Das Bildnis eines jungen Mannes oder Bildnis eines jungen Herren ist ein Ölgemälde des niederländischen Malers Rembrandt van Rijn. Das Werk erschien erst 2016 auf dem Kunstmarkt und wurde vom Londoner Auktionshaus Christie’s Rembrandts Umkreis zugeschrieben. Bei der Versteigerung im Dezember 2016 erlöste es 137.000 britische Pfund. 2018 trat der niederländische Kunsthändler Jan Six mit der Aussage an die Öffentlichkeit, bei dem Gemälde handele es sich um ein Werk Rembrandts. Damit ist es das erste völlig unbekannte Gemälde Rembrandts, das seit 1974 auf dem Kunstmarkt aufgetaucht ist.

Das Gemälde ist als Hochformat auf Leinwand ausgeführt und kann wegen der besonderen Art des Spitzenkragens, der nur kurze Zeit in Mode war, auf etwa 1634 datiert werden. Nach einer Analyse von Grundierung und Maltechnik sowie dem Vergleich mit seinen anderen Porträts aus dieser Zeit kann das Bild zuverlässig Rembrandt zugeschrieben werden. Möglicherweise ist es das Fragment eines ursprünglich wesentlich größeren Doppel- oder Familienporträts.

Beschreibung Das Gemälde zeigt die Halbfigur eines halb nach rechts gewandten Mannes von etwa 25 Jahren vor einem graublauen Vorhang. Er hat seinen Kopf nach rechts gedreht, so dass er den Betrachter fast frontal anschaut. Seine rotblonden, leicht gewellten Haare fallen fast bis auf die Schultern herab und bilden auf der Stirn einen französischen Pony, der bis auf einen Fingerbreit über den Augen hinabreicht. Die Haare sind oben und seitlich leicht angedrückt, als habe er gerade einen Hut abgenommen. Er ist glatt rasiert und hat braune Augen. Der Mann trägt einen schwarzen Anzug, der ihn als verheiratet ausweist, und darüber einen samtenen schwarzen Umhang. Sein rechter Arm ist durch seinen Umhang verborgen, der linke ragt darunter hervor und die Hand ruht auf seinem Bauch. Der Arm ist von einem weißen Hemdärmel mit einer Manschette aus mehrlagiger Spitze bedeckt. An der Hand trägt er einen hellen Glacéhandschuh mit umgeschlagenen Stulpen, dessen Fingerspitzen so wirken, als habe der Besitzer gerade zum Ausziehen des Handschuhs an ihnen gezupft. Der weiße Kragen des Mannes ist ungewöhnlich breit und aus aufwendig gearbeiteter Klöppelspitze gefertigt, wie sie um 1635 in Frankreich, England und in modebewussten Kreisen der holländischen Oberschicht getragen wurde. Die dritte Spitzenklappe von links ist leicht umgeschlagen und vermittelt so den Eindruck von Räumlichkeit. Der Kragen ist mit Kordeln geschlossen, die herabhängen und in ebenfalls aus Spitze bestehenden Quasten enden.

Der graublaue Hintergrund ist leicht gewellt dargestellt und lässt so einen Vorhang erkennen. Am rechten unteren Bildrand befindet sich ein Tisch, der mit einer gelb und rot gefärbten Tischdecke oder einem gemusterten Teppich bedeckt ist. Darauf ist ein schwarzes Objekt mit runden Konturen sichtbar, bei dem es sich um ein Teil eines dunklen Kleidungsstücks handeln könnte.

mini|Porträt eines Ehepaars, 1632/33, Öl auf Leinwand, 132,2 × 109,5 cm, Isabella Stewart Gardner Museum, Boston, USA (verschollen) Das Gemälde hat das Format 94,5 × 73,5 cm und ist mit Ölfarbe auf Leinwand gemalt. Die Unterlage besteht aus zwei zusammengenähten Stücken. Das obere hat das Format 91,7 bis 89,5 × 73,5 cm und das untere 3,0 bis 4,3 × 73,5 cm, so dass die Naht von links nach rechts leicht ansteigt. Das Gemälde wurde wiederholt doubliert. Gegenwärtig ist es auf modernes Leinen aufgezogen, das an allen vier Seiten vortritt, aber vom Rahmen verdeckt ist. Auf der Rückseite ist ein ungefähr 7 × 35 cm messendes Stück Leinwand von einer alten Doublierung auf die Querstrebe des Keilrahmens geklebt, auf der in fast formatfüllenden Lettern Rembrandt steht. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um eine Aufschrift der Rückseite des Gemäldes von unbestimmtem Alter. Der Keilrahmen stammt aus dem 19. Jahrhundert und weist an allen Seiten eine Reihe von Nagellöchern auf. Die Farbschicht ist als Folge mehrerer Doublierungen stellenweise dünner geworden. Die Entfernung von altem Firnis hat zu einer leichten Nivellierung der Oberfläche geführt. Dennoch ist die originale Struktur der Farboberfläche Jan Six zufolge im Schräglicht noch deutlich zu erkennen. Das Gemälde trägt weder Signatur noch Datierung.

