mini|hochkant=1.1|Synagoge von Halle hinten, Eingang zum jüdischen Friedhof vorne (2015) Der Anschlag in Halle (Saale) am 9. Oktober 2019 war der Versuch eines Massenmordes an Juden an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag. Zuvor hatte der rechtsextreme Täter Stephan Balliet (B.) Datum, Ziel und die antisemitischen Motive seines Anschlags im Internet bekanntgegeben. Er versuchte mit Waffengewalt in die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Halle im Paulusviertel einzudringen, um dort versammelte Menschen zu töten, jedoch erfolglos. Danach erschoss er vor dem Gebäude die Passantin Jana Lange und anschließend in einem Imbiss den Gast Kevin Schwarze. Dort und auf seiner Flucht versuchte er, weitere Personen zu erschießen, und verletzte zwei davon schwer. Den Tatverlauf übertrug er mit einer Helmkamera als Livestream.

B. wurde am selben Tag gefasst und war geständig. Das Oberlandesgericht Naumburg verurteilte ihn am 21. Dezember 2020 unter anderem wegen zwei Morden und 68 Mordversuchen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Der Anschlag löste eine intensive Debatte aus, unter anderem zu mangelnden Sicherheitsmaßnahmen für Juden in Deutschland und zum Polizeiverhalten vor und nach der Tat.

Die Tat Motive Kurz vor dem Anschlag veröffentlichte B. auf dem Imageboard Meguca einen Link auf sein Bekennerschreiben. Darin erklärte er in englischer Sprache sein Vorhaben und seine Motive: Anfangs habe er eine Moschee oder ein Antifa-Zentrum stürmen wollen, weil sie schlechter bewacht seien. Doch wolle er vorrangig Juden ermorden, da diese auch hinter muslimischer Einwanderung nach Europa steckten. Die Synagoge von Halle sei der nächstgelegene Ort, wo er Juden finden könne. Am Jom Kippur würden sich dort hoffentlich auch viele nichtreligiöse Juden aufhalten. Er habe die Synagoge nicht ausgekundschaftet, um nicht aufzufallen. Zudem beschrieb er ausführlich die Herstellung seiner selbstgebauten Waffen. Somit sollte der Anschlag auch deren Schlagkraft beweisen.Philipp Bovermann, Joachim Käppner: Eine Stadt geht in Deckung. Süddeutsche Zeitung (SZ), 9. Oktober 2019

In einer PDF-Datei nannte B. drei Anschlagsziele: „1. Beweise die Realisierbarkeit von improvisierten Waffen; 2. Erhöhe die Moral anderer unterdrückter Weißer, indem du das Kampfmaterial verbreitest; 3. Töte so viele Anti-Weiße wie möglich, vorzugsweise Juden; Bonus: Nicht sterben.“ Er forderte seine Leser zur Nachahmung auf, warnte dabei aber vor der „ZOG“. Diese Abkürzung für „Zionist Occupied Government“ bezeichnet die bei Neonazis verbreitete Verschwörungstheorie für angeblich von Juden beherrschte Regierungen. Zuletzt listete B. Achievements („Erfolge“) auf, etwa für Morde an Juden, Muslimen, Christen, Kommunisten und Schwarzen. Das bezog sich auf Belohnungssysteme in Computerspielen und Highscore-Tabellen für Attentäter in rechtsextremen Foren. Schon der norwegische Massenmörder Anders Breivik hatte seinen Mordplan als Computerspiel mit zu erreichenden Levels beschrieben. B. reihte sich damit in eine Internetszene von Rechtsterroristen ein, die einander nachahmen, um ihrerseits möglichst viele Nachahmungstäter zu motivieren.Roland Sieber: Anschlag von Halle – inszeniert wie ein Ego-Shooter. DRR, Oktober 2019.

