Kaum öffne ich die Augen (Originaltitel: À peine j’ouvre les yeux, deutscher Sendetitel: Wenn ich die Augen öffne) ist ein französisch-tunesisches Filmdrama nach dem Drehbuch von Regisseurin Leyla Bouzid und Koautorin Marie-Sophie Chambon aus dem Jahr 2015. Das Spielfilmdebüt der Regisseurin wurde unter anderem mit dem Publikumspreis und dem Europa Cinemas Label Award für den besten europäischen Film bei den Venice days 2015, dem Bayard d’or für den besten Debütfilm beim Festival international du film francophone de Namur sowie dem Grand Prix Muhr Award beim Dubai International Film Festival ausgezeichnet.
Handlung Es ist Sommer 2010, wenige Monate später werden sich in Tunesien die Ereignisse überschlagen, in deren Folge der Langzeitpräsident das Land verlassen und die Welt auf dieses Land am Mittelmeer schauen wird. Einige Anzeichen deuten bereits darauf hin.
Farah, ein hübsches junges Mädchen aus der Mittelschicht von Tunis, hat ein sehr gutes Abitur abgelegt. Sie ist ein Wirbelwind, genießt das Leben, will ausgehen, trifft sich mit Freunden, betrinkt sich auch mal mit Bier und will Spaß haben. Die Eltern tolerieren das Treiben der Tochter, auch wenn es der Mutter nicht gefällt. Farahs Mutter möchte eine gute Zukunft für die Tochter und geht fest davon aus, dass diese nach dem Sommer Medizin studieren wird. Doch Farah hat ganz andere Zukunftswünsche. Während der Sommerferien hat sie sich einer Rockband angeschlossen und probt mit ihnen eifrig für den ersten öffentlichen Auftritt. Sie träumt davon, Sängerin zu werden. Überdies ist sie frisch verliebt in ein Bandmitglied und trifft sich heimlich mit ihm. Die beiden sind auch intim miteinander. Farah schleicht sich abends zu den Proben aus dem Haus und belügt die Mutter über ihre Aufenthaltsorte. Was Farah jedoch zu dieser Zeit nicht weiß, ist, dass die Band bereits aufgrund der Songs, die sie spielen, von der Polizei beobachtet wird. Sie gelten als zu kritisch gegenüber dem herrschenden System.
Es dauert nicht lange und die Mutter kommt dahinter, wo Farah ihre Zeit verbringt. Anlass war der Besuch Moncefs, eines alten Freundes, der sie warnt, dass ihre Tochter sich in zwielichtiger Gesellschaft aufhalten und ein Polizeieinsatz kurz bevorstehen würde. Er legt ihr eindringlich ans Herz, die Tochter im Auge zu behalten und von der Band und den Orten, wo sie sich bewegen, fernzuhalten. Es kommt zu Diskussionen zwischen Mutter und Tochter, die sich immer weiter zuspitzen. Als der Tag des Auftritts naht, schließt Farah ihre Mutter zu Hause ein und läuft in die Nacht, um aufzutreten. Am Ende des ersten Sets will Farah gehen, um die Dinge mit der Mutter in Ordnung zu bringen, aber Borhène droht ihr, dass sie dann aus der Band fliegen würde. So bleibt sie und singt.
Es läuft gut für die Band, und Farah plant, ihre Musikkarriere voranzutreiben. Die häusliche Situation verschlechtert sich, als die Mutter sie einfach für das Medizinstudium einschreibt. Farah überlegt bei ihrem Freund einzuziehen.
