mini|Gaskammer im KZ Stutthof (2007)

Sogenannte Gaskammern waren Einrichtungen in sechs Tötungsanstalten, mehreren Konzentrationslagern und allen Vernichtungslagern, in denen insbesondere während der Zeit des Nationalsozialismus Menschen durch Kohlenstoffmonoxid (CO) oder Cyanwasserstoff (Blausäure) ermordet wurden. Das Kohlenstoffmonoxid wurde teils aus Gasflaschen eingeleitet, meist aber als Abgas von Benzinmotoren produziert. Dabei setzte man auch Gaswagen als fahrbare Gaskammern ein. Für die Vergiftung mit Blausäure wurde vor allem Zyklon B verwendet.

Gaskammer in Posen Nach der Besetzung Polens durch die Wehrmacht wurden im Oktober 1939 im vom Sicherheitsdienst des Reichsführers SS genutzten Fort VII in Posen in einer provisorischen Kammer erstmals „Probevergasungen“ durchgeführt, bei denen eine unbekannte Anzahl von psychisch Kranken ermordet wurde.Volker Rieß: Die Anfänge der Vernichtung ‚lebensunwerten Lebens‘ in den Reichsgauen Danzig-Westpreußen und Wartheland 1939/40. Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-631-47784-8, S. 305. Nach Zeugenaussagen war August Becker dabei anwesend, der wenig später – im Januar 1940 – Probevergasungen für die Aktion T4 in der NS-Tötungsanstalt Brandenburg beaufsichtigte.Während Volker Rieß die Anwesenheit Beckers im Fort VII als sicher annimmt, heißt es „möglicherweise unter Beteiligung“ bei Astrid Ley: Der Beginn des NS-Krankenmords in Brandenburg an der Havel. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 2010, 58, S. 327. Wahrscheinlich am 13. Dezember 1939 wohnte der Reichsführer SS Heinrich Himmler als Beobachter einer Vergasung bei.Volker Rieß: Die Anfänge der Vernichtung ‚lebensunwerten Lebens‘ …. S. 306/Datum 12. Dezember bei Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie. München 2008, ISBN 978-3-88680-859-5, S. 446.

Die Morde wurden mit Kohlenstoffmonoxidgas (CO) ausgeführt, das aus Gasflaschen eingeleitet wurde. Es ist nicht ausgeschlossen, dass bei einer der Probevergasungen auch Zyklon B eingesetzt wurde.Michael Alberti: Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im Reichsgau Wartheland 1939–1945. Wiesbaden 2006, ISBN 3-447-05167-1, S. 326; s. a. Andrej Angrick: Besatzungspolitik und Massenmord – Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941–1943. Hamburg 2003, ISBN 3-930908-91-3, S. 382. Als gesicherte Tatsache stellt es hingegen dar: Volker Rieß: Zentrale und dezentrale Radikalisierung. Die Tötungen ‚unwerten Lebens‘ in den annektierten west- und nordpolnischen Gebieten 1939–1941. In: Klaus-Michael Mallmann, Bogdan Musial (Hrsg.): Genesis den Genozids – Polen 1939–1941. Darmstadt 2004, ISBN 3-534-18096-8, S. 135.

Die Gaskammer in Fort VII wurde anschließend nur im November und Dezember 1939 benutzt.Volker Rieß: Die Anfänge der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“…, S. 305–309. Man schätzt, dass dort bis zu 400 psychisch Kranke ermordet wurden.gelsenzentrum (Abruf am 3. Februar 2011) unter Verweis auf die Originalfassung: Tadeusz Nasierowski: In the Abyss of Death: The Extermination of the Mentally Ill in Poland During World War II. In: International Journal of Mental Health. 35 (2006) H. 3, S. 50–61/„ungefähr 250 bis 300 Kranke“ bei Zdzisław Jaroszewski (Hrsg.): Die Ermordung der Geisteskranken in Polen 1939–1945. Warschau 1993, S. 83. Nach Darstellung von Volker Rieß ging die Initiative zur Tötung von psychisch Kranken von den Leitern der Zivilverwaltung und den Gauleitern Franz Schwede-Coburg, Albert Forster und Arthur Greiser aus, die sich unmittelbar oder über Höhere SS- und Polizeiführer an Himmler wandten, der nach Genehmigung durch Adolf Hitler Personal zur Verfügung stellte.Volker Rieß: Die Anfänge der Vernichtung ‚lebensunwerten Lebens‘ …, S. 358. Weitere Patienten wurden anschließend von einem Sonderkommando unter Herbert Lange in einem getarnten Gaswagen durch reines Kohlenstoffmonoxid (CO) ermordet.

