Anıtkabir (türkisch für „Grabdenkmal“) ist die Bezeichnung des Mausoleums des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk in Ankara. Es ist zugleich ein Nationaldenkmal und ein Museum. Das Grab des ersten Ministerpräsidenten der Türkei, İsmet İnönü, befindet sich ebenfalls in der Anlage.

Entwurf Laut Erinnerungen seiner Adoptivtochter Afet İnan äußerte sich Mustafa Kemal zur Frage, wo und wie er begraben werden wolle, bei einem Tischgespräch folgendermaßen:

Kurz nach seinem Tod im November 1938 wurde eine Parlamentskommission zur Planung der ewigen Ruhestätte Atatürks eingesetzt. Diese schrieb einen internationalen Architektenwettbewerb aus und setzte eine sechsköpfige Jury ein, die aus dem Deutschen Paul Bonatz, dem Schweden Ivar Tengbom, dem Ungarn Karoly Weichinger sowie den Türken Arif Hikmet Holtay, Muhlis Sertel (Baudirektor Ankaras) und Muammer Çavuşoğlu (Minister für öffentliche Bauten) bestand. Bis zum Abschluss des Wettbewerbs im März 1942 wurden insgesamt 49 Entwürfe eingereicht, davon 22 aus der Türkei. Die Entwürfe mit religiösem Bezug, unter anderem ein turanischer Kuppelbau von Sedat Hakkı Eldem und ein alttürkisches Grabmal von Clemens Holzmeister, wurden aufgrund von Atatürks Säkularisierungsreformen als unpassend empfunden. Allgemein dominierte das neoklassizistische Design. Acht Entwürfe kamen in die engere Auswahl: Drei von türkischen Architekten bzw. Entwurfsgemeinschaften (Hamit K. Söylemezoğlu–Kemal A. Aru–Recai Akçay, Emin Onat–Orhan Arda und Feridun Akozan–M. Ali Handan), drei italienische (Giovanni Muzio, Arnaldo Foschini und Giuseppe Vaccaro–Gino Franzi), ein Deutscher (Johannes Krüger) und ein Schweizer (Roland Rohn). Aus diesen acht erhielten drei einen mit 3000 Türkischen Lira dotierten „1. Preis“: Johannes Krüger, Arnaldo Foschini und Emin Onat–Orhan Arda. Die anderen fünf erhielten eine mit 1000 Türkischen Lira dotierte „lobende Erwähnung“.Christopher Samuel Wilson: Remembering and forgetting in the funerary architecture of Mustafa Kemal Atatürk: the construction and maintenance of national memory. Diss. Technische Universität des Nahen Ostens, Ankara 2007, S. 23. Das letzte Wort hatte das Parlament, das sich für das Projekt der türkischen Architekten Emin Onat und Orhan Arda im Stil des reduzierten Klassizismus entschied. Am 5. April 1943 beschloss die türkische Nationalversammlung, die Ausführung des Entwurfes von Onat und Arda.Afife Batur: Anıtkabir. In: Cumhuriyet Dönemi Türkiye Ansiklopedisi. Istanbul 1983–1985, Band 5, S. 1392.Matthias Krüger, Isabella Woldt (Hrsg.): Im Dienst der Nation. Identitätstiftungen und Identitätsbrüche in Werken der bildenden Kunst. Akademie-Verlag, S. 311–314.

Vor der Realisation des Projektes wurde der von Onat und Arda vorgelegte Entwurf auf Intervention der Jury in einigen Punkten verändert. Die sichtbarste Veränderung war aus statischen Gründen (Erdbebengebiet) das Weglassen eines riesigen steinernen „Dachgeschosses“ und die dreiteilige Struktur anstelle einer axialen Anordnung.

Entstehungsgeschichte Bau mini|hochkant|33,53 m hoher Fahnenmast aus Edelstahl Baugrund ist der Hügel Rasattepe in Ankara. Der Hügel wurde im 12. Jahrhundert v. Chr. von Phrygern als Grabhügel künstlich errichtet. Vor Baubeginn des Monuments wurde er archäologisch untersucht. Die Funde der Ausgrabung sind heute im Ethnografischen Museum Ankara ausgestellt. Die Bezeichnung „Anıttepe“ (Monumentshügel) erhielt der Hügel erst mit Errichtung der Grabanlage für Atatürk.

Nachdem die Pläne für das Bauwerk feststanden, wurde am 9. Oktober 1944 in einer feierlichen Zeremonie der Grundstein gelegt. Die Bauarbeiten wurden innerhalb von neun Jahren in vier Stufen fertiggestellt. Die als erste Absolventin der İstanbul Teknik Üniversitesi bekannte Sabiha Gürayman fungierte als Bauleiterin.Taylan Yıldırım: In: Hürriyet. 8. Januar 2003, abgerufen am 4. Januar 2014.

