mini|Michelle Obama liest aus The Cat in the Hat von Dr. Seuss vor (2009). Die amerikanische Bilderbuchliteratur ist Teil der amerikanischen Kinder- und Jugendliteratur und an Kinder im Kleinkind- und Vorschulalter sowie an Leseanfänger adressiert.
Die ersten Bilderbücher entstanden in den Vereinigten Staaten an der Wende zum 20. Jahrhundert aus der Kinderfolklore. Bedeutende Aufschwünge erlebte die Bilderbuchliteratur in den 1930er und in den 1960er Jahren. In den 1930er Jahren waren es Fortschritte in der industriellen Buchherstellung, die der Produktion von Bilderbüchern entgegenkamen; in den 1960er Jahren erzeugte der Babyboom einen nie dagewesenen Bedarf. Günstig für die Ausbreitung der Bilderbuchliteratur waren auch die 1970er Jahre mit ihrem verstärkten Interesse an der Früherziehung.
Die American Library Association zeichnet überragende Neuerscheinungen auf dem Bilderbuchmarkt seit 1938 alljährlich mit ihrer Caldecott Medal aus.
Geschichte der amerikanischen Bilderbuchliteratur Mündliche Überlieferung und Kinderfolklore
Wie überall in der Welt ging auch in den Vereinigten Staaten der Entstehung einer gedruckten Kinder- und Jugendliteratur eine reiche Tradition der mündlichen Überlieferung bzw. der Kinderfolklore voraus. Zu den Beständen dieser Tradition zählen u. a. Wiegen- und Kinderlieder, Playground Songs, Kinder-, Hickelkasten-, Seilspring-, Klatschspiel- und Abzählreime, Kinderrätsel, Scherzfragen, Fabeln, Sagen, Legenden, Märchen und Balladen. Weite Teile dieser Überlieferung sind erhalten geblieben und erfreuen sich in den USA bis in die Gegenwart größter Beliebtheit, wie z. B. die meist unter dem Titel „Mother Goose“ zusammengefassten Kinderreime, die mehrheitlich aus Großbritannien stammen, vereinzelt jedoch auch erst in den Vereinigten Staaten entstanden sind.Who Was Mother Goose?;
Anfänge Eine Pionierin des Bilderbuchs war die Schriftstellerin und Malerin Blanche McManus (1870–1929), die in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts u. a. die Bände The True Mother Goose (1895), The Voyage of the Mayflower und How the Dutch came to Manhattan (beide 1897) veröffentlichte. Hohe Popularität erlangte der von Blanche F. Wright illustrierte Kinderreim-Band The Real Mother Goose (1916), der später immer wieder neu aufgelegt wurde. Eine Spitzenauflage erreichte das Buch 1989 mit 3,6 Mio. Exemplaren.The Real Mother Goose, illustriert von Blanche Fisher Wright (Project Gutenberg) Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges erschienen einige beliebte Vorlesebücher, darunter Arthur Scott Baileys Gutenachtgeschichten (Sleepy-Time Tales, Tuck-Me-In Tales, Slumber-Town Tales) und Johnny Gruelles Geschichten um die Puppe Raggedy Ann. Olaf Baker veröffentlichte 1915 seine Indianergeschichte Where the Buffaloes Begin, für die er 1982 postum mit einer Caldecott Honor ausgezeichnet wurde. Ein Beispiel für die frühe phantastische Kinderliteratur ist Margery Williams’ (1881–1944) Bilderbuch The Velveteen Rabbit (1922), dessen Held ein Stoffkaninchen ist, das durch die Liebe eines kleinen Jungen zu Leben erweckt wird.; Freddy the Pig
1930–1945 Obwohl Kinderbücher schon immer illustriert waren, führten Fortschritte in der industriellen Buchherstellung in den 1930er Jahren zu einem vermehrten Erscheinen von Bilderbüchern. Das Genre setzte sich in dieser Zeit so sehr durch, dass die American Library Association herausragende Arbeiten von 1938 an einen speziellen Bilderbuchpreis, der Caldecott Medal, auszeichnete. Zu den bekanntesten Bilderbuchautoren der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zählt der aus Österreich und Deutschland stammende, aber in die USA ausgewanderte Schriftsteller und