mini|Künstlerische Darstellung der Chinesischen Raumstation
Das Bemannte Raumfahrtprogramm der Volksrepublik China () oder Projekt 921, wegen der englischen Bezeichnung China Manned Space im Ausland oft als CMS abgekürzt, wird vom Büro für bemannte Raumfahrt (中国载人航天工程办公室, China Manned Space Agency bzw. CMSA) bei der Abteilung für Waffenentwicklung der Zentralen Militärkommission koordiniert. Bestandteile des Programms sind bislang die Shenzhou-Raumschiffe für bemannte Flüge in der Erdumlaufbahn, ein Mehrzweckraumschiff für Personen-, Fracht und kombinierten Personen-Fracht-Transport, das unbemannte Tianzhou-Versorgungsraumschiff, die Tiangong-Raumlabors und die Chinesische Raumstation. Der erste chinesische Raumfahrer, Yang Liwei, hob am 15. Oktober 2003 zu einem 21-stündigen Flug in die Umlaufbahn ab. Direktor des Büros für bemannte Raumfahrt ist seit dem 12. Juli 2018 Hao Chun (郝淳), stellvertretender Direktor seit September 2018 Großoberst Lin Xiqiang (林西强, * 1974).
Vorgeschichte und Planung Qian Xuesen, der Vater der chinesischen Raumfahrt, arbeitete schon früh an Konzepten für bemannte Raumschiffe. Eine der Schlüsseltechnologien hierbei war die sichere Rückführung der Raumfahrer zur Erde. Daher entwickelte er 1965 den „Drei-Satelliten-Plan“, der neben einem Satelliten im niederen Orbit (Dong Fang Hong I) und einem Kommunikationssatelliten im geostationären Orbit (Dong Fang Hong II) auch einen zur Erde zurückkehrenden Satelliten vorsah. Noch im August 1965 begann bei der Chinesischen Akademie der Wissenschaften eine Gruppe unter der Leitung von Zhao Jiuzhang und Qian Ji (钱骥, 1917–1983) mit der Entwicklung eines Satelliten, der unbeschadet zur Erde zurückkehren konnte. Bei diesem Projekt, das den Arbeitstitel „Chinesischer Rückkehrsatellit“ (中国返回式卫星, Pinyin Zhōngguó Fǎnhuí Shì Wèixīng) trug, war eine Fallschirmlandung auf festem Land vorgesehen. Die insgesamt 22 Satelliten der später „Bahnbrecher“ genannten Serie, die zwischen 1975 und 2005 gestartet wurden, ähnelten bereits den Rückkehrkapseln der heutigen Shenzhou-Raumschiffe, wenngleich ihre Wiedereintrittskapsel mit 1,5 m um einen Meter kürzer war als die des Raumschiffs.
Nachdem am 4. Januar 1965 das „5. Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums“ ausgelagert worden war und als „Siebtes Ministerium für Maschinenbauindustrie“ (第七机械工业部, Pinyin Dì Qī Jīxiè Gōngyè Bù) selbstständig agieren konnte, verfasste man dort einen „Zehnjahresplan für die Entwicklung chinesischer Satelliten“ (发展中国人造卫星事业的十年规划). In dem Dokument war auch von bemannten Raumschiffen die Rede, die damals nach der Waffe des Affenkönigs Sun Wukong den Namen „Tausendstein-Knüppel“ (千钧棒, Pinyin Qiān Jūn Bàng) trugen.Mao Zedong hatte das Bild des knüppelschwingenden Affenkönigs 1961 in einem „Gedichtdialog“ mit Guo Moruo, dem Präsidenten der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, über die Ausrottung von Dämonen bzw. Feinden der Volksrepublik verwendet. Analog zum amerikanischen, 1963 eingestellten Dyna-Soar-Programm war die Qianjunbang 1 war als Aufklärungsraumschiff für 2, 3 oder 5 Raumfahrer konzipiert, die Qianjunbang 2 als Jagdraumschiff für 2, 3 oder 5 Raumfahrer (neben den USA befand man sich damals auch im Konflikt mit der Sowjetunion). Als Trägerrakete war eine Interkontinentalraketen-Variante namens Dongfeng 6 mit einer Nutzlast von 6 Tonnen angedacht, die 1969 oder 1970 einsatzfähig sein sollte, gefolgt von einer zivilen Rakete namens Langer Marsch 10 mit einer Nutzlast von 50–150 Tonnen, einsatzbereit 1975, mit der man eine bemannte Mondlandung versuchen wollte (zum Vergleich: die Saturn V konnte am Ende 133 Tonnen Nutzlast in den Orbit befördern).孙家栋: 钱学森的航天岁月. 中国宇航出版社, 北京 2011.
