mini|Kunsthaus Göttingen Das Kunsthaus Göttingen ist ein 2021 eröffnetes deutsches Ausstellungsgebäude für Arbeiten auf Papier, Fotografie und neue Medien in der Innenstadt von Göttingen (Düstere Straße 7) in Niedersachsen. Der Ausstellungsschwerpunkt liegt auf zeitgenössischer Kunst mit internationaler Ausrichtung. Im November 2024 meldete das Kunsthaus Insolvenz an,„Bitterer Schritt“: Göttinger Kunsthaus ist insolvent bei ndr.de vom 26. November 2024 wurde jedoch am 27. März 2025 unter neuer künstlerischer Leitung und Geschäftsführung wieder geöffnet.
Entstehung Das Kunsthaus ist kein Museum, da es keine eigene Sammlung besitzt. Vielmehr sieht das Programm wechselnde Ausstellungen mit Schwerpunkt auf Papierarbeiten, Fotografie und neue Medien vor.
Die Realisierung des Kunsthaus-Projekts wurde von dem nebenan ansässigen Verleger Gerhard SteidlThomas Kopietz: Steidl und sein Traum einer Galerie: das Kunsthaus Göttingen feiert Richtfest. auf hna.de (Hessisch/Niedersächsische Allgemeine), 27. September 2019, abgerufen am 18. Februar 2023. initiiert und mit maßgeblicher politischer Unterstützung der Göttinger Oberbürgermeister Wolfgang Meyer und Rolf-Georg Köhler sowie des Göttinger Bundestagsabgeordneten Thomas Oppermann († 2020) verwirklicht.
Das Richtfest für das aus einem Architekturwettbewerb von 2016 hervorgegangene Ausstellungsgebäude wurde Ende September 2019 gefeiert. Es wurde im Dezember 2020 fertiggestellt und im März 2021 durch die Stadt Göttingen als Bauherrin an die Kunsthaus Göttingen gGmbH übergeben. Die ursprünglich geschätzten Gesamtkosten des Neubauprojekts beliefen sich auf 5.874.000 Euro und wurden mit 4,5 Millionen Euro zu über Dreiviertel aus Bundesmitteln des Förderprogramms „Nationale Projekte des Städtebaus“ finanziert; der Duderstädter Unternehmer Hans Georg Näder spendete 1 Million Euro. Am Ende wurden die Gesamtkosten von Göttingens Oberbürgermeister auf „6,5 bis 7 Millionen Euro“ beziffert.
Der Künstler Sebastian Stumpf begleitete die Bauphase des Kunsthauses. Daraus entstanden eine Buchveröffentlichung und eine Videoarbeit, die im Kunsthaus-Foyer zu sehen ist. Am 4. Juni 2021 erfolgte die Eröffnung des Kunsthauses mit der Einzelausstellung „Roni Horn. You are the weather“. Der Eintritt war bis 2025 durch das Sponsoring der Sartorius AG kostenfrei.
Leitung Die Startphase des Kunsthauses wurde begleitet von Alfons von Uslar, der von 2020 bis Juni 2022 als ehrenamtlicher Gründungsgeschäftsführer fungierte, und von Ute Eskildsen – sie beriet bei der Bauplanung und erarbeitete als Kuratorin die ersten zwei Ausstellungen im Kunsthaus. Als Gastkuratoren waren bisher Ute Eskildsen, Joshua Chuang und Warren Siebrits beteiligt.
Bis September 2023 unterstützte Gerhard Steidl als ehrenamtlicher Direktor mit kuratorischem Engagement das Haus.Richtfest für das Kunsthaus im Kunstquartier Göttingen, Göttinger Tageblatt, 1. Okt. 2019. Er führt den Steidl Verlag in der Nachbarschaft des Kunsthauses Göttingen. Seit 1969 druckte er Plakate und Multiples von Künstlern wie Joseph Beuys, Klaus Staeck usw. und verlegt ausgewählte Kunst- und Fotografiebände, Literatur und politische Sachbücher. Neben dem Büchermachen konzipiert und kuratiert Gerhard Steidl Ausstellungen weltweit.Kunsthaus Göttingen. Mehr als ein Museum. Gerhard Steidl im Gespräch mit Marietta Schwarz. Auf: Deutschlandfunk Kultur (deutschlandfunkkultur.de), 3. Juni 2021, abgerufen am 18. Februar 2023.
Mit Beginn des Insolvenzverfahrens am 1. Februar 2025 wurde ein neues, temporäres Betreiberkonzept entwickelt. Gerhard Steidl wird als künstlerischer Leiter Bild fortan ehrenamtlich Ausstellungen im Kunsthaus Göttingen realisieren. Gemeinsam mit Johannes-Peter Herberhold, Leiter des Göttinger Literaturherbstes, der als künstlerischer Leiter Wort insbesondere ein Begleitprogramm zu den Ausstellungen konzipiert.
