Vordernberg ist eine österreichische Marktgemeinde mit Einwohnern (Stand ) im Norden der Steiermark (Gerichtsbezirk bzw. Bezirk Leoben), etwa 15 Kilometer nordwestlich der Bezirkshauptstadt Leoben.
Geografie Vordernberg liegt am Fuß des Präbichl in den Eisenerzer Alpen. Das hier sehr enge Vordernbergertal trennt die Gebirgsgruppen der Eisenerzer Alpen und des Hochschwab. Vor allem die Wände der westlich des Marktes liegenden Vordernberger Mauern grenzen sehr knapp an das Siedlungsgebiet.
Die Gemeinde hat eine Fläche von 27,74 Quadratkilometer. Davon sind 11 Prozent landwirtschaftliche Nutzfläche, 10 Prozent Almen und 66 Prozent Wald.
Gemeindegliederung Vordernberg, kongruent mit der gleichnamigen Katastralgemeinde und Ortschaft, enthält folgende Siedlungen: Almhäuser (Rotte) Friedauwerk (Rotte) Handlalm (Zerstreute Häuser) Präbichl (Rotte) Sankt Laurenti (Rotte) Wegscheid (Rotte)
Nachbargemeinden
Geschichte mini|Kohlkrippe Der Ort Vordernberg war seit seinem Entstehen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, eine bei den Schmelzöfen zur Erzeugung von Roheisen bestehende Siedlung, in der die Eisenbauern bzw. später die Radmeister genannten Gewerken und die Berg- und Hüttenarbeiter, die Fuhrleute und verschiedene Handwerker und Händler mit ihren Familien wohnten und arbeiteten.
Ein großer Teil des am nahen Steirischen Erzberg abgebauten Erzes wurde hier zu Roheisen geschmolzen. Als ein Zentrum der Roheisenerzeugung war Vordernberg jahrhundertelang einer der bedeutendsten Industrieorte in Mitteleuropa. Seit der Einstellung der mittels Holzkohlehochöfen betriebenen Eisenerzeugung und der Verlagerung der Roheisenproduktion vor allem nach Leoben-Donawitz, ist Vordernberg ein schrumpfender Ort mit vielen Relikten aus seiner industriellen Vergangenheit.
Mittelalter Die ersten Spuren der Eisengewinnung sind gegen Ende des 1. Jahrtausends nach Christus nachweisbar. Die ältesten Schmelzöfen, deren Reste 1929 entdeckt wurden, fand man auf der zwischen dem Erzberg und dem Präbichl gelegenen Feistawiese. Heute liegen diese Grabungsplätze tief unter dem Abraummaterial des heute noch immer aktiven Bergbaubetriebes. Damals haben Forscher auf der Feistawiese drei Rennöfen ausgegraben, die auf Grund von Münz- und Keramikfunden zunächst als römerzeitlich angesehen wurden. Mit der erst 1946 erfundenen Radiokarbonmethode stellte sich aber heraus, dass die Öfen ins frühe 13. Jahrhundert zu datieren sind.Herbert Hiebler: 850 Jahre Eisenerzeugung in Vordernberg. In: Vordernberger Gemeindezeitung. 12/2014.
Bei weiteren Ausgrabungen im Jahr 1929 im Bereich der Almhäuser wurden Reste von zwei Häusern gefunden. Auf Grund von Eisenfunden und großer Feuerstellen hat man sie als Schmieden erkannt und ins frühe Mittelalter datiert.
Um bei den Rennöfen die notwendige Schmelztemperatur zu erreichen, musste Luft eingeblasen werden. Durch die allmähliche Vergrößerung der Öfen konnten die Blasbälge nicht mehr mit menschlicher Kraft betrieben werden. Ab dem 13. Jahrhundert wurden für die Einblasvorrichtungen der Schmelzhütten Wasserräder eingesetzt, worauf der heute noch geläufige Ausdruck Radwerk zurückgeht. Aus diesem Grund erfolgte eine Verlegung der Hüttenplätze einerseits auf der südlichen Seite des Präbichls an den Vordernberger Bach und andererseits nördlich des Präbichls an den Erzbach. Die Radwerke wurden im Laufe der Zeit immer weiter bachabwärts gebaut, da ständig stärkere Wasserkräfte gebraucht wurden.
Im 13. Jahrhundert wurde das Gebiet um den Erzberg „Aerze“ genannt und galt zunächst als eine Verwaltungseinheit. Seit dem 14. Jahrhundert wurden durch Verfügung des Landesfürsten die Erzeugung und der Vertrieb im Süden und Norden des Erzberges klar getrennt. Was unterhalb der am 25. Juli 1524 festgelegten „Ebenhöhe“ (1186,60 Höhenmeter) des Erzberges an Erz gewonnen wurde, ging nach Innerberg, dem heutigen Eisenerz, was oberhalb abgebaut wurde und so leichter über den Präbichl gebracht werden konnte, nach Vordernberg. 1453 verfügte Kaiser Friedrich III. die endgültige Trennung, indem er Vordernberg und Innerberg je ein Marktwappen und das Marktrecht verlieh.
