mini|Percivall Pott, vor 1786 Percivall Pott (* 6. Januar 1714 oder 26. Dezember 1713 in London; † 22. Dezember 1788 ebenda) war ein englischer Chirurg. Er war ein innovativer Operateur und Lehrer und gilt als bedeutender Fachschriftsteller des 18. Jahrhunderts. Wegen des großen Einflusses seiner analytischen Beschreibungen klinischer und pathologisch-anatomischer Beobachtungen ist sein Name in mehreren medizinischen Bezeichnungen enthalten.

Leben und Wirken Umfeld und Karriere Percivall Potts Eltern stammten aus gesellschaftlich angesehenen Familien. Seine Mutter Elisabeth war als geborene Symonds Tochter eines Weinhändlers, als verwitwete Houblon Schwiegertochter eines mächtigen Funktionärs. Nach dem Tod ihres ersten Mannes heiratete sie Percivall Pott (Vater). Dieser stammte aus einer alten Familie von Händlern und Handwerkern und amtete als öffentlicher Schreiber und Notar (englisch scrivener-notary). Als auch er starb, war der in der Londoner Threadneedle Street geborene Klein Percivall noch sehr jung. Der Heranwachsende wurde auf eine Privatschule in Kent geschickt. Da er sich im Umgang mit klassischen Texten gewandt zeigte, und einer der fördernden Verwandten seiner Mutter der Bischof Joseph Wilcocks war, hätte ihm dem Wunsch seiner Familie entsprechend eine Laufbahn als Kleriker nahe gelegen. Doch Percivall Pott entschied sich für die Chirurgie.

Nach dem Schulabschluss wurde Pott für ein Lehrgeld von 200 Guineen Lehrling bei Edward Nourse jr., einem Wundarzt in London. In siebenjähriger Ausbildungszeit erlernte er das Handwerk des Chirurgen. Verbindliche Ausbildungsordnungen für Praktiker heilender Künste gab es im London des frühen 18. Jahrhunderts nicht, allerdings strenge Zulassungsprüfungen für die organisierten Berufe. Wie die Apotheker waren die Chirurgen in einer Livery Company zusammengeschlossen, einer in London auch allgemeinpolitisch mächtigen Verbandsform für Berufsgruppen, die als achtbar galten. In dieser ursprünglich zünftigen Gesellschaft waren die Wundärzte seit 1540 mit den Barbieren verbunden (Worshipful Company of Barbers and Surgeons).

Das Royal College of Physicians als Standesvertretung der akademischen Mediziner nahm traditionell fast nur Absolventen der englischen Universitäten Cambridge und Oxford auf und sah sich durch qualifizierten Zustrom aus dem Ausland zunehmend unter Argumentationsdruck gesetzt. Dass es in der großen, wachsenden Handelsmetropole bis ins 19. Jahrhundert keine Universität gab, war ein Grund, weshalb sich dort frühneuzeitliche Formen der wissenschaftlichen Wissensproduktion auf breiter Basis entwickeln konnten. Mit der Royal Society war ein wichtiges internationales Netzwerk entstanden, das nicht zuletzt wegen seines Zentrums in der britischen Hauptstadt und der dortigen Situation heute bekannter ist als andere naturforschende Gelehrtengesellschaften dieser Zeit. Gerade im lokalen Bereich kamen viele Mitglieder aus dem Berufsstand der Wundärzte.

mini|links|King Henry VIII Gate, 1702, St Bartholomew’s Hospital, London Manche Chirurgen und Mediziner, die sich in ihrer privaten Praxis oft eher sozial privilegierten Menschen widmeten, befassten sich zudem in Hospitälern mit dem Elend der Armen. Die karitative Tätigkeit verband sich mit dem Erwerb umfangreichen Erfahrungswissens; beides erhöhte auch das Prestige dieser Ärzte. Besonders fähige und glückliche wurden auf offizielle Posten in den Anstalten berufen. Die Chirurgen nahmen auch ihre Lehrlinge mit. Im St. Thomas’s Hospital und im St Bartholomew’s Hospital war es darüber hinaus schon im frühen 18. Jahrhundert möglich, als zahlender Gast auch ohne persönliche Beziehungen einige Monate am Hospitalbetrieb teilzunehmen, andere Häuser folgten. Daraus sollte sich ein organisierter Schulbetrieb entwickeln und Percivall Pott dabei prominent Anteil haben.