Angesichts der wirtschaftlichen und technischen Möglichkeiten Chinas in den 1960er Jahren waren diese Pläne illusorisch. Was tatsächlich begonnen wurde, was das Shuguang-Projekt, wegen des Genehmigungsdatums 14. Juli 1970 auch „Projekt 714“ genannt, bei dem ein verkleinerter Nachbau des amerikanischen Gemini-Raumschiffs mit der in Entwicklung befindlichen Trägerrakete Langer Marsch 2 ins All befördert werden sollte. Die am 5. November 1974 tatsächlich gestartete Changzheng 2A hatte eine Nutzlastkapazität von 2 Tonnen, während das Gemini-Raumschiff 3,8 Tonnen wog. Es wäre nicht möglich gewesen, diesen Raumschifftyp so weit zu verkleinern, dass er auf die Rakete gepasst hätte (zum Vergleich: die heutigen Shenzhou-Raumschiffe wiegen knapp 8 Tonnen). Im Mai 1972 wurde auch dieser Versuch einer Sprunginnovation beendet.
Neben der Raumschiffkonstruktion war bereits 1958 am damaligen Institut für Biophysik der Akademie der Wissenschaften die „Forschungsgruppe Hochatmosphärenphysiologie“ (高空生理研究组) gebildet worden, die sich mit der Entwicklung von Lebenserhaltungssystemen für in Raketen mitfliegenden Lebewesen befassen sollte. 1960 wurde die Forschungsgruppe auf Anweisung der Staatliche Kommission für Entwicklung und Reform zum „Forschungslabor für Weltraumbiologie“ (宇宙生物研究室) erweitert. Nachdem am 19. Juli 1964 mit der zweistufigen Höhenforschungsrakete T-7A vom Startplatz Guangde in Anhui acht Mäuse auf einem suborbitalen Flug bis in eine Höhe von 70 km geschickt worden waren, führte das Forschungslabor eine Reihe von weiteren Experimenten durch, bei denen das Verhalten und die Lebensfunktionen von Tieren bei der starken Beschleunigung während des Starts sowie in der Schwerelosigkeit untersucht wurden. Am 1. und 5. Juni 1965 wurden zunächst Ratten und Mäuse als Versuchstiere verwendet, am 15. Juli 1966 der Hund Xiaobao (小豹) und am 28. Juli 1966 die Hündin Shanshan (珊珊). Alle Tiere überstanden die Flüge wohlbehalten, die Hunde wurden später gepaart und gebaren gesunde Welpen.
mini|Das Innere des Mäusesatelliten Der erste tatsächliche Raumflug chinesischer Tiere fand vom 5. bis zum 13. Oktober 1990 mit zwei weißen Mäusen statt. Sie befanden sich in einem Rückkehrsatelliten vom Typ „Bahnbrecher-1“, der mit Lebenserhaltungssystemen einschließlich eines Fütterungsmechanismus für den achttägigen Flug ausgestattet war, und landeten wohlbehalten wieder in China. Dieses Experiment wurde, nach Genehmigung durch die Kommission für Wissenschaft, Technik und Industrie für Landesverteidigung, bereits aus Mitteln des „Programms 863“, also des im März 1986 unter Deng Xiaoping gestarteten Nationalen Programms zur Förderung von Hochtechnologie finanziert. Für die Fördergenehmigung war zunächst eine Begutachtung durch eine Expertenkommission nötig. Einer der Experten in der für das Fachgebiet Raumfahrt – da es der zweite der damals sieben Förderbereiche war, auch „863-2“ genannt – zuständigen Gutachterkommission war seit 1987 Wang Yongzhi, Absolvent des Moskauer Staatlichen Luftfahrtinstituts und Fachmann für die Konstruktion von Träger- und Interkontinentalraketen.