Erster Bauabschnitt bis Anfang 1950: Der Bau des Fundaments und der Stützmauern für den Löwenweg (Arslanlı Yol). Zweiter Bauabschnitt 1945–1950: Am 29. September 1945 begann der Bau der den Festplatz einfassenden Gebäude, der bis zum 8. August 1950 dauerte. Gleichzeitig wurde die Statik für das Monument errechnet, das in Beton und Stein ausgeführt werden sollte und das Fundament nicht zu sehr belasten durfte. Ende 1947 wurden die Ausschachtungs- und Isolationsarbeiten beendet und eine elf Meter hohe Eisenbetonkonstruktion für den Unterbau des Monuments geschaffen. Eingangstürme, Wege und Straßen sowie eine Baumschule, die Garten- und Parkgestaltung und die Bewässerungsanlage wurden in diesem Zeitabschnitt fertiggestellt. Dritter Bauabschnitt 1950: Die Auffahrtswege, der Löwenweg, die Pflasterung des Festplatzes und des Mausoleumbodens, die Anfertigung der Stufen für die Treppen sowie der Sarkophag wurden in diesen Zeitabschnitt durchgeführt. Vierter Bauabschnitt 1950–1953: In diesem Bauabschnitt (20. November 1950 bis 1. September 1953) wurde die Ehrenhalle ausgestattet und die Wände mit Steinleisten verziert. Das Gewölbe, das die große Ehrenhalle trägt und in dem sich jetzt ein Museum zum Lebenswerk Atatürks befindet, wurde gebaut. Für die Ehrenhalle war ursprünglich ein Gewölbeabschluss auf Säulen vorgesehen. Um das Projekt zu verkürzen, wurde auf das Gewölbe verzichtet und das Bauwerk um 28 Meter verkleinert. Die Decke wurde flach in Stahlbeton ausgeführt und innen mit Mosaik verkleidet, wodurch auch die Belastung für das Fundament sank.Anıtkabir. Website des Ministeriums für Kultur und Tourismus, abgerufen am 2. Januar 2014.

Im Januar 1952 wurde auf Initiative des deutschen Bildhauers Rudolf Belling, der in Istanbul seit 1936 die Klasse für Bildhauerei an der Kunstakademie leitete und von 1952 bis 1965 Künstlerische Grundlehre und Modellieren an der Architekturfakultät der İstanbul Teknik Üniversitesi lehrte, ein Wettbewerb unter türkischen Bildhauern für die Skulpturen am Atatürk-Mausoleum ausgeschrieben. Rudolf Belling wurde mit der Oberaufsicht über die künstlerischen Arbeiten am Mausoleum betraut.

Materialien und Details Der weiße Travertin für die Skulpturen, Löwenfiguren und Säulen stammt aus Pınarbaşı, der im Inneren der Türme stammt aus Polatlı und Malıköy. Aus gelbem Travertin aus Eskipazar (Çankırı) wurden die Siegesreliefs, die Außenverkleidung der Ehrenhalle und die Pfeiler der den zentralen Platz umgebenden Hallen gefertigt.

Der cremefarbene, rote und schwarze Marmor, mit dem der Fußboden in der Ehrenhalle ausgelegt ist, stammt aus den Provinzen Çanakkale, Hatay und Adana, der grüne Marmor aus Bilecik, der tigerfellfarbene Marmor an den Wänden der Ehrenhalle aus Afyonkarahisar. Der große Steinblock für den Sarkophag stammt aus Osmaniye, seine weiße Marmorverkleidung ebenfalls aus Afyonkarahisar. Das schwarze und rote Gestein für den Boden des Festplatzes und der Türme kommt aus Boğazköprü (Kayseri).

Beisetzung mini|hochkant|Atatürks Trauerzug beim Staatsbegräbnis mini|hochkant|Die Lafette des Trauerzugs Nach seinem Tod 1938 wurde der „Vater der Türken“ einbalsamiert und vorläufig im Ethnografischen Museum in Ankara bestattet. Dort wurde am 4. November 1953 sein Grab unter Anwesenheit wichtiger politischer Würdenträger, unter anderem des damaligen Ministerpräsidenten Adnan Menderes und des damaligen Parlamentspräsidenten Refik Koraltan geöffnet und auf den Katafalk gehievt. Anschließend wurde der Sarg mehrere Tage von Generälen bewacht.

Am 10. November (Atatürks 15. Todestag) erfolgte in einer großen zeremoniellen Andacht der Umzug des Sarges nach Anıtkabir. Dafür wurde der Katafalkwagen (eine umgebaute Lafette) von 136 jungen Offizieren gezogen. Der Umzug erfolgte mit Kanonenschüssen, Flugshows, vielen hunderttausenden Trauergästen aus der ganzen Türkei, mehreren Staatsgästen und der kompletten Regierung und Opposition. Um 13:30 Uhr wurde der Sarg in die Erde gesenkt und unter anderen vom Staatspräsidenten Celâl Bayar symbolisch mit Erde bedeckt; im Folgenden wurde das Grab von Soldaten vollständig verfüllt. Zum Abschluss erfolgte die Ehrerbietung in der Ehrenhalle.. ataturk.net, abgerufen am 2. Januar 2014.

