Herbst des Mittelalters ist der Titel eines Werks des niederländischen Historikers Johan Huizinga über die flämisch-burgundische Kultur im 14. und 15. Jahrhundert. Das Buch erschien 1919 unter dem niederländischen Originaltitel Herfsttij der Middeleeuwen und auf Deutsch erstmals im Jahr 1924. Es wurde mehrfach neu aufgelegt und erschien 1941 als Ausgabe letzter Hand. Das Werk wurde zu einem Klassiker der Kulturgeschichte, ist in zahlreiche Sprachen übersetzt und hatte eine große Wirkungsgeschichte. In Deutschland erschien es 2006 in der 12. Auflage im Alfred Kröner Verlag sowie 2018 in einer Neuübersetzung.
Die Aussagen und Befunde des Werks sind über die Region Flanderns und Burgunds hinaus bedeutsam, da ähnliche Stimmungen und Strömungen im deutschen Spätmittelalter u. a. von Walther RehmWalter Rehm: Kulturverfall und spätmittelhochdeutsche Didaktik. Zeitschrift für deutsche Philologie 52, 1927. und – wenngleich mit anderem methodischen Ansatz und stark nationalistischer Orientierung – von Rudolf StadelmannRudolf Stadelmann: Vom Geist des ausgehenden Mittelalters. Halle 1929. nachgewiesen wurden.
Vorgeschichte und methodischer Ansatz Huizinga war stark beeindruckt von der Ausstellung Les Primitifs Flamands à Bruges im Jahr 1902 über die sog. primitive flämische Malerei des späten 14. und frühen 15. Jahrhunderts in Brügge, namentlich von den Bildern Jan van Eycks, über den er ein Buch zu schreiben begann.Hans Senger: Eine Schwalbe macht noch keinen Herbst. Zu Huizingas Metapher vom Herbst des Mittelalters. In: Fragen zur Bewertung des 14. und 15. Jahrhunderts, S. 3–24. doi.org/10.1515 Aus dessen Anfängen entwickelte sich der Herbst des Mittelalters. Während er daran arbeitete, orientierte er sich von der Sprachwissenschaft weg und zur (Kultur-)Geschichte hin. Etwa 1907 hatte Huizinga die Erkenntnis, dass das späte Mittelalter „nicht Ankündigung eines Kommenden, sondern ein Absterben dessen, was dahingeht“ sei, was den damaligen Erkenntnissen durchaus zuwiderlief. Die Kultur dieser Zeit sei nicht die „Adventszeit der Renaissance“; das gelte nicht nur für Künstler, sondern auch für Dichter und Theologen.Huizinga im Vorwort zur 1. dt. Auflage, wieder abgedruckt in: Huizinga, Herbst des Mittelalters, Kröner Verlag 1987, S. XI. Alle weiteren Huizinga-Zitate nach dieser Ausgabe.
mini|links|Jan van Eyck: Kreuzigung und Jüngstes Gericht (Diptychon, Ausschnitt), ca. 1430/40, Metropolitan Museum of Art, New YorkDie Auswahl der Bilder orientiert sich nicht an den von Huizingas besprochenen Werken oder an einer bestimmten Ausgabe des Buches.
Mit dieser These geriet er in Widerspruch zu Jacob Burckhardt, der in seinem Werk „Die Kultur der Renaissance in Italien“Jacob Burckhardt: Die Cultur der Renaissance in Italien. Basel 1860. in der Kultur der Renaissance eine moderne, stark säkular geprägte Erscheinung sah. Huizinga sah Burckhardts Fixierung auf das italienische Quattrocento kritisch. Wegen dieser habe er das spätmittelalterliche Leben in anderen Ländern vernachlässigt. Dieses sei jedoch nicht grundsätzlich verschieden von dem Italiens des 15. Jahrhunderts gewesen.
Die Kritik an Burckhardts Verständnis einer frühen „Blüte“ der Moderne schlägt sich in Huizingas Werk und vor allem in der Wahl der „Herbst“-Metapher nieder. Diese suggeriert im Gegensatz zu der nicht zuletzt unter Burckhardts Einfluss verbreiteten Annahme eines „Goldenen Zeitalters“ eine Nachblüte und einen anschließenden kulturellen Niedergang der vorhergehenden Epoche.
