mini|Das Inter 1 bei Nacht Das Inter 1 war ein Studentenwohnheim des Landes Rheinland-Pfalz für die Johannes Gutenberg-Universität Mainz in der Trägerschaft des Studierendenwerk Mainz. Es geriet im April 1982 wegen einer Auseinandersetzung zwischen iranischen Studenten in die Schlagzeilen der Presse.

Geschichte Die Anfänge Das Studentenwohnheim war eines der ersten seiner Art, ein Hochhaus mit rhomboidem Grundriss, das 1966 auf dem zur gleichen Zeit neu errichteten Campus der Universität Mainz entstanden war. Der Name steht für „International“, weil laut Satzung des Studentenwerks Mainz ein Drittel der Zimmer mit ausländischen Studenten zu belegen sind.FAZ vom 15. Januar 2007 Die Nummerierung diente zur Abgrenzung zum Inter 2, einem weiteren Studentenwohnheim auf dem Campus, das zehn Jahre später, im Jahr 1976, errichtet wurde. Diese beiden Wohnheime wurden seinerzeit vom Land Rheinland-Pfalz gebaut und kostenfrei dem Studierendenwerk zur Verwaltung überlassen.Allgemeine Zeitung vom 27. März 2018 Auf Wunsch der damaligen Landesregierung, die mit dem Bau der internationalen Studentenwohnheime ihre Landesuniversität gleich zu Beginn international ausrichten wollte, wurde das Bauwerk aus Repräsentationsgründen an die stark befahrene Saarstraße verlegt. Das Studentenwohnheim „Inter 1“ bot auf 14 Stockwerken Platz für 196 Studenten, d. h. 14 Wohnungen pro Etage. Die etwa 10 m² großen Zimmer waren mit einem Waschbecken ausgestattet. Anfangs gab es auch noch Doppelzimmer, als Doppelzimmer keinen Absatz mehr fanden, gab es sogar die Abgabe an verheiratete „Pärchen“. Jeder Flur hatte einen gemeinsamen Aufenthaltsraum, Küchen und Duschen. Außerdem hatte jeder Flur seinen eigenen Telefonanschluss, dieser wurde abends oft von jungen Menschen aus dem Ausland benutzt, um sich kostengünstig anrufen zu lassen. Es war immer eines der preiswertesten Studentenwohnheime der Universität. Die Einzelappartements und Familienwohnungen mit Preisen zwischen 250 und 480 DM (1996) oder 179 und 434 Euro (2007) waren recht begehrt: Bis zu drei Semester musste man auf einen Platz warten. Das Wohnheim hatte aber immer den Ruf eines hohen Ausländeranteils, proletenhaften Gebarens, dass ihre Bewohner suizidal gefährdet wären und dass ständig irgendwelche Flurfeste, Interfeste, Filmnächte, Pyjama-Partys, Geburtstage, Examensfeiern, Einstände und Ausstände gefeiert würden, ganz zu schweigen von den abendlichen Treffen in der Inter-Bar, sodass ein regelmäßiges Studieren kaum möglich gewesen sein soll. Auch war der Name „Inter-Puff“ bekannt, weil auf den Fluren in der Regel keine geschlechtliche Trennung stattfand.Campus Report Dr. Matthias Dietz-Lenssen erschien in leicht veränderter Form schon in den MAINZ Vierteljahresheften in der Ausgabe 2013/3.