In Vordernberg lag das Schwergewicht der Siedlung im 14. Jahrhundert im Gebiet der heutigen Almhäuser (Altenmarkt) auf 1050 Meter Seehöhe und im 15. Jahrhundert rund um die Laurentiuskirche (Seehöhe rund 900 m). Schließlich verlagerte sich dann die Siedlung noch weiter nach Süden unterhalb der Einmündung des Rötzgrabens (850 m Seehöhe). Maßgebend für die Gliederung des Ortes waren die 14 Radwerke, welche von Norden nach Süden in der Reihenfolge, in der sie am Bachlauf angebracht waren, nummeriert waren. Diese Nummerierung begann mit dem Radwerk I und endete außerhalb des Ortes in Richtung Trofaiach mit dem Radwerk XIV. Etwa seit dem Jahre 1500 sind die Besitzer der 14 Radwerke in Vordernberg namentlich bekannt. Es gibt eine Liste der Radwerksbesitzer, die lückenlos alle Eigentümer aufzählt. Sie schließt 1911 mit der Österreichisch-Alpine Montangesellschaft, die den Betrieb des letzten Vordernberger Radwerks stilllegte.
Wesentlich für die Entwicklung des Eisenwesens der Region war das am 12. März 1314 erlassene Verbot des Landesherrn an die Rad- und Hammergewerken von Vordernberg, ihr produziertes Roheisen unter Umgehung der Stadt Leoben an andere Orte zu bringen. Herzog Friedrich der Schöne verlieh Leoben das „Verlagsrecht für Eisen“, was bedeutete, dass alles Roheisen aus dem Gebiet südlich des Präbichl und südlich von Rottenmann nach Leoben abgeliefert werden musste. Die Wertschöpfung aus dem Roheisen musste also mit den Leobner Bürgern geteilt werden. Diese verkauften das erworbene Eisen an die Hammergewerken weiter, die als Unternehmer der Finalindustrie daraus eine Fülle von Endprodukten machten. So entstanden aus dem über Leoben vertriebenen Vordernberger Roheisen in den Schmieden und Hammerwerken in den Tälern des steirischen Oberlandes Sensen, Waffen, Geräte, Nägel, Blech und Draht. Vor dieser Verfügung von Friedrich dem Schönen war ein bedeutender Anteil an der Produktion über Trofaiach und Judenburg nach Italien, insbesondere nach Venedig verkauft worden.
Von dem nach einem 15- bis 18-stündigen Schmelzgang in den Stucköfen erzielten Maß oder Stuck, einem festen Eisenklumpen, der nach Beendigung des Schmelzprozesses mit schweren Ketten aus dem Ofen herausgezogen wurde, erhielten die Öfen den Namen Stucköfen. Die von den großen, zum Antrieb der Gebläse dienenden Wasserrädern abgeleitete Bezeichnung „Radwerk“ bürgerte sich im 15. Jahrhundert ein. Ein solches Radwerk bestand aus dem Anteil am Bergbau, aus dem Stuckofen mit der zugehörigen Schmelzhalle, dem Erzlager und dem Kohlbarren, einer Wagenremise mit Pferdestall, Arbeiterwohnungen und Verweser- oder Herrenhaus und einem entsprechenden Waldanteil.Roman Sandgruber: Welterbe Österreichische Eisenstraße, Linz 2003, S. 19. Das vorläufige Endprodukt beim Schmelzprozess, die Roheisenmaß, wurde über die Verleger in Leoben vertrieben. Das in Vordernberg erzeugte Roheisen wurde von den Leobener Verlegern und von den Hammermeistern in Vordernberg abgeholt. Die mit der Durchführung des Transportes beauftragten Eisenführer wurden lange Zeit nach der Stückzahl der transportierten Roheisenmaße entlohnt. Vom Spätmittelalter bis in das ausgehende 18. Jahrhundert verlief der Eisenhandel vorwiegend über die Verlagsstadt Leoben. Die Leobener Verleger sahen im Holzkohletransport von den Leobener Kohlbarren nach Vordernberg eine willkommene Ergänzung zu ihren Roheisenfuhren. Kaiser Joseph II. hob um 1790 den Verlagszwang auf und gab den Eisenhandel frei.Gerhard Deissl: Die Vordernberger Radmeisterkommunität von den Anfängen bis zu den Josefinischen Reformen, Dissertation, Universität Graz, 2009, S. 583.
Während 1625 nördlich des Präbichl die Radwerke, der Erzabbau sowie die Weiterverarbeitung des Roheisens und der Eisenhandel in der Innerberger Hauptgewerkschaft zusammengefasst wurden, blieben die Radmeister und die Eisenverleger südlich vom Präbichl weiterhin selbständig.