Huizingas bildhaftes Denken, sein morphologischer Ansatz, der ihn nach der inneren Homogenität von Kulturen und Epochen suchen ließ, zeigt gewisse Parallelen zu Oswald Spenglers Werk Der Untergang des Abendlandes. Allerdings teilte er nicht dessen Fatalismus und biologistisch-rassentheoretische Grundannahmen.Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes: Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. Band 1: Gestalt und Wirklichkeit. Wien: Braumüller, 1918. Auch war Huizinga die Problematik der Herbstmetapher bewusst: Sie solle nur die „Stimmung des Ganzen“ wiedergeben,Huizinga im Vorwort zur 1. dt. Auflage, wieder abgedruckt in: Huizinga 1987, S. XI. das Transitorisch-Flüchtige dieser Zeit, steht also nicht für eine Morphologie des Untergangs wie sie Spengler entwirft. Im Unterschied zu Norbert EliasNorbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation, Erstveröffentlichung 1939. will Huizinga überhaupt keinen teleologisch gerichteten Prozess beschreiben.Johan Goudsblom: Zum Hintergrund der Zivilisationstheorie von Norbert Elias: ihr Verhältnis zu Huizinga, Weber und Freud. In: W. Schulte (Hrsg.): Soziologie in der Gesellschaft: Referate aus den Veranstaltungen der Sektionen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der Ad-hoc-Gruppen und des Berufsverbandes Deutscher Soziologen beim 20. Deutschen Soziologentag in Bremen 1980, Bremen 1981, S. 768–772. Auch bleibt die Dynamik der politischen Kräfte weitgehend außerhalb des Horizonts des Werkes. mini|Wandteppich mit Illustration aus dem Alexanderroman, dem neben der Bibel beliebtesten Buch des 15. Jahrhunderts, das die Ritterkultur in die hellenistische Vergangenheit projizierte. Tournai, ca. 1460 Implizit grenzte sich Huizinga allerdings von dem Kulturhistoriker Karl Lamprecht ab, dessen Verwendung von Epochen- und Leitbegriffen er kritisierte: Historische Leitbegriffe seien immer der konkreten Interpretation untergeordnet; Epochen grenzten sich nicht durch Jahreszahlen ab, relevant seien vielmehr vor allem ihre längerdauernden Auswirkungen. Lamprechts psychologisch-materialistische Interpretation kultureller Phänomene akzeptierte Huizinga nur für die Handlungsmotive von Einzelpersonen.Krumm 2011, S. 254. Aber auch diese ließen sich in feudalen Zeiten, in denen Habgier mangels beweglichen Reichtums erst allmählich als eine der wichtigsten Todsünden angesehen wurde, eher aus düsterer Rachgier, Machtgier und verletztem Hochmut herleiten. Der Hochmut und die Ruhmsucht gingen zwar in Form der Verschwendung eine Ehe mit der wachsenden Habgier einher. Zwar sei im Konflikt zwischen den Häusern Orléans und Burgund die Blutrache nicht der einzige, aber ein entscheidender Faktor gewesen.Huizinga 1987, S. 16, 24 f.
Der Kulturwissenschaftler Franz Arens setzte sich wie wenige andere mit der Methode Huizingas auseinander. Er sah in Huizinga einen idealistischen Geist, der gegen die Windmühlenflügel der politischen und ökonomischen Erklärungsansätze und die Dominanz der entsprechenden Urkunden kämpfe, die nichts vom „Unterschied im Lebenston, der uns von jenen Zeiten trennt“,Huizinga 1987, S. 10. verrate, während die meisten Historiker den von Huizinga genutzten Typ narrativer und bildhafter Quellen noch ignorierten.Franz Ahrens: Rezension in Archiv für Politik und Geschichte VI (1926), S. 521.
Christoph Strupp sieht anders als der Geschichtsphilosoph Frank Ankersmit in der Methode Huizingas nur auf den ersten Blick eine Verwandtschaft zum postmodernen Wissenschaftsverständnis, das Geschichte auf Metaphern und Formen reduziert. Tatsächlich trenne ihn sein Wahrheitsethos und die von ihm hochgeschätzte kulturelle Bedeutung der Geisteswissenschaften von der postmodernen Wissenschaft.Strupp 2000, S. 293.
