mini|Gewaltfreie Greenpeace-Aktion gegen Esso
Als gewaltfreie Aktion ( nonviolent action) werden alle politischen oder sozialen Widerstands- und Auseinandersetzungsformen bezeichnet, die bewusst auf Gewalt gegen andere Menschen verzichten.
Gene Sharp hat die Methoden der gewaltfreien Aktion in folgende Untergruppen klassifiziert:
gewaltfreier Protest und Überzeugung soziale Nichtzusammenarbeit Boykottaktionen Streikaktionen politische Nichtzusammenarbeit gewaltfreie Intervention
Das Spektrum der von ihm zusammengestellten 198 Aktionsformen Abrufbar in reicht von Protestschreiben und Flugblättern über Demonstrationen, Kundgebungen, Straßentheater, Aufrufen zum Konsumentenboykott, Streiks, „Dienst nach Vorschrift“ bis hin zu kalkulierten Regelverletzungen wie Sitzstreiks, Sit-ins und bestimmten Formen der Sachbeschädigung.Gene Sharp: Von der Diktatur zur Demokratie – Ein Leitfaden für die Befreiung. Das Lehrbuch zum gewaltlosen Sturz von Diktaturen. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56817-6, S. 101.
Wenn bewusst Methoden eingesetzt werden, die in dem betreffenden Land gesetzeswidrig sind, handelt es sich um zivilen Ungehorsam. Je nach Rechtssystem und Regierung des Landes, in dem diese Methoden angewendet werden, können die genannten Aktionsformen zu direkten Gewaltreaktionen staatlicher Kräfte führen und strafrechtliche Konsequenzen für die Beteiligten haben.
Eine weitere Perspektive der gewaltfreien Aktion kann die gewaltfreie Revolution darstellen. Der Begriff entstand nach dem Zweiten Weltkrieg im Zusammenhang mit der Herausbildung der Neuen Linken vor allem in Europa und Nordamerika und vereinigt zwei politik-theoretische Strömungen, nämlich die pazifistische Tradition der Gewaltfreiheit und die sozialrevolutionäre Tradition der Arbeiterbewegung. Es entsteht eine Verbindung von Gewaltkritik und Staatskritik, die in sozialen Bewegungen wirksam wird. Theoretische Wurzeln finden sich im Anarchosyndikalismus, im Unionismus der Industrial Workers of the World und im Pazifismus. In Deutschland ist es vor allem die Graswurzelbewegung um die anarchopazifistische Zeitschrift Graswurzelrevolution, die eine gewaltfreie RevolutionHoward Clark: Gewaltfreiheit und Revolution. Wege zur fundamentalen Veränderung der Gesellschaft. Verlag Internationale der Kriegsdienstgegner/innen, IDK, Berlin 2014, ISBN 978-3-9816536-1-8. anstrebt.Zur Gründung und Namensfindung siehe: Vgl. ausführlich: und:
Durchführung mini|Mahatma Gandhi, ein bekannter Menschenrechts-Aktivist und Vertreter der Gewaltfreiheit Aldous Huxley schrieb 1937 in seinem Buch An Encyclopaedia of Pacifism:
Wiederkehrende Elemente, insbesondere größerer Gewaltfreier Aktionen, sind eine öffentliche Ankündigung der Aktion Bereitschaftserklärungen oder sogar veröffentlichte SelbstverpflichtungenVgl. dazu: der Teilnehmer eine sorgfältige – oft in längere (Mobilierungs-)Kampagnen eingebundene – VorbereitungVgl. dazu: Katja Tempel: X-tausendmal quer, Seite 192–197Volker Nick, Volker Scheub, Christof Then: Mutlangen 1983–1987: Die Stationierung der Pershing II und die Kampagne Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung, Tübingen 1993, 228 Seiten. Dokumentation mit Hintergrundartikeln, Erfahrungsberichten, Dokumenten, Prozessprotokollen etc. zur Geschichte der Aktionen der Friedensbewegung in den 1980er Jahren in und um Mutlangen vorangehende Trainings in Gewaltfreier Aktion begleitende AktionshandbücherZwischen 1975 und 1989 wurden zu vielen Gewaltfreien Aktionen in den USA Aktionshandbücher hergestellt, die in der Digital Library of Nonviolant Resistance online verfügbar sind die Festlegung eines AktionskonsensesVgl. z. B. Ende Gelände - Aktionskonsens 2019, oder: Aktionskonsens der Parkschützer gegen Stuttgart 21 die basisdemokratische Organisation der Aktionsteilnehmer in Bezugsgruppen die Entscheidungsfindung im Konsensverfahren und in SprecherrätenVgl. dazu z. B. das gemeinsame Singen von ermutigenden LiedernSiehe z. B. Hermann Pfister: Formen