Die Riesenkrabbenspinnen (Sparassidae, Syn.: Heteropodidae, Eusparassidae) sind eine zahlenmäßig große Familie innerhalb der Unterordnung der Echten Webspinnen (Araneomorphae), die wiederum der Ordnung der Webspinnen angehörig ist, sowie überdies einzige Familie innerhalb der Überfamilie Sparassoidea. Der deutschsprachige Trivialname der Familie deutet auf die Ähnlichkeit dieser Spinnen mit den nicht näher verwandten und deutlich kleineren Krabbenspinnen (Thomisidae). Im englischen Sprachraum ist besonders die Bezeichnung Huntsman spiders, die übersetzt „Jägerspinnen“ bedeutet, oder die vereinfachte Form Huntsmen für „Jäger“ verbreitet. Bei Riesenkrabbenspinnen handelt es sich je nach Art um mittel- bis sehr große Echte Webspinnen. Die im Verhältnis zum Körper langen und latigraden (monoton zur Seite gerichteten) Beine sowie der bei vielen Arten abgeflachte Körperbau sind herausragende Merkmale der Riesenkrabbenspinnen gegenüber anderen Spinnen.
Die Familie der Riesenkrabbenspinnen ist fast weltweit verbreitet, wobei ihr Verbreitungsschwerpunkt in den Tropen und Subtropen liegt. In Mitteleuropa kommt lediglich die Grüne Huschspinne (Micrommata virescens) natürlich vor. Die verschiedenen Arten bewohnen eine Vielzahl von Habitaten (Lebensräumen) und einige Arten sind auch in menschlichen Siedlungsbereichen häufig zu finden. Riesenkrabbenspinnen sind recht wanderfreudig und abgesehen von wenigen Ausnahmen nachtaktiv. Sie verstecken sich während ihrer Inaktivitätszeit in passenden temporären Unterschlüpfen, wobei der abgeflachte Körperbau den Spinnen dabei auch ermöglicht, recht schmale Verstecke anzunehmen. Riesenkrabbenspinnen legen kein Spinnennetz an, sondern erlegen Beutetiere freilaufend und aktiv. Das Beutespektrum umfasst überwiegend andere Wirbellose, bei größeren Arten mitunter auch kleinere Wirbeltiere. Der Paarung geht ein ausgeprägtes Balzverhalten voraus. Der einige Zeit nach der Paarung angelegte Eikokon wird vom Weibchen vehement beschützt. Gleiches trifft auch für kurze Zeit auf die beim Muttertier anfangs verbleibenden Jungtiere zu, ehe diese selbstständig wie bei anderen Spinnen über mehrere Häutungsstadien heranwachsen.
Aufgrund der Anpassungsfähigkeit einiger Riesenkrabbenspinnen an menschliche Siedlungsbereiche kommt es häufig zu einem Zusammentreffen mit den Menschen. Allgemein werden Riesenkrabbenspinnen nicht selten aufgrund ihrer – verglichen mit vielen anderen Spinnen – imposanten Erscheinung und ihrer schnellen sowie ruckartigen Fortbewegung gefürchtet. Für den Menschen geht von diesen Spinnen im Regelfall keine große Gefahr aus. Bisse größerer Vertreter der Familie sind überliefert und gelten als schmerzhaft, verlaufen jedoch meist mild und ohne medizinisch relevante Symptome. Ansonsten haben Riesenkrabbenspinnen wie andere Spinnen einen großen Nutzen im Rahmen der biologischen Schädlingsbekämpfung und einzelne Arten sind als Heimtiere im Bereich der Terraristik vertreten.
Merkmale mini|Dorsalansicht einer weiblichen Riesenkrabbenspinne
Riesenkrabbenspinnen sind mittel- bis sehr große Echte Webspinnen (Araneomorphae) mit einer Mindestkörperlänge von sechs Millimetern. Die größeren Vertreter kommen vorwiegend in den Tropen vor. Die größte Art der Familie ist die Laotische Riesenkrabbenspinne (Heteropoda maxima) mit einer Körperlänge von maximal 46 und einer Beinspannweite von gut 300 Millimetern. Vielen Riesenkrabbenspinnen ist ein abgeflachter Körperbau gemeinsam. Dies ist beispielsweise bei Riesenkrabbenspinnen der Gattungen Isopeda, Isopedella und Holconia der Fall. Am abgeflachtesten sind die Riesenkrabbenspinnen der Gattung Delena. Zu den Vertretern mit einem vergleichsweise wenig abgeflachten Körper zählen die Echten Riesenkrabbenspinnen (Heteropoda) und die Arten der Gattung Neosparassus. Die zu dieser Familie zählenden Spinnen weisen cremefarbene, beige, dunkelbraune oder graue Grundfärbungen auf. Viele Arten haben dunklere Streifen und aus Flecken bestehende Musterungen. Andere sind grün oder weiß gefärbt und haben gelbe oder rote Zeichenelemente.