Nach seinen Bekennertexten glaubte B. an eine jüdische Weltverschwörung und wollte wahllos so viele Juden wie möglich töten. Er sah sich als Kämpfer in einem Rassenkrieg. Weil er damit rechnete, nicht in die Synagoge in Halle zu gelangen, wollte er mit Sprengkörpern Feuer legen, um die Besucher nach draußen zu treiben. Er beschrieb den angestrebten Tatablauf mit Ausdrücken von Ego-Shooter-Spielen. Aus dieser „Gamification“ des Terrors folgerten Ermittler, dass er sich schon länger in Onlineforen aufhielt, wo Massenmorde mit Punkten und Rangfolgen bewertet, Opfer verhöhnt und Hasskommentare gegen bestimmte Minderheiten und Frauen ausgetauscht werden. Dort hatte er Mitwisser und Unterstützer seiner Terrorabsichten.Patrick Gensing: Anschlag in Halle – Dokumente des Hasses. Tagesschau.de, 9. Oktober 2019

Ein weiteres Tatmotiv war B.s Antifeminismus: „Der Frust, keine Freundin zu haben, hat auch den Täter von Halle geprägt – und offenbar radikalisiert.“Robert Bongen, Katharina Schiele: Feminismus als Feindbild. Tagesschau.de, 30. Oktober 2019; Robert Bongen, Katharina Schiele: Rechte Terroristen: Hass auf Frauen. Panorama, 31. Oktober 2019

Die Zusammenstellung der Motive, deren vorherige Bekanntgabe im Internet, die englische Sprache, um ein globales Publikum zu erreichen, und die Direktübertragung der Tat ähnelten dem Vorgehen von Brenton Tarrant bei seinem Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch im März 2019. Wie Tarrant hatte B. das Auto, mit dem er zur Tat fuhr, mit Waffen und Sprengsätzen beladen, trug eine Helmkamera und ließ im Tatverlauf Musik laufen. Forscher am International Centre for the Study of Radicalization (ICSR) des King’s College London entdeckten B.s Bekennertext und sein Tatvideo noch am 9. Oktober. Demnach war er laut ICSR-Gründer Peter R. Neumann in rechtsextremen Message-Foren im Internet unterwegs und hatte sich dort wie Tarrant eine Ideologie „zusammengebastelt“.

Verlauf Polizeiprotokoll Nach einem Minutenprotokoll der Polizei Sachsen-AnhaltAnschlag in Halle: Stahlknecht schildert genauen Ablauf. MDR, 10. Oktober 2019 (Archivlink) und darauf basierenden ersten MedienberichtenPhilipp Seibt, Jean-Pierre Ziegler: Attentat in Halle: Hundert Minuten Terror. Spiegel, 10. Oktober 2019 verlief die Tat bis zur Festnahme des Täters zeitlich wie folgt: Uhrzeit Täterhandlung Reaktionen 11:54 Der Täter parkt seinen mit vier Schusswaffen und Sprengstoff beladenen Pkw auf einem Parkplatz nahe der Synagoge und beginnt seinen Livestream mit einer Smartphonekamera. 11:59 Er befestigt das Smartphone an einem Helm, setzt ihn auf, startet den Motor und fährt zur Synagoge. 12:01–12:07 Er parkt den Pkw am Straßenrand vor der Synagoge, schießt mehrmals auf deren Türen, wirft Molotowcocktails oder improvisierte Sprengsätze dagegen. 12:03 Er erschießt eine Passantin, die ihn auf die lauten Explosionen ansprach. Ein Notruf 112 aus der Synagoge schildert der Rettungsleitstelle den Angriff. 12:04 Ein Anrufer meldet der Polizeiinspektion Halle das Geschehen. 12:05 Ein Kurierfahrer fragt den Täter nach der am Boden liegenden Frau und flieht, als dieser ihn zu erschießen versucht. 12:07 Er gibt den Angriff auf die Synagoge auf, fährt 500 m zur Ludwig-Wucherer-Straße und hält am Dönerimbiss an. ≈12:10–12:16 Er greift den Imbiss mit Sprengsätzen an, schießt auf Passanten und erschießt im Imbiss einen Gast. 12:11 Polizei trifft an der Synagoge ein und findet die bereits tote Frau.Streit um fehlende Polizei-Präsenz: Innenminister rechtfertigt Polizei-Einsatz vor und während Halle-Attentat. MDR, 14. Oktober 2019 ab 12:16 Er schießt auf Polizisten, trifft einen Streifenwagen, wird im Schusswechsel am Hals verletzt, kann aber in sein Auto steigen und wegfahren. Ein Streifenwagen erreicht den Imbiss und stellt sich quer, um den Täter-Pkw zu blockieren. Nach dem Schusswechsel verfolgt ihn der Streifenwagen, verliert ihn aber rasch aus den Augen. 12:18 B. fährt nochmals an der Synagoge und der dort befindlichen Polizei vorbei, ohne anzuhalten. Zeugen hören keine Polizeisirenen. 12:19 Polizei verliert den Täter erneut aus den Augen. 12:22 Er fährt Richtung Leipzig und wirft am Hauptbahnhof sein Smartphone aus dem Beifahrerfenster. Die Polizei verliert seine Spur. 13:00 In Wiedersdorf versucht er einen anderen Pkw zu kapern, verletzt mit Schüssen einen Mann und eine Frau und stiehlt ein Taxi aus einer Autowerkstatt für die weitere Flucht. Der Polizei wird eine Schießerei in Wiedersdorf gemeldet. ≈13:19 Die Autobahnpolizei entdeckt das Fluchtauto im Gegenverkehr auf der Bundesautobahn 9 Richtung München. 13:25 Die Polizei in Wiedersdorf findet rund vier Kilogramm Sprengstoff im ersten Fluchtfahrzeug. bis 13:35 Er fährt auf die Bundesstraße 91, rammt einen Lkw in einer Baustelle und flieht zu Fuß weiter. 13:38 Zwei Revierpolizisten aus Zeitz nehmen ihn bei Werschen (Hohenmölsen) fest (etwa 40 km südlich von Halle).

