mini|Lage des Kastells am DIRL (Rheinlinie)
mini|Inschriftentafel aus der Mauritiusrotunde (Rathaus Winterthur) mini|Münsterplatz in Konstanz mini|Blick von der Altstadt auf die Konstanzer Bucht
Constantia ist der Sammelbegriff für ein spätrömisches Grenzkastell des Donau-Iller-Rhein-Limes sowie für eine hochkaiserzeitliche und spätantike Zivilsiedlung. Sie befinden sich auf dem Stadtgebiet von Konstanz, Landkreis Konstanz, Bundesland Baden-Württemberg in Deutschland.
Die ältesten Siedlungsspuren gehen bis in die jüngere Steinzeit zurück. Aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. ist die Existenz einer keltischen Siedlung bekannt, vom 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. errichteten die Römer auf dem heutigen Münsterhügel mehrere Kastelle zur Kontrolle des Rheinübergangs. Das spätere Konstanz lag im Schnittpunkt mehrerer Straßen nach Oberitalien, Gallien und in den Osten des römischen Reiches und avancierte zu einem wichtigen Handelsplatz. Dort verfügte auch die römische Bodenseeflotte über einen Stützpunkt. Grabungen in den frühen 2000er Jahren führten schließlich zur Entdeckung eines – hier schon seit langem vermuteten – spätrömischen Grenzkastells des 4. Jahrhunderts n. Chr. Es belegte, dass Konstanz nicht erst seit dem Mittelalter als Bischofssitz, sondern offensichtlich schon in der Spätantike ein bedeutender Ort war. Vergleichbare Kastelle standen im benachbarten Stein am Rhein und Arbon (Schweiz). Aus dem römischen Militärlager entwickelte sich im Frühmittelalter die heutige Stadt, die ihren antiken Namen, der wahrscheinlich auf Kaiser Constantius I. (293 bis 306) zurückgeht, bis heute beibehalten hat.
Lage Das spätrömische Kastell von Konstanz stand in verkehrsgünstiger Lage am Südufer des Bodensees (Lacus Constantinus), im Mündungsbereich des Obersees in den Seerhein. Aller Wahrscheinlichkeit nach überwachte es eine Straßenbrücke über den Seerhein und verfügte wohl auch über einen Brückenkopf auf dem rechten Ufer. Überragt wird es von einer rund fünf bis sieben Meter über dem Wasserspiegel aufragenden Moränenaufschüttung, dem Münsterhügel, der höchsten Erhebung im heutigen Konstanzer Stadtgebiet am Konstanzer Trichter, wo der Rhein den Bodensee verlässt. Das Voralpenland und die Gegend um die Rheinmündung ließen sich von hier aus gut überblicken. Anders als heute bildete dieser Hügel in der Antike eine schmale, nur von Süden zugängliche Landzunge, die von Wasserflächen und im Westen von Sümpfen umgeben war. Erst im Zuge hochmittelalterlicher und neuzeitlicher Siedlungstätigkeit wuchs die bebaubare Fläche durch Aufschüttungen. Constantia war Teil des spätantiken Limes der Provinz Raetia. Im Zuge der diokletianischen Reichsreformen 297 n. Chr. wurde es der neugebildeten Provinz Raetia prima zugeschlagen.Vgl. Kettler 1880, S. 137, Heiligmann/Röber 2005, S. 134, Heiligmann 2005, S. 77, Wais 1943, S. 213.
Name Römische Siedlungsspuren finden sich schon seit dem 1. Jahrhundert in Konstanz. Wie die Siedlung am Münsterhügel damals genannt wurde, ist nicht bekannt. In der Geographike Hyphegesis des Claudius Ptolemäus (um 160 n. Chr.) wird aber eine Siedlung namens Drusomagus (= großer Eichenwald) erwähnt (Ptolem. Geogr. 2,12,3), die eine Forschergruppe im Jahr 2010 als das heutige Konstanz identifiziert haben will. Die Lokalisierung von Drusomagus ist allerdings noch umstritten; ob sich der neue Ansatz durchsetzen wird, bleibt abzuwarten.Kleineberg 2010, S. 90.
