Die Linde am Brunnen vor dem Tore ist ein Naturdenkmal im nordhessischen Bad Sooden-Allendorf und Teil eines kulturhistorisch wertvollen Ensembles, das als Kulturdenkmal geschützt ist. Die kulturhistorische Bedeutung ergibt sich daraus, dass das Ensemble beispielhaft für ein Idealbild der deutschen Romantik steht. Zu seinem Ruf hat beigetragen, dass seit 1912 verbreitet wird, Wilhelm Müller sei an dieser Stelle vorbeigekommen und habe unter diesem Eindruck das Gedicht Der Lindenbaum verfasst. Berühmt wurden die Verse durch die Vertonung von Franz Schubert und vor allem durch die Bearbeitung von Friedrich Silcher für Männerchor, die unter dem Titel Am Brunnen vor dem Tore (erster Vers des Textes, Incipit) als Volkslied bekannt ist. Eine mehrere hundert Jahre alte Linde an dieser Stelle fiel im Mai 1912 einem Sturm zum Opfer. Die heutige Linde ist eine Ersatzpflanzung von 1914.
Gesamtanlage Das Ensemble besteht aus der Linde, dem unter ihr stehenden Zimmersbrunnen und dem in Sichtweite nahe gelegenen Steintor.
Der Platz mit dem Lindenbaum und dem Brunnen liegt an einer Mehrfach-Wegekreuzung am Beginn der stadtauswärtsführenden Rothesteinstraße in AllendorfSeine heutige Bezeichnung Bad Sooden-Allendorf erhielt der Ort anlässlich der Zusammenlegung des Fleckens Sooden und der Stadt Allendorf im Jahr 1929. im Werra-Meißner-Kreis. Die Anlage liegt vor dem früheren Steintor außerhalb der Allendorfer Stadtbefestigung. Die am Brunnen vorbeiführende Rothesteinstraße war bis ins 19. Jahrhundert, bis zum Bau der heutigen Bundesstraße 27 auf der anderen Werraseite, die Fernstraße Richtung Eschwege.
Das Tor Das Steintor war eines der ursprünglichen drei Stadttore der mittelalterlichen Stadt Allendorf. In seinem Torbau war im frühen 19. Jahrhundert eine Hirtenwohnung untergebracht. 1828 wurde der Torbau abgebrochen.G. Wagner: Geschichte der Stadt Allendorf an der Werra und der Saline Sooden, Akademische Buchdruckerei, Marburg 1865, S. 111, Google Books. Es verblieben lediglich zwei Steinpfeiler, aber auch diese wurden 1907 abgerissen, weil sie den Verkehr einengten.Manfred Lückert: Bad Sooden-Allendorf in alten Ansichten, Band 1. Europäische Bibliothek, Zaltbommel 1977, Anmerkung zu Bild Nr. 29. In den 1990er Jahren wurde lange über verschiedene Pläne eines Nachbaus des Tores gestritten. 1997 wurde schließlich ein die gesamte Straßenbreite überspannender Torbogen neu errichtet, der etwa die Lage des ehemaligen sehr viel engeren Stadttors andeutet. Eine Rekonstruktion des ursprünglichen mittelalterlichen Torbaus war nicht realisierbar, so dass der Neubau sich auf eine historisierende Formensprache beschränkt. Gründe für den Bau sollen besonders Teilnehmer japanischer Reisegruppen geliefert haben, die am Brunnen mit dem Lindenbaum das zugehörige Tor vermissten, wie es der Dichter Wilhelm Müller in seinem Gedicht Am Brunnen vor dem Tore beschrieben hatte.Gottfried Kiesow: „Auch alte Bäume brauchen Schutz“ in der Zeitschrift „Monumente, das Magazin für Denkmalkultur“, Ausgabe 3/2005; abgerufen am 16. September 2019.
Der Brunnen Vor diesem Tor, also außerhalb der alten Stadtbefestigung, befindet sich der Zimmersbrunnen. Seine Quelle (historisch als Zinborn oder Zinnborn bezeichnet) liegt am nahe gelegenen Zinnberg am Rande des Klausbergs. Der Allendorfer Galgen stand unmittelbar oberhalb des Zinnborns. Der Name des Zimmerbrunnens und des vom Zinnborn zum Steintor führenden Zimmerswegs ist wohl aus „Zinnbornsbrunnen“ bzw. „Zinnbornsweg“ entstanden.Adolf Reccius: Geschichte der Stadt Allendorf in den Soden. Stadt Bad Sooden-Allendorf, ebd. 1930, S. 104 und 117. Die Quelle soll einer Sage nach an der Stelle entspringen, wohin der Kopf eines unschuldig enthaupteten Mädchens vom Richtplatz aus rollte.