Während der Proben und Auftritte ist Ali, der Manager der Band, damit beschäftigt die Gruppe zu filmen. Als einmal ein Konzert von der Polizei abgebrochen wird, singt Farah trotzig auf der Straße weiter. Die Band spielt weitere Konzerte, Farah singt die Texte, die Borhène schreibt, bis dieser eines Tages von der Polizei festgenommen und während der Nacht, die er auf der Polizeistation verbringen muss, verhört und geschlagen wird. Bei der nächsten Probe kommt es zur Auseinandersetzung mit Manager Ali, dem Borhène vorwirft zu spionieren und ihn an die Polizei ausgeliefert zu haben. Ali drängt, die Band möge ihre Texte entschärfen und warnt Farah vor dem Polizeiapparat. Farah schlägt sowohl diese Warnungen wie auch die ihrer Mutter in den Wind. Ihre Beziehung zu ihrem Freund wird schwieriger, da er gar nicht so aufgeschlossen ist, wie seine Texte vermuten lassen.
Um die Tochter im Zaum zu halten und aus dem Fokus zu nehmen, wird beschlossen, dass sie zum Vater nach Gafsa fahren soll. Die Mutter bringt Farah zum Busbahnhof in Tunis. Während diese ein Ticket kauft, geht Farah um ein Getränk zu holen, kommt jedoch nicht zurück, ist wie vom Erdboden verschluckt. Die Mutter macht sich panisch auf die Suche nach ihrer Tochter. In einer zweifelhaften Bar trifft sie dabei auch deren Freund. Dieser will die Sache im Internet publik machen, doch die Mutter möchte das nicht. Sie sucht lieber von sich aus den Kontakt zu ihrem alten Freund Moncef, der sie schließlich auch darüber aufklärt, wo sich Farah aufhält. Er rät ihr zur Polizeistation zu gehen und sich nicht mit Ausreden abspeisen zu lassen, bis diese endlich frei kommt. Doch die brutalen Verhöre haben Spuren bei Farah hinterlassen: während der Haft wurde auch sie misshandelt und sexuell belästigt. Außerdem wurde ihr im Verhör klar, dass sie gleich doppelt verraten wurde. Zum einen von Bandmitglied Sami und darüber hinaus durch ihren Freund, dessen abwertende Kommentare zu ihrer beider Sexleben Farah vom Band vorgespielt wurden. Wieder daheim kämpft Farah mit Depressionen und steigt aus der Band aus. Das Verhältnis zur Mutter, zwischenzeitlich schon verändert durch deren Suche nach der Tochter, bekommt eine neue Wende. Es ist die Mutter, die mit Farah während ihrer Krankheit singt und so der Tochter hilft, ihre Stimme wiederzufinden. Beide Frauen haben wieder zueinander gefunden.
Hauptcharaktere Farah, 18 Jahre alt, rundes Gesicht mit strahlenden Augen, von Locken umrahmt, ist eher zart von Statur, aber voll ungebändigter Energie. Sie hat eine heimliche Beziehung mit Borhène, wie sie ein Mitglied in der Underground–Rockband Joujma. Sie ist in einem Alter, in dem Liebe und Revolte sich Bahn brechen, aber die persönliche Unabhängigkeit noch nicht vorhanden ist. Die Wünsche der Familie erscheinen ihr beinahe spießig, sie will Spaß haben und singen. Sie trinkt mit den Jungs der Band Bier in einer Bar und probiert auch einmal Cannabis, wie es von einigen Mitgliedern der Band konsumiert wird.
Hayet, die Mutter von Farah, unglaublich stolz auf ihre Tochter und deren Abitur, meldet diese ohne ihr Wissen einfach zum Medizinstudium an. Einst war die Mutter selbst ein Freigeist. Wegen Farahs Musikambitionen herrscht in der Familie eher angespannte Stimmung, ausgelöst durch die Überfürsorge der Mutter und Konflikte zwischen den Frauen. Zwischen beiden herrscht anfangs eine Art Hassliebe, die sich wandelt, als Farah verhaftet wird und die Mutter alles versucht, um ihre Tochter wiederzubekommen.
Borhène, Freund von Farah, Oudspieler, Leadgitarrist und Texter der Band, hält zusammen mit Farah anfangs ihre Liebesbeziehung vor deren Familie und den weiteren Bandmitgliedern geheim. Er scheint es zu mögen, wenn Farah wild und frei auftritt, aber auch er hat Tendenzen, ihr die Erwartung aufzuzwingen, wie ein Mädchen sich zu benehmen habe. Nach einem sehr kritischen Konzert wird er verhaftet.