Inhalt mini|Der Ball der Brennenden am Hofe Karl VI. von Frankreich in einem Manuskript der Chronik von Jean Froissart (Brügge 1483). Einer der brennenden Tänzer ist in ein Weinfass gestiegen. Nach dem Brand verfällt der geistesgestörte König in Wahnsinn. Ausgangspunkt des Werkes ist die Diagnose einer hohen „Spannung des Lebens“,Alle Zitate nach der dt. Ausgabe im Kröner Verlag, Stuttgart 1987. Hier: S. 1. einer starken Emotionalisierung der Gesellschaft des späten Mittelalters, die mit einem extremeren Erleben von Glück und Unglück verbunden war, als dies in modernen Zeiten normalerweise der Fall war. Die damalige Zeit erscheint als Epoche extremer Leidenschaften, geprägt von Kriegen, Krankheiten, Unsicherheit und Lebensangst, von Furcht vor den Türken und der Pest, Weltverachtung, Fatalismus, Hysterie und Askese ebenso wie von Genuss- und Prunksucht des Adels. Der „Grundton“ der Geschichte des burgundischen Fürstenhauses, die sich als roter Faden durch das Werk zieht, sei die „Rachgier“;Huizinga 1987, S. 16. diese sei das Motiv für zahlreiche Parteienkämpfe, hinter denen keine ökonomischen Ursachen erkennbar seien, sondern ein weitgehend noch heidnisches Rechtsempfinden, wonach jede Tat ihre Vergeltung nach sich ziehen muss. Hingegen verschwand die Vorstellung von der Sühnbarkeit aller Verbrechen, da in jedem Verbrechen ein Angriff auf die Majestät Gottes gesehen wurde.
Alles vollzog sich lärmend im Licht der Öffentlichkeit: Religiöse Rituale und Sakramente, Prozessionen und Glockengeläut, Sakrilege (wie der Bal des Ardents), barbarische Hinrichtungen, die man mit perverser Lust oder „tierischem, abgestumpften Ergötzen“Huizinga 1987, S. 16. verfolgte, grausamste Härte gegen Bedürftige, Behinderte und Geisteskranke sowie feudale Prunksucht ebenso wie grenzenlose Rührung, öffentliche Predigten gegen den Luxus, reuevolle Abkehr, Massenbeichten und Bußübungen waren allgegenwärtig. Fürstentreue und Parteigefühle lösten stärkste Emotionen aus. Das Leben war farbiger und erregender, die allgemeine „Reizbarkeit“ größer als heute, die „Bereitschaft zu Tränen“Huizinga 1987, S. 8. allgegenwärtig, was Huizinga mit zahlreichen charakteristischen Episoden zu belegen sucht:
mini|Die Ermordung des burgundischen Herzogs Johann Ohnefurcht in Paris, Maître de la Chronique d’Angleterre, Brügge (ca. 1470/80) Im mentalitätsgeschichtlichen Kontext spielte die verfeinerte spätgotische religiöse und weltliche Kunst eine wichtige, emotional tief ergreifende Rolle; sie diente einerseits der religiösen und weltlichen Erbauung und Prunkentfaltung, andererseits der Flucht aus der gottgegebenen harten Lebenswirklichkeit vor allem der unteren Schichten, gab es doch für Armut, Krankheit, Kälte, Dunkelheit kaum Linderung. Die Welt der unteren Schichten war eine des Elends, des Rausches und der Wundergläubigkeit. Die höfische Gesellschaft hingegen formte ihre Emotionen stilvoll aus; ihre elaborierten Rituale und ihre romantischen Idyllen bildeten einen Schutzschild gegen die zunehmende Gewalt und Brutalität der Gesellschaft, aber gelegentlich fielen auch die Träger der höfischen Kultur in barbarische Verhaltensweisen zurück oder wandten sich enttäuscht von der „feigen, erbärmlichen und schlaffen“ Welt ab wie der Modedichter am französischen Hof Eustache Deschamps.Huizinga 1987, S. 33.
Während das Volk im „Schlendrian einer ganz veräußerlichten Religion“Huizinga 1987, S. 205. lebte und es bei Prozessionen zu Unschicklichkeiten und Trinkgelagen kam, nährten Enthusiasten wie Dionysius der Kartäuser mit seiner Herz-Jesu-Verehrung den Hang zur Mystik, der die Rückkehr zu einem präintellektuellen Seelenleben und die Weltverleugnung förderte.
Noch waren auch die Heiligen im Alltag präsent und nicht entrückt; das am Stofflichen haftende Volk bemächtigte sich ihrer auch in physischer Form.
mini|Mittelteil des Genter Altars: Die Anbetung des Lamms Gottes von Jan van Eyck (und Hubert van Eyck?), 1432 oder 1435