Die türkische Militäroffensive in Nordsyrien seit 2019 ist eine militärische Operation der türkischen Streitkräfte in den nördlichen Provinzen Syriens während des andauernden Syrienkriegs. Die Militäroffensive ist Teil der türkischen Besetzung Nordsyriens seit 2016. Sie begann am 9. Oktober 2019 mit Luft- und Artillerieangriffen und wurde am folgenden Tag mit einem Einmarsch türkischer Bodentruppen und verbündeter Milizen auf syrisches Staatsgebiet fortgesetzt.

Die türkische Führung nannte den Einsatz „Operation Friedensquelle“ () und bezeichnete ihn als legitime „Selbstverteidigung“ gegen eine angebliche terroristische Bedrohung. Von vielen Völkerrechtlern hingegen wurde der Angriff als völkerrechtswidrig verurteilt.

Hintergrund und Vorgeschichte 1998 wurde das Adana-Abkommen zwischen der Türkei und Syrien abgeschlossen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan gab später an, dass man sich für die Offensive unter anderem auf dieses Abkommen berufe.

Nach Rebellionen in Syrien im Jahr 2011, die zum syrischen Bürgerkrieg führten, errangen die von kurdischen Milizen (YPG) dominierten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), die von der NATO, in der die Türkei selbst Mitglied ist, unterstützt werden, die Kontrolle über die an die Türkei grenzenden syrischen Gebiete, die vorher unter der Herrschaft der Terrororganisation Islamischer Staat gestanden hatten. Dort wurde die Demokratische Föderation Nord- und Ostsyrien etabliert. Dies wurde von der türkischen Regierung jedoch als Bedrohung empfunden, da sie die YPG als Ableger der PKK betrachtet, welche wiederum als Terrororganisation eingestuft wird, und ein autonomer Kurdenstaat aus Sicht der türkischen Regierung Autonomiebestrebungen in Regionen der Türkei stärken könnte, in denen mehrheitlich Kurden leben. Eine erste türkische Militäroffensive in Nordsyrien 2016/17 sollte die Entstehung eines zusammenhängenden Gebiets unter SDF-Kontrolle entlang der türkischen Grenze verhindern. 2017 folgte die türkische Militäroffensive im Gouvernement Idlib. Bei einer weiteren türkischen Invasion 2018 wurde Afrin erobert und eine Sicherheitszone eingerichtet.

Bereits im Dezember 2018 kündigte Präsident Recep Erdoğan einen Einmarsch in die von den SDF gehaltenen Gebiete östlich des Euphrats an, verschob die geplante Offensive dann aber auf die Zeit nach dem Abzug der US-Truppen. Dieser Abzug sollte ursprünglich 60 bis 100 Tage dauern. Im Januar 2019 gab der Nationale Sicherheitsberater John Bolton allerdings bekannt, dass für einen Truppenabzug die Sicherheit der US-Verbündeten in Syrien gewährleistet sein müsse. Ende Juli 2019 drohte die türkische Regierung erneut mit einem Einmarsch, nachdem zuvor Gespräche mit den USA über die Einrichtung einer Pufferzone gescheitert waren. Diese solle, so der Wunsch der türkischen Regierung, 30 bis 40 Kilometer breit sein; die USA wiesen die Einmarschpläne zurück und beschlossen zusammen mit der Türkei nach weiteren Verhandlungen die Schaffung eines Koordinierungszentrums zum Aufbau einer Sicherheitszone noch unbekannter Größe, was von der syrischen Regierung als Verletzung der syrischen Souveränität kritisiert wurde. Nach Angaben des türkischen Verteidigungsministeriums solle die Zone auch die Rückkehr syrischer Flüchtlinge aus der Türkei ermöglichen – die Rede ist von der Ansiedlung von bis zu drei Millionen Flüchtlingen –, weshalb in der deutschen Wochenzeitung Die Zeit vor der Möglichkeit von Vertreibungen und „ethnischer Flurbereinigung“ gewarnt wurde, wie sie schon in Afrin stattgefunden hätten.

