mini|Luftbild der Lagune von Grado und der Lagune von Marano, 2010 mini|Karte der Lagune von 1879 (Ausschnitt) Die Lagune von Grado, im örtlichen Dialekt Gravo, ist eine Lagune am äußersten Nordende der Adria. Ihren Namen trägt sie nach der Stadt Grado, einer italienischen Gemeinde mit wenig mehr als 8000 Einwohnern. Das Gewässer erstreckt sich über eine Küstenstrecke von 25 km von Fossalon di Grado bis zur Insel Anfora in Höhe der Flussmündungen von Ausa und Corno. Es umfasst eine Fläche von etwa 90 km²; zusammen mit der sich westwärts anschließenden Lagune von Marano umfasst die Lagune sogar 160 km². Die Tiefe des Gewässers schwankt zwischen 40 cm bei Ebbe und 80 cm bei Flut. Innerhalb der Lagune befinden sich etwa 30 Inseln.
Üblicherweise wird bei der Gradenser Lagune zwischen einem östlichen Teil, der palù de sora, und einem westlichen Teil, der palù de soto unterschieden, wobei eine 1936 fertiggestellte Straße die beiden Teile trennt.
Lage, Gliederung mini|Barbana in der Lagune von Grado mini|Die Insel aus der Luft Der als palù de soto bekannte Westteil bildet den größeren Teil der Lagune; dort befinden sich die meisten Inseln und Kanäle. In der östlichen palù de sora befindet sich mit Barbana die größte Insel. Die Inseln der Lagune sind von West nach Ost: Isola Marinetta und di Sant’Andrea, Portobuso, während im Osten die größeren Inseln die Isola Bavaiarina und Gorgo bilden, dann erst folgt die Insel Grado – über eine Straße mit dem Festland verbunden – mit dem kleineren Le Cove, nördlich davon Barbana. Auf San Pietro d’Orio befand sich über Jahrhunderte ein Kloster. Ravaiarina und Gorgo, wo sich eine Kirche befand, stellten im Ersten Weltkrieg Luftwaffenstützpunkte dar. Die weiter westlich gelegene Insel Isola di Morgo wies bis vor wenigen Jahrzehnten eine umfangreiche Agrarproduktion auf, die ganz im Westen gelegene Insel Anfora stellte von 1866 bis 1919 die Grenze zwischen Italien und Österreich-Ungarn dar. Auf Barbana ganz im Osten befand sich eine Gemeinde der Minderbrüder.
Geologie Während des letzten Maximums der Gletscherausdehnung erreichte auch der Tagliamento-Gletscher um 17.000–16.000 v. Chr. seine maximale Ausdehnung. Die Schmelzwässer bildeten die späteren Flüsse Corno, Cormor und Torre sowie den Tagliamento, der einen bis zu zwei Kilometer breiten Fluss darstellte, der sich 25 bis 30 Meter tief in die Fan-Landschaft eingrub. Der Gletscher hinterließ ein ausgedehntes Endmoränensystem. Hingegen endete der Isonzo-Gletscher bereits oberhalb von Görz. Der Piave-Gletscher teilte sich im unteren Bereich in einen östlichen Arm, der dem Val Lapisina folgte und die Ebene bei Vittorio Veneto erreichte, und einen westlichen Arm, der dem heutigen Fluss Piavetal folgte. Dort entstanden 12 km oberhalb der Ebene ebenfalls Endmoränen. Der Brenta-Gletscher schließlich endete wahrscheinlich nahe Valstagna etwa 10 km oberhalb der Talöffnung bei Bassano.Aldino Bondesan, Paolo Mozzi, Alessandro Fontana: Alluvial megafans in the Venetian–Friulian Plain (north-eastern Italy): evidence of sedimentary and erosive phases during Late Pleistocene and Holocene, in: Quaternary International 189 (2008) 71–90.
Ökologie Die Lagune von Grado gilt als eines der am besten erhaltenen Feuchtgebiete des gesamten Mittelmeerraumes. Allerdings gibt es einen erheblichen Eintrag von Nitrogenen aus menschlicher Aktivität, der jedoch beinahe durch die ausgeprägten Gezeiten kompensiert wird, so dass die Stoffe ganz überwiegend in die Adria gelangen, und keine Anreicherung zu erkennen ist.Alessandro Acquavita, Ida Floriana Aleffi, Cristina Benci, Nicola Bettoso, Erica Crevatin, Luisella Milani, Francesco Tamberlich, Loredana Toniatti, Pierluigi Barbieri, Sabina Licen, Giorgio Mattassi: Annual characterization of the nutrients and trophic state in a Mediterranean coastal lagoon: The Marano and Grado Lagoon (northern Adriatic Sea), in: Regional Studies in Marine Science 2 (2015) 132–144. Während die Belastungen durch Schwermetalle im Allgemeinen lithogener Natur sind, gilt dies nicht für Quecksilber, das vor allem durch die Minen um Idrija eingetragen wird, also über die Flussläufe aus Slowenien in die Lagune geschwemmt wird.Stefano Covelli, Elisa Petranich, Leonardo Langone, Andrea Emili, Alessandro Acquavita: Historical sedimentary trends of mercury and other trace elements from two saltmarshes of the Marano and Grado lagoon (northern Adriatic Sea), in: Journal of Soils and Sediments 17,7 (2017) 1972–1985.