Ernst van de Wetering vertrat die Auffassung, das Porträt könne das erhaltene Fragment eines ursprünglich deutlich größeren Doppel- oder Familienporträts sein. Einige große Arbeiten Rembrandts sind nur als Fragmente überliefert, so die Anatomie des Dr. Tulp und die Die Verschwörung der Bataver unter Claudius Civilis. Rembrandt und Saskia im Gleichnis vom verlorenen Sohn stellt wahrscheinlich weniger als die Hälfte des Originals dar, und sogar Die Nachtwache wurde an allen Seiten beschnitten.

Van de Wetering stützt seine Annahme zunächst auf die geringe Breite des Leinwandstreifens am Unterrand. Einen derart schmalen Streifen anzunähen wäre atypisch für Rembrandt und die Materialverwendung in seiner Werkstatt. Er schlug vor, bei dem Gemälde könne es sich im ursprünglichen Zustand um ein Doppel- oder Familienporträt gehandelt haben, auf dem rechts neben dem Mann eine sitzende Frau abgebildet war. Ausgehend von dem Maß einer Amsterdamer Elle von 68,8 cm Länge käme man van de Wetering zufolge auf eine Höhe von 206,4 cm und eine Breite von 240,8 cm. Gemälde dieser Größe waren auch für Rembrandt besondere Aufträge, sie kamen aber wiederholt vor. Beispiele sind das seit dem Kunstraub von Boston verschollene Porträt eines Ehepaars und die 2016 aus der Sammlung Éric de Rothschilds für 160 Millionen Euro an Frankreich und die Niederlande verkauften Porträts von Marten Soolmans und Oppjen Coppit.

Hintergrund mini|hochkant|Die Taufe des Kämmerers, 1626, Öl auf Holz, 63,5 × 48 cm, Museum Catharijneconvent, Utrecht 1631 endete Rembrandts Leidener Periode mit seinem Umzug nach Amsterdam. Dort wurde er bald in der Werkstatt von Hendrick van Uylenburgh beschäftigt, den er schon vor seinem Umzug gekannt hatte, und den er mit einem Darlehen von 1000 Gulden unterstützte. Zuletzt war Rembrandt Werkstattleiter, und er lebte bis 1635 als Kostgänger im Haus van Uylenburghs. Im Frühsommer 1634 heiratete Rembrandt Saskia van Uylenburgh, Hendricks Nichte. Für Rembrandt waren die 1630er Jahre eine Zeit größter Produktivität, und in den Jahren 1634 und 1635 entstanden zahlreiche Porträts.

Nach Angaben des Rembrandt-Forschers Ernst van de Wetering wird auf lange Sicht nur alle 20 Jahre ein bis dahin völlig unbekanntes Werk von Rembrandt entdeckt. Das geschah 1974 mit der Taufe des Kämmerers aus dem Jahr 1626, die im Wohnzimmer einer älteren Dame in Nijmegen hing. Von dem im Jahr 2007 in England entdeckten Lachenden Rembrandt war die Existenz durch einen historischen Druck belegt, und zu dem 2015 in New Jersey, USA versteigerten ohnmächtigen Patienten waren schon drei der fünf Bilder des Zyklus bekannt. Die Entdeckung eines unbekannten Werks von Rembrandt ist daher von großer Bedeutung.

Entdeckung und Kauf durch Jan Six Das Gemälde wurde Anfang 2015 von einem Mitglied der Familie Neave bei dem Londoner Auktionshaus Christie’s eingeliefert. Zu diesem Zeitpunkt wurde es noch, vermutlich aufgrund von Informationen aus der Familie des Einlieferers, als ein Werk Ferdinand Bols angesehen. Diese Zuschreibung wurde rasch verworfen und Christie’s schrieb das Gemälde Rembrandts Umkreis zu. Von dem ursprünglich geplanten Verkauf im Juli 2015 wurde Abstand genommen, das Gemälde wurde auf seinen Zustand untersucht und einer Restaurierung unterzogen. Dabei wurde am oberen Rand eine mutmaßlich spätere Ergänzung entfernt.