mini|links|Gemeinsame US-amerikanische und türkische Patrouille am 4. Oktober 2019 in Nordsyrien Ab September 2019 führten türkische und US-Truppen gemeinsame Patrouillen im syrischen Grenzgebiet zur Türkei durch. Nachdem es aber nicht zur Einrichtung einer Sicherheitszone gekommen war, kündigte Erdoğan am 5. Oktober erneut einen Einmarsch an. Am 7. Oktober zogen die USA auf Befehl Donald Trumps schließlich ihre Truppen aus dem Gebiet ab und verlegten sie größtenteils in den Irak. Sie kündigten zwar an, die geplante Militäroffensive nicht zu unterstützen und sich daran auch nicht zu beteiligen, jedoch soll US-Präsident Trump seinem Amtskollegen Erdoğan in einem Telefonat – ohne Absprache mit seinen Sicherheitsberatern – grünes Licht für die Offensive gegeben haben. Hieran gab es in den Vereinigten Staaten heftige Kritik, sowohl von den Demokraten als auch aus Trumps eigener Partei, den Republikanern, die dies als Verrat an den eigenen Verbündeten sahen.Chaos in Syria, Washington after Trump call with Erdogan unleashed Turkish military. nbcnews.com, 8. Oktober 2019. Die SDF selbst bezeichneten den Entschluss als „Dolchstoß“ in ihren Rücken. Trump wehrte sich gegen den Vorwurf, die Kurden im Stich gelassen zu haben, u. a. mit dem Argument, diese hätten nur gegen den IS gekämpft, um ihr eigenes Territorium zu erhalten, und den USA auch nicht im Zweiten Weltkrieg geholfen. Per Tweet kündigte er an, die türkische Wirtschaft zu „zerstören“, sollte die Türkei in Syrien „etwas tun, das ich in meiner großen und unvergleichlichen Weisheit als tabu betrachte“. Zudem gab er an, die Kurden weiter unterstützen zu wollen.

Verlauf mini|Kämpfe in der Grenzstadt Raʾs al-ʿAin am 10. Oktober 2019 mini|Chronologie des Verlaufs der Frontlinie, ab Oktober 2019gelb: kurdische Kräftegrün: türkische Truppenhellrot: syrische Truppendunkelrot: Irak 9. Oktober 2019 bis zur Waffenruhe Die türkische Offensive mit dem Namen „Operation Friedensquelle“ begann am 9. Oktober 2019. In den Wochen davor hatten die türkischen Streitkräfte Truppen an der Grenze zu Syrien zusammengezogen. Auf der anderen Seite rief die Autonomieverwaltung der Region das „Volk aus allen ethnischen Gruppen auf, sich in die Gebiete an der Grenze zur Türkei zu bewegen, um Widerstand während dieser sensiblen historischen Zeit zu leisten“.

Türkische Artillerie- und Luftangriffe eröffneten die Offensive, dabei wurden nach SDF-Angaben auch zivile Ziele getroffen. Kurdische Behörden riefen als Reaktion die Generalmobilmachung aus. SDF-Kämpfer hoben Gräben aus, blockierten Straßen und bereiteten Reifenlager vor, um sie bei Bedarf in Brand zu setzen, damit der entstehende Rauch den von der Türkei verwendeten Drohnen die Sicht nimmt.Bethan McKernan, Julian Borger: Turkey launches military operation in northern Syria. In: The Guardian. 9. Oktober 2019 (englisch). Nach Aussagen des türkischen Verteidigungsministeriums hatte man 181 Stellungen im Grenzgebiet aus der Luft und mit Artillerie zur Vorbereitung der Bodenoffensive angegriffen. Analysten werteten die Angriffe aus und kamen zu dem Schluss, dass die Türken auf 300 km Länge und in eine Tiefe von bis zu 50 km hinter der syrischen Grenze Ziele bombardiert hatten.Tessa Fox: Turkey military operation much larger than anticipated: Analysts. In: aljazeera.com, 10. Oktober 2019 (englisch).