Geschichte
Vorschriftliche Geschichte (ab 4000/3000–1100 v. Chr.) Die Besiedlung der Lagune reichte, wie schon lange aus den Quellen bekannt ist, mindestens bis in die Spätantike zurück. Die Straße, die in der Römerzeit Aquileia mit seinem Hafen Grado verband, liegt heute überwiegend unter Wasser. Als die Langobarden ab 568 damit begannen, Oberitalien zu erobern, zog sich der Patriarch von Aquileia nach Grado zurück, was zu einem langen Streit um den Sitz des Patriarchats führte. Schließlich wurde Grado selbst zum Sitz eines eigenen Patriarchats, nämlich des Patriarchats von Grado.
Die Lagune entstand jedoch deutlich früher, wie archäologische Untersuchungen erwiesen, durch die die Entstehung in die Zeit zwischen 4000 und 3500 v. Chr. datiert werden konnte. Zu dieser Zeit lag der Meeresspiegel etwa 4 m tiefer als heute, nur wenige Siedlungsstellen aus vorantiker Zeit sind bekannt. Um 1800 v. Chr. lag dieser Spiegel bei etwa −3,0 bis −2,7 m unter dem heutigen. Dieser Anstieg setzte sich fort, so dass um 1250 bis 1100 v. Chr. mit einem Niveau von −2,0 bis +0,6 m zu rechnen ist. Zu dieser Zeit, am Ende der Späten Bronzezeit, wurden die Siedlungen in der Lagune aufgegeben. Der Meeresspiegel kann allerdings nicht als Ursache verifiziert werden, so dass nach anderen Ursachen natürlicher oder gesellschaftlicher Art gesucht wird.Alessandro Fontana, Giacomo Vinci, Giovanni Tasca, Paolo Mozzi, Matteo Vacchi, Giorgio Bivie, Sergio Salvador, Sandro Rossato, Fabrizio Antonioli, Alessandra Asioli, M. Bresolin, F. Di Mario, Ilka Hajdas: Lagoonal settlements and relative sea level during Bronze Age in Northern Adriatic: Geoarchaeological evidence and paleogeographic constraints, in: Quaternary International 439 (2017) 17–36 (online, PDF). mini|Blick auf den Canale Anfora nördlich der Lagune Noch weiter zurück reichen die Siedlungsspuren wenig nördlich der Lagune, wo sich Spuren bis in das Mesolithikum zurückverfolgen lassen.Giacomo Vinci: Antichi paesaggi del Friuli protostorico. Popolamento e ambiente nella pianura udinese dell’età del bronzo, Dissertation, Udine 2015, Abschnitt Un caso esemplificativo: il sito di Canale Anfora e la laguna di Grado nell’età del bronzo. S. 111–118, hier: S. 111. Im September 2013 begannen neue Grabungen am Canale Anfora, località Ca’ Baredi, einem Kanal, der mindestens bis in römische Zeit zurückreicht; die dortige Siedlung über einem einstigen Flusslauf entstand bereits um 3000 v. Chr. Die Ansiedlung geschah mit Weitblick und mit Kenntnissen über Überschwemmungen sowie über Bewässerungsmöglichkeiten, was den Bau von Kanälen und Gräben einschloss.Giacomo Vinci: Antichi paesaggi del Friuli protostorico. Popolamento e ambiente nella pianura udinese dell’età del bronzo, Dissertation, Udine 2015, Abschnitt Un caso esemplificativo: il sito di Canale Anfora e la laguna di Grado nell’età del bronzo, S. 111–118, hier: S. 116. Wahrscheinlich existierte in den höheren Lagen Landbau, während in den tieferen Lagen Vieh gehalten wurde. Hinzu kamen Fischfang und das Sammeln von Mollusken.
