter anderem auf bis dahin unveröffentlichte Privatbriefe Freuds an dessen Verlobte Martha Bernays zurückgreifen, die zur Korrektur eines teilweise legendenhaft-verklärten Freud-Bildes beitrugen. Jones nutzte auch die biographischen Vorarbeiten von Siegfried Bernfeld.

Jones’ Biographie enthielt aber auch zahlreiche Unrichtigkeiten und wurde von späteren Historikern scharf kritisiert. So schrieb Eli Zaretsky:

mini|Jones’ Grab Nach der Veröffentlichung des dritten Bandes der Freud Biographie nahm Jones die Arbeit an seiner Autobiographie wieder auf. Aufgrund seines Todes am 11. Februar 1958 konnte er diese Arbeit nicht mehr beenden.

Jones war ein produktiver Autor und veröffentlichte zwischen 1900 und 1959 mehr als 200 Aufsätze. Ein bedeutender Aufsatz von ihm (The theory of symbolism) setzt sich mit der psychoanalytischen Symboltheorie auseinander.

1916 heiratete Jones die Musikerin Morfydd Owen, die nach zwei Jahren starb. 1919 heiratete Jones das zweite Mal. Mit seiner zweiten Frau Katharina „Kitty“, geb. Jokl (1892–1983), hatte Jones vier Kinder. Das älteste (Gwenith) starb im Alter von 7 Jahren und wurde auf dem kleinen Kirchhof von Cheriton auf der Gower-Halbinsel bei Swansea in Wales beigesetzt. Sein Sohn Mervyn wurde Journalist und Schriftsteller. Nach seinem Tod wurde Ernest Jones im Golders Green Crematorium eingeäschert, die Urne später im Grab seiner Tochter Gwenith auf dem kleinen Kirchhof von Cheriton auf der Gower-Halbinsel bei Swansea beigesetzt.

Lehre

Die Theorie der Symbolik (1916) Die von Ernest Jones 1916 veröffentlichte Schrift Die Theorie der Symbolik richtet sich insbesondere gegen die von Jung so bezeichnete „nach-psychoanalytische Schule“ und deren Vertreter Alfred Adler, Carl Gustav Jung, Herbert Silberer und Wilhelm Stekel. Ihnen wirft Jones vor, dass sie die Bedeutung des Unbewussten bei der Genese der Symbolik nicht ausreichend würdigten. Anders als bei dem Gleichnis oder der Metapher, die dazu dienten, so Jones, beim Zuhörer oder Leser einen lebhaften Eindruck oder ein starkes Gefühl zu vermitteln, sei „die wesentliche Funktion aller Formen der Symbolik, im weitesten und populärsten Sinne des Wortes (...) die Hemmung zu überwinden, welche den freien Ausdruck einer gegebenen Gefühlsvorstellung hindert; die davon hergeleitete Kraft in ihrem Vorwärtsdrängen ist die wirksame Ursache der Symbolik.“ Nach Auffassung von Jones liegt einem Symbol also ein ähnlicher Mechanismus zugrunde wie einem Symptom oder einem Trauminhalt, d. h. es handelt sich dabei um eine Art von Kompromiss zwischen einer Triebregung aus dem Unbewussten und der Hemmung durch das Über-Ich. „Nur was verdrängt ist, bedarf der symbolischen Darstellung“, so Jones. Daher handele es sich bei dem Großteil der Symbole um Themen, die in jedem Menschen das ganze Leben lang im Unbewussten wirken: der eigene Körper, die Beziehungen zur Familie, Geburt, Liebe und Tod.

