miniatur|Robert Remak Robert Remak (* 26. Juli 1815 in Posen; † 29. August 1865 in Kissingen) war ein deutscher Arzt, Embryologe und Neurophysiologe sowie Deutschlands erster jüdischer Privatdozent. Er befasste sich wegweisend mit Histologie, war einer der Begründer der Elektromedizin und identifizierte den Erbgrind als Pilzinfektion. Er erkannte, dass das Froschei eine Zelle ist und sich durch Zellteilungen entwickelt. Außerdem entdeckte er den Achsenzylinder (Axon) markhaltiger Nerven sowie die marklosen Nerven. In der Embryologie ergänzte er die bis dahin bekannten zwei Keimblätter um ein drittes.Ilse Jahn (Hg.): Geschichte der Biologie. Sonderausgabe der 3. Aufl., Nikol, Hamburg 2004, S. 338 und 935.Lexikon der Biologie: Remak, Robert.
Familie Robert Remak war der Sohn des in Posen ansässigen jüdischen Kaufmanns Salomon Meyer Remak und seiner Frau Friederike Caro. Er hatte eine ältere Schwester und zwei jüngere Brüder. Am 8. Juli 1848 heiratete er Feodore Meyer (1828–1863), die Tochter des Bankiers Eli Joachim Meyer.Heinz-Peter Schmiedebach: Robert Remak (1815–1865). Ein jüdischer Arzt im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik. Gustav Fischer, Stuttgart 1995 (= Medizin in Geschichte und Kultur, 18) Sein Sohn war der Neurologe Ernst Julius Remak.
Medizinstudium in Berlin Remak besuchte das Königliche Gymnasium in Posen und legte 1833 sein Abitur ab. Anschließend begann Remak sein Medizinstudium an der Friedrich Wilhelm Universität Berlin. Unklar ist, weshalb Remak zum Medizinstudium nach Berlin ging und nicht nach Wien, Prag oder einer anderen Stadt, wo auch Juden studieren durften. Seit 1730 war jüdischen Bürgern der Zugang zum Collegium medico-chirurgicum gestattet, d. h. 82 Jahre vor dem Preußischen Judenedikt von 1812, das auch qualifizierten Juden in Deutschland den freien Zugang zu universitären Lehrämtern in Aussicht stellte. Das Emanzipationsedikt war die formale Voraussetzung für die Gleichstellung der Juden mit Christen in Preußen. Hintergrund war der Wunsch der preußischen Staatsführung, dass „dem ausgezeichneten Talent in jedem Stand und Verhältnis der Zivil- und Heeresdienst offenstehen solle“.H.-P. Schmiedebach: Robert Remak, Ein jüdischer Arzt im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik. In R. Toeller und N. Tsouyopoulos (Hg.): Medizin in Geschichte und Kultur. Bd. 18, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1995, S. 152.
Der „Qualifikationsnachweis“ für die Aufnahme in den Staatsdienst wurde jedoch im Emanzipationsedikt nicht präzisiert, so dass die preußische Verwaltung im Laufe der Jahre selbst errichtete Nachweise für die geforderte Qualifikation in die Zulassungskataloge einzelner Ämter aufnahm, die dann immer mehr konkretisiert und erweitert wurden und so z. T. restriktiv – ohne Einschaltung übergeordneter Kontrollorgane – von der Verwaltung nach Belieben ausgelebt werden konnten. Nur zehn Jahre später nach Errichtung des Emanzipationsediktes, am 18. August 1822, untersagte eine königliche Verordnung jüdischen Bürgern den Zugang zu Lehrämtern ganz.Moritz Kalisch: Die Judenfrage in ihrer wahren Bedeutung für Preussen. Leipzig 1860.
Innerhalb dieser zehn Jahre der versuchten Gleichstellung von Juden mit Christen hatten sich nicht mehr als drei jüdische Wissenschaftler habilitiert und lehrten an Preußens Universitäten. Mögliche Gründe für diesen Gesinnungswechsel in der preußischen Staatsführung, Juden nun doch wieder den Zugang zu Lehrämtern an der Universität – nicht jedoch den Zugang zur Akademie der Wissenschaften – zu versagen, könnten die Bedenken der christlich erzkonservativen Verwaltungsstrukturen des königlichen Kultusministeriums gewesen sein, die eine Gefahr in dem aufkommenden Liberalismus des jüdischen Bildungsbürgertum sah. Mit diesem historischen Hintergrund der Beschränkung einer zukünftigen akademischen Laufbahn begann Remak im Wintersemester 1833/34 sein Medizinstudium an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin, in welcher zu dieser Zeit 2.561 Studenten eingeschrieben waren.
