mini|Liao spricht auf der 2. Konferenz des Kommunistischen Jugendverbandes Chinas Liao Chengzhi (; * 25. September 1908 in Tokio; † 10. Juni 1983 in Peking) war ein chinesischer Politiker und führender Japanspezialist der Kommunistischen Partei Chinas in den 1960er und 1970er Jahren. Er prägte die Japan-Politik der Volksrepublik und war maßgeblich an der Normalisierung zwischen den einst verfeindeten Nationen beteiligt.

Liao entstammte einer reichen Familie aus der südchinesischen Provinz Guangdong. Er wurde in Japan geboren und wuchs zweisprachig auf. Sein Vater Liao Zhongkai war einer der führenden Kuomintang-Politiker und wurde ermordet, als Liao Chengzhi 17 Jahre alt war. Drei Jahre später schloss Liao sich den Kommunisten an und war Teilnehmer am Langen Marsch. Er überlebte die politischen Säuberungen in der Kommunistischen Partei hauptsächlich aufgrund seiner familiären Abstammung. Während des Krieges gegen Japan warb er in Hongkong Unterstützung für die Partei ein, wurde verhaftet, verbrachte fünf Jahre in Gefängnissen der Kuomintang und widersetzte sich Bemühungen von Chiang Kai-shek, ihn zum Überlaufen zu bewegen. Während des Bürgerkrieges arbeitete Liao im Propagandaapparat der Kommunistischen Partei.

Nach Ausrufung der Volksrepublik im Jahre 1949 arbeitete er an ersten privaten Abkommen über Handel und Gefangenenrückführung und gestaltete die Beziehungen zu den Staaten Südostasiens, wo viele Überseechinesen leben. Diese Rolle füllte er auch aus, als Mao Zedong mit der Hundert-Blumen-Bewegung die Intellektuellen herausforderte, in der Zeit des Großen Sprungs nach vorn konnte Liao größere Schritte in Richtung Normalisierung mit Japan setzen. Während der Kulturrevolution wurde Liao hingegen aus dem Zentralkomitee ausgeschlossen und kam unter Hausarrest. Nach dem Fall von Lin Biao wurde Liao rehabilitiert. Nach Maos Tod trieb er die Normalisierungsverhandlungen voran, die in Deng Xiaopings vielbeachtetem Besuch des Jahres 1978 und dem Abschluss des Friedensvertrages gipfelten. Liao verstarb wenige Monate, nachdem er in das Politbüro aufgenommen worden war.

Kindheit zwischen Japan und Guangdong mini|He Xiangning mit Liao Chengzhi, Tokio 1909 Liao Chengzi entstammte einer Familie von Geschäftsleuten aus Hongkong, deren Wurzeln im Kreis Huiyang der Provinz Guangdong lagen. Großvater Liao Zhubin wurde von der Hong Kong and Shanghai Banking Corporation in den 1860er Jahren nach San Francisco entstand, wo 1877 oder 1878 Liaos Vater Liao Zhongkai geboren wurde. Vater Liao war stolzer Chinese, wenngleich er in San Francisco rassische Diskriminierung erfahren haben dürfte, und setzte sich für ein starkes China ein. Er kehrte als Jugendlicher nach China zurück, wo er 1897 He Xiangning heiratete. Liao Zhongkai gehörte zu der großen Anzahl chinesischer Studenten, die nach Japan gingen, das sich schnell modernisiert hatte und sich dem aggressiven Vorgehen der westlichen Mächte widersetzte. Liao und He kamen 1902 in Tokio an, wo Liao an der Waseda-Universität Wirtschaft studierte. Hier lernten sie 1903 Sun Yat-sen, später auch Hu Hanmin und Zhu Zhixin kennen und traten 1905 seiner revolutionären Tongmenghui bei. Das Haus von Liao und He erschien der japanischen Polizei so unverdächtig, dass es als geheimer Treffpunkt der Tongmenghui-Mitglieder diente. Am 25. September 1908 wurde Liao Chengzhi in diesem Umfeld geboren.