Gaskammern der Aktion T4 mini|Gaskammer der Tötungsanstalt Hadamar (2011) Aufgrund eines auf den 1. September 1939 rückdatierten Ermächtigungsschreibens von Adolf Hitler wurden ab 1940 schwerbehinderte Kinder als „lebensunwert“ durch Medikamente in der Kinder-Euthanasie getötet. Die „Euthanasie“ (eigentlich „Schöner Tod“) Einzelner wurde mit der Aktion T4 zur Beseitigung von ganzen Gruppen arbeitsunfähiger „Ballastexistenzen“ fortgesetzt.

Im „Alten Zuchthaus“ in der Stadt Brandenburg wurde im Januar 1940 vor den Augen ausgewählter Ärzte erprobt, wie die zum „Gnadentod“ bestimmten Opfer am zweckmäßigsten zu töten seien.Astrid Ley: Die ‚Erfindung‘ einer Mordmethode, die ‚Probevergasung‘ und der Krankenmord in Brandenburg/Havel. In: Günter Morsch, Bertrand Perz: Neue Studien zu nationalsozialistischen Massentötungen durch Giftgas. Metropol Verlag, Berlin 2011, S. 88–99. Die meisten psychisch Kranken wurden in einer dazu hergerichteten Gaskammer ermordet; einer kleineren Gruppe wurde eine tödliche Dosis Morphium-Scopolamin (eine Mischung der Alkaloide Morphin und Scopolamin) injiziert. Das vom Kriminaltechnischen Institut der Sicherheitspolizei (KTI Berlin) empfohlene CO erwies sich als geeignet.

Das KTI trat später auch förmlich als Besteller auf, so dass die Wirtschaftsabteilung der Aktion T4 als eigentlicher Auftraggeber verborgen blieb. Das CO wurde in eigens beschafften und modifizierten Druckflaschen von 40 Litern Rauminhalt (entsprechend ca. 6 Kubikmeter Gas) vom Werk Ludwigshafen der I.G. Farben geliefert. mini|Gaskammer der NS-Tötungsanstalt Bernburg (2006) In Brandenburg wurde die Gaskammer als Inhalationsraum bezeichnet, später als Baderaum getarnt und mit gekachelten Wänden und Duschattrappen ausgestattet. Dicht über dem Fußboden der Gaskammer war ein mehrfach durchbohrtes Rohr verlegt. Die Gasflaschen standen im Nebenraum; die Ventile wurden stets von einem Arzt bedient. Über die Wirkungsweise des Gases gab es widersprüchliche Aussagen: mehrere Mittäter behaupteten als Zeugen vor Gericht, die Opfer seien binnen 3 bis 15 Minuten sanft eingeschlafen; andere sagten aus, sie hätten Atemnot und Krämpfe gehabt.

Ab September 1940 wurden auch die offiziell als arbeitsfähig eingestuften jüdischen Heilanstaltsinsassen nach Brandenburg geschafft und ermordet. Als die „Euthanasieaktion“ in der Bevölkerung gerüchteweise bekannt wurde und Beunruhigung auslöste, beendete man am 24. August 1941 die Vergasungen in den Tötungsanstalten. Insgeheim gingen die Massentötungen andernorts in sehr vielen Heilanstalten weiter, indem man den Opfern ausreichende Nahrung vorenthielt oder ihnen missbräuchlich Medikamente wie Luminal verabreichte, um sie zu töten.

Die Hartheimer Statistik nennt für die NS-Tötungsanstalt Brandenburg insgesamt 8.989 durch CO ermordete Opfer. Bei der NS-Tötungsanstalt Grafeneck, die im Dezember 1940 aufgelöst wurde, sind in den zehn Monaten ihres Bestehens 9.839 Tötungen durch Gas nachweisbar. In der NS-Tötungsanstalt Hadamar, die die Nachfolge von Grafeneck übernahm, wurden mindestens 10.072 Menschen in der Gaskammer umgebracht. Für die NS-Tötungsanstalt Bernburg werden 9.385 vergaste Opfer angegeben, für die NS-Tötungsanstalt Hartheim insgesamt 18.269 Tote. In der NS-Tötungsanstalt Sonnenstein sind 13.720 Menschen umgebracht worden. Dazu kamen in drei der Mordanstalten weitere Opfer aus Konzentrationslagern – diese Aktion firmierte unter dem Decknamen 14f13.

Gaswagen Begriff Als Gaswagen bezeichnet die Nachkriegsforschung speziell gebaute Lastkraftwagen, mit denen das NS-Regime Ermordungen durch Gas vornahm. Die SS gebrauchte damals aus Tarngründen andere Bezeichnungen wie „Sonderwagen“, „Sonderfahrzeug“, „Spezialwagen“, „S-Wagen“, auch „Entlausungswagen“. Bei dieser Technik mordete die SS sowohl mittels CO als auch durch Abgase.