Die Türken setzten bei der dann folgenden Bodenoffensive wieder auf Angehörige syrischer Islamistengruppen, die unter dem Sammelbegriff „Freie Syrische Armee“ die Vorhut der regulären türkischen Armee bildeten.Jürgen Gottschlich: Luft- und Bodenoffensive der Türkei: Dutzende Tote bei Syrien-Invasion. TAZ, 10. Oktober 2019. Das türkische Verteidigungsministerium verkündete noch am 10. Oktober, dass man mit türkischen Bodentruppen und verbündeten Milizen nach Syrien in das Gebiet östlich des Euphrats einmarschiert sei.Turkey begins ground offensive in northeastern Syria. In: aljazeera.com, 10. Oktober 2019 (englisch). Kurdische Stellen bestätigten zahlreiche Angriffe und gaben ihrerseits an, einen Vorstoß türkeitreuer Bodentruppen bei Tall Abyad abgewiesen zu haben. Amerikanische Truppen veranlassten unterdessen offenbar die Verlegung ausgewählter IS-Kämpfer aus dem von Kurden bewachten Gefangenenlager bei al-Haul, um eine mögliche Flucht der Kämpfer im Durcheinander der türkischen Offensive zu verhindern. Verschiedene Seiten warnten vor einem Wiedererstarken des IS – unter anderem durch Gefängnisausbrüche – im Gefolge des türkischen Angriffs, der die SDF dazu veranlasste, Anti-IS-Operationen einzustellen und militärisches Personal nach Norden zu verlegen. IS-Schläferzellen hätten ebenfalls bereits Angriffe gestartet, und befreite IS-Angehörige könnten sich auf den Weg nach Europa machen oder von der Türkei für den Kampf gegen die SDF rekrutiert werden. Das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge berichtete, dass zehntausende Zivilisten vor den Kämpfen fliehen würden, und mehrere Hilfsorganisationen warnten vor der Unterbrechung von Hilfsleistungen an 1,65 Millionen im Norden und Osten Syriens lebende Flüchtlinge.

Die kurdische Führung rief die EU und die Vereinigten Staaten dazu auf, sie nicht im Stich zu lassen. In einer Erklärung hieß es: „Wer uns nicht hilft, der unterstützt die Offensive.“

In Manbidsch, westlich des Euphrats, war zunächst noch ein amerikanisches Truppenkontingent präsent, und Beobachter schätzten, dass syrische Regierungstruppen versuchen würden, die Stadt vor den Türken zu besetzen, sollten die Amerikaner abziehen. In der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober teilte das Pentagon mit, dass in Syrien stationierte US-Truppen offenbar von türkischer Artillerie beschossen worden seien. Die Türkei dementierte und verteidigte ihr Vorgehen; der Angriff habe kurdischen Terroristen gegolten.Türkei beschießt offenbar US-Truppen. In: tagesschau.de, 12. Oktober 2019.USA werfen Türkei Beschuss amerikanischer Truppen vor. In: SZ.de, 12. Oktober 2019. mini|Mevlüt Çavuşoğlu und Jens Stoltenberg Am 12. Oktober gaben türkische Stellen die Besetzung der Stadtmitte der Grenzstadt Raʾs al-ʿAin durch verbündete Milizen bekannt.Zeina Khodr: Turkish troops seize the centre of Syrian border town. Al Jazeera, 12. Oktober 2019 (englisch). Weiter seien 14 Dörfer „befreit“ worden.Turkey's military operation in Syria: All the latest updates. Al Jazeera, 12. Oktober 2019 (englisch). Aktivisten der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR) meldeten neun Zivilisten, die offenbar von türkeitreuen Milizen ermordet wurden, darunter nach kurdischen Angaben die Lokalpolitikerin Hevrin Khalaf von der Future Syria Party.Female Kurdish politician among nine civilians killed by pro-Turkey forces in Syria, observers say. The Guardian, 13. Oktober 2019 (englisch). Das UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte verlangte von der Türkei, Berichte zu untersuchen, denen zufolge Kämpfer der mit ihr verbündeten Miliz Ahrar al-Scharkija sich selbst dabei gefilmt hatten.Nach türkischer Offensive: Schwere Kämpfe in Nordsyrien. Hinweise auf Kriegsverbrechen. In: tagesschau.de, 15. Oktober 2019.