Raouf Ben Amor (; * 24. Dezember 1946 in Tunis), ist ein tunesischer Film- und Theaterschauspieler sowie Filmproduzent. Für die Hauptrolle des Youssef in dem Drama Tunis by Night von Elyes Baccar wurde er 2017 beim Cairo International Film Festival als Bester Schauspieler ausgezeichnet.
Leben Ben Amor ist im Stadtviertel Halfaouine, nördlich der Medina von Tunis gelegen, aufgewachsen und besuchte während seiner Schulzeit das Collège Sadiki. Dort trat er dem Schulchor bei, bis Mohsen Ben Abdallah, ein tunesischer Theaterschauspieler und viele Jahre Leiter des Théâtre municipal de Tunis, auf ihn aufmerksam wurde und Ben Amor in die Theatergruppe integrierte. Nach seinem Baccalauréat begann er ein Studium in Englisch und Literatur an der Fakultät der Künste – der bis 1986 Faculté des lettres et des sciences humaines de Tunis genannten Universität, der heutigen Faculté des sciences humaines et sociales de Tunis (FSHST), die der Universität Tunis zugehörig ist. Gleichzeitig trat er dem Universitäts-Theaterzentrum bei und war Mitglied eines Theaterstücks das beim Internationalen Festival des Universitätstheaters in Istanbul im Jahr 1969 mit dem ersten Platz prämiert wurde. Nach der Vergabe eines Stipendiums an die Mitglieder dieser Theateraufführung durch das Kulturministerium Tunesien, eröffnete sich für Ben Amor die Möglichkeit sein Studium für drei weitere Jahre am Londoner City Literary Institute fortzuführen.
Ben Amor hat während seiner Karriere nicht nur als Schauspieler oder Produzent gearbeitet. So war er 1976 Mitglied der Direktion beim Festival International de Carthage (FIC), das jährlich in den Monaten Juli und August seit 1964 stattfindend, und Mitbegründer des Festival Culturel Internationale de Assilah in Marokko. Im Jahr 1978 bekleidete er die Funktion des Direktors beim Internationalen Festival von Tabarka. In der Zeit von 1980 bis 1995 wirkte er in Funktion als Direktor für Animation und Kommunikation am tunesisch-kuwaitischen Konsortium für Entwicklung (CTKD), der Abou Nawas Hotels mit. Als 1992 Canal+–Horizon in Tunesien den Start aufnahm, arbeitete Ben Armor während des ersten Jahres der Markteinführung als Berater der Generaldirektion. 1996 war er Mitglied der Kommission für Theaterproduktion im Kulturministerium, war Mitglied des Verwaltungsrats vom internationalen Kulturzentrum Hammamet, Mitglied des Verwaltungsrats des tunesischen Nationaltheaters und war 2004 beim Afrika-Cup als Vorsitzender der Kulturkommission verantwortlich für die Eröffnungsshow und das Kulturprogramm rund um dieses Fußballturnier. Im Jahr darauf, bei der Handball-Weltmeisterschaft der Männer 2005, war er ebenfalls als künstlerisches Beratermitglied der Kulturkommission für die Eröffnungsshow tätig.
In den Jahren 2004 und 2005 füllte er die Funktion des künstlerischen Leiters der 41. und 42. Ausgabe des Festival International de Carthage (FIC) aus. Er war weiter Sekretär des Distrikts 414 von Tunesien für die internationale Vereinigung der Lions Clubs sowie Präsident des Lions Club Tunis le Belvédère und war Mitglied der Organisation SOS Villages d’Enfants Tunisie. Im Jahr 2019 war er Jurymitglied des Internationalen Amateur Film Festivals von Kelibia, neben der aus der Ukraine stammenden Regisseurin und Drehbuchautorin Anna Kurnnaya, dem Generaldelegierten des FESPACO in Burkina Faso Ardiouma Soma, dem jordanischen Schauspieler und Dramatiker Ghannem Ghannem und der Filmforscherin und Spezialistin für arabisches Kino Mathilde Rouxel. In der 1. Ausgabe des Theater Festivals „Ezzeddine Gannoun“ 2019 in Tunis hatte er den Juryvorsitz. Weitere Jurymitglieder waren die libanesische Schauspielerin und Produzentin Carole Abboud, der tunesische Schriftsteller Walid Soliman, die tunesische Schauspielerin Héléne Catzaras sowie der aus Burkina Faso stammende Regisseur Étienne Minoungou.
Als Anerkennung für seine Leistungen wurde ihm von Zine el-Abidine Ben Ali im Jahr 1990 der Orden des Officier des Arts et Lettres (Orden der Künste und der Literatur) verliehen. Er erhielt den Prix National des Arts et Lettres für das Jahr 1997 und 1999, am Tag der Kultur, dem 27. Mai, den Orden Commandeur de l’Ordre du Mérite Culture national (ein nationaler Verdienstorden der Künste). Anlässlich der 20. Ausgabe der Karthago Theatertage (Journées théâtrales de Carthage – JTC) 2019 wurde ihm gemeinsam mit der tunesischen Schauspielerin Zahira Ben Ammar der Preis für Kreativität Saleh El Kassab verliehen.