mini|links|Frontalansicht einer weiblichen Riesenkrabbenspinne mit erkennbaren Augen und Cheliceren Das Peltidium oder Carapax, das Rückenschild des Prosomas, ist gewöhnlich oval geformt und entweder so lang wie breit oder länger als breit. Im Augenbereich ist er verengt. Die ausgeprägte Fovea (Apodem) ist mit einer dichten Ansammlung feiner Setae (chitinisierter Borsten) versehen. Die acht Augen sind wie bei den meisten Spinnen je zu viert in zwei Reihen übereinander angeordnet. Die Augen der posterioren (hinteren) Reihe sind meistens gleich groß und mit Ausnahme der Gattung Chrosioderma gleichmäßig voneinander entfernt. Die Größe der zur anterioren (vorderen) Reihe gehörenden Augen variiert je nach Gattung. Allgemein sind die medianen (mittleren) Augen die größten, wobei die anterior lateralen (seitlichen) Augen bei einigen Arten größer als die anterior medianen sind. Dies ist bei den Unterfamilien der Heteroponinae und der Palystinae der Fall. Allgemein sind die Augen der Riesenkrabbenspinnen einigermaßen gut entwickelt und verleihen ihnen eine recht gute Sehfähigkeit. Die frei beweglichen Cheliceren (Kieferklauen) haben anterior ein bis vier und posterior ein bis neun Zähne. Bei einigen Riesenkrabbenspinnen befinden sich an den Chelicerengruben (Anlegestellen für die Giftklauen, den Basalgliedern der Cheliceren) oder der Condylen (Ausstülpungen an der Basis der Cheliceren) mehrere Dentikel (zahnartige Gebilde). Das Labium (sklerotisierte bzw. verhärtete Platte zwischen den Maxillae und vor dem Sternum) ist freistehend und kurz. Mit Ausnahme der Gattung Berlandina ist es nie länger als halb so lang wie die Maxillae (umgewandelte Coxen, bzw. Hüftglieder der Pedipalpen) und distal (von der Körpermitte entfernt) stärker berandet. Die Maxillae weisen Scopulae (Haftsetaebüschel) auf. Die Serrulae (Putzkämme) erscheinen harkenartig. Das Sternum (Brustschild des Prosomas) ist länger als breit und beinahe kreisförmig. Sein Verhältnis zwischen Länge und Breite ist 0,8 zu 1,2. Das Ende des Sternums ist zugespitzt.
mini|Lateralansicht einer weiblichen Riesenkrabbenspinne mit gut erkennbaren Beinstrukturen Die Beine der Riesenkrabbenspinnen sind vergleichsweise lang und eher wenig bestachelt. Die Beinformel (Zählung vom längsten zum kürzesten Beinpaar) lautet zumeist 2-1-4-3. Ein besonderes Merkmal der Riesenkrabbenspinnen ist die latigrade (monoton zur Seite gerichtete) Beinstellung. In Ruhelage sind die Beine rechtwinklig zum Körper angewinkelt, was jedoch bei den im Gras lebenden Arten der Familie weniger erkennbar ist. Die Trochanter (Schenkelringe) sind gekerbt. Sowohl die Tarsen (Fußglieder) als auch die Metatarsen (Fersenglieder) verfügen über Scopulae. An den Tarsen befinden sich je zwei Klauen mit dichten Klauenbüscheln. Die Metatarsen weisen an ihren Endungen je eine dreilappige Membran auf, was ihnen eine außergewöhnlich hohe Mobilität verleiht. Die Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) weiblicher Riesenkrabbenspinnen haben je eine Klaue und 3 bis 10 Zähne.
mini|links|Rückansicht einer weiblichen Riesenkrabbenspinne mit erkennbarem Opisthosoma mitsamt Spinnwarzen Das Opisthosoma (Hinterleib) der Riesenkrabbenspinne hat eine runde bis ovale und selten eine längliche Form. Auf ihm befindet sich dorsal (oben) nicht selten ein dunkles, an ein Folium (Blattzeichnung) erinnerndes Muster. Das Opisthosoma ist bei den Vertretern dieser Familie manchmal mit einer dichten Schicht feiner Setae bedeckt. Riesenkrabbenspinnen haben zwei Buchlungen und posterior angelegte Tracheen (Luftröhren), deren Anordnung auf das Opisthosoma begrenzt ist. Die Stigmen (Atemöffnungen) befinden sich nahe den Spinnwarzen. Riesenkrabbenspinnen zählen zu den ecribellaten Spinnen. Ein Colulus (vermutlich funktionsloser Hügel und Rest der Cribelli und Calamistri) fehlt ihnen gänzlich.