Durchaus nicht selbstverständlich war zu Potts Lehrzeiten auch eine systematische Ausbildung in Anatomie. Allerdings galten möglichst genaue Kenntnisse des Baus des menschlichen Körpers gerade für ambitionierte Wundärzte als wichtig. In London wurden Vorträge mit Demonstrationen teilweise von ihrer Gesellschaft organisiert. Immer wichtiger wurden dort im 18. Jahrhundert aber private Anatomieschulen. Sie wurden von Chirurgen betrieben und waren auch kommerziell ausgerichtet. Neben dem gelehrsamen Nachwuchs konnte auch sonstiges interessiertes Publikum dort Veranstaltungen besuchen.

Mit Edward Nourse hatte Pott Aufnahme bei einem Lehrmeister gefunden, der im St Bartholomew’s Hospital arbeitete und auch eine eigene Anatomieschule unterhielt. Von Anfang an fand sich der Lehrling bei der Versorgung von hospitalisierten Patienten beteiligt und arbeitete für die Anatomieschule. Das Herstellen und Zeichnen von Präparaten wurde eine seiner Hauptaufgaben. Diese Prosektorentätigkeit war für sein weiteres Schaffen von großer Bedeutung.

Am 7. September 1736 durfte der Zweiundzwanzigjährige zur Aufnahmeprüfung der Gesellschaft der Barbiere und Wundärzte antreten, obwohl er wegen eines Patientenbesuchs erheblich verspätet erschienen war. Er bestand mit Auszeichnung. In der Fenchurch Street, wo er mit Mutter und Halbschwester lebte, eröffnete er seine erste Praxis. 1745 wurde Nourse ordentlicher Chirurg im St Bartholomew’s Hospital; Pott, der sich dort schon einige Jahre zuvor erfolglos für eine freie Stelle beworben hatte, wurde sein Nachfolger im Amt eines Assistenzchirurgen.

Im gleichen Jahr wurden die Wundärzte nach längeren Auseinandersetzungen organisatorisch von den mit Haarpflege und Kosmetik befassten Barbieren gelöst und bildeten eine eigene Gesellschaft. Pott gehörte zur betreibenden Fraktion um William Cheselden und John Freke (welcher ein Leiter von St Bartholomew’s und dort ein institutionalisierter Spezialist für Augenleiden sowie erster Kustos einer noch kleinen Sammlung anatomischer und chirurgischer Präparate war). Dieses Ereignis war ein Höhepunkt einer Entwicklung von Emanzipation und Machtgewinn der Vertreter der Kunst und Wissenschaft der Chirurgie, wie sie sich auf ihrer ersten Sitzung nannten. Die Stärke der organisierten Wundärzte in der Metropole zeigte sich auch in der Marginalisierung anderer chirurgischer Berufe. Bereits 1730 war beispielsweise der letzte Steinschneider des St Bartholomew’s Hospital außer Dienst gegangen; seine Aufgaben wurden von professionalisierten Chirurgen weitergeführt. 1800 sollte die Gesellschaft der Wundärzte zum Royal College of Surgeons werden.

mini|Der Lohn der Grausamkeit, William Hogarth, 1751: komisch-moralische Darstellung der Sektion eines hingerichteten Übeltäters durch Chirurgen, als Vortragender (Lektor) vermutlich John Freke 1745 starb auch Potts Mutter. Kurz darauf heiratete er Sarah Cruttenden, Tochter eines Direktors der Britischen Ostindien-Kompanie. Aus der Verbindung gingen neun Kinder hervor, von denen nur das erstgeborene nicht das Erwachsenenalter erreichte. In die Watling Street umgezogen, eröffnete er eine eigene Anatomieschule. Ab 1749 besetzte Pott eine Stelle als ordentlicher Chirurg im St Bartholomew’s Hospital, in der er bis 1787 verblieb.

Am fünften Juli 1751 wurden Percivall Pott und William Hunter in der Gesellschaft der Wundärzte zu Lektoren (masters) der Anatomie gewählt. Die Chirurgen hatten nach der Spaltung zunächst Räumlichkeiten der Gesellschaft der Drucker-Buchhändler (stationers) für Versammlungen genutzt. Mit den neuen Lektoren weihten sie einen eigenen Sitz am damaligen Old Bailey ein, wo sich auch die Behörde der Strafjustiz befand. Ein Hauptgrund dieser Verbindung war das humananatomische Interesse der Chirurgen an den Überresten gesunder junger Erwachsener. Mit einer Strafrechtsreform des Jahres 1752 wurde die anatomische Sektion Hingerichteter offiziell zu einer Alternative zur Zurschaustellung des Leichnams an öffentlichen Plätzen. Beides waren verschärfte Varianten der Todesstrafe, die auch abschreckend gedacht waren.