Die erste gesicherte schriftlich überlieferte Erwähnung des Ortsnamens Constantia stammt aus der Zeit um 525 und findet sich im – auf Latein verfassten – Reisehandbuch des Ostgoten Anarid. Er scheint vielleicht auch schon auf einer römischen Straßenkarte (Tabula Peutingeriana) des 4./5. Jahrhunderts auf, und der Geograph von Ravenna erwähnt in seiner Cosmographia, entstanden um 700, eine civitas Constantia. In der rätischen Truppenliste der Notitia dignitatum, einer der wichtigsten Quellen für das frühe 5. Jahrhundert, wird einer der beiden Stützpunkte der römischen Bodenseeflottille allerdings als Confluentibus bezeichnet. Aufgrund des Kontextes geht man aber davon aus, dass damit nicht Koblenz, sondern Konstanz gemeint ist. Möglicherweise war Confluentes der frühere Name der Siedlung, bevor sie umbenannt wurde.Beck 1958, S. 227, Schlesinger 1963, S. 96, Drack/Fellmann 1988, S. 418, Keyser 1939, S. 273, Rollinger 1998, S. 231–262.
mini|Auf der Rückseite dieses unter Kaiser Constantius I. geprägten Argenteus werden die vier Tetrarchen in einer Opferszene dargestellt
Die spätantike Festungsanlage scheint einige Bedeutung gehabt zu haben, da sie offensichtlich nach einem der Kaiser der konstantinischen Dynastie benannt wurde. Hierfür in Frage kommt am ehesten Constantius I. (293 bis 306), der um das Jahr 300 einige Siege über die Alamannen errungen und den römischen Limes an Rhein und Donau wieder stabilisiert hatte. Um diese Zeit wurden am Rhein mehrere Kastelle angelegt, darunter das benachbarte Kastell Eschenz. Nach Ansicht anderer Forscher trägt Konstanz den Namen seines Enkels, Kaiser Constantius II. (337 bis 361), der 354 und 355 am Rhein und in der Raetia ebenfalls gegen die Alamannen vorging und sich deswegen vermutlich auch einige Zeit in Konstanz aufhielt. Der Ort könnte aus diesem Anlass seither seinen Namen tragen.
Forschungsgeschichte Im Jahr 1414 bemerkte der italienische Humanist Leonardo Bruni während seines Besuches des Konzils von Konstanz eine in der Mauritiusrotunde eingemauerte römische Inschriftentafel. Anhand ihres Textes nahm man von Alters her an, dass die Stadt Konstanz nach Constantius Chlorus, dem Vater Kaiser Konstantins des Großen benannt worden sei, davor aber als Vitudura bekannt war. Es handelte sich jedoch in Wahrheit um eine Bauinschrift,Bauinschrift Winterthur auf LUPA Datenbank die von der Errichtung der Umwehrung von Vitudurum (Oberwinterthur, CH) im Jahr 294 n. Chr. berichtet. Der in zwei Teile zerbrochene Stein war im frühen Mittelalter nach Konstanz verbracht und dabei so zusammengesetzt worden, dass der darin genannte Imperator „[CON]ST[ANTIVS]“ mehr in das Zentrum des Textes rückte.Seit 1966 wird die Inschrift im Rathaus von Winterthur ausgestellt. Auch Bruni saß demselben Irrtum auf, der die Konstanzer Bürger veranlasste, die Inschrift mit ihrer Stadt in Verbindung zu bringen und daher als vermeintliche „Gründungsurkunde“ am Münsterplatz zu platzieren.Leonardo Bruni: Arretini Epistolarum libri VIII. Hrsg. von Laurentius Mehus. Florenz (ex typographia Bernardi Paperinii) 1741, S. 107f und S. 109.
Erste Bodenuntersuchungen wurden vom Apotheker Ludwig Leiner und dem Geschichtsstudenten Konrad Beyerle zwischen 1872 und 1898 durchgeführt. Damals wurden auf dem Münsterplatz die Umfassungsmauern des Kastells aufgedeckt und später wieder zugeschüttet. Seit 1882, als Ludwig Leiner die römischen Bodenfunde nach seinen Beobachtungen zusammenfassend veröffentlichte, kam die archäologische Erforschung des römischen und frühmittelalterlichen Constantia nur sehr langsam voran. Zwei wissenschaftliche Ausgrabungen wurden im Gelände um das Münster vorgenommen, auf dem von Leiner die römische Besiedlung nachgewiesen worden war.Leiner 1882, S. 73–92 und 1883, S. 159–160, Vgl. Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung 1976, S. 20.