mini|Liao Chengzhi am Totenbett seines Vaters Im Jahre 1909 kehrte die Familie Liao nach China zurück. Nach dem Wuchang-Aufstand und der folgenden Xinhai-Revolution hatte sich Guangdong für unabhängig erklärt und Liao Zhongkai übernahm die Finanzverwaltung der Provinz. Die Revolution kam jedoch unter den Druck der Bestrebungen von Yuan Shikai, das Kaisertum wiederzubeleben. In dieser Atmosphäre flüchtete die Familie nach Tokio. Hier besuchte Liao Chengzhi eine katholische Schule und lernte perfekt Japanisch. Ab 1919 war die Familie wieder in Guangzhou, wo Liao weiterhin eine christliche Schule besuchte. Sein Vater war aufgrund seiner politischen Tätigkeiten sehr beschäftigt und selten zu Hause. Er war Mitglied des linken Flügels der Kuomintang, vertrat anti-imperialistische Ansichten und befürwortete eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion. Im Jahre 1922 wurde er im Zuge der Auseinandersetzung zwischen Sun Yat-sen und Chen Jiongming verhaftet. Die Familie floh nach Hongkong, Liao Zhongkai wurde jedoch nach Intervention seiner Frau freigelassen. Liao Chengzhi und seine Schwester Liao Mengxing begannen, sich im frühen Jugendalter für Politik zu interessieren und dürften im Jahre 1924 oder 1925 einer der Jugendorganisationen der Kuomintang beigetreten sein. Hier lernten sie den damaligen Leiter der politischen Abteilung der Whampoa-Militärakademie Zhou Enlai kennen und Liao wurde am 23. Juni 1925 Augenzeuge des Shaji-Massakers, bei dem ihm angeblich der Hut vom Kopf geschossen wurde. Im August 1925 wurde Vater Liao Zhongkai – mittlerweile einer der einflussreichsten Männer in der Kuomintang – ermordet. Der spätere Kuomintang-Chef und Generalissimus Chiang Kai-shek bot der Familie an, im Gästehaus der Whampoa-Militärakademie zu wohnen, so dass Liao Chengzhi viel Zeit mit dem fast gleichaltrigen Chiang Ching-Kuo verbrachte.

Nachdem im Zuge der Flügelkämpfe innerhalb der Kuomintang zahlreiche linksgerichtete Mitglieder umgebracht wurden und eine antikommunistische Regierung in Nanjing etabliert wurde, verließ Liao die Kuomintang wahrscheinlich im Jahre 1927. Er ging nach Tokio, wo er eine Schule besuchte, die zur Waseda-Universität gehörte. Vor allem aber engagierte er sich in kommunistischen Studienzirkeln für Sozialwissenschaften. Er wurde wiederholt verhaftet und beteiligte sich aktiv an den Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der nationalistischen chinesischen Regierungen und den Kommunisten bzw. linksgerichteten Kuomintang-Mitgliedern. Nach dem Jinan-Zwischenfall vom 3. Mai 1928 nahm Liao an einer Konferenz über den Widerstand gegen die japanische Aggression teil, im Zuge derer eine Große antijapanische Allianz gegründet wurde. Liao war an vorderster Front an dieser Organisation beteiligt, was zu seiner Verhaftung und Ausweisung führte. Im Japan – oder bereits davor – war er der Kommunistischen Partei Chinas beigetreten.

Liao kehrte nach Shanghai zurück, wo er für die Propagandaabteilung der KP arbeitete. Wahrscheinlich im November 1928 machte er sich aufgrund von Bedenken um seine Sicherheit auf den Weg nach Europa. Es ist nicht genau geklärt, wo er sich wan aufhielt und was er tat. Er dürfte für die International Seamen's Union gearbeitet, eine Zeitlang in Berlin studiert und mehrere Häfen besucht haben. Mehrmals wurde er verhaftet, weil er sich an der Organisation von Streiks beteiligt hatte. Er besuchte auch die Sowjetunion, wo er wohl einen Kongress besuchte und an der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens eingeschrieben war.

Zwischen 1932 und 1933 traf Liao wieder in Shanghai ein. Hier wurde er zum Chef der Propagandaabteilung der gesamtchinesischen Gewerkschaft und zum Parteisekretär in der Matrosengewerkschaft ernannt. Unter dem Decknamen He Lianhua arbeitete er im Untergrund. In dieser Zeit lernte er seine zukünftige Frau Jing Puchun kennen. Im Jahre 1933 wurde Liao verraten und verhaftet, es drohte ihm die Hinrichtung. Seine Mutter He Xiangning setzte sich mit ihren Beziehungen für seine Freilassung ein, die Chiang Kai-shek persönlich absegnen musste. Im August 1933 verließ Liao Shanghai, obwohl sich drei nahe Angehörige dafür verbürgt hatten, dass Liao sich aus der Politik heraushalten würde.