Von Juli 2022 bis Ende 2024 hatte Dorle Meyer die Geschäftsführung; ab 2020 hatte sie die Fertigstellung und Inbetriebnahme des Baus begleitet. Die promovierte Kunsthistorikerin hat neben Forschung und Lehre zu klassischer Moderne und zeitgenössischer Kunst viele Jahre im musealen Bereich gearbeitet und die Entwicklung neuer Ausstellungs- und Museumsprojekte begleitet: Nach Stationen in Kassel, Berlin sowie zuletzt als Projektmanagerin und Kuratorin am Deutschen Museum beim Aufbau des Zukunftsmuseums Nürnberg.
Planung, Architektur und Kritik mini|Kunsthaus Göttingen: Schematischer Gebäudequerschnitt mit vier Ausstellungsebenen und Keller
Nach mehrjährigen Vorbereitungen lobte die Stadt Göttingen als Bauherrin Ende 2015 einen Architekturwettbewerb unter Vorsitz von Jórunn Ragnarsdóttir aus, an dem sich 15 Architekturbüros beteiligten, darunter zwei aus dem Ausland. Die Gewinner des 1. Preises, die Architekten des Büros Atelier30 aus Kassel, zogen sich zurück, „weil sie wichtige Ideen ihres Entwurfs in Gefahr sahen“, sodass mit der Ausführungsplanung 2016 der Gewinner des 2. Preises, das Büro Atelier ST aus Leipzig, beauftragt wurde. Die Jury hatte zuvor schon den Atelier ST-Entwurf gelobt als eine „sehr interessante Lösung, die zugleich atmosphärisch als auch funktional besticht. Ein Speicherhaus mit spezifischem Charakter und andererseits ein unaufgeregter Stadtbaustein an der Düsteren Straße.“
Das fertiggestellte, äußerlich dreigeschossige Kunsthaus orientiert sich in seiner geschlossenen Bauweise, der Gebäudekubatur, den nach oben zweimal auskragenden Stockwerken und dem Satteldach an der Typologie historischer Göttinger Fachwerkhäuser. Allerdings verhalten sich in gestalterischem Kontrast dazu die monolitsch wirkenden, weitgehend fensterlosen und dunkelgrauen Fassaden des massiven Stahlbetonbauwerks, die weit über die historischen Nachbarbauten aufragen. Die lineare Struktur des horizontalen Modellierputzes soll an „gestapelte Papiere“ erinnern.
Das Innere bietet mit Unterkellerung und ausgebautem Dach auf 265 Quadratmetern Baufläche insgesamt 878 Quadratmeter Nutzfläche, darunter 534 Quadratmeter Ausstellungsfläche in vier großen 3,20 Meter hohen, stützenfreien Räumen für Ein-Raum-Ausstellungen ohne Unterteilungen. Die stützenfreie Massivstruktur sollte ein hohes Maß an Flexibilität zum Arrangement verschiedener Ausstellungskonzeptionen erlauben.
Im Erdgeschoss wird das Foyer des Kunsthauses über ein Eingangstor betreten, welches auf der gegenüberliegenden Seite den Blick zum Innenhof freigibt. Die Ausstellungsräume weisen je ein schmales bodentiefes Fenster auf, das bei Bedarf verdeckt werden kann, um lichtempfindliche Papierarbeiten zu schützen und Videoinstallationen und Projektionen zu ermöglichen. Im Dachgeschoss befinden sich ein Workshop-Raum für Vermittlungsarbeit sowie ein 100 Quadratmeter großes „Forum“ für Veranstaltungen, dessen nach Osten ausgerichtete, große Dachterrasse einen Ausblick auf die Dachlandschaft der Innenstadt bietet.
Planung und Bau des Kunsthauses begleiteten öffentliche Auseinandersetzungen, die sich in Polemiken gegen den Initiator Gerhard Steidl und lokalpolitischer Kritik gegen die Göttinger SPD („sozialdemokratischer Selbstbeweihräucherung“) äußerten, aber auch Kritik an der Architektur formulierten („Brutalistische Imitation von historischem Fachwerk mit Beton“). Kulturpolitisch wurde befürchtet, dass das Kunsthaus-Bauprojekt andere städtische Kulturbauprojekte, wie das Städtische Museum, ins Hintertreffen stellt.
Hinterhof mini|„House of Words“ im Hinterhof des Kunsthauses
Der nach einem beschränkten Architektenwettbewerb (2017) von dem Berliner Landschaftsarchitekten Stefan Bernard umgestaltete, rund 1.300 Quadratmeter große Hinterhof kann sowohl durch das Kunsthaus als auch vom nahen Nikolaikirchhof aus betreten werden. Er besteht schlicht gestaltet aus einer von Grün umgebenen Freifläche mit Kinderspielplatz (Sandkasten) und Sitzmöglichkeiten.
