mini|Durch Besetzung vor Abriss bewahrtes Haus Winterfeldtstraße 35 in Berlin-Schöneberg Das stadtplanerische Konzept der Behutsamen Stadterneuerung geht auf die Initiative des Architekten Hardt-Waltherr Hämer zurück. Es wurde in den Anfängen im Fachbereich Architektur an der Berliner Hochschule der Künste Ende der 1960er Jahre in Opposition zur praktizierten Flächensanierung entworfen. Während diese faktisch an der Wende der 1970er in die 1980er Jahre durch die Hausbesetzungen gestoppt wurde, war die Behutsame Stadterneuerung in den Planungen und Aktivitäten zur Internationalen Bauausstellung 1984/87 (IBA) als rechtsfähiges Stadtsanierungskonzept ausgearbeitet worden, das 1983 vom Berliner Abgeordnetenhaus angenommen wurde. Damit war der Weg zur großflächigen Sanierung der Altstadtviertel geebnet und auch besetzte Häuser konnten legalisiert werden.
Die Behutsame Stadterneuerung hatte sich in West-Berlin und der Bundesrepublik Deutschland bis 1988 allgemein durchgesetzt und konnte nach der Wiedervereinigung ab 1990 auch in den Altbauquartieren Ostberlins und schließlich in allen größeren Stadtgebieten der neuen Bundesländer grundsätzlich angewandt werden.
Hintergrund und Vorgeschichte mini|Großwohnsiedlung Berlin-Gropiusstadt Als Folge der weitläufigen Kriegszerstörungen im Zweiten Weltkrieg war die Reparatur des Altbaubestandes neben der Wiederherstellung des Verkehrsnetzes das dringlichste Problem der neuen deutschen Verwaltungen.
Ab den 1950er Jahren kam es allgemein in den Stadtkernen zu einzelnen Neubauprojekten und in den 1960er Jahren zu zahlreichen „modernen“ Großwohnsiedlungen in den Außenbereichen der Städte.
Hier drückten jedoch bald die Kosten für die ‚auf der grünen Wiese‘ ebenfalls neu zu errichtende Infrastruktur auf die Renditen und als Lösung erschien der großflächige Abriss alter Stadtquartiere, da dort Verkehrswege und Versorgungssysteme schon vorhanden waren – ein Vorgehen, das von der Bauindustrie in Berlin im Zusammenhang mit dem SPD-Senat Klaus Schütz („Berliner Filz“) forciert wurde.
mini|Durch die Abriss-Verweigerung eines Privatbesitzers erhaltenes Haus im Block 104 an der Skalitzer Straße Gegen diese Vernichtung der Altbausubstanz zugunsten von Neubauten und auch eines Autobahnringes um die Innenstadt formierte sich ab Mitte der 1970er Jahre in Berlin allmählich Widerstand in der Bevölkerung und teils auch in gesellschaftlichen Institutionen, in Behörden, Parteien und auch in Fachkreisen. Da die „Kahlschlagsanierung“ rechtlich und im demokratischen Dialog offensichtlich nicht zu stoppen war, radikalisierten sich Anfang der 1980er Jahre in der Bevölkerung Teile insbesondere der Jugend und begannen im großen Maßstab mit Hausbesetzungen.
Gleichsam parallel musste es jedoch gelingen, ein stadtplanerisches Konzept zu entwickeln, das die Methodik der Flächensanierung rechtlich aushebeln und die These, dass die Erstellung von Neubau kostengünstiger wäre als der Erhalt von Altsubstanz, widerlegen konnte.
Differenziert zum Hintergrund siehe: Etappen der Stadterneuerung in Berlin
Zum Zentrum der Entwicklungen wurde West-Berlin.
Entstehung des Alternativkonzeptes Hardt-Waltherr Hämer sah schon früh in der ab 1964 zum ‚Masterplan‘ erhobenen Flächensanierung, für die anfangs ganze Häuserblöcke gesprengt und abgeräumt wurden, als ein brachiales, für städtisches Leben verheerendes System an. Von ihm stammt der Begriff „Kahlschlagsanierung“. Die Bezeichnung „behutsam“ habe er in der Vordiskussion zur IBA geprägt – gedacht als eine Art ‚Stolperstein‘, und das Wort habe sich durchgesetzt in „Behutsame Stadterneuerung“ als ein Begriff, den jeder sofort versteht und der dennoch als sehr komplex empfunden wird.
Am 2. Juni 1967 war Hämer auf die Professur für Entwerfen an die HfBK Berlin (heute Universität der Künste Berlin) berufen worden, die er bis 1987 innehatte.