Römische Zeit (1. bis 5. Jahrhundert), Ostgotenreich, Ostrom (ab ca. 540) Die heutige Lagune war in römischer Zeit weitgehend verlandet und reichte einige Kilometer in die Adria hinein; dabei bestand das Gebiet aus einer weiten Ebene mit einer Reihe von Hügeln.Mit dem Projekt Beyond the City Walls (BCW): the landscapes of Aquileia wurde der Rahmen der archäologischen Untersuchungen zum einen über die Antike ausgedehnt, zum anderen erfasste das großräumige Projekt neben dem ländlichen Raum um Aquileia auch die Lagune. Dabei werden vor allem Luftbilder und GIS-Daten eingesetzt, um die Dynamik der historischen Landschaft besser zu erfassen (Arianna Traviglia: Integrated Archaeological Investigations for the Study of the Greater Aquileia Area, in: The New Technologies for Aquileia, Macquarie University, 2011 (online, PDF)). Die Mehrzahl der Siedlungsfunde stammt von diesen Erhöhungen. Von den etwa 20 nachgewiesenen Fundstätten auf dem Gebiet der heutigen Lagune waren 14 bereits um 2000 untersucht.Dario Gaddi: Approdi nella laguna di Grado, in: Claudio Zaccaria (Hrsg.): Strutture portuali e rotte marittime nell’ Adriatico di età romana (= Collection de l’École française de Rome, 280), Rom 2001, S. 261–275, hier: S. 261–263. Ein Seitenarm des Isonzo, verstärkt durch den Zusammenfluss von Natiso cum Turro (an dem Aquileias Hafen lag), durchzog die Ebene, wobei einige dieser Flussarme und Rinnsale noch heute als Kanäle genutzt werden.
Das 181 v. Chr. gegründete Aquileia, die neuntgrößte Stadt des Imperiums, dominierte das Umland und die Lagune, über die es einen ganzjährigen, weiträumigen Handel bis Ravenna betrieb, der über die Lagunenkette von Grado, Marano, Caorle, Venedig und Comacchio abgewickelt werden konnte, aber auch über Straßen, wie die 131 v. Chr. gebaute Via Annia, die bis nach Adria reichte. Der Natiso war wiederum für Handelsschiffe etwa 13 km über Aquileia hinaus nordwärts schiffbar; über einen weiteren Wasserweg ging es bis nach Noreia. Als der Natiso verlandete, wurden die Waren mit Karren verfrachtet. Diese Wege und die Lagunen waren in einem Gebiet, das aufgrund seiner natürlichen Bedingungen als „hafenlos“ galt, wie schon Livius (X 2, 4) und Strabo (VII 5, 1) feststellten, von großer Bedeutung. Über die Adria war das Gebiet wiederum mit dem gesamten Mittelmeerraum verbunden. Dementsprechend fanden sich in der Verlängerung der Wasserwege, etwa dem Fluss Stella, römische Schiffe, darunter die Stella 1 (entdeckt 1981, 1. Jahrhundert n. Chr.), Caorle 1 (2. Jahrhundert v. Chr.) und Grado 2 (entdeckt 2000, 3. Jahrhundert v. Chr.), die 2011 und 2012 ausgegraben wurden.Massimo Capulli: Ships of Aquileia. Underwater Archaeological Research on Marine and Inland Routes of the Upper Adriatic Sea, in: Skyllis 13 (2013) 18–23 (online, PDF).
Von der Insel Barbana stammen sechs Inschriften, drei Begräbnisstätten, aber auch zwei Kapitelle; von größerer Bedeutung war der Ort vom 2./3. bis zum 5. Jahrhundert. Im Gebiet von Tapo Rabante und Le Cove fanden sich ausschließlich Siedlungsreste, darunter Mosaiken. Das Gebiet um Sant’Agata-San Gottardo war wohl Standort eines Hafens, möglicherweise mit direktem Zugang zum Meer, sowie Uferbefestigungen von mehreren hundert Metern Länge. Zahlreiche weitere römische Spuren fanden sich auf den Inseln Parnpagnola-fondale del Groto, Gorgo, Villa Nova und Morsano entlang der Straße nach Aquileia, und zwar in Form von Werkstätten, Lagern, Hafenanlagen und Nekropolen. Auch fanden sich Münzen der Kaiser Constantin und Gallienus, die allerdings nur im Inventar des Museums von Aquileia erscheinen. Die Insel Marina di Macia lag offenbar am Meer und zugleich an einem der Flussläufe, die Richtung Aquileia führten. Dort befand sich ein großes Zwischenlager, wo Waren, die über die Adria ankamen, umgeladen wurden, ebenso wie Waren aus dem Hinterland zwecks Verfrachtung über See. mini|Reste der Basilika San Giovanni (4.–6. Jahrhundert) mini|Relief eines Kantharos mit Tauben und griechischem Kreuz in Santa Maria delle Grazie, Grado, Teil einer Chorschranke des 6. Jahrhunderts