Anfänge Kurz nach dem Überfall auf Polen wurden die dortigen Heil- und Pflegeanstalten nach Opfern durchkämmt, die von den Nationalsozialisten als „lebensunwert“ erachtet wurden. Diese wurden meist erschossen. Fast zum selben Zeitpunkt – das genaue Datum ist umstritten – mit den Probevergasungen vom Januar 1940Astrid Ley: Der Beginn des NS-Krankenmords in Brandenburg an der Havel. Zur Bedeutung der 'Brandenburger Probetötung' für die 'Aktion T4'. In: Zeitschrift für Geschichtsforschung. 58(2010), S. 321–331. in der NS-Tötungsanstalt Brandenburg wurde in Ostpreußen und Polen vom Sonderkommando Lange ein Lastwagenanhänger als mobile Gaskammer eingesetzt. Es handelte sich hierbei um einen durch die Aufschrift „Kaiser’s Kaffee Geschäft“ getarnten Lastwagenaufbau, in den reines CO aus einigen in der Zugmaschine mitgeführten Stahlflaschen eingeleitet wurde.Eugen Kogon u. a. (Hrsg.): Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas. Eine Dokumentation. Fischer Tb., Frankfurt a. M. 1986, ISBN 3-596-24353-X, S. 63; s. a. Sonderdruck bei Nizkor (). Dieses Gespann wurde nur von Januar 1940 bis Juli 1941 eingesetzt.Mathias Beer: Gaswagen. Von der ‚Euthanasie‘ zum Genozid. In: Günter Morsch, Bertrand Perz: Neue Studien zu nationalsozialistischen Massentötungen durch Giftgas. Berlin 2011, S. 157.

Auf Anregung von Heinrich Himmler wurden im Herbst 1941 in MogilewUlrike Winkler, Gerrit Hohendorf: „Nun ist Mogiljow frei von Verrückten“. Die Ermordung der PsychiatriepatientInnen in Mogilew 1941/42. In: Babette Quinkert, Philipp Rauh, Ulrike Winkler (Hrsg.): Krieg und Psychiatrie 1914–1950. Göttingen 2010, ISBN 978-3-8353-0576-2, S. 75–103. Tötungsversuche mit Autoabgasen durchgeführt, um die Erschießungskommandos künftig von ihren blutigen Mordtaten entlasten zu können. Am 3. November 1941 wurde diese neuartige Form des Gaswagens im KZ Sachsenhausen erprobt; dabei tötete man 30 sowjetische Kriegsgefangene mit Motorabgasen. Im Gegensatz zu dem vom „SK Lange“ verwandten Modell handelte es sich nun um einen Lastwagen mit festem Kastenaufbau, in den die Motorabgase geleitet wurden. Wahrscheinlich wurden in Sachsenhausen auch ein zweiter, größerer Saurer-Lastwagen geprüft und weitere Probevergasungen durchgeführt.Günter Morsch: Tötungen durch Giftgas im Konzentrationslager Sachsenhausen. In: Günter Morsch, Bertrand Perz: Neue Studien zu nationalsozialistischen Massentötungen durch Giftgas. Berlin 2011, S. 263.

Einsatzorte Seit Dezember 1941 waren Gaswagen im Vernichtungslager Kulmhof stationiert, aber auch in Riga, im Wartheland und bei vier Einsatzgruppen im Einsatz.Peter Longerich: Politik der Vernichtung. München 1998, ISBN 3-492-03755-0, S. 442/443 – Weitere Einzelheiten in: Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944, Studienausgabe Hamburg 2000, ISBN 3-930908-63-8. Kapitel 7.6, Seite 764–767. 1942 wurde ein Gaswagen aus Berlin zum Einsatz in das besetzte Serbien beordert. Zwischen März und Juni 1942 wurden 7.500 Juden, Roma und Sinti aus dem seinerzeit auf kroatischem Gebiet liegenden KZ Sajmište auf der Fahrt mitten durch Belgrad nach Jajinci,Jajinci liegt im Belgrader Stadtteil Voždovac wo die Leichen in eine Grube geworfen wurden, ermordet. Nach diesem Einsatz wurde der Gaswagen per Bahn nach Berlin überstellt und nach einer Überholung anschließend bei der Einsatzgruppe B in Belarus (Minsk) eingesetzt, wo in Maly Trostenez seit Juni 1942 zwei Wagen der Marke Diamond und ein größerer Saurer bei den dortigen Tötungen eingesetzt wurden.Petra Rentrop: Maly Trostenez. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 9: Arbeitserziehungslager, Ghettos, Jugendschutzlager, Polizeihaftlager, Sonderlager, Zigeunerlager, Zwangsarbeiterlager. C.H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-57238-8, S. 583. Auch bei den KdS-Dienststellen, den Nachfolgeinstitutionen der Einsatzgruppen, wurden Gaswagen teilweise für die Hinrichtung von Häftlingen – vor allem von Juden – verwendet, so z. B. in Kiew 1942/43.