Nordmärkisch ist der niederdeutsche Dialekt der Altmark, Prignitz, Ruppin und Uckermark,Rolf Bock, Helmut Langner: Zur Geschichte, Gliederung und zu wichtigen Merkmalen der märkischen Dialekte. In: WZ PH Potsdam. H. 2. Potsdam 1989, S. 238. und bildet gemeinsam mit dem Mittelmärkischen die noch heute gesprochenen Dialekte des Märkischen. Im Süden wird es durch das Mittelmärkische begrenzt, im Südwesten durch das Elbostfälische, im Westen durch westniederdeutsche Mundarten und im Norden durch das Mecklenburg-Vorpommersche.W. Hartung, H. Schönfeld (Hrsg.): Kommunikation und Sprachvariation (Vol. 17). Akademie-Verlag, Berlin 1981, S. 154 f. Zitiert nach Rolf Bock, Helmut Langner: Zur Geschichte, Gliederung und zu wichtigen Merkmalen der märkischen Dialekte. In: WZ PH Potsdam. H. 2. Potsdam 1989, S. 234. Dort wird eine Karte reproduziert. Die Mundart der Prignitz ist nach Seelmann (1925) und Donath und Brettschneider (1961) nordmärkisch,Wilhelm Seelmann (1925), Das Mittelmärkische und das Havelländische. Jahrbuch des Vereins für Niederdeutsche Sprache 51, S. 77-90. zitiert nach Anneliese Bretschneider/Joachim Donath: Volkssprache und Mundartforschung in der Prignitzer Sprachlandschaft. In: Pritzwalk und Prignitz. Pritzwalk 1961, S. 62 besitzt aber regional Merkmale eines Übergangsdialektes zum Mecklenburg-Vorpommerschen. Nordmärkische Sondermundarten bestehen nach Seelmann (1925) um die Stadt Lenzen, sowie zwischen Rathenow und Havelberg („Schollensche Mundart“). Zum Teil wird auch das nah verwandte Mittelpommersche, das in der nördlichen und östlichen Uckermark sowie in Ostvorpommern gesprochen wird, noch zum Nordmärkischen gerechnet.

Abkürzungen in diesem Artikel attr. = attributiv as. = altsächsisch bln. = berlinisch Dat. = Dativ frz. = französisch Gen. = Genitiv germ. = (ur-)germanisch hd. = hochdeutsch lat. = lateinisch mlat. = mittellateinisch mmk. = mittelmärkisch mnd. = mittelniederdeutsch mpomm. = mittelpommersch mvp. = mecklenburgisch-vorpommersch nd. = niederdeutsch nmk. = nordmärkisch Pl. = Plural poln. = polnisch präd. = prädikativ Sg. = Singular slaw. = slawisch

Beschreibung Nordmärkisch ist ein ostniederdeutscher Dialekt, der (wie alle märkischen Dialekte) eine starke niederländisch-niederfränkische Prägung aufweist, was die brandenburgische Kolonisation im 12.–13. Jahrhundert widerspiegelt. Die Mark Brandenburg wurde im Zuge der deutschen Ostsiedlung von der Altmark aus besiedelt, die dortigen Dialekte zählen teilweise zum Nordmärkischen, teilweise zum Ostfälischen. Neben niederfränkischen Einflüssen, wie in noch stärkerem Maß vor allem das Mittelmärkische prägen, weist das Nordmärkische daher auch Einflüsse des Elbostfälischen und Westfälischen auf.

Spezifische Merkmale beinhalten:

einzelne Worte der slawischen Vorbevölkerung, z. B. nmk. Blessnörk „Blesshuhn“ (poln. norek „Tauchvogel“), Kiez „Wohngebiet“ (ursprünglich „Fischersiedlung“, vgl. slaw. chyza/chyzy „Haus, Hütte“),Rolf Bock, Helmut Langner: Zur Geschichte, Gliederung und zu wichtigen Merkmalen der märkischen Dialekte. In: WZ PH Potsdam. Heft 2. Potsdam 1989, S. 236. v. a. aber zahlreiche Ortsnamen. typische Leitworte oftmals niederländischer Herkunft, z. B. leech, leeg „niedrig“, Molle „kleiner Trog“ (bln. „Glas Bier“), Kossät „Bauer“, Kumm „Gefäß“, Spind „Schrank“, Tiene „Holzgefäß, Waschfaß“. Ausbleiben der Diphthongierung von mnd. ô und ê (nmk. leef, mvp. leif „lieb“; nmk. Book, mvp. Bauk „Buch“; nmk. sööt „süß“, mvp. säut). Wichtiges sprachliches Abgrenzungsmerkmal gegenüber dem nordwestlich benachbarten Mecklenburgisch-Vorpommerschen. Allerdings kommt im Nordmärkischen Diphthongierung von mnd. ê² (< germ. ai) vor, daher rain, rein statt mmk. reene. Bewahrung von mittelniederdeutsch -nd- als -nn-, z. B. in hinnen „hinten“. Wichtiges Abgrenzungsmerkmal gegenüber dem südlich benachbarten Mittelmärkischen (mmk. änger, nmk. anner „andere“).

Partizip Präteritum wird wie in den meisten nd. Mundarten i. d. R. nicht durch ein Präfix markiert (nmk. loopen). Sofern dies (z. B. unter dem Einfluss der Berlinischen Umgangssprache) doch geschieht, wird je- (ge-) verwendet (jeloopen): jeloopen „gelaufen“. Das grenzt es zum Ostfälischen ab, dort e-. Artikulation des langen mnd. â als /ɔː/ (langes, dumpes o), z. B. in måken „machen“. Dies ist ein Abgrenzungsmerkmal vom Mittelmärkischen, dort ein Diphthong (moaken).Rolf Bock, Helmut Langner: Zur Geschichte, Gliederung und zu wichtigen Merkmalen der märkischen Dialekte. In: WZ PH Potsdam. H. 2. Potsdam 1989, S. 239 j statt g (mmk. joot „gut“).. Verlust des auslautenden -e (Jäns „Gänse“, mmk. Jänse).

