mini|220px|Fresko aus dem Iwein-Zyklus auf Schloss Rodenegg: Iwein kämpft mit Aschelon (Askalon). Iwein ist ein um das Jahr 1200 in Versen verfasster mittelhochdeutscher Artusroman von Hartmann von Aue. Hartmann übertrug den Yvain ou Le Chevalier au lion von Chrétien de Troyes frei aus dem Altfranzösischen. Iwein, der Held des Romans, ist einer der Ritter der Tafelrunde am Hofe König Artus’.
Der Iwein im Werk Hartmanns Hartmann von Aue gilt mit seinem um 1180 bis 1200 entstandenen Roman Erec als Begründer der deutschen Artusepik.
Der Iwein ist sein zweiter höfischer Roman; er gilt aus stilistischen Gründen als letztes der insgesamt vier erzählerischen Werke Hartmanns. Zwischen dem Erec und dem Iwein entstanden die beiden legendenhaften Erzählungen Gregorius und Der arme Heinrich. Der Iwein muss um 1205 vorgelegen haben, da Wolfram von Eschenbach in seinem Parzival auf ihn Bezug nimmt. Als frühestes Entstehungsdatum wird das Jahr 1190 angenommen. Sprachuntersuchungen lassen es möglich erscheinen, dass der Iwein in zeitlicher Nähe zum Erec begonnen, die Arbeit daran aber nach ungefähr 1000 Versen abgebrochen wurde. Als Grund dafür könnte der Tod des Auftraggebers in Betracht kommen. Erst später hätte Hartmann nach dieser These den Roman vollendet. In wessen Auftrag der Iwein entstand, ist nicht bekannt. Als Mäzene, ohne die ein mittelalterlicher Dichter nicht hätte arbeiten können, kommen in erster Linie die Zähringer, aber auch die Staufer oder Welfen in Betracht.
Wie in der höfischen Epik üblich sind alle Erzählungen Hartmanns in vierhebigen Paarreimen geschrieben.
Stoff und Quelle
mini|220px|Im Gegensatz zu den deutschen Handschriften des Iwein wurde der Yvain von Chrétien de Troyes in Frankreich prächtig illustriert. Hier: Iwein im Kampf mit Gawein. (Princeton University Library, Garrett MS. 125; um 1295). Hartmanns unmittelbare Quelle war der altfranzösische Roman Yvain ou Le Chevalier au lion von Chrétien de Troyes, der entweder um 1177 oder zwischen 1185 und 1188 entstanden ist. Im Gegensatz zur sehr freien Übertragung des Erec blieb Hartmann bei der Übersetzung des Iwein enger an seiner französischen Vorlage. Da die Themen der höfischen Epik inzwischen bei den deutschen Hörern bekannt waren, konnte er nun auf ausführliche erläuternde Exkurse verzichten.
Der Themenkreis um König Artus gehört der Matière de Bretagne an, ursprünglich mündlich überlieferten keltischen Stoffen, die mit den Bearbeitungen Chrétiens in die europäischen Literaturen Eingang fanden.
Handlung Prolog
Wie für mittelalterliche Epen üblich, beginnt Hartmann die Erzählung mit einem Prolog (V. 1–30). Ein Gattungshinweis auf die Artusdichtung geht in programmatische Aussagen über die Sinnvermittlung der Dichtung über. Artus wird als ritterliches Vorbild gepriesen, dessen Name unsterblich sei. Daran schließen sich Selbstaussagen Hartmanns an, die in ganz ähnlicher Weise auch schon dem Armen Heinrich vorangestellt waren:
Ein rîter, der gelêret was unde ez an den buochen las, swenner sîne stunde niht baz bewenden kunde daz er ouch tihtennes pflac daz man gerne hœren mac, dâ kêrt er sînen vlîz an: er was genant Hartman und was ein Ouwære der tihte diz mære. Ein Ritter hatte Schulbildung genossen und las in Büchern, wenn er mit seiner Zeit nichts besseres anzufangen wußte, dichtete er sogar. Er verwandte seine Bemühungen auf das, was vergnüglich zu hören ist. Er hieß Hartmann und war von Aue. Der hat auch diese Geschichte gedichtet. (Hartmann von Aue: Iwein, V. 21–30. G.F. Benecke, K. Lachmann, L. Wolf. Übersetzt von Thomas Cramer. Berlin, New York ³1981)
Erster Handlungszyklus
mini|Zwei Szenen aus den Iwein-Fresken auf Schloss Rodenegg: Der Stein an der Quelle wird begossen (links) und der Waldmensch (rechts). Der Roman beginnt mit einem Pfingstfest am Artushof, dem Inbegriff höfischer Festlichkeit. Dort hört Iwein die Erzählung des Ritters Kalogreant, die von Hartmann als Roman im Roman gestaltet ist. Kalogreant berichtet, wie er von einer gastlichen Burg kommend auf eine Lichtung voll wilder Tiere gelangt sei, in deren Mitte ein riesiger, hässlicher und unkultivierter wilder Mann gestanden habe, der sich jedoch nicht als Unmensch, sondern als friedlicher Hirte herausstellte. Kalogreants Versuch, das Geheimnis einer magischen Brunnenidylle im Wald zu ergründen, auf das ihn der wilde Mann aufmerksam machte, scheitert aber völlig: Mit dem Begießen eines Steins löst er ein gewaltiges Unwetter aus, fordert damit die Verteidigung der Quelle durch Askalon, den Landesherrn und Hüter des magischen Brunnens, heraus, wird von diesem besiegt und muss ohne Pferd und Rüstung heimkehren.