Im Dezember 2016 wurde das Gemälde von Christie’s auf seiner Auktion Alter Meister versteigert. Im Auktionskatalog war versehentlich ein Foto abgebildet, das das Gemälde im Zustand seiner Einlieferung zeigte. Tatsächlich befand sich das Gemälde, nunmehr verkleinert, in einem breiten geschnitzten und vergoldeten Rahmen. Auch das angegebene Maß entsprach mit 101 × 74,3 cm dem Zustand vor der Entfernung der Ergänzung. Die Losbeschreibung lautete: Los 122. Umkreis von Rembrandt Harmensz. van Rijn (Leiden 1606–1669 Amsterdam). Porträt eines Herren, halblang, in einem schwarzen Samtumhang und mit weißem Spitzenkragen und -ärmeln (). Als wahrscheinliche Provenienz waren der erste oder zweite Baronet Neave of Dagnam Park angegeben, der gegenwärtige Besitzer habe das Gemälde geerbt. Der Schätzpreis wurde mit 15.000 bis 20.000 britischen Pfund angegeben.

Der niederländische Kunsthistoriker und Kunsthändler Jan Six gewann bei der Lektüre des Katalogs den Eindruck, bei dem Gemälde könne es sich um ein Gemälde Rembrandts handeln. Dazu trug bei, dass die Auktionsbeschreibung so nicht zutreffen konnte. Jan Six zufolge konnte das Gemälde aufgrund der typischen Ausführung des Spitzenkragens auf etwa 1634 datiert werden. Zu diesem Zeitpunkt hatte der gerade nach Amsterdam gekommene Rembrandt aber noch keinen „Umkreis“. Six beriet sich mit dem niederländischen Kunsthistoriker und derzeit führenden Rembrandt-Experten Ernst van de Wetering, der eine vorsichtig positive Einschätzung abgab, aber nach einem Digitalfoto keine Zuschreibung vornehmen wollte.

Jan Six begab sich zur Vorbesichtigung nach London, wo er das Gemälde am Oberrand verkleinert und in einem mehr als 15 Zentimeter breiten, goldfarbenen Profilrahmen vorfand. Er fertigte zahlreiche Detailaufnahmen an und stellte Ähnlichkeiten des Porträts mit dem Porträt des Philips Lucasz. und dem Porträt des Marten Soolmans fest. Er begab sich in die National Gallery, um die Fotos mit dem dort ausgestellten Porträt des Philips Lucasz. zu vergleichen. Die Ähnlichkeiten des Porträts mit diesem und weiteren sicher Rembrandt zugeschriebenen Gemälden und weitere Gespräche mit van de Wetering bestärkten Six in der Überzeugung, dass das Porträt von Rembrandt stammt.

Six setzte sich mit einem Geschäftspartner als potentiellem Investor in Verbindung und schaffte die Voraussetzungen, das Gemälde zu einem sehr hohen Preis zu ersteigern. Durch einen Mittelsmann bot Six auf der Auktion am 9. Dezember 2016 mit. Der Zuschlag erfolgte für 137.000 Pfund (einschließlich Aufgeld, entsprechend etwa 156.000 Euro).

Datierung und Zuschreibung an Rembrandt

Der porträtierte Mann lässt sich durch seine aufwendige Kleidung zuverlässig als verheiratetes Mitglied der städtischen Oberschicht erkennen. Der aufwendige Spitzenkragen, die ebensolchen Manschetten und die hochwertigen Handschuhe weisen ihn als wohlhabend und als sehr modebewusst aus. Derart aufwendige Spitze war vorrangig in Frankreich, Italien und England verbreitet, in Holland war sie sehr ungewöhnlich. Es muss ein Mann mit internationalen Beziehungen oder jemand mit ausgeprägter Kenntnis internationaler Mode sein. Da die abgebildete Ausführung der Spitzenkragen nur kurze Zeit in Mode war, lässt sich das Gemälde zuverlässig auf etwa 1633 bis 1635 datieren. Wenn man die Zuschreibung an Rembrandt akzeptiert, muss es sich bei dem Mann um einen Amsterdamer Bürger handeln, da Rembrandt seit 1631 in Amsterdam lebte und arbeitete.

Nach der Übernahme des gekauften Porträts durch Jan Six erfolgte im Rahmen der Restaurierung des Gemäldes eine eingehende Untersuchung, einschließlich der Analyse von Proben der Farbe und der Grundierung. Die Grundierung besteht aus zwei Schichten, zuerst ein rötlicher Grund aus Erde oder rotem Ocker, und darauf eine zweite Schicht aus Bleiweiß mit Spuren von Farbe. Auf diesen doppelten Grund wurde die Farbe aufgetragen. Diese Art der Grundierung entspricht den Grundierungen anderer Gemälde Rembrandts aus dem Jahr 1634. In Bezug auf das verwendete Material, die Malweise und den Bildaufbau entspricht das Bildnis eines jungen Mannes weitgehend Rembrandts Porträt des Marten Soolmans. Ein besonders starkes Indiz ist die Art, in der bei beiden Porträts der Spitzenkragen gemalt wurde. Rembrandt malte nicht weiß auf den schwarzen Hintergrund, sondern in Schwarz auf den flächig weiß vorgemalten Kragen.

Restaurierungen