Corpus Christi (in Polen auch Boże Ciało) ist ein Filmdrama von Jan Komasa, das am 2. September 2019 im Rahmen der Filmfestspiele von Venedig seine Weltpremiere feierte und am 11. Oktober 2019 in die polnischen Kinos kam. Der Film basiert frei auf der wahren Geschichte eines jungen Ex-Häftlings, der sich monatelang erfolgreich als Priester ausgab. Im Rahmen der Verleihung des Polnischen Filmpreises 2020 erhielt Corpus Christi elf von 15 möglichen Auszeichnungen.

Handlung Daniel sitzt wegen einiger Überfälle auf Kaufhallen und gar eines Mordes in der Jugendstrafanstalt. Er hatte einen Jugendlichen verprügelt, der anschließend im Krankenhaus seinen Verletzungen erlag. Trotz Arbeits- und Gesprächstherapie herrscht unter den Jugendlichen eine eigene Hackordnung mit gewaltsamen Abrechnungen. Daniel dient dem Gefängnispriester Pater Tomasz als Messdiener. Irgendetwas an den Predigten und Gottesdiensten erfasst ihn. Man könne Gott überall treffen. Er sei für jeden da. Das kommt gut an bei Daniel, für den in seiner Jugend niemand da war. So möchte er auf das Priesterseminar. Doch Pater Tomasz macht keine Hoffnung. Ein Mörder hat keine Chance, aufgenommen zu werden. Man kann auch woanders gut sein. Kurz vor seinem 21. Geburtstag wird Daniel aus der Haft entlassen. Die letzten drei Monate soll er zur Vorbereitung auf die Freiheit in einem Sägewerk irgendwo in der Provinz arbeiten. Das kommt Daniel gerade recht, denn der ältere Bruder des Jungen, den er getötet hatte, der hünenhafte „Bonus“, ist auf Rache aus.

Schon auf dem Weg zum Sägewerk geht er lieber in die Dorfkirche. Dort gibt er sich als pilgernder Absolvent eines Priesterseminars aus. Er ist dem amtierenden Ortspriester willkommen, noch mehr, als der einen Alkoholabsturz hat und zur Entziehungskur muss.

Daniel, der sich jetzt nach seinem Vorbild Pater Tomasz nennt, kann die äußerst konservative Kirchengemeinde nach und nach für sich gewinnen. Nicht mit den religiösen Formeln, die er anfangs noch versucht, nachts aus Büchern und dem Internet zu lernen, sondern weil er durch seine Begabung und auch seine Erfahrungen von „ganz unten“ die rechten Worte zur rechten Zeit findet. Er überzeugt durch seinen Enthusiasmus und seine Spontanität. Einer Mutter zum Beispiel, die im Beichtstuhl beichtet, ihren Sohn wegen Rauchens geschlagen zu haben, gibt er den Ratschlag, ihn eine ganze Packung der stärksten Zigaretten rauchen zu lassen, um ihn für die Zukunft abzuschrecken. Als Buße legt er ihr eine gemeinsame Radtour mit ihrem Sohn auf. Auch bei den jugendlichen Gemeindemitgliedern kommt Daniel in seiner lässigen und coolen Art gut an.

Daniel erfährt nach und nach von dem Dorftrauma, einem Verkehrsunfall, bei dem ein Auto mit sechs Jugendlichen aus dem Dorf frontal mit einem Auto zusammenstieß, das ein Mann lenkte, der als Alkoholiker bekannt war. Niemand überlebte. Unter den Toten ist auch der Bruder von Marta, deren Mutter Sakristanin des Ortspfarrers ist. Die Angehörigen der toten Jugendlichen haben einen Gedenkaltar vor der Kirche errichtet, wo sie regelmäßig trauern. Sie machen allein den Fahrer des anderen Autos für den Unfall verantwortlich. Sie haben verhindert, dass er im Ort beigesetzt wird, und seine Frau unter übelsten Beschimpfungen ausgegrenzt. Doch Marta weiß, dass die Jugendlichen unter Drogen standen, was sie Daniel eröffnet. Sonst darf es niemand wissen. Daniel begibt sich in den Konflikt. Er betreibt Trauerarbeit mit den Angehörigen und nimmt, gemeinsam mit Marta, mit der ausgegrenzten Witwe Kontakt auf. Das alles gegen die Einschüchterungen des allgewaltigen Bürgermeisters und Sägewerkbesitzers, der keine Unruhe mehr will. Von der Witwe erfährt Daniel, dass ihr Mann schon länger trocken war, aber vor dem Unfall unter einem gewaltigen Gefühlsstau stand, weil sie ihn vorher aus der Wohnung geworfen hatte. Auch die Urne sei noch nicht bestattet.