Videos mini|hochkant|Einschusslöcher in der Eingangstür an der inneren Mauer unmittelbar vor der Synagoge (Juni 2020)

Am 9. Oktober 2019 um 11:57 Uhr, kurz bevor er die Synagoge angriff, kündigte der Täter den Anschlag im Bilderforum Meguca an: Er habe in den letzten Jahren mit einem 3D-Drucker Waffen hergestellt. Wer wolle, könne ihn jetzt bei einem „Live-Test“ beobachten. Dazu setzte er einen Link zu seinem Livestream auf Twitch.Jörg Diehl, Maik Baumgärtner, Roman Lehberger, Sven Röbel, Philipp Seibt, Timo Lehmann, Wolf Wiedmann-Schmidt: Die wirre Welt des Attentäters. Spiegel, 14. Oktober 2019

Der knapp 36 Minuten lange Livestream zeigt den Tatverlauf aus der Sicht und mit den Kommentaren des Täters. Er half den Ermittlern, den Tatverlauf genau zu rekonstruieren. Zu Beginn blickte B. direkt in die Kamera und stellte sich auf Englisch vor: «Hey, my name is Anon. And I think the Holocaust never happened.» („Mein Name ist Anon. Und ich glaube, der Holocaust ist nie passiert.“)Das mutmaßliche Tätervideo: Protokoll des Attentats in Halle. dpa / Zeit, 11. Oktober 2019 „Anon“ ist die Kurzform von Anonymous, die anonym bleibende Nutzer der Internetseite 4chan verwenden. Er begann also mit einer Holocaustleugnung und fuhr fort: Der Feminismus sei der Grund für niedrige Geburtenraten im Westen, die zu Masseneinwanderung führten. Ursache all dieser Probleme sei „der Jude“.

Auf der Fahrt zur Synagoge sprach er von einer von niemand erwarteten “internet SS” und äußerte Vorfreude auf seinen Anschlag. Nach der Ankunft zündete B. einen Sprengsatz an einem abgeschlossenen Tor in der Friedhofsmauer bei der Synagoge und gab mehrere Schüsse darauf ab. Die Passantin Jana Lange sprach B. im Vorbeigehen auf den Lärm vor der Synagoge an („Muss das sein, wenn ich hier lang gehe?“). Darauf schoss er von hinten in ihren Rücken. Etwas später schoss er noch elfmal auf die leblos am Boden liegende Frau und beschimpfte sie als „Schwein“.Daniel Müller, Martin Nejezchleba: Rechtsterrorismus: Halle, 9. Oktober 2019. Zeit, 21. Juli 2020