Mahmoud, Vater von Farah, strafversetzt in den Süden des Landes, da er sich weigerte, der führenden Partei beizutreten, ist dadurch oft abwesend vom Familienleben. Generell kümmert er sich eher wenig um Farah. Er setzt sich nicht mit der Tochter auseinander, stimmt ihr aus Bequemlichkeit eher zu. Vermittler wird er erst, als die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ins Straucheln gerät.
Moncef, Ex-Freund der Mutter Hayet in ihrer Jugend, mit dem diese den Kontakt abbrach, als er in den Staatssicherheitsdienst eingetreten war. Er berichtet Hayet über die Leute, mit denen Farah Umgang pflegen, trinken und rauchen würde, und warnt sie vor den Folgen.
Hintergrund Der Titel des Films steht, laut Regisseurin, für einen Teenager, der die Augen öffnet und beginnt sein Leben in die Hand zu nehmen und sich mit Hindernissen – der Familie, der Gesellschaft und dem Staat – konfrontiert sieht. Er würde auch für ein Tunesien stehen, welches wenige Monate vor der Revolution beginnt die Augen zu öffnen und realisiert, was in der Gesellschaft geschieht. Beginnend mit dem Zeitpunkt Sommer 2010 bis zum Monat Dezember geht der Film an die Anfänge kurz vor der Revolution zurück und fängt damit die Stimmung kurz vor dem Umbruch ein. Junge Menschen drängen nach Freiheit. Mit den Konflikten des Films greift die Regisseurin einige der Punkte auf, die später zum Aufbegehren führen werden. Kontrolle und Überwachung, dargestellt durch die Verhaftungen der Bandmitglieder, die herrschende Korruption im Land, am Beispiel von Hayet, als sie den Polizisten besticht, damit er umgehend mit den Ermittlungen beginnt. Sie zeigt auch die „Last der traditionellen Gesellschaft und ihrer chauvinistischen Werte“, in Form der Szene, in der sie Hayet in die Bar gehen lässt, um den Freund der Tochter aufzusuchen, angestarrt in einem Raum voll mit Männern. Der Film stellt die Beziehung zwischen Mutter und Tochter in den Mittelpunkt, zeigt lieben und loslassen. Natürlich liebt Hayet ihre Tochter und hat bis zu einem gewissen Grad auch Verständnis für deren Drang nach Freiheit und Veränderung, doch im Gegensatz zur Unbekümmertheit und Unbändigkeit der Jugend von Farah, weiß Hayet, welche Konsequenzen es haben kann, wenn man sich in einem Polizeistaat auflehnen würde. So gerät die Mutter in ihrer Liebe und Sorge um die Tochter, zwangsläufig immer wieder mit dieser aneinander. Der Vater, mit seiner Anstellung im Süden, bildet den Ankerpunkt in die Region der Phosphatminen, wo Arbeiter wegen der Arbeits- und Lebensbedingungen immer wieder aufbegehren. Auch dem Vater kann es in diesem System nicht gelingen, wieder zurück in die Stadt Tunis versetzt zu werden, er ist nicht angepasst. Der Film befasst sich mit den Fragen nach der Befreiung von Familie, Gesellschaft und dem System. Am Beispiel Farah, die lauthals durch die Songs, die den ganzen Film begleiten, ihrer Stimme Gehör verschaffen will, zeigt sich, wie sie auf diesem Weg „regelrecht zermalmt“ wird. Der Film sei nicht autobiografisch sagte die Regisseurin, doch habe auch sie als junger Mensch Verrat in ihrem Umfeld erlebt. Jeder habe irgendwann in Tunesien Zugeständnisse machen müssen oder sich einer Unmenge von Hindernissen gegenübergesehen, laut Bouzid.
Entstehung