Vor der Einweihung einer neuen Werkshalle des Sägewerkes, die Daniel übernimmt, lässt er alle Honoratioren, auch den Sägewerksbesitzer, in den Matsch vor der Halle niederknien und konfrontiert sie in einem Gebet mit ihrer unchristlichen Gier und Geltungssucht. Im Sägewerk wird er von dem ehemaligen Mithäftling „Pinczer“ erkannt, der ihn nun zu erpressen sucht. Zwar ist Pinczer von Daniels Engagement und Wortgewandtheit beeindruckt, doch hat er ein kleines Kind, für das er nicht sorgen kann.

Daniel will aber das bei einem Dorffest gesammelte Geld für die Bestattung der Urne des Unfallfahrers nutzen. Sein Unterfangen stößt auf den Widerstand der Angehörigen der verunfallten Jugendlichen. Sie fühlen sich als gute Christen im Vergleich zum Unfallfahrer und seiner Frau. Daniel und Marta konfrontieren sie mit ihren Hassbriefen, die sie der Witwe geschrieben hatten. Gerade Martas Mutter war extrem, sodass Marta erstmals bei Daniel Unterkunft sucht.

Nach einem Brandanschlag auf einen Schuppen, in dem Daniels Motorrad stand, spürt Daniel, dass seine Zeit in dem Dorf vorbei ist. In seiner Predigt bekennt er, dass er ein Mörder ist, bezieht aber die Gemeindemitglieder mit ein, die in Gedanken und Worten anderen nach dem Leben trachteten. Er führt die Bestattung durch, und es schließen sich sogar einige wenige aus dem Kreis derer, die um ihre Kinder trauern, an.

Da taucht plötzlich der Gefängnispriester Tomasz auf, um Daniel in die Jugendstrafanstalt zurückzuholen, nachdem Pinczer ihn verraten hatte. Obwohl er sieht, wie groß die Anerkennung für das Wirken von Daniel in der Gemeinde ist, will er auf jeden Fall eine Abschiedsmesse verhindern, auch mit Gewalt. Daniel zieht sein Priestergewand aus und geht in der Pose des Gekreuzigten mit freiem Oberkörper vor den Gemeindemitgliedern aus der Kirche. Marta verlässt das Dorf.

Der Ortspfarrer ist im Dorf zurück. Als ein Zeichen der Hoffnung lädt Martas Mutter die Witwe ein, am Gottesdienst teilzunehmen. Während der Pfarrer in einer Messe über die schwer zu verstehende Liebe Gottes zu den Menschen redet, sieht man, wie Daniel mit dem hünenhaften „Bonus“ in der Jugendstrafanstalt um sein Leben kämpft. Daniel kann seinen Gegner überraschenderweise besiegen. Aber ehe er ihn durch Kopfstöße umbringen kann, reißt ihn Pinczer weg und stößt ihn durch eine Tür nach draußen. Er solle sich das nicht zuschulden kommen lassen. In Nahaufnahme sieht man den benebelten Daniel komplett zerzaust und mit blutverschmiertem Gesicht auf die Zuschauer zu torkeln, während Rauchschwaden aus dem Fenster dringen und die Alarmsirene erklingt: „Ecce homo“.