1827 ließ die Stadt das Wasser dieser Quelle mittels Röhren bis unter die Linde vor dem Steintor leiten. Das Wasser soll sich durch besondere Weichheit und Reinheit ausgezeichnet haben.G. Wagner: Geschichte der Stadt Allendorf an der Werra und der Saline Sooden, Akademische Buchdruckerei, Marburg 1865, S. 116f. (§ 149), Google Books; siehe auch Ulrich-Dieter Oppitz (Bearb.): Allendorf an der Werra 1789. Trautvetter & Fischer, Marburg und Witzenhausen 1981 (= Historische Ortsbeschreibungen, 13), S. 18. 1854 wurde der Brunnen erneuertManfred Lückert: Bad Sooden-Allendorf in alten Ansichten, Band 1. Europäische Bibliothek, Zaltbommel 1977, Anmerkung zu Bild Nr. 55. bzw. in seiner jetzigen Gestalt errichtet.Frank Seiß: Stand da ein Lindenbaum? Wie Allendorf zu seinem Brunnen vor dem Tore kam. In: Kultur Report, Stiftung Mitteldeutscher Kulturrat, , Heft 2025, S. 36–40, hier: S. 38, unter Berufung auf Stadtratsprotokolle aus diesem Jahr. Gemäß der Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland handelt es sich um eine „einfache, pfeilerartige Anlage, bestehend aus einem Sandsteinstumpf und einem aus Messing gefertigten Auslaufrohr“.
In die Brunnensäule eingelassen ist eine Inschrifttafel, möglicherweise im Zusammenhang der Umgestaltung des Platzes 1928 im 100. Todesjahr Schuberts angebracht, die folgenden Text zeigt: „Franz Schubert komponierte sein volkstümlich gewordenes Lied im Jahre 1827 nach einem Text von Wilhelm Müller, der durch dieses Motiv von Brunnen und Linde zu seinem Gedicht angeregt wurde.“ Ein Foto dieser Tafel, Fotograf: Klaus Heinemann, findet sich auf der Seite baumkunde.de. Seitlich der Anlage steht eine moderne Sandsteinsäule mit Inschrifttafel, die den vollständigen Text des Liedes Am Brunnen vor dem Tore mit der ersten Notenzeile sowie die Namen von Wilhelm Müller und Franz Schubert trägt.
Die Linde Am Ort des Brunnens stand eine alte Linde. Ein enormes Hagelunwetter am Abend des 12. Mai 1912 führte zu ihrem Sturz, bei dem sie mehrere Dachziegel der benachbarten Restauration Zur grünen Linde zerschlug.Manfred Lückert: Bad Sooden-Allendorf in alten Ansichten, Band 1. Europäische Bibliothek, Zaltbommel 1977, Anmerkung zu Bild Nr. 54. Am 17. März 1913, dem 100. Jahrestag der Erklärung „An Mein Volk“, die als Beginn der Befreiungskriege gilt, wurde an derselben Stelle eine neue Linde „zur Erinnerung an die große Zeit vor 100 Jahren“ gepflanzt.Hessenland, Jg. 27, Zweites Märzheft (1913), S. 96. Digitalisat. Dies war zugleich das Jahr des 25. Regierungsjubiläums des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. Die Baumpflanzung war begleitet von vaterländischen Reden und Blaskapellenmusik.Ein Foto von der Feier findet sich in Manfred Lückert: Bad Sooden-Allendorf in alten Ansichten, Band 2, Zaltbommel 1990, Nr. 34. Die neue Linde wuchs jedoch, „wie man erzählt“,Manfred Lückert: Bad Sooden-Allendorf in alten Ansichten, Band 1. Europäische Bibliothek, Zaltbommel 1977, Anmerkung zu Bild Nr. 55. nicht an und die Pflanzaktion musste im darauffolgenden Jahr in aller Stille wiederholt werden.
Seit 1936 ist die Linde, eine Sommerlinde (Tilia platyphyllos),Linde Am Brunnen vor dem Tore in Bad Sooden-Allendorf. baumkunde.de. als Naturdenkmal geschützt.In der Liste der Naturdenkmale des Werra-Meißner-Kreises hat der Baum die Nummer ND 636.008. Inzwischen hat sie mit einer Höhe von rund 26 Metern und einem Stammumfang von mehr als drei Metern stattliche Ausmaße erreicht. Als sie ihr 100. Lebensjahr vollendet hatte, machten die Stadt und der Verein für Heimatkunde mit einem Lindenfest auf das Jubiläum aufmerksam.Hessische/Niedersächsische Allgemeine vom 18. Juni 2015, "Fest am Brunnen vor dem Tore: Ersatzlinde 100 Jahre alt."; abgerufen am 16. September 2019. Nach Festgottesdienst, Festvorträgen und musikalischen Beiträgen sangen mehr als 500 Menschen gemeinsam das Lied „Am Brunnen vor dem Tore“ zu Ehren des Baumes.Werra-Rundschau vom 23. Juni 2015, "100. Geburtstag der Linde Am Brunnen vor dem Tore"; abgerufen am 17. September 2019.