„Ende der sechziger Jahre lehrten Julius Posener, Hardt-Waltherr Hämer und Thomas Sieverts an der Hochschule für die bildenden Künste (HfbK), der heutigen UDK. Sie vermittelten den Studierenden ein neues Verständnis von Städtebau, das sich auf die Bezugnahme von Stadtgeschichte, die Maßstäblichkeit der Architektur und der städtischen Räume sowie das wahrnehmungsorientierte Lesen der Stadt auszeichnet.“Ursula Flecken: Der öffentliche Raum im Aufbruch: Ein Blick zurück auf 1970, in: Ursula Flecken, Laura Calbeti Elias (Hg.): Der öffentliche Raum. Sichten, Reflexionen, Beispiele. (Denkschrift für Urs Kohlbrenner), Sonderpublikation Forum Stadt- und Regionalplanung e. V., Universitätsverlag der Technischen Universität Berlin, 2011, S. 13. ISBN 978-3-7983-2318-6.
„In Berlin begann er seine Arbeit als Professor an der Hochschule der Künste auf dem Höhepunkt der StudentenrevolteDie 68er-Studenten waren auf das universitäre Aktionsfeld und die internationale Politik zur Vorbereitung eines gesellschaftlichen Umsturz fixiert – Stadtbau-Probleme waren gleichsam „Nebenwidersprüche“, die sich nach der Revolution von selbst erledigen würden. Erst nach Erkenntnis der Aussichtslosigkeit einer derartigen Strategie und deren Ersatz durch den „Marsch durch die Institutionen“ kam es später vielfach durch ‚68er‘ zu einer sachlich-beharrlichen Arbeit in verschiedenen Berufswegen. und stellte sich quer gegen die Pläne des Senats, die historische Substanz der Innenstadt bis nach Wedding wegzuplanieren und Autobahnschneisen kreuz und quer durch Kreuzberg zu schlagen. Als einer der ersten begriff er die politische Dimension von Stadtplanung und Architektur als einheitlichem Konzept und stellte sich auf die Seite der Bewohner, die vorher niemand einbezogen hatte.“
mini|„Neues Kreuzberger Zentrum“ (NKZ) 2017 Das Geschehen wurde jedoch noch von anderer Seite diktiert: „Die Verfechter der Kahlschlag-Moderne hatten sich mit dem ‚Neuen Kreuzberger Zentrum‘ am Kottbusser Tor noch einmal ein fatales Denkmal gesetzt, in Neukölln war das nicht minder brachiale Rollberg-Viertel entstanden.“Zitate beider Abschnitte: Bernd Matthies: Hämer, Retter von Kreuzberg, Der Tagesspiegel, 27. September 2012 (online, 28. September 2012). (Abruf am 24. September 2019).
Den Durchbruch auf dem Weg zur Realisierung des neuen Konzeptes konnten die Erneuerer 1974 nach einer als großzügig gedachten Geste des Senats auf den Weg bringen. Die ‚behutsamen Sanierer‘ durften sich in der Praxis beweisen: Erwartet wurde dabei das Scheitern der Idee, ‚behutsam‘ = kostengünstiger zu sanieren:
Pilotprojekte Doch war Hämer nicht unerfahren, denn bereits 1968 konnte er im Wedding (Putbusser Straße), ohne hier eine Programmatik vorzustellen, im Rahmen eines universitären Projektes tätig werden. Er konnte Altbausanierung mit Studenten und Handwerkern erproben und in sensibilisierten Kreisen Anerkennung erhalten. Danach konnte er 1969 stadtpolitisch-offiziell eine umfangreiche Maßnahme durchsetzen:
mini|Klausenerplatz, Beispielsprojekt zur behutsamen Stadterneuerung 1974 „Hämer gelang es um 1974, den derart heruntergekommenen Klausenerplatz in Charlottenburg vor dem Komplettabriss zu bewahren und für ein Drittel der Neubaukosten zu reparieren, ein fast revolutionäres Exempel, das ihm 1979 folgerichtig die Position als Leiter des Altbau-Teils der Internationalen Bauausstellung 1984 einbrachte. Diese IBA nutzte er als Schaufenster seiner Ideen, warf den ursprünglichen Planungsprozess um und ließ unzählige Bewohner nach ihren Vorstellungen fragen. Das Modell funktionierte, die Sanierung ging zügig voran, ohne dass die Mieten unmäßig stiegen.“Bernd Matthies: Hämer, Retter von Kreuzberg, Der Tagesspiegel, 27. September 2012.
Bestätigt auch durch eine Stellungnahme im Auftrag einer späteren Senatsverwaltung:
„Auf einem 1976 veranstalteten Symposium anlässlich der Denkmalschutzkampagne brachte der Generalsekretär des Europarates, Georg Kahn-Ackermann, die neue Sichtweise auf ähnliche Weise wie Hämer zum Ausdruck.“
Doch noch im Frühjahr 1976, in der Zeit des Symposiums, war die Gesamtbilanz eine des Abrisses: „Etwa 18.000 nach Kahlschlag neu gebauten Wohnungen stehen nur ca. 400 modernisierte gegenüber.“ (PDF) Abruf am 24. September 2019.
