Die Orientalische Mauer- oder Mörtelwespe (Sceliphron curvatum), auch Asiatische Lehmtopfwespe genannt, ist ein Hautflügler aus der Familie der Sphecidae, die zu den Grabwespen gezählt werden. Die Art war ursprünglich nur aus Nordindien und Nepal sowie Kasachstan bekannt, hat sich aber seit 1979 auch in Europa ausgebreitet. Sie baut charakteristische Brutzellen aus Lehm und anderen Materialien. Ein weniger bekannter Neueinwanderer ist die ähnliche Amerikanische Mauerwespe.

Merkmale mini|links|Draufsicht Das Männchen der Art erreicht eine Körperlänge von 17 bis 20, das Weibchen eine von 13 bis 16 Millimetern, womit die Orientalische Mauerwespe eine vergleichsweise große Grabwespe ist. Der Körperbau ist wie bei allen Arten der Gattung recht schlank. Sie hat einen schmalen und vergleichsweise langen Petiolus, der genauso lang wie das Abdomen ist oder dessen Länge noch übertrifft. Der Petiolus verläuft bei dieser Art überwiegend gerade. Beim Weibchen ist das letzte Tergit abgerundet oder dreieckig geformt und mit einem Kiel versehen. Das erste Tergit besitzt dorsal betrachtet ein flaches Profil und erscheint zusätzlich zusammen mit dem zweiten aus lateraler Sicht in Form einer gleichmäßig gebogenen Linie. Das Mesonotum ist überwiegend matt und seine grobe Querrunzelung mit zahlreichen Punkten durchsetzt. Die Grundfarbe der Orientalischen Mauerwespe ist braun. Auf dem Clypeus, dem Pronotum, dem Scutellum, den Tegulae und dem Propodeum vor dem Petiolus befindet sich jeweils ein gelber Fleck auf den oberen Mesopleuren, zwei weitere erscheinen in derselben Farbe. Die gelben Farbanteile können je nach Individuum variieren und gerade beim männlichen Tier schwächer ausgeprägt sein. Daneben gibt es auch rotbraune Farbanteile, diese nehmen besonders den Großteil der Beine ein und sind ansonsten auch noch auf den Endbinden auf allen Tergiten und Sterniten vorhanden. An den Beinen und am Abdomen befinden sich zitronengelbe Zeichnungselemente. Die abstehende Gesichtsbehaarung ist dunkel.

Ähnliche Arten Die Orientalische Mauerwespe ähnelt besonders der nah verwandten Art Sceliphron deforme, unterscheidet sich von dieser aber durch den gelben Fleck auf dem Clypeus, der bei S. deforme deutlich ausladender ist, während dieser bei der Orientalischen Mauerwespe lediglich auf das Zentrum des Clypeus beschränkt ist. Weitere Unterscheidungsmerkmale sind der bei S. deforme stärker gebogene Peliotus und teilweise auch die Beinfärbung, die beim Männchen von der Schwesterart auch schwarz ausfallen können. Von den anderen in Europa vorhandenen Arten der Gattung Sceliphron unterscheiden sich beide Arten durch die rotbraune Beinzeichnung und die rotbraunen Tergitendbinden.

Vorkommen Die Orientalische Mauerwespe war ursprünglich vom Norden Indiens und Nepal bis nach Kasachstan verbreitet. Sie wurde jedoch auch in Südost-, Süd- und Mitteleuropa eingeschleppt und hat sich dort erfolgreich etabliert (s. Kapitel Ausbreitung in Europa). Die Art bevorzugt bedingt durch ihre Entwicklungsweise die Nähe von menschlichen Siedlungen. Man spricht dabei von Synanthropie.

Ausbreitung in Europa Der erste Fundort der Art in Europa war die Steiermark in Österreich, wo das erste Exemplar 1979 gesichtet wurde. Seitdem hat sich die Orientalische Mauerwespe in Österreich und über andere Länder des Kontinents ausgebreitet, so wurden 1995 Funde aus Slowenien und aus dem westlichen Teil Ungarns und 1996 auch aus Kroatien bekannt. 1997 gab es auch erste Sichtungen der Orientalischen Mauerwespe aus Serbien und aus Bulgarien. In der Schweiz war es ein zunächst nicht gleich der richtigen Art zugeordneter Fund aus dem Kanton Neuenburg, der das Auftreten der Art anzeigte. In Italien ist die Art seit 1998 nachgewiesen, wo sie besonders im Norden und südlich bis zur Emilia-Romagna und Rom auftritt. 2001 erreichte Sceliphron curvatum Griechenland. Seit 2002 werden Funde der Orientalischen Mauerwespe gelegentlich auch in Deutschland gesichtet. Fundorte waren bislang die Bundesländer Baden-Württemberg (hier erstmaliger Fund der Art in Deutschland in Freiburg), Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Berlin. Im gleichen Jahr gab es auch Nachweise der Art auf dem Festland Frankreichs und 2004 weitere von der französischen Insel Korsika.