Neuzeit bis zum 20. Jahrhundert In den Jahren um und nach 1750 wurden, um einiges später als in Kärnten, die bis dahin üblichen Stucköfen in leistungsfähigere Floßöfen umgebaut. Bei der Eisenverhüttung im Floßofen wurde in einem kontinuierlichen Schmelzprozess nur mehr flüssiges Roheisen produziert.
Vom Ausbau der Kommerzialstraße über den Präbichl im Jahre 1750 profitierte Vordernberg. Um diese Zeit waren 108 Schmelzarbeiter und Schmiede im Ort, weiters 379 Bergknappen und Hauer, 110 Erz- und Eisenführer und 251 Holz- und Kohlenarbeiter. Bis 1806 war der Ort Sitz des Oberbergamtes und eines Bergrichters. Um 1850 verarbeiteten 220 obersteirische Hammerwerke Vordernberger Roheisen. Die Hüttentechnik wurde ebenfalls revolutioniert. Die Floßöfen wuchsen zu Hochöfen empor, und schrittweise hielt auch die Dampfmaschine zum Betrieb der Blasbälge Einzug. Das Rösten zur Aufbereitung des Eisenerzes geschah in neuartigen Röstanlagen. Der Ertrag der noch immer mit Holzkohle beschickten Hochöfen steigerte sich ständig.Günther Jontes: Die Grüne, die Eherne Mark. 2006, ISBN 3-900493-60-X, S. 64.
Die zahlreichen Häuser mit ihren freundlichen Fassaden, die heute dem Ort sein Gepräge geben, entstammen dieser wirtschaftlichen Blütezeit. mini|Meranhaus
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es zu einer schweren Krise der Vordernberger Eisenindustrie. Im Jahre 1822 wurde Erzherzog Johann Vordernberger Radmeister und kaufte das „Meranhaus“ (heute Hauptstraße 85) als Wohnhaus; Anna Plochl, die spätere Gemahlin des Erzherzogs, hat hier einige Jahre vor ihrer Verehelichung gelebt.
Unter maßgeblichem Einfluss von Erzherzog Johann wurde 1829 die Vordernberger Radmeisterkommunität gegründet. In dieser haben sich 13 von den 14 Vordernberger Radmeistern (Hochofenunternehmern) zu einem Quotenkartell zusammengeschlossen, ihre Anteile am Erzberg zu einem gemeinsamen Eigentum zusammengelegt und rationeller als vorher bearbeitet. Die Erzkosten für die Vorderberger Hochöfen konnten durch die Vereinigung der Gruben und den Bau einer gemeinsamen Förderanlage um knapp 40 % verringert werden. Es dauerte jedoch bis zum Jahre 1836, bis die Umstellung des Abbaues und der Förderanlagen vollzogen war. Der rege Hüttenbetrieb in Vordernberg erforderte seit dem Ende des 15. Jahrhunderts den Bezug von Holzkohle nicht nur aus den umliegenden Wäldern. Eine „Kholl und Fuhr Lohn-Ordnung“ von 1626 weist nach, dass Holzkohle aus einem weiteren Bereich der Obersteiermark angeliefert wurde. Der Holzkohlentransport erfolgte mit von Pferden gezogenen Wagen und Schlitten. Solche waren fast ständig auf der Straße nach Vordernberg unterwegs. Es waren dies spezielle Leiterwagen, genannt Kohlkrippen, mit einem geflochtenen Korb, sie fassten ungefähr 5 m³ Holzkohle. 1837 betrug der Jahresverbrauch der Radwerke an Holzkohle 135.000 m³ und 1876 bereits 355.000 m³.Hans Jörg Köstler, Josef Slesak: Die Radwerke zu Vordernberg in der Steiermark. 1986, , S. 33 Österreichische Nationalbibliothek.
Die Radmeister folgten dem Rat Erzherzog Johanns, und die Radmeister-Kommunität erwarb 1827 die aus den von Kaiser Joseph II. aufgelassenen Stiften Göss und Seckau hervorgegangenen Staatsherrschaften Göss und Seckau, um deren umfangreiche Wälder für die Holzkohlenproduktion zu nutzen.Gerhard Deissl: Die Vordernberger Radmeisterkommunität von den Anfängen bis zu den josefinischen Reformen. Darstellung einer Organisationsform im steirischen Montanwesen. Bergbau, Hüttenwesen, Verkehr, Pfennwerthandel und Vertriebswege des Eisens. Dissertation. Universität Graz, Graz 2009 (Volltext online, PDF).
Im Raithaus wurde am 4. November 1840 die von Erzherzog Johann initiierte Steiermärkisch-Ständische Montanlehranstalt eröffnet, die 1849 nach Leoben verlegt wurde. Aus dieser Anstalt hat sich die Montanuniversität Leoben entwickelt.