Produktion Wahre Begebenheiten und Stab Corpus Christi geht auf wahre Begebenheiten zurück.The priest who was no priest. In: iffr.com, 1. Februar 2020. Im Jahr 2011 hatte die Geschichte von den Machenschaften Patryk Błędowskis in Polen für Schlagzeilen gesorgt: Der damals 19 Jahre junge Mann gab drei Monate lang vor, Priester zu sein, und hielt Messen.Jörn Schumacher: Der falsche Priester aus dem Sägewerk. In: pro-medienmagazin.de, 29. August 2020. Im Jahr 2014 erzählte Mateusz Pacewicz, der Drehbuchautor des Films, diese Geschichte im „Duży Format“, einer Beilage der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Zudem hatte Pacewicz das Buch Kazanie na dole (auch Sermon at the bottom) über Błędowskis Geschichte veröffentlicht.Piotr Halicki: To jego historią inspirowali się twórcy „Bożego Ciała“. Patryk Błędowski: powiedziałem „dość“, kiedy miałem udzielić ślubu. In: kultura.onet.pl, 4. Februar 2020. (Polnisch) mini|hochkant|links|Regisseur Jan Komasa Regie führte Jan Komasa. Er baut den Film auf den wahren Ereignissen der Geschichte rund um den falschen Priester auf und reichert diese mit fiktiven Elementen an. Beispielsweise haben die Geschehnisse in der Jugendstrafanstalt und die Tragödie, die das Dorf heimgesucht hat, nicht stattgefunden.Michelle Knoblauch: Der grösste polnische Arthaus-Erfolg 2019: Zu recht. In: cineman.ch. Abgerufen am 3. April 2020. Über die Geschichte dieses jungen Mannes, der aus einer Jugendhaftanstalt entlassen worden war und sich in der Pfarrei St. Andrzej Bobola in der kleinen Gemeinde Budziska in der Woiwodschaft Masowien als Priester ausgegeben hatte,Nominacja w kategorii Film: Mateusz Pacewicz. In: polityka.pl, 3. Dezember 2019. (Polnisch) sagt Komasa, die Menschen dort hätten ihn geliebt und seien schockiert gewesen, als sie davon erfahren haben, dass er nicht wirklich Priester war. Das Erstaunlichste sei gewesen, dass die Leute in dem Moment, als er aufgeflogen war, anfingen, Briefe an den Vatikan zu schreiben. Zu jedermanns Überraschung habe der Vatikan seine Sakramente sanktioniert, was ein großes Problem löste, da die Menschen in der Gemeinde nicht wussten, ob sie verheiratet oder ob ihre Kinder getauft waren.Gregory Ellwood: Scammers or spiritually motivated, fake priests figure in Poland’s 'Corpus Christi'. In: Los Angeles Times, 1. Januar 2020.

Wie auch bei seinem Nachfolgefilm The Hater, in dem Maciej Musiałowski die Hauptrolle von Tomasz übernahm, sei Komasa bei beiden Filmen daran interessiert gewesen zu zeigen, wie die Gruppe einen Einzelnen beeinflusst und wie die auserwählten Prügelknaben plötzlich zu jemandem werden, vor dem man Angst hat. Sie seien jedoch irgendwie auch Helden. Die Heldentat von Daniel in Corpus Christi sei in gewisser Weise, die Gemeinschaft zu versöhnen, indem er vorgibt, jemand zu sein, der er nicht ist.Daria Porycka: Jan Komasa: „Hejter“ ma sprowokować widza, żeby zaczął się bać.. In: Gazeta Prawna, 9. März 2020. (Polnisch) Ralf Schenk vom Filmdienst bemerkt, Komasas Hauptfigur sei keiner von jenen tatsächlichen kirchlichen Würdenträgern, die wie in dem vieldiskutierten Erfolgsfilm Klerus von Wojciech Smarzowski aus dem Jahr 2018 alkoholsüchtig sind, Kinder missbrauchen und streng verbotene Kontakte zu homosexuellen Seilschaften unterhalten, sondern ganz im Gegenteil: „Daniel versieht seinen selbsterwählten Dienst ohne Arg, unorthodox und verantwortungsvoll, sehr nahe an denen, die seines Zuspruchs und seines Trostes bedürfen.“

Besetzung und Dreharbeiten mini|Die Dreharbeiten fanden im pol­ni­schen Jaśliska statt, hier die Kirche Der Film- und Theaterschauspieler Bartosz Bielenia übernahm die Rolle von Daniel, der sich fälschlicherweise als Priester ausgibt. Łukasz Simlat spielt den echten Gefängnispriester Pater Tomasz. Eliza Rycembel übernahm die Rolle von Marta, Aleksandra Konieczna spielt deren Mutter Lydia, Anna Biernacik Martas Freundin. In weiteren Rollen sind Tomasz Ziętek als einer der Mithäftlinge Daniels und Mateusz Czwartosz in der Rolle als Bonus zu sehen.

Über die Besetzung der Hauptrolle mit Bartosz Bielenia sagte der Regisseur: „Als er zum Vorsprechen kam, hatte er lange Haare, er war sehr dünn, er trug einen langen Pullover, eine Mütze. Er ist mit seinem Hund gekommen.“ Doch weil sein Vater ebenfalls Schauspieler ist, sei er seiner Intuition gefolgt, diese Rolle mit einem jungen Schauspieler zu besetzen, der keine Angst davor hat, seine Komfortzone zu verlassen.

Die Dreharbeiten fanden in dem polnischen Dorf Jaśliska im Powiat Krośnieński statt.Danuta Walter: Jaśliska – miasto królewskie, które dostało nominację do Oskara 2020. In: jawagabunda.pl, 18. August 2020. (Polnisch)

Filmmusik und Veröffentlichung