Die Ausbreitung der Orientalischen Mauerwespe und anderer Arten der Gattung ist bis heute nicht gänzlich erforscht. So ist auch unklar, wie die Art nach Europa gelangte. Man vermutet, dass dies über verschiedene Wirtschaftswege geschah, bzw. dass die Larven auf Transportwegen nach Europa gelangten. Eine weitere Theorie wäre, dass die Imagines den Weg selbständig nach Europa fanden. Dies rührt daher, dass sich die Art zuerst im Süden und Osten Europas und somit in den Teilen des Kontinents ausbreitete, die am nächsten an ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet liegen. Eine dritte Annahme wäre, dass die Imagines als solche auch durch Kraftfahrzeuge mitgeschleppt wurden, da solche vermehrt an Fahrzeugen gesichtet wurden, die zuvor im ursprünglichen Verbreitungsareal genutzt und nach Europa gefahren wurden. Eine Verdrängung autochthoner Hymenopteren durch diese invasive Art kann nicht ausgeschlossen werden, ließ sich aber Stand 2019 zumindest in der Schweiz nicht belegen.

Lebensweise Die Orientalische Mauerwespe lebt gerne in der Nähe von menschlichen Ansiedlungen. In der Natur werden besonders vom Regen geschützte Areale für die Brut in Anspruch genommen. Die Art hat überwiegend nur eine Generation pro Jahr (univoltin). Sie ist zumindest in Europa je nach Fundort von März bis nach August, meist aber zwischen Anfang Juni und Ende Juli auffindbar. Die erwachsenen Tiere (Imagines) ernähren sich wie bei Grabwespen üblich durch Nektar von Blüten und nicht wie die Larven karnivor.

Entwicklung Die Entwicklung der Orientalischen Mauerwespe verläuft ähnlich wie bei anderen Grabwespen und gliedert sich in mehrere Phasen. Innerhalb des Winters entwickeln sich die Wespen über die Larvenstadien und das Puppenstadium bis in das Frühjahr des folgenden Jahres.

Herstellung der Brutzellen mini|links|Orientalische Mauerwespe beim Sammeln von Baumaterialien für eine Brutzelle mini|Eine Gruppe von fünf Brutzellen an einem Vorhang, davon die drei oberen bereits verschlossen. Wie alle Arten der Gattung fertigt das Weibchen Brutzellen in Form von Lehmtöpfen an. Im Unterschied zu den anderen in Europa vorkommenden Arten werden die einzelnen Töpfe jedoch nicht mit einer weiteren Lehmschicht überbaut, sondern bleiben als solche freiliegend. Zuerst wird an die Fläche, auf der die Lehmtöpfe befestigt werden sollen, ein Untergrund aus meist anthropogenen Substanzen, darunter Porozell, Bakelit, Papier (Material beispielsweise aus Büchern oder Tapeten), seltener Ziegelstaub oder Kunstmarmor geschaffen. Als Herkunftsort der Bausubstanz für die Lehmtöpfchen sucht die Wespe dann geeignete Standorte, darunter Uferränder von Tümpeln und ausdauernden Pfützen auf Makadamwegen, beregnete Baustellen oder Ränder von Lehmgruben auf. Eine Speichelzugabe zu dem Baumaterial erfolgt anscheinend nicht, weshalb eine gewisse Feuchtigkeit der gesammelten Materialien ausschlaggebend für die Eignung als Baustoff ist. Gesammeltes Material wird sowohl vor Ort als auch am Bauplatz der Brutzellen geknetet und geformt und anschließend an die Unterlage angepasst und aufgetragen. Eine Zelle besteht aus neun bis fünfzehn einzelnen Lehmklumpen. Der Bau einer einzelnen Zelle kann abhängig von Materialangebot, Wetterlage und möglichen Störungen bis zu zwei Tage in Anspruch nehmen. Die elliptisch bis birnenförmig geformten Lehmtöpfe werden in beachtlich hoher Zahl (meist 5 bis 22, laut Beobachtungen manchmal auch 30 bis 85) parallel, bzw. horizontal oder vertikal aneinandergereiht und sind meist einheitlich in eine Richtung ausgeprägt. Sie sind fein strukturiert, besonders der später folgende Deckel. Wasser kann diese Strukturen leicht auflösen. Daher werden menschliche Behausungen, bevorzugt Dachböden von Wohnhäusern oder Garagen und Scheunen genutzt, die einen geeigneten Schutz vor Regen und Nässe bieten. Das erklärt auch die synanthropische Lebensweise. Die hohe Anzahl der Lehmtöpfe wird mit deren Empfindlichkeit gegenüber Wasser erklärt. Dementsprechend werden diese in freier Natur an geeigneten wassergeschützten Stellen angefertigt. In eine Zelle wird jeweils ein Ei gelegt. Mit dem gesamten Fertigungsprozess nutzt die Wespe die Zeit zwischen Sonnenaufgang und kurz vor Sonnenuntergang, bei geeignetem Wetter auch bis in die Dämmerung.