Es gab damals unter den Experten verschiedene Ansichten, wie man nun weiter verfahren sollte.Mark Wade: Auf einer Sitzung am 8. Januar 1992 einigte man sich schließlich darauf, dass das Ziel der weiteren Entwicklung eine Raumstation sein sollte, wozu als erster Schritt ein bemanntes Raumschiff zu konstruieren war, ein Zwischenziel, das den damaligen wirtschaftlichen und technischen Möglichkeiten Chinas angemessen war (die Vorgabe war, dass das Projekt von China allein, ohne jegliche Unterstützung von außen durchführbar war). Bemannte Mondflüge wurden kurz andiskutiert, dann jedoch ausgeschlossen. Am 17. Januar 1992 wurde bei der Kommission für Wissenschaft, Technik und Industrie für Landesverteidigung, kurz „Wehrtechnik-Kommission“, eine „Arbeitsgruppe Machbarkeitsstudie bemanntes Raumfahrtprogramm“ (载人飞船工程可行性论证组) eingerichtet, zu deren Leiter Wang Yongzhi bestimmt wurde. Die Gruppe erarbeitete relativ schnell besagte Machbarkeitsstudie, sowohl was die technischen Probleme als auch die Finanzierbarkeit des Unterfangens anging. Prinzipiell sollte das Projekt in drei Phasen ablaufen:
Start zweier unbemannter und eines bemannten Raumschiffs, Durchführung von wissenschaftlichen Experimenten Meisterung der Technologie für Außenbordeinsätze und Rendezvous-Manöver; Start eines kurzzeitig bewohnten Weltraumlabors Bau einer 20 Tonnen schweren, langfristig besetzten Raumstation
Der Plan wurde dem Ständigen Ausschuss des Politbüros der Kommunistischen Partei Chinas vorgelegt, der ihn, nach positivem Votum von Jiang Zemin, am 21. September 1992 billigte. Anschließend wurde beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas, dem Staatsrat der Volksrepublik China und der Zentralen Militärkommission ein formaler Antrag eingereicht, die „Bitte um Anweisung betreffs der Aufnahme der Entwicklungsarbeiten für ein chinesisches bemanntes Raumschiff“ (关于开展我国载人飞船工程研制的请示), also die Phase 1. In dem Video ist bei 00:41 das Deckblatt des Antrags zu sehen. Die drei Institutionen folgten der in der Kopfzeile des Antrags vermerkten Empfehlung des Politbüros und gaben die Mittel für die erste Phase frei. Wegen des Beginns der konkreten Planungsphase im Januar 1992 ist das Programm auch als „Projekt 921“ bekannt, die erste Phase entsprechend als „Projekt 921-1“. Zum politisch-organisatorischen Kommandanten des bemannten Raumfahrtprogramms (中国载人航天工程总指挥) wurde im November 1992 General Ding Henggao (丁衡高, * 1931), der Leiter der Wehrtechnik-Kommission, ernannt, Technischer Direktor des Programms (中国载人航天工程总设计师) wurde zum selben Zeitpunkt Wang Yongzhi. Im Februar 2005 genehmigte das Politbüro unter dem neuen Generalsekretär Hu Jintao die zweite Phase des bemannten Raumfahrtprogramms (Projekt 921-2), am 25. September 2010 dann, erneut nach expliziter Befürwortung durch Hu Jintao, den „Plan einer bemannten Raumstation“ (载人空间站工程实施方案), kurz „Projekt 921-3“.
Für das bemannte Raumfahrtprogramm war zunächst die Kommission für Wissenschaft, Technik und Industrie für Landesverteidigung zuständig. Als diese im April 1998 in zivile Hände überging, übernahm das neugegründete Hauptzeugamt der Volksbefreiungsarmee die Verantwortung für die bemannte Raumfahrt. Personelle Kontinuität war dadurch gewährleistet, dass General Cao Gangchuan, der bisherige Leiter der Wehrtechnik-Kommission, die Leitung des Hauptzeugamts übernahm. Ähnliches geschah am 1. Januar 2016, als das Hauptzeugamt im Rahmen der Tiefgreifenden Reform der Landesverteidigung und des Militärs aufgelöst und großenteils in die Abteilung für Waffenentwicklung der Zentralen Militärkommission überführt wurde. General Zhang Youxia, bislang Leiter des Hauptzeugamts, wurde Leiter der Abteilung für Waffenentwicklung und blieb gleichzeitig Kommandant des bemannten Raumfahrtprogramms.
Am 15. Oktober 2019 wurde beim bemannten Raumfahrtprogramm mit dem Eintritt in das „Zeitalter der Raumstation“, also dem offiziellen Beginn der dritten Phase des Programms, zusätzlich der Posten eines Chefwissenschaftlers (中国载人航天工程空间科学首席专家) geschaffen. Erster Inhaber dieser Stelle wurde Gu Yidong (顾逸东, * 1946), 1999–2003 Direktor des Nationalen Zentrums für Weltraumwissenschaften der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und, da er von 1995 bis 2008 Technischer Direktor des Nutzlastsystems (siehe unten) gewesen war, mit den Abläufen beim bemannten Raumfahrtprogramm zutiefst vertraut.
Organisationsstruktur Kommandant und Technischer Direktor Bei der technischen Leitung des bemannten Raumfahrtprogramms herrscht eine große Kontinuität. Wang Yongzhi blieb von 1992 bis 2006 Technischer Direktor. Dann übernahm Zhou Jianping, bis dahin Technischer Direktor des Kosmodromsystems in Jiuquan (siehe unten), das Amt, in dem er am 15. Oktober 2019 bestätigt wurde. Kommandant ist dagegen ein politischer Posten, der immer vom Leiter der jeweils für das bemannte Raumfahrtprogramm zuständigen Dienststelle der Volksbefreiungsarmee eingenommen wird. Strategische Entscheidungen müssen dem Staatsrat der Volksrepublik China zur Genehmigung vorgelegt werden.