Langer Marsch

Liao begab sich in den Eyuwan-Sowjet, wo er unter anderem Generalsekretär der politischen Abteilung der 4. Frontarmee wurde. Im Eyuwan-Sowjet waren, wie im gesamten kommunistisch beherrschten Gebiet, gewaltsame politische Säuberungen an der Tagesordnung. Der Kommandeur der 4. Frontarmee Zhang Guotao hielt Liao für einen Verräter und ließ ihn wahrscheinlich im März 1935 verhaften. Wahrscheinlich ließ Zhang Liao nicht hinrichten, weil er seine Fähigkeiten in der Propaganda benötigte. So nahm Liao am ohnehin strapaziösen Langen Marsch als Häftling unter zusätzlich erschwerten Bedingungen teil; später erinnerte er sich, dass er seinen Ledergürtel kochen wollte, um ihn zu essen. Seine Freilassung verdankte Liao Zhou Enlai, der ihm zufällig getroffen und wiedererkannt hatte. Zhou war sich wahrscheinlich bewusst, dass eine eventuelle Hinrichtung Liaos das Ansehen der Kommunistischen Partei im linken Kuomintang-Flügel schwer beschädigt hätte. Zhou soll in Zhangs Beisein Liao barsch gefragt haben, ob er seine Fehler bereue und Besserung gelobe. Liao bejahte und wurde Ende 1935 oder 1936 enthaftet, rehabilitiert und in der Nachrichtenagentur Rotes China eingesetzt, die damals von Zhang Jinjiu und Bo Gu geleitet wurde.

Nach der Vereinigung der kommunistischen Truppen Zhang Guotaos mit jenen von Mao Zedong hatten sich Zhang und Mao über das weitere Vorgehen zerstritten. Liao folgte den Einheiten Maos nach Nord-Shaanxi, während Zhang zunächst in Richtung West-Sichuan zog. Zhangs Truppen wurden bis 1937 fast komplett zerstört, so dass Mao nach Zhangs eintreffen im Basisgebiet von Yan’an eine politische Kampagne gegen ihn veranstaltete. Bei den Diskussionen über Zhangs Fehler, die unter Leitung des damaligen KP-Generalsekretärs Zhang Wentian stattfanden, kritisierte Liao die Behandlung von vermeintlichen Konterrevolutionären. Insbesondere beschuldigte er Zhang und die 4. Frontarmee, mit Töchtern und Frauen der lokalen Eliten Sexorgien veranstaltet, diese vergewaltigt und zu Tode gefoltert zu haben.

Seit der Ankunft in Yan’an hatte Liao einige Positionen im Propagandaapparat der Kommunistischen Partei übernommen. Er war Chefredakteur der Wochenzeitung „Befreiung“, Chef der Nachrichtenagentur Xinhua und stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgruppe für die Einheitsfront im Zentralkomitee. Er unterrichtete an der Widerstands-Universität und fungierte als Dolmetscher beim Besuch ausländischer Delegationen – all dies unter extrem einfachen Umständen. Abgesehen davon war er ein beliebter Schauspieler in den revolutionären Theaterstücken des Sowjets und beeindruckte sein Umfeld auch sonst mit seinen künstlerischen Fertigkeiten. Er war einer der wenigen KP-Mitglieder mit großbürgerlichem Hintergrund, die die zahlreichen politischen Säuberungen überlebt hatten.

Krieg gegen Japan

Im Herbst 1937 verließ Liao die kommunistische Basis in Yan’an und kehrte in seine Heimatprovinz zurück. Es ist unklar, ob er sich dazu meldete oder ob er von der Partei nach Guangdong entsandt wurde. Seine Mutter und Jing Puchen reisten sofort nach Hongkong ab, wo Jing und Liao am 11. Januar 1938 heirateten. Inzwischen war der Zweite Japanisch-Chinesische Krieg ausgebrochen und der Druck auf die Kuomintang-Regierung, die Japaner statt die Kommunisten zu bekämpfen, war so groß geworden, dass die Zweite Einheitsfront gebildet wurde.