Das Ensemble
Im Juni 1928 wurde die ganze Anlage, die historisch bereits eine Reihe von Verwandlungen durchlaufen hatte, erneut umgestaltet. Die Stadt ließ den Platz, der sich bis dahin auf gleicher Höhe mit den umliegenden Straßen befunden hatte, höherlegen und mit Treppenstufen versehen.Manfred Lückert: Bad Sooden-Allendorf in alten Ansichten, Band 1. Europäische Bibliothek, Zaltbommel 1977, Anmerkung zu Bild Nr. 55; Band 2, Zaltbommel 1990, Anmerkung zu Bild Nr. 44. Eine weitere Umgestaltung fand 1960 statt.Thomas Wiegand: Bäume aus dem Werraland. Eine Fotodokumentation. Schriften des Werratalvereins Witzenhausen, Heft 10, 1984, S. 30. Die Gesamtanlage „Vor dem Steintor“ ist als Kulturdenkmal aus geschichtlichen Gründen geschützt.
Kulturgeschichte mini|Vor dem Sturz: Postkarte mit Restaurant „Zur Grünen Linde“ und Lindenbaum, um 1895. Die „Gilsaburg“ im Hintergrund ist Schloss Rothestein mini|Postkarte mit Foto der gestürzten Linde, Mai 1912 mini|Karte von 1857. Südöstlich liegt das Steintor, an der Wegkreuzung außerhalb der Mauer stand die Linde. Weiter östlich der Klausberg (Clausberg), wo die Quelle entspringt. Nordwestlich das Wahlhäuser Tor, davor das Hospital (Spital) mit der Hospitalkapelle, dort stand die Linde am Hospitalbrunnen. mini|Dieses auf Wikimedia Commons liegende Bild von Heinz-Josef Lücking verwendete Ian Bostridge mit korrekter Attribution als Illustration für Müller/Schuberts Lindenbaum. Wilhelm Müller und die Örtlichkeit
Müller veröffentlichte sein Gedicht Der Lindenbaum erstmals in Urania – Taschenbuch auf das Jahr 1823 als Teil des Zyklus Die Winterreise. Es beginnt mit den Versen „Am Brunnen vor dem Thore/Da steht ein Lindenbaum:/Ich träumt’ in seinem Schatten/So manchen süßen Traum“. Schuberts Vertonung im Zusammenhang der ersten zwölf Lieder der Winterreise stammt aus dem Jahr 1827. Bekannt wurde das Lied aber vor allem durch Friedrich Silcher, der 1846 einen unbegleiteten vierstimmigen Satz für Männerchor veröffentlichte.
Wohl zum ersten Mal wurde in einer Kurzmeldung der Fuldaer Zeitung (Morgenausgabe) vom 17. Mai 1912 behauptet, dass die Allendorfer „Zimmerslinde“ vor dem Steintor, die wenige Tage zuvor von einem heftigen Sturm entwurzelt worden war, diejenige Linde sei, die Wilhelm Müller zu seinem Gedicht inspiriert habe. Die Kurzmeldung stand im Zusammenhang einer großen Zahl von weiteren Berichten über die „Sturmverheerungen“ vom 12. Mai 1912, die große Teile West- und Mitteldeutschlands betroffen hatten und die lokalen, regionalen und reichsweiten Zeitungen gefüllt hatten. Sie wurde von der Vossischen Zeitung in ihre reichsweite Ausgabe übernommen und vielfach nachgedruckt, bis nach Prag, Wien und Graz.Frank Seiß: Stand da ein Lindenbaum? Wie Allendorf zu seinem Brunnen vor dem Tore kam. In: Kultur Report, Stiftung Mitteldeutscher Kulturrat, , Heft 2025, S. 36–40, hier: S. 36f. Fuldaer Zeitung, Morgenausgabe, 17. Mai 1912, S. 2 (fuldig.hs-fulda.de). Vossische Zeitung, 18. Mai 1912 (Morgenausgabe), S. 11 (dfg-viewer.de). Etwas ausführlicher berichtete Die Gartenlaube, die auch ein Foto des gestürzten Baumes brachte.Rubrik Blätter und Blüthen, in: Die Gartenlaube, Heft 24/1912, S. 514–515. Der Kunsthistoriker und Fotograf Thomas Wiegand berichtet in seinem Buch Bäume aus dem Werraland unter Berufung auf den Archivar Manfred Lückert,Manfred Lückert: Bad Sooden-Allendorf, wie es früher einmal war. Eine illustrierte Chronik unserer Heimatstadt 1844–1914. Magistrat der Stadt Bad Sooden-Allendorf 1979, S. 225. dass sich einige Gesangvereine Holzstücke von dem mächtigen Stamm, gewissermaßen als Reliquie, schicken ließen.