Die Gebühren für Remaks Vorlesungen in Höhe von 87 Talern und 15 Groschen sind ihm gestundet worden, was auf dem Abgangszeugnis von Remak aus dem Jahr 1838 dokumentiert ist. Schon während seines Medizinstudiums zeigte sich Remak an neuartigen Untersuchungs- und Forschungsverfahren sehr interessiert, wie an Arbeiten über den mikroskopischen Aufbau des Nervensystems zu sehen ist, die er im Alter von 21 Jahren eigenständig publizierte.R. Remak: Vorlaeufige Mitteilungen microscopischer Beobachtungen ueber den innern Bau der Cerbrospinalnerven und ueber die Entwicklung ihrer Formelemente. Arch. Anat. Physiol. (= Muellers Arch.) Leipzig 1836, S. 145–159.
In seiner Studienzeit beschrieb Remak u. a. erstmals das „primitive Band“, das Axon als leitenden Teil von Nervenfasern.R. Remak: Weitere mikroskopische Beobachtungen ueber die Primitivfasern des Nervensystems der Wirbelthiere. N. Notiezen Natur-Heilk. 3 (= Frorieps N. Notiezen) 1837, S. 36–41.R. Remak: Vermischte anatomische Beobachtungen. N. Notiezen Natur – Heilk. 3 (= Frorieps N. Notiezen) 1837, S. 150–154.R. Remak: Neurologische Notiezen. N. Notiezen Natur-Heilk. 3 Frorieps N. Notiezen, 1827, S. 216.R. Remak: Ueber die Verrichtung des organischen Nervensystems. N. Notiezen Natur – Heilk. 7 (= Frorieps N. Notiezen), 1838, S. 65–70.
Remaks wissenschaftliches Interesse, Begabung und handwerkliches Geschick wurden schon frühzeitig von seinen Universitätsprofessoren erkannt, die ihm bereitwillig Mikroskop, Präparierwerkzeug und Untersuchungsmaterial für seine studentischen Forschungsarbeiten zur Verfügung stellten, und ihn auch später tatkräftig förderten und protegierten gegenüber Angriffen der staatlich geförderten Professorenschaft und der ihm misstrauisch gegenüber eingestellten Verwaltung des Kulturministeriums der preußischen Regierung. Zu den maßgeblichen und langjährigen Förderern Remaks gehörten u. a. die Anatomen und Pathologen Johannes Peter Müller und der Berliner Klinikdirektor Johann Lukas Schönlein. Beide ermöglichten seine Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Embryologie.
1838 wurde Robert Remak mit der, die Feinstruktur von Nervengewebe behandelnden Arbeit Observationes anatomicae et microscopicae de systematis nervosi structura promoviert.Dissertation: Observationes anatomicae et microscopicae de systematis nervosi structura. GoogleBooks Am 11. Mai 1839 wurde er – beschränkt auf die Provinz Posen – approbiert, im November legte er einen staatlichen Eid für die Niederlassung als Arzt in der Provinz Posen ab.
Embryologie und Zellpathologie Nach Abschluss seines Studiums war Remak ab 1842 für mehrere Jahre in Schönleins Berliner Klinik gegen Bezahlung (200 Taler pro Jahr) angestellt, wo er unter anderem weiteren Forschungen zur mikroskopischen Darstellung der Zellentwicklung, Embryogenese und Zellpathologie nachgehen konnte. Während dieser Zeit hatte er engen Kontakt zum damaligen Leiter der Universitätspoliklinik Moritz Heinrich Romberg, von dem ihm als erstem zivilen Assistenten der Charité zahlreiche Patienten zur Behandlung vorgestellt wurden. Gewebsproben für seine Studien zur Erforschung der Embryogenese und Zellpathologie erhielt er von Johann Friedrich Dieffenbach und dem Leiter der Klinik für Geburtshilfe Joseph Hermann Schmidt sowie von zahlreichen Kollegen aus Berliner Privatpraxen, die den Arbeiten Remaks sehr aufgeschlossen gegenüberstanden.H.-P. Schmiedebach: Robert Remak, Ein jüdischer Arzt im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik. In R. Toeller, N. Tsouyopoulos (Hrsg.): Medizin in Geschichte und Kultur. Band 18. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1995, S. 118.