Aufbau und Organisation mini|hochkant=2|1. Turm der Unabhängigkeit 2. Freiheitsturm 3. Löwengang 4. Soldatenturm 5. Turm der Gerechtigkeit 6. Zentralplatz 7. Hauptquartier der Armeeführung und Bibliothek 8. Siegesturm 9. Grab Inönüs 10. Friedensturm 11. Fahnenmast 12. Turm des 23. April 13. Museum 14. Revolutionsturm 15. Turm der Republik 16. Mausoleum 17. Friedenspark Anıtkabir befindet sich im Regierungsviertel Çankaya. Die Gesamtfläche beläuft sich auf etwa 750.000 m² und ist mit einer 1,5 m dicken Mauer umgeben. Davon sind 120.000 m² der bebaute Grabkomplex, die restliche Fläche bildet die Grünanlage. Zwei Eingänge (Tandoğan und Anıttepe) führen zum Grabkomplex, welcher in drei Hauptabschnitte unterteilt wird: der Löwenweg, der zentrale Platz und das eigentliche Mausoleum.

Verwaltet wird die Anlage seit 1980 durch den Generalstab der Türkei, den Genelkurmay Başkanlığı. Sie wird militärisch bewacht.

Friedenspark Der Barış Parkı ist mit verschiedenen Bäumen aus 24 Nationen und Zierpflanzen bepflanzt. Bonatz erklärte die Gartenarchitektur so:

Im Westteil beherbergt der Park die Kaserne der Wachsoldaten.

Löwenweg mini|hochkant|Gruppe Männerstatue mit Löwen Der Löwenweg ist ein 262 Meter langer und mit Travertin gepflasterter Weg. Er führt vom Eingang Tandoğan zum zentralen Platz der Grabanlage. Direkt am Eingang befinden sich zwei Gruppen von Statuen, drei Männer und drei Frauen. Sie wurden von Hüseyin Anka Özkan erschaffen und repräsentieren das Volk. Bei den Männern sind dies drei Berufsgruppen: Der Bauer, der Lehrer und der Soldat. Die Frauen stellen eine Gruppe Trauernder dar.

Der Weg wird von je zwölf an jeder Seite platzierten namensgebenden Löwen gesäumt. Sie wurden von Hüseyin Özkan aufgrund von Atatürks Interesse an anatolischen Zivilisationen im hethitischen Stil entworfen. Die Zahl 24 symbolisiert die 24 in Anatolien eingewanderten Oghusenstämme; sie sollen Ruhe und Stärke ausdrücken.50 yaşındaki Anıtkabir’in bilinmeyenleri. ntvmsnbc.com, 13. Dezember 2003, abgerufen am 4. Januar 2014.

Zentralplatz, Bogengang und Türme Der zentrale Platz des Komplexes nennt sich Tören Meydanı und hat eine Flächenausdehnung von 129 × 84,25 m. Er kann bis zu 15.000 Besucher aufnehmen. Die in den Boden eingesetzten roten, schwarzen, weißen und gelben Travertinsteine stellen je 373 Teppichmuster dar. Der Platz verdeutlicht die erweiterte Funktionalität des Grabkomplexes. Sie ist nicht nur ein bloßer Gedenkort, sondern soll große Menschenmassen anziehen und den Blick zum großen Hauptgebäude, dem eigentlichen Mausoleum, lenken. An besonderen Tagen (z. B. dem Todestag) ist der Platz voller Menschen.Matthias Krüger, Isabella Woldt (Hrsg.): Im Dienst der Nation. Identitätstiftungen und Identitätsbrüche in Werken der bildenden Kunst. Akademie-Verlag, S. 314.

Umgeben wird der Platz durch einen Bogengang, dessen Decke ebenfalls mit Teppichmustern verziert ist. Durch die Arkaden ist ein imposanter Blick auf die Stadt möglich. Eingebaut in diesen Bogengang sind einige Räumlichkeiten, unter anderem die Bibliothek und die Militärverwaltung, und an den Ecken und Enden jeweils zehn pavillonartige Gebäude, die Türme genannt werden. Jedes besitzt seine eigene Thematik, und allen gemein sind die auf dem Dach gen Himmel zeigenden Speerspitzen, welche alttürkische nomadischen Zeltspitzen repräsentieren.Anıtkabir'in SIRLARI. hurriyet.com.tr 23. Juli 2013. Abgerufen am 9. Januar 2014.