Illustrator Ludwig Bemelmans (1898–1962), der 1939 mit der Publikation seiner Madeline-Bücher begann. Die Episoden dieser Bilderbuchserie, die von einem kleinen Mädchen in Paris handeln, wurden mehrfach verfilmt und sind in den USA so populär, dass auch über Bemelmans’ Tod hinaus immer neue Bände erschienen sind. Ebenfalls sehr erfolgreich war das von einem unbekannten Autor unter dem Pseudonym Watty Piper veröffentlichte Bilderbuch The Little Engine That Could, das mit seiner optimistischen Botschaft von einigen Kritikern als Metapher für den American Dream charakterisiert worden ist. Weitere namhafte amerikanische Bilderbuchautoren der 1930er und frühen 1940er Jahre sind Thomas Handforth (1897–1948), Dorothy P. Lathrop (1891–1980), Maud (1890–1971) und Miska Petersham (1888–1960), Margery Williams Bianco (1881–1944), Munro Leaf (1905–1976), Clare Turlay Newberry (1903–1970), Robert McCloskey (1914–2003), Virginia Lee Burton (1909–1968); Lee Kingman, Elizabeth Orton Jones (1910–2005), Margaret Wise Brown (1910–1952) und Wanda Gág (1893–1946).; ; ; ; Virginia L. Burton; ; Elizabeth O. Jones; Wanda Gág
Der New Yorker Verlag Simon & Schuster begann 1942, unter dem Namen „Little Golden Books“ eine Serie preiswerter kleiner Bilderbücher von Autoren herauszubringen, die zumeist wenig bekannt waren. Bereits der achte Band der Serie, The Poky Little Puppy von Janette Sebring Lowrey, war ein Sensationserfolg und wurde bis heute in fast 15 Millionen Exemplaren verkauft. Auch die übrigen Bände der bis heute erscheinenden Serie erreichten häufig Millionenauflagen.
Dorothy Kunhardt (1901–1979) brachte mit Pat the Bunny 1940 erstmals ein Touch and Feel Book, ein Anfass- und Fühlbuch für Kleinkinder heraus, das neben Bildern und Text auch haptische Elemente wie Pelz und Sandpapier enthielt und bereits im Jahr der Erstveröffentlichung in 7,5 Mio. Exemplaren verkauft wurde. Ein weiterer Bestseller der Zeit war Feodor Rojankovskys illustrierte Sammlung von Vorlesegeschichten The Tall Book of Nursery Tales (1944).Pat the Bunny
miniatur|Ted Geisel (1904–1991) alias „Dr. Seuss“ Einer der bis heute beliebtesten amerikanischen Kinderbuchautoren ist der Cartoonzeichner und Schriftsteller Theodor Seuss Geisel, der seine phantasievollen und bizarren Arbeiten seit 1937 unter dem Pseudonym Dr. Seuss veröffentlichte. Viele davon – wie Horton Hatches the Egg (1940), The Cat in the Hat (1957), Yertle the Turtle and Other Stories, The Cat in the Hat Comes Back (beide 1958), Happy Birthday to You! (1959), One Fish, Two Fish, Red Fish, Blue Fish, Dr. Seuss’s ABC und Green Eggs and Ham (alle drei 1960) – erreichten auf Anhieb Millionenauflagen. Dem deutschsprachigen Publikum sind die in Reimen geschriebenen und in ihrem Sprachwitz schwer übersetzbaren Geschichten vor allem durch Film-Adaptionen wie Die 5000 Finger des Dr. T., Der Grinch, Ein Kater macht Theater und Horton hört ein Hu! bekannt geworden. In den USA verdanken sie ihre Popularität auch der Tatsache, dass sie trotz ihres hohen literarischen Anspruchs selbst von Leseanfängern schon bewältigt werden können. Das Buch The Cat in the Hat z. B. verdankt seine Entstehung dem Experiment des Autors, eine reizvolle literarische Arbeit zu schaffen, die vollständig auf einem Repertoire von 223 einfachsten Wörtern (sog. Sichtwörtern) basiert.
Das Werk von „Dr. Seuss“ hatte starken Einfluss auf einige jüngere Autoren wie P. D. Eastman (1909–1986; Go, Dog, Go!, 1961), Peggy Parish (1927–1988; Amelia Bedelia-Serie 1963–1988) und Roy McKie (The Riddle Book, 1978).
1945–1960 Opal Wheeler errang 1946 mit ihrer Sammlung geistlicher Lieder Sing in Praise: A Collection of the Best Loved Hymns eine Caldecott Honor.