Beutefang von Spinnen für den Nachwuchs mini|links|Wespe mit erbeuteter Spinne mini|Alle gelähmten Spinnen aus einer Brutzelle Wie bei allen Grabwespen jagt ein begattetes Weibchen der Orientalischen Mauerwespe lebende Beutetiere für die nachfolgende Generation. Hier werden kleine bis mittelgroße Spinnen verschiedener Familien erbeutet. Das Weibchen führt einen Suchflug durch, indem es in einem Zick-Zack-Muster auf und ab fliegt. Wird eine geeignete Spinne gesichtet, nähert sich die Wespe dieser im Sturzflug und versetzt ihr innerhalb weniger Sekunden einen lähmenden Stich. Beobachtet wurde in Europa beispielsweise der erfolgreiche Fang von Exemplaren der Gehörnten Kreuzspinne (Araneus angulatus), der Kürbisspinne (Araniella cucurbitina), der Grünen Krabbenspinne (Diaea dorsata), der Herbstspinne (Metellina segmentata), der Spaltenkreuzspinne (Nuctenea umbratica) und der Mauer-Zebraspringspinne (Salticus scenicus). Einmal gelähmt, wird die Spinne in mehreren Flugsprüngen oder im Freiflug und gehalten von den Mandibeln und den Vorderbeinen einzeln in die Brutzelle getragen. Der Kreislauf der Spinne wird infolge des Lähmungsgiftes sehr reduziert. Dadurch wird einerseits der Sauerstoffverbrauch der noch immer atmenden Spinne innerhalb der später geschlossenen Zelle reduziert und anderseits ermöglicht dies eine längere Haltbarkeit des zum Verzehr durch die Larve vorgesehenen Beutetieres. Nach der Betäubung ist die Spinne abgesehen von gelegentlich auftretenden Vibrationen der Beine vollständig bewegungsunfähig. Dennoch sind ihre Gliedmaßen sehr entspannt, was die Einfuhr von weiteren Spinnen in eine einzelne Zelle ohne Komplikationen ermöglicht. Die Anzahl der gejagten Spinnen kann pro Brutzelle acht bis fünfzehn betragen. Dadurch kann im Hinblick auf die große Zahl von Brutzellen die Menge der Beutetiere sehr hoch ausfallen. Insgesamt 30 Spinnen kann die Wespe pro Tag erlegen. Dabei wird immer zuerst die Brutzelle mit Spinnen versehen, die zuletzt gefertigt wurde. In eine mit ausreichend Spinnen versehene Zelle wird ein Ei gelegt und anschließend mit einem Deckel verschlossen. In einem gewissen Zeitraum werden vollendete Brutzellen repariert, sollten sie beschädigt sein.

Eigenschaften des Eis mini|Ei der Orientalischen Mauerwespe auf einer zuvor gelähmten Spinne Das Ei ist sehr elastisch, konkav geformt, meist 3,2 Millimeter lang und wird leicht schräg unterseitig zwischen Fächerlungenstigma und Hüftansatz des Opisthosomas von einer der betäubten Spinnen abgelegt und mit einem farblosen Sekret an dieser befestigt. Das Ei ist überwiegend strukturlos gestaltet, wobei jedoch im Nahbereich beider Eispitzen die Oberfläche unregelmäßig und rau ist. Durch das fettige Sekret sind außerdem strukturartige Spiegelungen erkennbar. Am spitzen Ende des Eis ist ein dunkel gefleckter, winziger und unscharf begrenzter Fleck zu erkennen, der möglicherweise wie eine Mikropyle funktioniert. Das gesamte Ei ist mit zwei ebenso elastischen Eihüllen überzogen. Der Schlupf der Larven erfolgte bei Beobachtungen drei bis fünf Stunden nach dem Auffüllen mit den Beutespinnen und mindestens drei Stunden nach dem Verschließen der Brutzellen.

Entwicklung der Larve mini|links|Larve