Und die Maschinerie der Flächensanierer arbeitete sich derweil vom Kottbusser Tor aus in Richtung Görlitzer Bahnhof vor.
1977 gründete er [Hämer, an der HfbK] den Forschungsschwerpunkt Stadterneuerung, dem wesentlicher Einfluss auf die Sanierungspraxis in Berlin zu verdanken ist. Von ihm gingen auch wichtige Impulse unter anderem auf die Internationale Bauausstellung Berlin (IBA) 1984/87 aus.
Diskussion „Zuallererst wurden gravierende soziale und wirtschaftliche Argumente gegen die Kahlschlagsanierung ins Feld geführt, etwa von Heide Becker und Jochen Schulz zur Wiesch. Der Umgang mit dem Kleingewerbe wie mit den Mietern im Rahmen der Kahlschlagsanierung sei weder wirtschaftlich – durch die Vernichtung von Gewerbetrieben – noch sozial – durch die Zerstörung sozialer Strukturen – vertretbar. Hardt-Waltherr Hämer verwies darauf, dass über die Modernisierung von Altbauten überhaupt erst ernsthaft diskutiert wurde, nachdem er 1975 in einer Studie dargestellt hatte, dass die Erneuerung auch aus finanziellen Gründen der Kahlschlagsanierung vorzuziehen sei.“Gutachten zur IBA 1987 im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, 2010, S. 11.
Es bildeten sich verschiedene Initiativgruppen und Projektentwürfe – zum Beispiel die Strategien für Kreuzberg:
Erste Ideen für eine behutsame Erneuerung Kreuzbergs entstanden durch zivilgesellschaftliches und kirchliches Engagement: „1977 hatte der West-Berliner Bausenator Harry Ristock auf Initiative des „Arbeiterpfarrers“ Klaus Duntze einen Bürgerwettbewerb ausgeschrieben, um Ideen für Kreuzberg zu sammeln. Über 100 Vorschläge wurden eingereicht, die neue gesellschaftliche Ideen thematisierten, etwa Schülerläden, Selbsthilfeprojekte sowie neue Lebens- und Arbeitsmodelle, aber auch in Bezug auf Formen der Aktivierung und Planungsbeteiligung der Betroffenen neue Standards setzten. Pfarrer Duntze hatte die Veränderungen der Bevölkerungsstrukturen im Gebiet analysiert und festgestellt, dass drei unterschiedliche Bewohnergruppen in SO 36 leben: die Alteingesessenen, die sozial Benachteiligten und neu hinzuziehende „Außenseiter“. In diese dritte Gruppe setze er die größte Hoffnung: junge Leute und Studenten, oft Neuberliner, die die „Nische“ Kreuzberg als Experimentierfeld für die Erprobung neuer Lebensformen entdeckt hatten. Sie hatten eine Subkultur aus Wohngemeinschaften, politischen Initiativen, „alternativer Ökonomie“, Frauengruppen, Selbsthilfeeinrichtungen und Kinderläden aufgebaut, die vom kollektiven Engagement für das Gemeinwohl geprägt war und bei der Entwicklung von Initiativen für die behutsame Erneuerung Kreuzbergs eine tragende Rolle spielen konnten.“
Ab 1978 war deutlich zu erkennen, dass die diskutierende ‚Ablehnungsfront‘ der Altstadtzerstörung nicht nur Fachleute und weite Kreise in der Politik und in den Institutionen, letztlich nicht nur die „gebildeten Schichten“, sondern auch die ‚einfache‘ Bevölkerung erreichte – doch offensichtlich änderte sich nichts im Fortgang des Abrisses.
Politik und Wirtschaft in der Stadt war es nicht gelungen, aus den Diskussionen und daraus hervorgehenden Vorschlägen Konsequenzen zu ziehen; auch nicht auf die zunehmenden Proteste mit faktischen Änderungen zu reagieren. Und angesichts dem Fortgang der Zerstörungen setzte sich die Auffassung durch, dass mit Appellen und der Suche nach einem ernsthaften Dialog nichts zu erreichen sei.
Und als in Kreuzberg 1979 erste Wohnungen in teilentmieteten Häusern ‚wiederbesetzt‘ wurden – am Gelände des ehemaligen Görlitzer Bahnhofs, und einige Gebäude in Bezirk Berlin SO 36 ‚instandbesetzt‘ wurden, beeindruckte die Welle des Zuspruchs und die Unterstützung ‚im Kiez‘.