Paul Revellio, der Ausgräber des römischen Kastells Hüfingen, übernahm im Jahre 1931 im Auftrag der Badischen Denkmalbehörde in Karlsruhe zeitweilig die Leitung einer von Alfons Beck begonnenen Untersuchung am südlichen Münsterhügel. Gerhard Bersu, Direktor der Römisch-Germanischen Kommission in Frankfurt, legte 1957 auf dem nördlichen Münsterplatz zwei Grabungsschnitte an. Aufgrund der Menge und des Charakters der spätrömischen Straten an der südlichen Kreuzgangmauer vermutete er – wie man heute weiß, zu Recht –, dass sich in der Gegend des Münsterhügels ein spätrömisches Kastell befunden habe. Zwischen 1930 und 1960 nahm sich der Lehrer Alfons Beck der archäologischen Hinterlassenschaften der Stadt an. In den 1960er Jahren stieß man bei kommunalen Grabungsarbeiten auf dem Münsterplatz wieder auf Spuren des Kastells. Anstatt nun eine archäologische Ausgrabung durchzuführen, wurden die Wasserleitungen um die Fundstelle herum gelegt. Dies hatte allerdings den Vorteil, dass dieses Bodendenkmal später mit deutlich verbesserten Techniken untersucht werden könnte.
Ab den 1970er-Jahren fungierte Hans Stather als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg. 1974–1975 überwachten Wolfgang Erdmann und Alfons Zettler, im Zusammenhang mit der Renovierung der Krypta unter dem Konstanzer Münster, im Auftrag des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg archäologisch eine Baumaßnahme am südlichen Münsterhügel. Hans Stather bezweifelte die Existenz eines Kastells und ging noch von der alternativen Möglichkeit eines ummauerten Vicus, einer Kleinfestung oder eines Burgus zur Sicherung eines Hafens aus.Vgl. Fundberichte aus Baden-Württemberg 1980, S. 186.
Die archäologische Fachwelt nahm von Konstanz bis 1983 wegen ausbleibender Neuigkeiten kaum Notiz. In diesem Jahr wurde im Rahmen eines groß angelegten Stadtsanierungsprogrammes die archäologische Erforschung der Stadtgeschichte von Konstanz zu einem Schwerpunktprogramm des Landesdenkmalamtes. Mit der wissenschaftlichen Leitung wurde Judith Oexle betreut. Nach ihrem Weggang, 1993, ging die wissenschaftliche Leitung der Grabungen auf Marianne Dumitrache über, ab 1999 an Ralph Röber. Diese Untersuchungen erbrachten auch einige neue Erkenntnisse zur keltischen und römischen Epoche der Stadt ans Tageslicht.Heiligmann/Röber 2005, S. 134–135.
Die Reste der spätrömischen Festungsanlage aus dem 4. Jahrhundert wurden dann von 2003 bis 2004 am Münsterplatz ergraben. Seither besteht an der Existenz der spätantiken Festung kein Zweifel mehr. In diesem Jahr nahmen die Pläne der Stadtverwaltung, den nördlichen Münsterplatz völlig neu zu gestalten, konkrete Formen an. Die Bodeneingriffe auf einer Fläche von rund 6000 m² in einer hochinteressanten archäologischen Zone machten eine großangelegte Ausgrabung möglich und notwendig, die vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg begleitet wurden. Die Grabungen dauerten bis Ende Dezember 2004 und erbrachten wichtige Ergebnisse zur römischen Geschichte von Konstanz. Insgesamt konnten an die 400.000 Kleinfunde geborgen werden, meist Keramikfragmente. Im Anschluss an die Grabungen wurden die Mauerreste des spätantiken Turmfundaments, Gräben und ein Brunnen archäologisch untersucht und entsprechend konserviert.
Spektakulär waren die Entdeckung bzw. Bestätigung des (unerwartet großen) spätrömischen Kastells und die gute Erhaltung der Baubefunde seiner (nur in kleinen Teilen aufgedeckten) Umwehrung und Innenbebauung. Aufschlussreich waren auch die Erkenntnisse über die frühe römische Militäranlage und das bereits vor der Grabung bekannte Gräberfeld auf dem Münsterhügel. 2005 bis 2007 wurden die ersten Ergebnisse im Rahmen der Wanderausstellung „Im Schutze mächtiger Mauern. Spätrömische Kastelle im Bodenseeraum“ der breiten Öffentlichkeit vorgestellt.
Ein Teil der Kleinfunde aus spätrömischer Zeit, die Rädchensigillata, ist bereits von Wolfgang Hübener bearbeitet worden. Sie stammt aus Lavoye und ist in der Zeit von etwa 330–360 n. Chr. hergestellt worden. Diese späte Art der Terra Sigillata belegt die römische Präsenz auf dem Münsterhügel in dieser Zeit.Vgl. Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung. hrsg. von Verein für Geschichte des Bodensees und Seiner Umgebung, 1976, S. 22.
Entwicklung 1. vorchristliches bis 2. Jahrhundert n. Chr.