Die misslungene aventiure des Artusritters Kalogreant ist für den Artushof die legitime Herausforderung, die Schmach zu rächen. Iwein, der als Verwandter Kalogreants doppelt von der Schande betroffen ist, kommt einem Zug des gesamten Hofes zuvor und reitet heimlich in das Brunnenreich. Die aventiure wiederholt sich, wird aber zum tödlichen Ernst für Askalon. Iwein verfolgt den tödlich verwundeten, fliehenden Askalon bis in dessen Burg. Das heruntergelassene Falltor durchtrennt Iweins Pferd, er selbst bleibt unverletzt, ist aber in der Torhalle eingeschlossen.
Nur mit Hilfe von Lunete, der Vertrauten der Burgherrin Laudine, gelingt es Iwein, den Burgmännern zu entgehen. Aus Dankbarkeit für frühere Hilfe am Artushof erhält er von Lunete einen Ring, der ihn unsichtbar macht. Der tote Askalon wird von seiner schönen Frau Laudine beklagt. Durch ein Fenster sieht Iwein die Herrin und entbrennt in Minne zu ihr. Da die Wunden des Toten durch die Anwesenheit des Totschlägers wieder zu bluten beginnen (Bahrprobe), beginnt eine burleske Suche nach dem Unsichtbaren. Abermals löst Lunete die paradoxe Situation und überzeugt Laudine, dass der Sieger über Askalon dessen würdiger Nachfolger als Ehemann, Landesherr und Brunnenhüter sei. In einer komödiantischen Inszenierung (da alle Beteiligten über die Absichten der anderen informiert sind) kommen sich Iwein und Laudine unter Vermittlung Lunetes näher. Bald wird die Hochzeit gefeiert.
Nun kommt der Artushof zur Quelle und Iwein muss seine Rolle als Brunnenhüter erstmals erproben. Dies gelingt gegen Keie, den exemplarischen missgünstigen Ritter des Artushofes. Der ganze Hof feiert nun die Heirat von Iwein und Laudine. Damit ist die Handlung zu einem vorläufigen Ende gekommen, Iwein ist neben der êre des Sieges unverhofft auch eine Ehefrau und Landesherrschaft zugefallen.
Versagen und Wahnsinn Iweins mini|Iwein wird aus dem Wahnsinn gerettet, Schloss Schwerin. Auf Drängen seines Freundes Gawein, der Iwein das verligen Erecs als warnendes Beispiel vorhält, verlässt Iwein schon kurz nach der Hochzeit Laudine und zieht auf Turnierfahrt und âventiure aus. Laudine fordert von Iwein das Versprechen ein, nach Jahr und Tag zurückzukehren. Dieser Zeitraum bedeutet eine rechtswirksame Frist, nach deren Ablauf Ansprüche an mögliche Usurpatoren abgelaufen sein würden. (Dieses Wissen wird beim Hörer/Leser vorausgesetzt und im Roman nicht näher thematisiert.) Der schmerzliche Abschied der Liebenden ist von Minneharmonie geprägt. In einem Dialog zwischen dem Erzähler und Frau Minne wird thematisiert, dass Iwein und Laudine ihre Herzen getauscht haben, was zu folgenreichen Konsequenzen führen wird.