Sexualdimorphismus mini|Männliche Riesenkrabbenspinne
Wie bei vielen Spinnen ist bei den Riesenkrabbenspinnen ein Sexualdimorphismus (Unterschied der Geschlechter) erkennbar, der jedoch, verglichen mit anderen Spinnen, schwach ausgeprägt ist. Wie bei Spinnen üblich haben ausgewachsene Weibchen ein deutlich breiter und kräftiger gebautes Opisthosoma als die männlichen Individuen im gleichen Stadium. Die Männchen erscheinen gleich groß wie die Weibchen, sie haben jedoch neben einem schmaleren Opisthosoma längere Beine.
Genitalmorphologische Merkmale Die Pedipalpen männlicher Riesenkrabbenspinnen haben je eine kräftig gebaute tibiale Apophyse (chitinisierter Fortsatz). Das Tegulum (zweites und mittleres Sklerit, bzw. Hartteil) ist bei einem der beiden Bulbi (männliches Geschlechtsorgan) mit dem Embolus (drittes und letztes Sklerit) verwachsen und mit einem Konduktor (Leiter) sowie bei einigen Arten mit einer weiteren Apophyse versehen. Die Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan) ist sklerotisiert und hervorstehend.
Verbreitung und Lebensräume mini|links|Weibchen der Grünen Huschspinne (Micrommata virescens), der einzigen auch in Mitteleuropa natürlich vorkommenden Riesenkrabbenspinne
Das Verbreitungsgebiet der Riesenkrabbenspinnen erstreckt sich zwischen den Breitengraden von 40° Nord und 40° Süd. Die einzige Ausnahme bilden die in der Paläarktis vertretenen Huschspinnen (Micrommata). In Mitteleuropa kommt nur die zu dieser Gattung zählende Grüne Huschspinne (M. virescens) natürlich vor. Der Verbreitungsschwerpunkt der Familie sind die Tropen und Subtropen.
Einzelne Riesenkrabbenspinnen gelangten mit Transporten in Gebiete, in denen sie vorher nicht heimisch waren und dort als Neozoen gelten. Ein Beispiel in Europa ist die ursprünglich tropisch verbreitete und mittlerweile mehrfach in Gewächshäusern nachgewiesene Warmhaus-Riesenkrabbenspinne (Heteropoda venatoria). Daneben wurde die Art Tychicus longipes in die Niederlande eingeschleppt.
Riesenkrabbenspinnen bewohnen ein breites Spektrum an Habitaten (Lebensräumen), das von der Vegetation über den Bodengrund bis hin zu Höhlen reichen kann. Einzelne Arten bewohnen Wüsten.
Lebensweise mini|Eine weibliche Riesenkrabbenspinne seilt sich mit einem Spinnfaden ab
Riesenkrabbenspinnen sind mehrheitlich nachtaktiv. Eine Ausnahme bildet die tagaktive Grüne Huschspinne (Micrommata virescens). In ihrer Aktivitätszeit zeigen sich die Tiere wanderfreudig. Die recht aktiven Spinnen können äußerst schnell laufen. Außerdem ist es Riesenkrabbenspinnen durch ihre latigrad angeordneten Beine möglich, sich sowohl vor- wie auch rück- und seitwärts gleichermaßen schnell fortzubewegen. Die Scopulae ermöglichen es den Spinnen, jede glatte Oberfläche zu erklimmen. Bislang wurde keine Fläche nachgewiesen, auf der sich Riesenkrabbenspinnen nicht kletternd fortbewegen können. Spinnenseide kommt bei Riesenkrabbenspinnen neben dem Anfertigen von Eigelegen, beim Befestigen von Beutetieren, Verdichten eines Unterschlupfes mitsamt Wasserschutz und gelegentlich für das Anfertigen von Wegfäden zum Einsatz.
Riesenkrabbenspinnen leben nomadisch und nutzen temporäre Versteckmöglichkeiten. Als solche kann beispielsweise die Unterseite loser Baumrinde und von Rindenteilen auf dem Boden sowie von Felsen dienen. Auch Spalten an Felswänden und in Baumstämmen sowie Laubstreu werden gern genutzt. Dabei können sich die Spinnen dank ihres abgeflachten Körpers und ihrer latigrad angeordneten Beine problemlos in solche Verstecke begeben. Auch ein schnelles Fortbewegen in den Verstecken ist dadurch gegeben. Die in Wüsten vorkommenden Arten verbergen sich in selbstgegrabenen Unterschlüpfen im Sand.
Viele Arten dringen gelegentlich in Häuser ein. Genauso scheinen Autos beliebte Aufenthaltsorte zu sein, wo sich die Spinnen gerne hinter der Sonnenblende verbergen oder sich auf dem Armaturenbrett fortbewegen.
Jagdverhalten und Beutespektrum