Basierend auf diesen Arbeiten identifizierte Remak die drei Keimblätter Ektoderm, Mesoderm und Endoderm als Anlage für die Ausbildung der einzelnen Organsysteme.R. Remak: Ueber die genetische Bedeutung des oberen Keimblattes im Eie der Wirbelthiere. Arch. Anat. Physiol, Leipzig 1851, S. 209–210.R. Remak: Untersuchungen ueber die Entwicklung der Wirbelthiere. Berlin 1855. Diese Entdeckung Remaks ist Grundlage der modernen Embryologie. Im Jahr 1843 wurde er zum Mitglied der Leopoldina gewählt.
Robert Remak hatte zudem richtungsweisend Anteil an der Erkenntnis über das Wachstum von Gewebe bzw. der Zellvermehrung.R. Remak: Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der krebshaften Geschwuelste. Dtsch. Klin. 6 (1854), S. 170–175. Der Pathologe Friedrich Günzburg aus Breslau und Remak wiesen in Aufsätzen schon 1842 bzw. 1852, darauf hin, dass sich Tumor- und Embryonalzellen durch Teilung des Zellkerns vermehren, und nicht, wie bis dahin von Theodor Schwann und Rudolf Virchow in der Cytoblastemtheorie vertretenen Meinung, durch Vermehrung und Sequestration des Zytoplasma, um dann erst den Zellkern mit Hilfe des Zytoplasma zu synthetisieren. In der Wissenschaft wurden jedoch Günzburgs und Remaks frühen Erkenntnisse über die vom Kern ausgehende Zellteilung allein Virchow auf Grund seines Aufsatzes über den Ursprung der Zellvermehrung zugeschrieben,R. Virchow: Cellular Pathologie. Virchows Arch. Path. Anat., Berlin 8 (1855), S. 3–39.R. Virchow: Ueber die Theilung der Zellenkerne. Virchows Arch. Path. Anat., Berlin 11 (1857), S. 89–92. in welchem dieser vergaß, die zeitlich älteren Leistungen seiner Kollegen zu erwähnen. Diese Rückstellung seiner wissenschaftlichen Arbeiten und letztendlich Bevorzugung Rudolf Virchows bei der Vergabe des Lehrstuhls über pathologische Anatomie und Therapie an der Berliner Universität im Jahr 1856 könnten zu einer gewissen Verbitterung bei Remak geführt haben, die sich in einem gespannten Verhältnis zu Virchow zeigte. Unter diesem Gesichtspunkt könnte auch das nicht gerade vorteilhafte Fakultäts-Gutachten Virchows von 1858 über die galvanotherapeutischen Versuche Remaks mit der Entgiftung zu sehen sein,H.-P. Schmiedebach: Robert Remak, Ein jüdischer Arzt im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik. In R. Toeller und N. Tsouyopoulos (Hg.): Medizin in Geschichte und Kultur. Bd. 18, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1995. wobei jedoch gerade diese galvanotherapeutischen Grundlagenversuche ihre spätere, vorteilhafte klinische, Verwirklichung in der Iontophorese und dem Stangerbad gefunden haben.
Galvanotherapie Rudolf Virchow wurde von der medizinischen Fakultät der Charité Berlin die neu geschaffene ordentliche Professur zuerkannt, um die auch Remak sich bemüht hatte. Dieser wandte sich nachfolgend dem damals neuartigen Gebiet der Galvanotherapie zu. Die Galvanotherapie fand in Europa ihren Einzug in die medizinische Behandlung von Krankheiten mit der Erfindung des Volta-Elements durch den Italiener Alessandro Volta, der mittels Zink-Kupfer-Platten, die in ein leitendes Dielektrikum getaucht waren, einen konstanten Gleichstrom erzeugen konnte Voltasche Säule. Systematische Untersuchungen der Wirkung des galvanischen Stromes auf Gesunde und Kranke wurden in Paris von dem Revolutionär Jean-Paul Marat veröffentlicht und in London von John Wesley, der 1780 ein Buch über die klinische Anwendung der Galvanotherapie publizierte. Der Arzt Golding Bird errichtete im Guy’s Hospital in London die erste Abteilung zur Galvanotherapie, die in die Londoner Akademie der Wissenschaften eingebunden war.S. H. Licht: History of Electrotherapy. In: S. H. Licht (Hg.): Therapeutic Electricity and Ultraviolet Radiation. 2. Ausgabe, New Haven 1967, S. 1–69.