gewaltfreier Aktion - historische Beispiele, in: Hermann Pfister (Hrsg.): Revolution der Gewaltlosigkeit Information und Einführung zum gewaltfreien Widerstand. Handbuch für Planung und Durchführung von direkten, gewaltlosen Aktionen. Mit Beiträgen von Theodor Ebert, Paul Hoffmann, Astrid Lindgren, Hermann Pfister, Raymund Schwager, Charles Walker, Alfred Walter. Waldkirch: Waldkircher Verlag 1981, S. 43 oder: begleitende Presse- und Öffentlichkeitsarbeit vor, während und nach der Aktion ausgefeilte Unterstützungsstrukturen, die auch mehrtägige Aktionen mit vielen Teilnehmern ermöglichenSiehe dazu z. B. und: die anschließende Erstellung von Presseauswertungen und Dokumentationen anschließende Gerichtsprozesse und Haftaufenthalte von Aktionsteilnehmern, die als Fortsetzung der Aktion verstanden werden
Beispiele mini|Aktion gegen die Waldschlösschenbrücke und die damit verbundene CO2-Emission
International
Wichtige internationale BeispieleWeitere Beispiele siehe: gewaltfreier Aktionen sind
der Boykott des Quäkers Benjamin Lay aus Pennsylvania, USA, der jegliche Waren boykottierte, die durch Sklavenarbeit entstanden waren und Gastgeber mied, die Sklaven hielten. 1758 konnte er nach einem Vierteljahrhundert beharrlicher Agitation und individueller Boykott-Praxis einen Meilenstein im Kampf gegen die Sklaverei setzen: Die Quäker Philadelphias ächteten die SklavenhaltungMarcus Rediker: You’ll Never Be as Radical as This 18th-Century Quaker Dwarf, New York Times, 12. August 2017, abgerufen am 3. Januar 2018. der von Gandhi 1930 initiierte Salzmarsch im indischen Unabhängigkeitskampf die Aktionen des Committee for Non-Violent Action 1957–1961 gegen Atomtests in den USAThorbecke: Prominente Fälle, S. 27 und die sich darin anschließende, weltweite Atomteststopp-KampagneVgl. dazu: Uwe Painke, Andreas Quartier: Gewaltfrei für Atomteststopp. Bürgerengagement auf dem Weg zu nuklearer Abrüstung. Tübingen 2002, ISBN 978-3-8311-2292-9 der von Martin Luther King jr. mit organisierte Montgomery Bus Boycott 1955/56 in den USA die von der Bauplatzbesetzung in Whyl inspirierte Kampagne mehrerer eskalierender Bauplatzbesetzungen der Clamshell Alliance gegen das geplante Kernkraftwerk bei Seabrook 1975–1977 in den USA, den ersten direkten gewaltfreien Aktionen gegen Kernkraft in den USA. Am 30. April 1977 besetzten über 2.400 Menschen, organisiert in Hunderten von Bezugsgruppen, die vorher ein gemeinsames Training in gewaltfreier Aktion durchgeführt hatten, den Bauplatz. Innerhalb der 14 Stunden dauernden Räumung durch die Staatspolizei wurden 1.414 Besetzer festgenommen und bis zu ihrer Verurteilung 2 Wochen später inhaftiert der gewaltfreie Widerstand der auf dem Causse du Larzac in Frankreich lebenden Bauern gegen die Anfang der 1970er Jahre von der französischen Regierung geplante Erweiterung eines seit 1903 bestehenden Übungsgeländes des Militärs. Ausführlich hierzu: Kampf um den Larzac und: Wolfgang Hertle: Larzac 1971–1981. Der gewaltfreie Kampf gegen einen Truppenübungsplatz in Südfrankreich. Verlag Weber-Zucht, Kassel 1982, ISBN 978-3-88713-001-5. die Internationalen Gewaltfreien Märsche für Entmilitarisierung von 1976 bis 1989, die in verschiedenen Ländern Europas stattfanden und die Entmilitarisierung der Gesellschaft durch gewaltfreie Aktionen propagierten.Vgl. hierzu: Olaf Paulsen: Zur Geschichte der internationalen gewaltfreien antimilitaristischen Märsche – die ersten drei Märsche, in: Antimilitarismus-Information, Dokumentation der Abrüstungsfahrt Brüssel-Warschau (1. – 10. August 1979), Berlin 1979, S. 3f, die Sabotage-Aktionen der Pflugscharbewegung um friedenspolitisch engagierte katholische Priester und Nonnen in den USA Anfang der 1980er Jahre die am 6. August 1983 von 13 Menschen in Paris, Oakland, Toronto und Bonn begonnene, umstrittene, internationale Fastenaktion „Fasten für das Leben“ gegen die „NATO-Nachrüstung“, für den Abbau der sowjetischen SS-20-Raketen und für die Einstellung aller Atomwaffenversuche.Artikel »Diesmal wollen wir nicht schweigen« in: Der Spiegel 35/1983 vom 28. August 1983Initiative Sozialistisches Forum: "Fasten für das Leben – Kreuzzug für den Frieden. Die Mobilmachung des christlichen Terrorismus" in: Initiative Sozialistisches Forum: Frieden – je näher man hinschaut desto fremder schaut es zurück. Zur Kritik einer deutschen Friedensbewegung. Freiburg: ça ira – Verlag 1984, S. 53–72, PDF der einwöchige Menschenteppich gegen die Waffenausstellung W81 in Winterthur in der Schweiz 1981Internationaler Versöhnungsbund (Hrsg.): gewaltfrei handeln. Beispiele und Theorie der gewaltfreien Aktion. Wien: Internationaler Versöhnungsbund - Österreichischer Zweig: 1982. S. 24 und 26 der gewaltfreie Widerstand zur Beendigung der Marcos-Diktatur auf den Philippinen 1986 (EDSA-Revolution)Thorbecke: Prominente Fälle, S. 30
Deutschland In Deutschland befassen sich neben den Zeitschriften „Gewaltfreie Aktion“ und „Graswurzelrevolution“ zahlreiche Organisationen, Vereine und Initiativen mit Theorie und Praxis gewaltfreier Aktionen, darunter das Archiv aktiv, die Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion Kurve WustrowKURVE Wustrow, der Bund für Soziale Verteidigung, die Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen (FöGA), die Gewaltfreien Aktion Atomwaffen Abschaffen (GAAA), Greenpeace, die Internationale der Kriegsdienstgegner/innen, das Lebenshaus Schwäbische Alb, die Pressehütte Mutlangen, Robin Wood, der Versöhnungsbund, die Werkstatt für gewaltfreie Aktion BadenWerkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden und X-tausendmal quer.
Wichtige Beispiele für Gewaltfreie Aktionen in Deutschland sind:
Der Widerstand mehrerer Hundert Frauen gegen die Deportation ihrer jüdischen Männer vor der Sammelstelle in der Rosenstraße 1943 in BerlinThorbecke: Prominente Fälle, S. 25Gernot Jochheim: Frauenprotest in der Rosenstraße Berlin 1943. Berichte, Dokumente, Hintergründe, Hentrich & Hentrich Verlag Berlin 2002, ISBN 978-3-933471-26-0. die beiden Besetzungen der zu diesem Zeitpunkt von Großbritannien besetzten und als Bombenabwurfplatz genutzten Insel Helgoland durch die beiden Heidelberger Studenten René Leudesdorff und Georg von Hatzfeld und bis zu 14 weiteren Personen 1950/51, sowie die darauf folgenden Aktionen der Nicht-Kooperation deutscher Behörden und Befehlsträger zur Verzögerung der Verhaftung der Besetzer der Insel durch GroßbritannienSiehe dazu ausführlich: der langjährige gewaltfreie Widerstand gegen die Wehrpflicht, insbesondere durch die Kriegsdienstverweigerung und die Totale Kriegsdienstverweigerung, sowie weitere Protestaktionen wie z. B. gegen Feierliche Gelöbnisse der Bundeswehr ab 1956 der zweistündige Sitzstreik „nach englischem Vorbild“, mit dem 500 Mitgliedern der Internationale der Kriegsdienstgegner/innen (IDK) 1959 vor dem Hauptportal der englischen Kaserne in Dortmund-Brackel, gegen die dortige Stationierung britischer Atomraketen protestierten die Boykott-Aktionen gegen Nahverkehrs- Betriebe in vielen deutschen Städten, die sich von 1966 bis 1971 im Zuge der Rote-Punkt-Aktionen gegen Fahrpreiserhöhungen richteten, die 1975 von der schweizerischen Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst entwickelten StromrechnungsstreiksMichael Schroeren: z. B. Kaiseraugst, S. 60–63, d. h. die Verweigerung der Zahlung eines bestimmten Teils der Stromrechnung, als Widerstandsaktion gegen den Bau von Kernkraftwerken durch die Stromerzeuger ab 1977Luise Schramm: Evangelische Kirche und Anti-AKW-Bewegung. Das Beispiel der Hamburger Initiative kirchlicher Mitarbeiter und Gewaltfreie Aktion im Konflikt um das AKW Brokdorf 1976–1981. Vandenhoeck & Ruprecht 2018, ISBN 978-3-525-55792-1, S. 191–204, der Volkszählungsboykott 1987 sowie die Strom[anbieter]wechsel-Kampagne Atomausstieg selber machen 2006 bis 2015 die Bauplatzbesetzung gegen das geplante Kernkraftwerk Wyhl im Februar 1975 und die Besetzung der Tiefbohrstelle 1004 im Mai 1980 in der Nähe von Gorleben im Wendland