Iwein gibt sich den Aufregungen der Turniere hin und bemerkt erst zu spät, dass er die ihm aufgetragene Frist bereits um sechs Wochen versäumt hat. Lunete klagt ihn öffentlich vor der Artusrunde als Verräter an und nimmt ihm den Ring. Vor dem Artushof ist seine Ehre dahin und Laudine bricht jede Verbindung mit Iwein ab. Damit hat Iwein seine Identität verloren; vom durch melancholia ausgelöstenBernhard Dietrich Haage: Die heilkundige Frau in Dichtung und Realität des deutschen Mittelalters. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. 11, 1993, S. 107–132; hier: S. 108 f. WahnsinnVgl. auch Wolfram Schmitt: Der „Wahnsinn“ in der Literatur des Mittelalters am Beispiel des „Iwein“ Hartmanns von Aue. In: Jürgen Kühnel, Hans-Dieter Mück, Ursula Müller, Ulrich Müller (Hrsg.): Psychologie in der Mediävistik. Gesammelte Beiträge des Steinheimer Symposions. Göppingen 1985 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 431). ergriffen, reißt er sich die Kleider vom Leib und wird zum Wilden im Wald. Die einzige soziale Bindung ist eine wortlose Tauschbeziehung zu einem Einsiedler. Erst durch die Hilfe der Dame von Narison und ihrer Begleiterin, die ihn mit einer von der Fee Feimorgan hergestellten Wundersalbe von seinem Wahnsinn heilen, kommt Iwein wieder zur Besinnung. Seine frühere Identität als Ritter erscheint ihm wie ein Traum. Er muss erkennen, dass er nicht mehr zur höfischen Gesellschaft gehört.
Zweiter Handlungszyklus
Iwein befreit das Land der Dame von Narison von dem Grafen Aliers, der Ansprüche darauf erhebt. Die Dame von Narison und das ganze Land wünschen sich ihn zum Landesherrn, doch er will dies nicht und bricht überstürzt auf. Noch zwei weitere Male schlägt er im Verlaufe der Geschichte aus Treue zu Laudine eine Heirat aus.
Iwein rettet einen Löwen vor einem Drachen. Dieser bleibt nun treu an seiner Seite und gibt Iwein eine neue Identität als der Ritter mit dem Löwen.
Der Zufall führt ihn wieder an die Quelle zurück, wo ihn die Erinnerung an seinen Verlust ohnmächtig vom Pferd stürzen lässt. Iwein ist nahe daran, seinen Verstand erneut zu verlieren. Da findet er bei der Quelle Lunete, die wegen ihrer Rolle bei der Heirat und Iweins Treuebruch (untriuwe) zum Tode verurteilt ist. Nur ein Gerichtskampf kann noch ihre Unschuld beweisen, die Frist dafür läuft am folgenden Tag ab. Iwein erkennt seine Schuld an und sichert Lunetes Verteidigung zu.
Unmittelbar danach verpflichtet er sich aber auch seinem Gastgeber zur Hilfe im Kampf gegen den Riesen Harpin am nächsten Morgen und gerät damit in einen Terminkonflikt. Iwein besteht aber mit Hilfe des Löwen den Kampf mit dem Riesen rechtzeitig, so dass er auch Lunete erfolgreich verteidigen kann. Die Kämpfer der Anklage erleiden diejenige Strafe, die eigentlich Lunete zugedacht gewesen wäre: Sie werden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Laudine, die den Löwenritter in seiner neuen Identität nicht erkennt, erfährt davon, dass diesem Löwenritter die Huld einer Dame entzogen worden sei. Sie verurteilt dies – unwissend, dass sie selber diese Dame ist.
Da die Beziehung beider noch nicht geklärt ist, verlässt Iwein Laudine wieder. Er übernimmt nun die Verteidigung der jüngeren Tochter des Grafen vom Schwarzen Dorn in einem Erbstreit gegen ihre ältere Schwester. Gemeinsam mit dem Mädchen macht Iwein sich auf den Weg und gelangt auf die Burg zum Schlimmen Abenteuer, wo er gegen zwei Riesen kämpfen muss, um dreihundert gefangene und in ein Arbeitshaus eingesperrte adlige Damen befreien zu können.
Anschließend reitet Iwein mit seiner Begleiterin zum Artushof, wo es zu dem Gerichtskampf kommt. Die Verteidigung der Schwester hat ausgerechnet Iweins Freund, der musterhafte Artusritter Gawein, übernommen. Unerkannt kämpfen Iwein und Gawein gegeneinander, ohne dass einer den anderen besiegen kann. Nachdem die Dunkelheit eingebrochen und der Kampf auf den folgenden Tag verschoben worden ist, erkennen Iwein und Gawein im Gespräch einander wieder. König Artus bringt die ältere Schwester durch eine Fangfrage dazu, sich zu verraten, und verhilft der jüngeren Schwester zu ihrem Recht. Jetzt gibt Iwein sich zu erkennen und wird freudig wieder in die Artusrunde aufgenommen.