Über analerotische Charakterzüge (1918) In dem 1918 erschienenen Aufsatz Über analerotische Charakterzüge knüpft Ernest Jones an die Schrift Charakter und Analerotik (1908) von Sigmund Freud an. Ausgangspunkt der Überlegungen Freuds waren seine Beobachtungen, dass Säuglinge aus der Reizung der Darmschleimhaut einen Lustgewinn ziehen können, indem sie z. B. den Vorgang der Darmentleerung verzögern. Die Reinlichkeitserziehung führt in der Regel zur vollständigen Verdrängung der Analerotik: „Die psychische Energie, die auf die mit der Afterzone zusammenhängenden Wünsche und Erregungen verwendet wurde, wird fast vollständig in andere Richtungen gelenkt und führt schließlich zu den Sublimierungen und Reaktionsbildungen (...)“. Jones erweitert in seinem Aufsatz Freuds Beschreibung der typischen Charakterzüge von Menschen mit einer stark entwickelten unbewussten Analerotik: Ordentlichkeit, Sparsamkeit und Eigensinn. Nach seiner Auffassung führen Sublimierungen „zu zwei einander entgegengesetzten Charaktertypen: einerseits zu Sparsamkeit von Dingen mit einer großen Fähigkeit zur Zärtlichkeit, solange die geliebte Person unterwürfig bleibt; der andere Typus zeigt mehr Produktivität und Schaffensfreude, die Neigung irgend jemandem oder etwas den Stempel der eigenen Persönlichkeit aufzudrücken, eine Vorliebe für Modellieren und Formen mit einer großen Freude am Schenken, besonders geliebten Personen gegenüber. Die Reaktionsbildungen führen zu Ordentlichkeit, Reinlichkeit, Pedanterie und einer Abneigung gegen Vergeudung; sie leisten auch bedeutende Beiträge zum Aufbau der ästhetischen Neigungen.“

Die Eifersucht (1929) Der Text Die Eifersucht erschien in deutscher Sprache im Jahre 1930 und basierte auf einem Vortrag (La jalousie), den Jones 1929 an der Sorbonne in Paris gehalten hat. In dem Text beschreibt Jones die Eifersucht als Ausdruck einer infantilen Art zu lieben. Hinter der Eifersucht stecke nämlich, so Jones, vor allem die Position des Kindes, das den gegengeschlechtlichen Elternteil begehrt und mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil rivalisiert. Dem Eifersuchtswahn des Mannes liege somit aus psychoanalytischer Sicht im Grunde eine nach außen projizierte verdrängte homosexuelle Tendenz zugrunde. Anders formuliert: Der wahnhaft eifersüchtige Mann hasst seine Frau, weil sie in seinem Unbewussten seine Mutter repräsentiert, die ihm seinen geliebten Vater vorenthält. Der gewöhnliche Eifersüchtige projiziere den eigenen Impuls zur Untreue, die er sich nicht eingesteht, auf den Partner. Der Eifersüchtige sei, so Jones, in seiner Liebesfähigkeit eingeschränkt. Anstatt zu lieben, sei er abhängig davon, geliebt zu werden. Der geringen Selbstliebe lägen unbewusste Schuldgefühle zugrunde, die aus einem unbewältigten Ödipuskonflikt resultierten, also einer unzureichend gelungenen Ablösung von den Eltern. Die Grundlage der Eifersucht bilde also letztlich die Angst, nicht ausreichend geliebt zu werden. So schreibt Jones am Ende seines Aufsatzes als Fazit:„Die Erfahrung hat uns gelehrt, in der Eifersucht ein viel weniger gewöhnliches Phänomen zu sehen, als man im allgemeinen glaubt; ich sehe viel eher in ihr eine Erscheinung auf abnormer und neuropathischer Grundlage. Die Eifersucht zeugt von einem Mangel an Liebesfähigkeit, Mangel an Selbstvertrauen, die, wie sich bei tiefgehender Forschung erweist, aus einem seit der Kindheit nicht überwundenen Schuldgefühl stammen und in der außerordentlichen Abhängigkeit vom geliebten Objekt auf eine Tendenz zur sexuellen Inversion hindeuten. Dieser letztere (homosexuelle) Zug wird im Eifersuchtswahnsinn sehr deutlich, aber ich glaube, daß er in abgeschwächtem Ausmaß auch in den anderen Arten der Eifersucht zu finden ist. Kurz, die Eifersucht ist ein Zeichen von Schwäche in der Liebe und nicht von Stärke; sie nimmt ihren Ursprung eher aus der Angst und aus dem unbewußten Schuldgefühl als aus der Liebe.“

Angst, Schuldgefühl und Haß (1930)