Die Entwicklung von Studentenwohnheimen beschreibt die Entwicklung der Wohnsituation von Studenten im deutschsprachigen Raum seit dem späten Mittelalter, mit besonderer Berücksichtigung der Entwicklung in Wien.

Hospicia Zur Zeit der Gründung der Universitäten wurde in den Städten hospicia für Magister und Scholaren von den Universitäten angemietet. Die Bezeichnung hospicia stammt aus dem Lateinischen und bedeutet in das Deutsche übersetzt Gast, Wirtin, Gastfreundschaft, Herberge. In den Herbergen wohnten die Magister und Scholaren nicht nur, sondern es wurden auch Vorlesungen abgehalten.

Die Weiterentwicklung der Herbergen sind die Bursen und Kodreien. Der Wandel von der Herberge zu den Bursen wird in der Literatur nicht mit Jahreszahlen angegeben, sie werden aber in Quellen in das 14. Jahrhundert datiert.

Burse, Kolleg, Kodrei Im Mittelalter mieteten die Magister und Bakkalare Bürgerhäuser, Arbeitsräume oder waren Eigentümer von Häusern, die für eine Wohngemeinschaft geeignet waren. Sie benötigten die Zustimmung einer Fakultät für die Eröffnung einer Burse und mussten auch die Funktion eines Bursenrektors, auch Konventor genannt, übernehmen. Sie trugen die Verantwortung für die Scholaren und erteilten in der Burse auch privaten Unterricht. Die Studenten aus betuchten Familien fanden in organisierten Bursen gegen die Entrichtung der bursa (Geldbetrag) Kost und Quartier. Für einige Studenten gab es auch Stipendien von Stiftungen, die für die Kosten aufkamen. Die Empfänger der Studienhilfe wurden bursa oder bursarius genannt. Die Wohngemeinschaften wurden auch als ein Unternehmen geführt, da die Bursen den Konventor finanziell unterhalten sollten. Daher waren die Konventoren bestrebt, möglichst wohlhabende Studenten anzuziehen, und lagen miteinander in Konkurrenz. Die Bewohner der Burse mussten dem Konventor zusätzlich für den Unterricht noch Honorare (pastus) zahlen sowie zusätzlich die Pflege und Beheizung des Hauses.

So entstanden private Wohngemeinschaften. Für einen wirtschaftlichen Erfolg der Burse waren oftmals auch ein Stifter mit dem Besitz von Gründen oder Häusern, Studenten mit Stipendiatenplätzen und Renteneinkünfte notwendig. Die Wohnplätze in den Unternehmerbursen wurden nicht nur an Studenten der Stadt vergeben, sondern auch an externe Scholaren, Kaufleute und Handwerker gegen die Entrichtung einer Miete.

Es gibt sowohl zeitliche als auch regionalsprachliche Unterschiede in der Benennung der Begriffe Burse oder Kolleg, weshalb häufig der Zweck der benannten Einrichtung nicht genau definiert werden kann und somit einzelne Einrichtungen nicht sicher als Burse oder Kolleg zugeordnet werden können. Das Kolleg war im Universitätsleben angesehener und prestigeträchtiger als eine Burse oder eine Kodrei.

Der Begriff Collegium wurde schon im Mittelalter geprägt. Das Collegium waren mehrere Personen, die ein gemeinsames Ziel im geistlichen oder weltlichen Bereich verfolgten. Der Begriff wurde für religiöse Gemeinschaften, Zünfte, Gilden, städtische Räte und Bruderschaften verwendet. Im Mittelalter waren Studium und Kirche sehr eng miteinander verknüpft und somit entstanden viele universitäre Einrichtungen. Die französischen und englischen Universitätskollegien waren für die Graduierten und Studenten gleichermaßen eine karitative und religiöse Stiftung. Zur gleichen Zeit im römischen Reich entstand ein anderer Kollegstyp, den nur Doktoren und Magister besuchen konnten. Dieser Typ hatte das Ziel, eine noch anspruchsvollere und gehobenere Ausbildung anzubieten.