Der Überfall der Pasdaran vom 24. April 1982 Vorgeschichte In den iranischen Konsulaten München, Berlin und in der Botschaft in Bonn mini|Kazem Darabi im Mai 2018, wurde am 12. Dezember 1982 wegen Landfriedensbruch zu acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt Die Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Befürwortern der Islamischen Revolution hatten 1981 auch nach Deutschland übergegriffen. Am 11. Februar 1981 demonstrierten in München ca. 100 Iraner vor dem Generalkonsulat an der Prinzregentenstraße „Gegen die Herrschaft der Mullahs“. Im Juli 1981 stürmten iranische Studenten die Botschaft des Landes in Bonn und sprühten „Faschist Chomeini“ und „Schluss mit der politischen Ermordung“ an die Wände, verprügelten Botschaftsangehörige und Polizisten. Im gleichen Monat wurde das iranische Generalkonsulat in West-Berlin besetzt, Ajatollah-Plakate zerrissen und Räume demoliert. In Frankfurt gelang es Vermummten am 27. Juli 1981, am ersten Jahrestag des Todes von Schah Mohammad Reza Pahlavi, das Büro der Fluggesellschaft Iran Air zu besetzen.

Im iranischen Konsulat in Hamburg Im Oktober 1981 legten der amtierende Geschäftsträger des iranischen Konsulates in Hamburg Konsul Kamran Malek, sowie zwei Stellvertreter, Hossein Moschari und Mehdi Monschi, sowie die Leiterin der Finanzabteilung des Generalkonsulats, Schiren Masdjasnaum, aus Protest über die Hinrichtungen und öffentlichen Massenmorde im Iran und über die Zustände im Konsulat die Ämter nieder und baten in Deutschland um politisches Asyl. Zur Begründung führte der Konsul aus, dass sich der iranische Geheimdienst SAVAMA im zweiten Stock seines Konsulates einquartiert hätte und dem Hausherrn den Zutritt verwehrte. Dort hausten, so Malek „acht oder zehn oder zwölf mit Messern, Fahrradketten und Schlagringen bewaffnete Überwachungsspezialisten“, über deren Aktivitäten der Konsul nur ungenaue Angaben machen konnte: Es wäre dort ein Computer installiert worden, mit dem nicht nur Namen aller Iraner in Norddeutschland erfasst wurden, sondern auch ihre politischen Aktivitäten. Nur so konnte ein Student, der in Hamburg an Chomeini-feindlichen Demonstrationen teilgenommen hätte, auf Heimaturlaub am Teheraner Flughafen verhaftet werden. So würde auch ein engmaschiges Netz von Spitzeln aufgebaut. Man kassierte dort die zur Verlängerung eingereichte Pässe und gab sie erst wieder heraus, wenn die Person Kooperationsbereitschaft erkennen ließ. Aber auch die Angehörigen des Konsulates wurden überwacht: Wenn morgens die Post käme, würde sie von einem Savama-Angehörigen in Empfang genommen und die geöffneten Briefe würden erst gegen Mittag an die Adressaten weitergereicht. Zwar wäre es auch zu Zeiten des Schahs zu Bespitzelung von Landsleuten gekommen, doch „damals“, so Malek, „kamen bloß Leute auf die schwarze Liste, die gegen den Schah waren, heute kommt jeder drauf, der nicht für Chomeini ist“. Ferner behauptete er, dass es in der iranischen Botschaft in Bonn nur noch zwei Berufsdiplomaten gäbe, der Rest wären revolutionäre Kader.

Zusammenfassung Es kann daher vermutet werden, dass die Auseinandersetzung im Jahr 1982 eine Reaktion auf das Verhalten iranischer Dissidenten in Deutschland war, oder auch ein Teil der Kulturrevolution des Irans, die sich nun auch auf deutsche Universitäten erstreckte: So übte am 18. April 1980 der Ajatollah Chomeini im Rahmen der Freitagspredigt harte Kritik an den iranischen Universitäten, die seiner Meinung nach dem westlichen Vorbild folgten und die islamische Revolution gefährdeten:

Aber auch die liberalen Umgangsweisen im Inter 1, das Zusammenleben der Geschlechter, könnten streng gläubigen Muslimen ein Dorn im Auge gewesen sein. Wahrscheinlich dürften wohl all diese Gründe dazu geführt haben, dass gerade das Inter 1 zum Ziel für den Anschlag ausgewählt wurde.