Das beliebteste Genre in der Bilderbuchliteratur der Nachkriegszeit und der 1950er Jahre waren Tiergeschichten. Zu den Autoren, die in dieser Zeit mit einer Caldecott Medal ausgezeichnet wurden, gehören Nicholas Mordvinoff (1911–1973), dessen Fabel Finders Keepers (1951) von zwei streitenden Hunden handelte. Lynd Wards (1905–1985) Preisträgerbuch The Biggest Bear (1952) erzählt die Geschichte einer Jägerfamilie, und John Langstaffs (1920–2005) Frog Went A-Courtin (1955) war die bebilderte Version eines englischen Volksliedes, in dem ein Frosch um die Gunst einer Maus wirbt. Millionenauflagen hatten Kathryn Jacksons Bücher Saggy Baggy Elephant (1947) und Tawny Scrawny Lion (1952), P. D. Eastmans (1909–1986) Vogelwaisen-Geschichte Are You My Mother? und Robert Lopshires Put Me in the Zoo (beide 1960). Weitere Tierbilderbücher schrieben Bill Martin Jun. (1916–2004), Al Graham, Louise Seaman Bechtel (1894–1985), Esther Brann (1899–1998), William Lipkind (1904–1977), Lavinia R. Davis, Fritz Eichenberg (1901–1990), Abe Birnbaum (* 1899), Miriam Schlein (ca. 1926–2004), Eve Titus und Don Freeman (1908–1978).; John Langstaff; Bill Martin Jun.; ;
Andere Bilderbuch-Bestseller der Zeit waren Gertrude Cramptons (* 1905) Arbeiten Tootle (1945) und Scuffy the Tugboat (1946), Oliver Butterworths (1915–1990) The Enormous Egg (1956), Mike McClintocks A Fly Went By (1958) und Joan Walsh Anglunds Love Is a Special Way of Feeling (1960). In künstlerischer Hinsicht ragten jedoch vor allem die Arbeiten von Marcia Brown (1918–2015) heraus, die in ihren Bilderbüchern häufig Märchen nacherzählte. Brown war die erste Autorin, deren Arbeiten dreimal mit der Caldecott Medal ausgezeichnet wurden. Weitere preisgekrönte Bilderbuchautoren der späten 1940er und der 1950er Jahre waren Marjorie Flack (1897–1958), Georges Schreiber (1904–1977), Kurt Wiese (1887–1974), Phyllis McGinley (1905–1978), Elizabeth Olds (1896–1991), Gene Zion (1913–1975), Ruth (1899–1999) und Latrobe Caroll (1894–1996), Ruth Krauss (1901–1993), Antonio Frasconi (1919–2013), Benjamin Elkin, Clara Ingram Judson (1879–1960), Sesyle Joslin, Janice May Udry (* 1928), Marie Hall Ets (1895–1984) und Barbara Cooney (1917–2000).; ; Elizabeth Olds; ; Barbara Cooney
Besonders viele der von der ALA mit einer Caldecott Medal oder mit der Caldecott Honor ausgezeichneten Bilderbücher hatten ein Thema aus der Natur, wie z. B. Alvin Tresselts (* 1916) White Snow, Bright Snow (1947) und Alice E. Goudeys Houses from the Sea (1959). Ein weiteres Naturbilderbuch war A Tree is Nice (1956) von Marc Simont.
Ein Bestseller der unmittelbaren Nachkriegszeit war Charles Tazewells (1900–1972) bereits 1939 entstandenes Weihnachts-Bilderbuch The Littlest Angel (1946), das die Geschichte eines kleinen Engels erzählt, der von Gott vor allen anderen Engeln ausgezeichnet wird. Andere Bücher hatten ethnische Themen, darunter Song of the Swallows (1949), dessen aus einer italienischen Familie stammende Künstler Leo Politi (1908–1996) für diese Arbeit mit einer Caldecott Medal ausgezeichnet wurde. Das Bilderbuch erzählt alltägliche Ereignisse rund um die spanisch-kalifornische Missionskirche von San Juan Capistrano. Eine Caldecott Medal errang Nicolas Sidjakovs (* 1924) Bilderbuch Baboushka and the Three Kings (1960), das eine russische Sage nacherzählt. Ein Bestseller wurde die seit 1955 publizierte Eloise-Bilderbuchreihe von Kay Thompson (1908–1998), die einen neuen Typ von selbstbewusstem Großstadtkind in die Kleinmädchenliteratur einführte.Kay Thompson
1960er Jahre In den 1960er Jahren erschienen Bilderbücher für Kleinkinder erstmals in großer Zahl. In Millionenauflagen kamen die Arbeiten von Richard Scarry (1919–1994) und von Jan Pfloog heraus. Ein Bestseller wurde auch Eve Wittes Fühlbuch The Touch Me Book (1961). Weitere erfolgreiche Kleinkinderbücher dieser Zeit waren Gyo Fujikawas (1908–1998) Band Babies (1963) und Don Freemans Teddybärengeschichte Corderoy (1968), die so stark nachgefragt war, dass später zahlreiche Nachfolgebände entstanden.
miniatur|Beni Montresor (1926–2001), Autor von May I Bring a Friend?