Für finanziell weniger betuchte Studenten war es möglich, sich in eine Kodrei einzumieten, unter der Voraussetzung des Nachweises, die bursa oder die Kosten für die Immatrikulation nicht zahlen zu können. Jene Personen wurden dann in den Universitätsmatrikeln mit pauper oder nihil dedit quia pauper eingeschrieben. Die Kodreien werden auch „studentische Bettelkottern“ genannt. Dabei hatte man für zehn Pfennig bis zwei Groschen nur ein Dach über dem Kopf. Die Kodreien waren mit vielen bettelarmen Studenten besetzt. Auch in den Kodreien gab es einen Magister, der den Posten des Konventors übernehmen musste, dessen Einkünfte entsprechend geringer ausfielen. Da die Studenten in Kodreien keine Stiftungsgelder erhielten, mussten sie sich ihre bursa erarbeiten oder erbetteln. Es gab in den studentischen Bettelkottern wenige gestiftete Plätze, die jedoch meist durch Beziehungen vergeben wurden. Viele Studenten entschieden sich stattdessen dazu, in wenig beaufsichtigten Armenhäusern zu wohnen, um sich nicht von den Zwängen der Bursen einschränken zu lassen, was dazu führte, dass viele Bursen leer blieben und die Armenhäuser mehr als überfüllt waren und kaum noch private Bursen geöffnet waren. Auch die Stiftungsbursen fanden weniger Stipendiaten.

Österreich 16. bis 18. Jahrhundert Der Umschwung des Humanismus führte dazu, dass viele Studenten in einer „Bude“ oder privatim wohnten. In Österreich steigerten die Reformationsversuche von Ferdinand I. und die Türkenbelagerung Wiens von 1529 steigerten den Verkauf von Kodreien und Bursen. Wegen der ersten Türkenbelagerung wurde das gesamte System der Bursen, Kodreien und Stiftungen in Österreich durcheinander geworfen und nicht organisiert. Die Belegung durch Studenten nahm ab.

Im 17. Jahrhundert wurden die Privatbursen verkauft, die Stiftungsbursen wurden als Stiftungen weitergeführt, die ihre Beträge auszahlten. Diese Art von Stipendien wurde als „Handstipendium“ betitelt. Dabei musste der Student selbst mit dem von der Stiftung vergebenen Geld sich den Lebensunterhalt und Quartier einteilen und bezahlen. Die Handstipendien favorisierten immer mehr Studenten im 16. Jahrhundert, die ersten wurden 1528 vergeben. Die Bursenstiftungen aus dem Mittelalter wurden später von staatlichen Stellen oder von der Universität übernommen und geführt. Die Stiftungen, die noch in privater Hand waren, wurden 1938 mit der Gleichschaltung der Nationalsozialisten geschlossen. Seitdem sind die einzelnen Stiftungen in Österreich in der gesammelten Stiftung der Universitäten Wien zusammengefasst.

Das Leben in einem eigenen Quartier brachte häufig für die weniger begüterten Studenten eine Wohnsituation in Verschlägen auf Dachböden, in Kellerräumen und Kammern mit sich. Das hatte zur Folge, dass das Studentenbetteln fortgesetzt wurde, was seine Anfänge in den 1420er Jahren hatte. Nachdem keine Bursen und Kodreien mehr existierten, erreichte dieses Betteln im 17. Jahrhundert seinen Höhepunkt. Neben dem Betteln bestand noch die Möglichkeit, sich als famuli in verschiedenen Tätigkeitsbereichen Geld zu verdienen. Im 18. Jahrhundert wandelte sich der Begriff der famuli zu dem Begriff Werkstudenten.

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg verschlechterte sich durch die wirtschaftlichen Bedingungen auch die finanzielle Situation der Studenten, sodass sie auch Arbeiten als Eintänzer oder Tellerwäscher und als Hilfskräfte bei Frisören, Buchbindern, Bäckern oder in der Mensa annehmen mussten.

Deutschsprachiger Raum ab dem 19. Jahrhundert 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg

Korporationshäuser Ab dem späten 19. Jahrhundert begannen viele Studentenverbindungen, eigene Häuser anzukaufen oder zu errichten. In diesen Korporations- oder Verbindungshäusern diente als zentraler Raum eine Kneipe, die für Veranstaltungen und Versammlungen der Verbindung gedacht war. Neben den Kneipen war in den pflichtschlagenden Verbindungen ein Fechtboden oder Paukraum mit Bad eingerichtet, eine Bibliothek, eine Küche und Vorratsräume. Diese Häuser wurden ab 1880 vermehrt errichtet. Durch vornehmen Baustil und luxuriöse Inneneinrichtungen wollten die Burschenschaften ihren Status und ihre Exklusivität hervorheben. Korporationshäuser weisen in der Regel auch Zimmer auf, die an die studierenden Mitglieder der Verbindung vermietet werden. Die Mieten in den „Studentenbuden“ waren je nach den finanziellen Mitteln des zugehörigen Altherrenverbandes hoch oder niedrig. In den meisten Fällen gab es in Bezug auf die Miete einen bestimmten Unkostenbeitrag für die Verbindungsmitglieder, wobei sich Nicht-Mitglieder heutzutage ebenfalls in die Bude zu einem höheren Preis einmieten können.