Beginn der Auseinandersetzung im Inter 1 Schon am 21. März 1982 hatten zwei Chomeini-Anhänger, die sogenannten „Pasdaran“,eine Bezeichnung für die selbsternannten iranischen Revolutionshüter und nicht zu verwechseln mit der Iranische Revolutionsgarde, die sich auch einen solchen Namen gegeben hat Anhänger der UISA vom Inter 1 einen Dissidenten des Regimes mit Tritten traktiert. Der Angegriffene rannte ins Inter 1 und rief im neunten Stock Freunde um Hilfe. Die Pasdaran hatten sich daraufhin mit weiteren Gesinnungsgenossen in einem Zimmer des Inter 1 verbarrikadiert. Der herbeigeholten Polizei gaben die Dissidenten an, bei den Eingeschlossenen handele es sich um „Beauftragte der iranischen Botschaft“ in Bonn, die hier und anderswo Regimegegner aufspüren sollten. Weil Elektrokabel und andere Schlagwerkzeuge in diesem Zimmer gefunden wurden, wurden alle Beteiligte zur Personalüberprüfung abgeführt. Diese zwei Pasdaran: „Daniel Rousha-Nafas“ und „Muhammed Ali Kavian-Talouri“, selbst Bewohner des Inter 1, waren auch Akteure bei der nachfolgenden Tat. Ihre iranischen Kommilitonen des Wohnheims vermuten, dass sie sowohl die Botschaft alarmierten als auch detailliert verraten hätten, in welchen Zimmern die Dissidenten wohnen.

Der Überfall auf das Inter 1 Am Samstag Abend, den 24. April 1982, dem zweiten Jahrestag der gescheiterten Operation Eagle Claw, kam es zu einem Überfall von ca. 200 bewaffneten iranischen Pasdaran, die brutal gegen ungefähr hundert dort lebende regierungskritische Landsleute vorgingen. Die Chemiestudentin Marion Hamm, Mieterin im siebten Stock des Hochhaues, erinnert sich an das militärisch organisierte Vorgehen der Pasdaran.

Elf Zimmer im siebten, achten und neunten Stock waren gezielt angegriffen und völlig zerstört worden. 28 Studierende, allesamt Dissidenten, wurden damals zum Teil schwer verletzt; zum Teil wurden ihre iranischen Pässe von den Pasdaran geraubt. Eine deutsche Studentin aus Worms starb am nächsten Tag an den Folgen des Überfalls.Campus ReportAllgemeine Zeitung vom 4. Januar 2018 Die rheinland-pfälzische Polizei, die um 18:55 Uhr am Tatort eintraf, verstärkt durch Kollegen aus dem benachbarten Hessen, stellen nach der Tat 48 Kabelstränge und 22 Holzlatten mit Nägeln, drei Nunchakus, drei Metallrohre, ein Zimmermannsbeil, neun Sprühdosen mit CS-Gas, fünf Messer und Säcke voller Steine sicher. Die Angreifer waren zum Teil aus Aachen, Hannover, Hamburg, Kassel, Darmstadt, Dortmund und Köln angereist und hatten nicht nur Waffen, sondern vorsorglich auch Verbandszeug mitgenommen. 86 von ihnen, 83 Iraner, dazu zwei Türken und ein Afghane, waren am Folgetag in rheinland-pfälzische Untersuchungshaft genommen worden, weil sie „in Mainz – Universitätsbereich – als Chomeini-Anhänger sich mit einer Vielzahl Gleichgesinnter“ zusammengefunden haben sollen, „um politisch andersdenkende Iraner tätlich anzugreifen“, so der Haftbefehl. Bei der Personenangabe gaben alle unisono den Namen: „Mohammed Musliman“ an. Die Polizei soll sie, um ihre Namen herauszubringen, misshandelt und an den Hoden gezogen haben, so zumindest der iranische Botschafter im Interview. Sie verlangten umgehend ihre Freilassung und traten alsbald, um ihren Forderungen mehr Geltung zu verschaffen, in einen unbefristeten Hungerstreik.

Die Ermittlungen und die juristische, politische und behördliche Bewertung des Falles