An der Südseite des Hofs liegt als Pavillon das kurz nach dem Kunsthaus im Sommer 2021 eröffnete „House of Words“.Peter Krüger-Lenz: „Druck-Eintopf“ des Weltbürgers voller Vitalität. In: Göttinger Tageblatt, 16. Juni 2023, S. 11. Im Innern befindet sich die Installation „Poet Singing (The Flowering Sheets)“ des US-amerikanischen Künstlers Jim Dine - eine Schenkung des Künstlers an die Stadt Göttingen.
Das „House of Words“ ist auf Anfrage und im Rahmen der zweiwöchentlichen Spaziergänge durchs Kunstquartier geöffnet, zudem zu besonderen Anlässen, wie der Nacht der Kultut oder dem Tag des offenen Denkmals.
Ausstellungen Der Ausstellungsschwerpunkt des Kunsthauses liegt auf aktuellen Positionen der internationalen Gegenwartskunst. Bei dem kuratorischen Programm gibt es eine enge Zusammenarbeit mit den Künstlern, sowohl für Ausstellungen als auch Neuproduktionen. Pro Jahr werden drei große Ausstellungen als Einzel- oder Gruppenausstellungen präsentiert. Die Eröffnung wurde mit einer großen Einzelausstellung der New Yorker Künstlerin Roni Horn zelebriert.Internationaler Start: Roni Horn ist die erste Künstlerin im Kunsthaus Göttingen, Göttinger Tageblatt, 4. Juni 2021
Als Partnerprojekt der documenta fifteen zeigte das Kunsthaus vom 18. Juni bis 25. September 2022 eine Gruppenausstellung mit dem Titel „printing futures“., auf kunsthaus-goettingen.de Sie präsentierte neben international bekannten Künstlern wie Dayanita Singh, Theseus Chan und Shahidul Alam, auch junge Künstlerinnen, so Sibel Horada, Alper Aydin, Sofia Karim und Maya Mercer. Weiterhin waren Christoph Heubner mit dem Raum „Institute to Remember“ und auch der Regisseur Albert Ostermaier - mit Programm im Literaturhaus Göttingen - vertreten.Kunsthaus Göttingen wird Teil der documenta. Göttinger Tageblatt, 28. März 2022. Göttingens Oberbürgermeisterin Petra Broistedt wertete die Kooperation mit der documenta 2022 als Meilenstein für Göttingen als Kulturstandort.Kunsthaus Göttingen zeigt Partnerprojekt zur Documenta. monopol magazin, 28. März 2022. In der Ausstellung stand auch die Entstehung von Büchern im Vordergrund. So gab es Buchprojekte mit Künstler der Ausstellung mit dem Steidl Verlag,Documenta: Kunsthaus Göttingen wird zum „Haus des Papiers“. NDR, 29. März 2022. dies im Zusammenhang mit der lumbung press.documenta-Partnerprojekt in Göttingen: Kunsthaus wird zum „House of Papers“. HNA, 29. März 2022
Zu jeder Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm, besonders für Kinder und Jugendliche. Neben Führungen stehen Workshops mit kreativem Handlungsanteil und Schulklassenformate im Vordergrund.
Zwischen den großen Ausstellungen bieten kleinere „Inbetween“-Präsentationen Raum für verdichtete Themen und Positionen sowie Spielraum für experimentelle Formate, so zum Beispiel die erste institutionelle Einzelausstellung des Fotografen Neven Allgeier von Mai bis Juni 2024. Vor der Modell Tier-Ausstellung fand eine Präsentation von 50 Illustrationen von Bernd Pfarr statt,Bernd Pfarr - Sondermann, Illustrationen, 13. Aug. - 12. Sept. 2021. Website des Kunsthauses nach der Modell Tier-Ausstellung eine Präsentation von Fotografien von Ruth Harriet Louise. Noch vor der Eröffnung der Roni Horn-Ausstellung fand als erster Testlauf von Dezember 2020 bis Mai 2021 eine Präsentation von überwiegend Druckbögen eines Fotobuch-Projektes von Gilles Peress zum Nord-Irland-Konflikt statt.
Liste der Ausstellungen Gilles Peress: Vom Buch an die Wand – What ever you say, say nothing, (in between), 15. Dezember 2020 – 15. Mai 2021Gilles Peress, in between-Ausstellung, 12.2020-5.2021, Website des KunsthausesBilder, die uns den Kopf aus dem Sand ziehen, Freddy Langer im Gespräch mit Gilles Peress, FAZ, 3. April 2021 Roni Horn: You are the Weather – Buch – Zeichnungen – Fotografie (Einzelausstellung), 4. Juni – 8. August 2021, Website des Kunsthauses, Eine Dosis Kultur, bitte!, arte, Lena Reich, 8. Juni 2021 Bernd Pfarr: Sondermann, Illustrationen, (in between), 14. August – 12. September 2021Bernd Pfarr - Sondermann, Illustrationen, 13. Aug. - 12. Sept. 2021, Website des Kunsthauses