Wohnheim des Bauhauses in Dessau (1925) Architekt des Wohnheims des Bauhauses in Dessau war Walter Gropius. Die Grundsätze der Planung für das Wohnheim war es, Räume für die Ausbildung und Versorgung der Gemeinschaft mit Essen und sozialen Interaktionspunkten zu schaffen. Das Wohnhaus war zur Zeit der Errichtung mit der Lösung und Verknüpfung der Wohnfläche, Ausbildungsfläche und Sozialfläche als fortschrittlich anzusehen. In den Obergeschossen finden 28 Studenten Platz. Das Wohnheim hebt sich trotz der großzügigen Glasflächen vom Lehrtrakt ab und zeigt die Funktion des Wohnens.

WIHAST in Österreich Die Wirtschaftshilfe der Arbeiterstudenten Österreichs (WIHAST) eröffnete im Jahr 1923 ein Studierendenwohnhaus mit 14 Betten. In Innsbruck beschloss man 1930 ein weiteres Studentenheim zu errichten, das als Übergangslösung für die Wohnungsnot der Studenten dienen sollte. Das bestehende Heim umfasste nur 100 Betten. Wegen des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich und des Beginns des Zweiten Weltkrieges wurden die Pläne verworfen. Bereits 1934 konnte die WIHAST 140 Studierenden eine Unterkunft bieten. Die Unterkünfte waren in Ein-, Zwei- und Dreibettzimmer eingeteilt. Mit dem Anschluss Österreichs musste die WIHAST die Gebäude an die Deutsche Hochschülerschaft übergeben. Während der Kriegsjahre wurden die Studentenwohnheime als Lager für kriegsverletzte Studenten verwendet.

1945 bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts In der Nachkriegszeit vermittelte der Hauptausschuß der ÖH an der Universität Wien den Studenten u. a. auch Wohnplätze. Durch die Vermittlung gab es eine große Zahl von Werkstudenten. An der Universität Wien waren teilweise 60 Prozent der Studenten als Werkstudenten tätig. In den 1950er konnten durch das Studienförderungsgesetz wieder mehr Stipendien verteilt und gewährt werden. Die ÖH gründete 1959 die ÖH die Österreichische Studentenförderungsstiftung, die in Wien sechs Studentenheime mit insgesamt 525 Betten verwaltete. In der Säulengasse 18 und der Billrothstraße 9 konnte die WIHAST 1947 ihre Studentenhäuser wieder erlangen und den Betrieb aufnehmen.

In den Nachkriegsjahren hatte der Bau von Studentenwohnheimen in der Bundesrepublik Deutschland stark an Bedeutung gewonnen. Zwischen den Jahren 1948 und 1958 verdoppelte sich die Zahl der inskribierten Studenten. Bereits im Juli 1961 waren 330 Studentenwohnheime mit 27.000 Plätzen errichtet und weitere 50.000 Heimplätze folgten. Man hatte das Ziel, mindestens 30 % der studierenden Bevölkerung in den Studentenwohnheimen unterzubringen. Die Universitäten befürworteten die Errichtung der Wohnbauten für Studenten durch Korporationen oder Privatinvestoren, da dies seit Ende des Zweiten Weltkrieges gut funktionierte. Es sollte keine Trennung nach Fakultäten oder Semestern erfolgen, die Privatsphäre sollte berücksichtigt werden, Besuchszeiten bis 23 Uhr möglich sein sowie eine Verpflichtung der Studenten zu allgemeinen Verwaltungsdiensten, Telefondienst oder Tätigkeit in der Bibliothek bestehen. Daher kam in Deutschland und Österreich kein derartiges Campusleben auf wie in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten.

Für die planenden Architekten in der Bundesrepublik Deutschland war es eine Herausforderung, auf der Grundlage des Düsseldorfer Wohnheimplanes von 1959 die sozialen Aspekte mit den bildenden Aspekten zu verbinden. Die Architekten lehnten sich jedoch bei der Entwicklung von Studentenwohnheimen mehr an die Gesichtspunkten des sozialen Wohnbaus an. Man plante Einzelzimmer mit Bad zu einer Fläche von 10 m² bis 12 m² und platzierte in jedem Geschoss eine Teeküche und die Aufschließungsform.