Die häufige Verwendung der Vorsilbe je- (ge-) im Partizip Präteritum (jehackt, jejohn, jejangen, jehört, jejietzt, jewussen, mitjenommen, dorchjejangen usw.), die nach Bock & Langner (1989)Rolf Bock, Helmut Langner: Zur Geschichte, Gliederung und zu wichtigen Merkmalen der märkischen Dialekte. In: WZ PH Potsdam. H. 2. Potsdam 1989, S. 236 nordmärkisch (wenn auch nicht ohne Ausnahmen) sei, ist laut Dräger (1995)Eginhard Dräger (1995), Rezension: Eberhard Krienke, Zum Gebrauch des Niederdeutschen in der Uckermark – Symposium des Prenzlauer Kulturvereins e. V. mit dem Projekt Sprache und Literatur in der Uckermark am 10. September 1994 in Prenzlau. Sonderheft des Kulturvereins 1995, S. 347 jedoch keineswegs typisch zumindest für das uckermärkische, sondern „städtisch beeinflusst und hat viel vom Jargon der Oderschiffer an sich, wie er in Stettin am Bollwerk von Marktfrauen und Hafenarbeitern (Bollwerksastern) zu hören war“. Dräger war im Mittelpommerschen sozialisiert, wo diese Vorsilbe systematisch fehlt, doch zeigt Bock & Langner’s Beobachtung möglicherweise weniger alte Merkmale als vielmehr ein Vordringen mitteldeutscher oder mittelmärkischer Elemente im Zuge der Industrialisierung vor und während des Zweiten Weltkriegs und ihre weitere, durch die Hochsprache gestützte Verbreitung danach.

Die Abgrenzung zwischen Mittelpommersch und Nordmärkisch und die Einordnung des Uckermärkischen werden unterschiedlich beurteilt und die Grenze zwischen ihnen unterschiedlich verortet. Mittelpommersch und Nordmärkisch stehen einander sehr nahe und insbesondere fällt die Nordgrenze Brandenburgs nicht mit sprachlichen Unterschieden zusammen.Diskussion z. B. bei Eginhard Dräger (1995), Rezension: Eberhard Krienke, Zum Gebrauch des Niederdeutschen in der Uckermark – Symposium des Prenzlauer Kulturvereins e. V. mit dem Projekt Sprache und Literatur in der Uckermark am 10. September 1994 in Prenzlau. Sonderheft des Kulturvereins 1995, 346–348 Um überhaupt sprachliche Trennungskriterien zu finden, rechnet z. B. Schönfeld (1981, S. 154 f.)W. Hartung, H. Schönfeld (Hrsg.): Kommunikation und Sprachvariation (Vol. 17). Akademie-Verlag, Berlin 1981, S. 154 f. Zitiert nach Rolf Bock, Helmut Langner: Zur Geschichte, Gliederung und zu wichtigen Merkmalen der märkischen Dialekte. In: WZ PH Potsdam. H. 2. Potsdam 1989, S. 234. Dort wird eine Karte reproduziert. das östliche Uckermärkische vollständig zum Mittelpommerschen, so dass seine Südgrenze nördlich von Eberswalde verortet wird und es damit direkt nördlich an das Mittelmärkische anschließt. Die Sprecher der Uckermark empfinden dagegen ihren Dialekt („uckermärkisch“) als weitgehend einheitlich. Eine alternative Sichtweise ist daher, das Mittelpommersche als Varietät des Nordmärkischen anzusehen.

Sofern Nordmärkisch und Mittelpommersch unterschieden werden sollen, ist ein mögliches Unterscheidungskriterium z. B. das Ausbleiben der Palatalisierung in mpomm. dat „das“, anner „andere“, Ganter „Ganter“ im gegenüber nmk. det, änner, Genter, allerdings fällt die Sprachgrenze nicht mit der Landesgrenze zusammen. Nach diesem und ähnlichen Kriterien sind die Sprachbeispiele von Max Lindow und Erna Taege-Röhnisch unten jeweils als mittelpommersch bzw. nordmärkisch zu unterscheiden -- was von den Sprechern selbst aber abgelehnt wird, die ihren Dialekt als einheitlich wahrnehmen.Eberhard Krienke (1996), Uns Uckermark. Sprache und mundartliche Literatur einer Region. Schibri-Verlag. Milow, S. 32.

Phonologie Die Phonologie des Nordmärkischen wird bei Teuchert (1907) für Warthe/Uckermark beschrieben, allerdings nur für den Vokalismus.Teuchert, H. (1907). Die Mundart von Warthe (Uckermark). Jahr-buch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung, 33, 27. Die Darstellung bei Mackel (1905) ist umfassender, behandelt allerdings die Prignitz insgesamt, wodurch nicht immer bestimmbar ist, welche seiner Angaben sich auf das Nordmärkische beziehen. Insbesondere ist sein Referenzdialekt ein Übergangsdialekt zum Mecklenburgischen und v. a. für den Vokalismus des Nordmärkischen nicht repräsentativ. Schönfeld (1974) beschreibt die Phonologie mehrerer (nord)märkischer und ostfälischer Varietäten der Altmark.

Vokale Nach Teuchert (1907, S. 28–42) für Warthe/Uckermark, und Schönfeld (1974) für die (Langvokale und Diphthonge der) Altmark (Salzwedel, Volgfelde, Buchholz und Stendal):