1764 wurde Pott in die Royal Society gewählt. Im Folgejahr wurde er durch eine weitere Abstimmung in der Gesellschaft der Chirurgen zu deren Vorsteher (master).

Percivall Potts Familie wuchs ebenso wie die Nachfrage an Diensten von ihm und seinen Mitarbeitern in privater Praxis und Schule. Mit den Seinen zog er öfters um, zuletzt residierte er in einem Haus am Hanover Square. Ab den späteren 1760er Jahren soll seine Praxis als die größte, angesagteste und lukrativste im damaligen London gegolten haben. Zu seinen Patienten gehörten in ihren jeweiligen Metiers ebenfalls hervorragende Persönlichkeiten wie Samuel Johnson, David Garrick und Thomas Gainsborough. Seine Schüler waren neben vielen anderen Charles Blicke, John Abernethy und John Hunter.

Pott gehörte in der Mitte des 18. Jahrhunderts zu den meist beschäftigten und damit auch erfahrensten Chirurgen Englands. Seine große Bekanntheit zog viele europäische Chirurgen und auch studierte Mediziner nach St Bartholomew’s, wo er ein gefragter Lehrer war.

Er veröffentlichte eine Reihe bedeutender medizinischer Beiträge. Pott erlangte dadurch große Bekanntheit und manche seiner Methoden fanden weite Verbreitung. Er publizierte durchweg in Volkssprache, wie es unter britischen Chirurgen seiner Zeit durchaus normal war. Seine wichtigsten Schriften wurden in andere europäische Sprachen übersetzt und machten Percivall Potts Namen weit über England hinaus bekannt.

Unfallfolgen Bereits 1739 erschien eine Arbeit Potts in den Philosophical Transactions. In dieser Fallgeschichte geht es um die Leiden und Befunde eines Mannes, dem Pott einen zwischen der Muskulatur des Oberschenkels gelegenen Tumor entfernt hatte. Der Patient war zunächst beschwerdefrei, entwickelte dann aber vielfältige Probleme; diverse medizinische Therapien und ein Kuraufenthalt in Bath brachten keine Abhilfe. Er starb nach zwei Jahren. Sein Chirurg durfte ihn sezieren und beschrieb viele weitere Tumore im Bereich der Knochen und anderen Organen. (Diese später wenig beachtete Schrift stellt möglicherweise eine frühe Beschreibung ausgeprägter Metastasierung infolge eines Liposarkoms dar.) Aus den folgenden Jahren sind keine Veröffentlichungen bekannt. Ab der zweiten Hälfte der 1750er-Jahre schrieb und publizierte er die Arbeiten, die seinen Nachruhm begründeten.

mini|links|Der Sturz des Dr. Slop, Romanillustration, Henry Bunbury, 1773 Es wird häufig angeführt, dass ein Knochenbruch den Anstoß zu seiner literarischen Produktivität gegeben haben soll. Pott besuchte Patienten zu Pferde. An einem kalten Januartag des Jahres 1756 hatte sein Weg über die Themse nach Southwark geführt, in ein Lock Hospital. (So hießen in England die alten Lepra-Hospitäler und ihre Nachfolgeeinrichtungen, in denen zu seiner Zeit venerisch erkrankte Patienten untergebracht waren.) Auf dem Heimweg hatte er einen Reitunfall, bei dem er sich einen offenen Beinbruch zuzog. Um möglichst gut gelagert und erschütterungsarm nach Hause zu kommen, schickte der erfahrene Wundarzt um Sänftenträger und eine Tür. Auf der improvisierten Trage heimgelangt, sah er sich bald mehreren zusammengekommenen Fachkollegen in der Patientenrolle gegenüber. Er hatte bereits seine Einwilligung zur Amputation gegeben – einer seinerzeit durchaus üblichen Methode, um eine offene Fraktur zu behandeln und das erhebliche Risiko tödlicher Folgen entzündlicher Komplikationen zu senken - als Nourse erschien, und konservativem Vorgehen eine Chance gab. Der repositionierte Knochen wuchs wieder zusammen, die gut versorgte äußere Wunde verheilte unkompliziert. Nach einiger Zeit konnte Pott sich wieder unbehindert bewegen. Pott war laut ScharizerE. Scharizer: Die Entwicklung der modernen Unfallchirurgie. In: Hefte zur Unfallheilkunde. Band 79, 1964. der erste Arzt, der die Notwendigkeit erkannt hatte, bei einer Knochenbruchbehandlung auch die benachbarten Gelenke ruhigzustellen.