Schaffen Theater Nachdem Ben Amor aus London zurückgekehrt war, schloss er sich im Jahr 1972 der Gruppe des „Théâtre du sud“ von Gafsa an, wo er im ersten Stück Jha wa chark al hayer in der Rolle des Jha zu sehen war. In den Folgejahren war er beständig auf den Theaterbühnen des Landes präsent. Er spielte 1973 bei der Eröffnung des Internationalen Festivals von Hammamet in Borni wal Atra, einer Adaption des italienischen Theaterstücks Bilora von Ruzante, mit. Für die Aufführung des Stücks L’héritage arbeitete er 1975 am „Théâtre nouveau“ mit der ersten privaten Theatertruppe Tunesiens. In den 1980er Jahren entstanden Zusammenarbeiten für Tamthil klem am „Théâtre Phou“ mit Raja Ben Ammar, Moncef Essayem und Taoufik Jebali und 1985 mit dem Ensemble „Sinnemart“ das Stück Ismail Pacha in Zusammenarbeit mit Jebali und Mohamed Driss, welches das Internationale Festival von Carthage 1986 eröffnete. Zur Eröffnung des „El Teatro“, 1987 von Jebali gegründet, einem Privattheater von Tunis, wurde das Stück Mémoire d’un dinosaure aufgeführt, welches eine Adaption von Bertolt Brechts Stück Flüchtlingsgesprächeist und war 1988 Teil des 1. Festival du Théâtre Expérimental du Caire & Alexandrie. Die Truppe des „El Teatro“ wurde 1989 mit dem Stück an das Berliner Ensemble und weitere Theater in Dresden und Rostock eingeladen. 20 Jahre später, im Jahr 2007 wurde Mémoire d’un dinosaure überarbeitet erneut am „El Teatro“ aufgeführt, wieder mit Ben Amor und Jebali. 1988, das Nationaltheater von Tunis stand bereits unter Leitung des Autors und Schauspielers Driss, war Ben Amor beispielsweise in der Inszenierung Vive Shakespeare von Driss und Habib Bel Hedi zu sehen.
Film Seine Filmkarriere begann Ben Amor 1971 im Spielfilmdebüt Et demain von Regisseur Brahim Babaï nach der Romanvorlage Et ma part d'horizon von Abdelkader Ben Cheikh. Im Jahr 1976 wurde er von Roberto Rossellini für die Rolle des Judas im Film Der Messias besetzt. Am Ende der Drehtage sagte Rossellini zu ihm: « Toi, mon vieux, tu feras une grande carrière cinématographique » (dt: „Du, mein Alter, wirst eine große Kinokarriere machen“). In den 1980er Jahren stand er mit Pierre Richard für dessen Film Zwei Kamele auf einem Pferd als Rebellenführer vor der Kamera und drehte gleich zwei weitere Filme mit Roman Polański. In dessen Film Piraten war er in der Rolle des Wächters des Arsenals zu sehen und in Frantic (1988) als Dr. Metlaoui. Zwei weitere Filme drehte er 1988 und 1989 mit der Regisseurin Kalthoum Bornaz, ehe ihn Mireille Darc für ihr Regiedebüt La barbare (dt. Titel: Hemmungslos) verpflichtete. In Halfaouine – Zeit der Träume von Férid Boughedir war er wie der Regisseur selbst als Friseurkunde zu sehen. Ben Amor arbeitete während seiner Karriere mit einigen Regisseuren mehrfach. Ein Beispiel dafür ist die erneute Zusammenarbeit mit Babaï im Jahr 1990 für den Film La nuit de la décennie nach dem gleichnamigen Roman des tunesischen Schriftstellers, Dramatikers und Enzyklopädisten Mohamed Salah El Jebri und 2002 für den Film L’odyssée der ebenfalls nach einem Roman mit dem Titel Les Cendres de Carthage von Abdelaziz Belkhodja entstand.
Der von Tarak Ben Ammar, für die aus dem Libanon stammende Regisseurin Randa Chahal Sabag, produzierte Film Écrans de sable zeigte Ben Amor in der Rolle als Chef der Handlanger neben Michel Albertini und Maria Schneider. Im Thriller Deceptions von L. J. Munkler aus dem Jahr 1992 arbeitete Ben Amor an der Seite von Jason Robards, Brian Cox und Fred Williamson. Eine mehrfache Zusammenarbeit hatte Ben Amor auch mit Regisseur Nouri Bouzid. 1993 für die Dokumentation La Guerre du Golfe... et après?, einem Projekt von 5 Kurzfilmen nach einer Idee von Produzent Ahmed Bahaeddine Attia, zu dem Bouzid den Beitrag C'est Shéhérazade qu'on assassine beisteuerte, wurde Ben Amor als Schauspieler für die Umsetzung der Geschichte einer vom Golfkrieg geplagten Familie verpflichtet. 1997 stand er in der Rolle des Majid für den Film Tunisiennes erneut für Bouzid vor der Kamera. Im Spielfilm Habiba M’sika der Regisseurin Selma Baccar hatte Ben Amor eine der Hauptrollen als Lamine und nahm 2005 in Baccars Film Fleur d’oubli mit der Hauptrolle als homosexueller Ehemann auch das Risiko in Kauf, die „Hauptlast der Kontroverse zu tragen“. Zwar war das Thema Homosexualität in tunesischen Filmen kein Tabu mehr, dennoch hätten, laut Jeune Afrique, nur wenige arabische Schauspieler solch eine Rolle unterstützt. „Si Chedly“, wie Ben Amor laut Jeune Afrique vom tunesischen Publikum in Anlehnung an seine gleichnamige Rolle in einer tunesischen Fernsehserie aus dem Jahr 1997 auch genannt werden würde, hat das offenbar nicht geschadet. Der Film verzeichnete in den ersten zwei Monaten seiner Spielzeit in Tunesien gute Besucherzahlen. Im Jahr 2017 arbeitete der Schauspieler erneut mit der Regisseurin Baccar für den Film El Jaida in der Rolle des Si Salah. Der Film spielt wenige Monate vor der Unabhängigkeit Tunesiens in einem Frauengefängnis, wo vier Frauen unter der Autorität der Gefängniswärter zusammenleben müssen.