mini|hochkant|Porträt traditionell als Mary identifiziert Mary Tudor (* 18. März 1496 im Richmond Palace; † 25. Juni 1533 in Westhorpe, Suffolk) war eine englische Prinzessin aus dem Haus Tudor und durch Ehe Königin von Frankreich.
Sie war die jüngste überlebende Tochter von König Heinrich VII. von England und seiner Gattin Elisabeth of York. Als dritte Ehefrau König Ludwigs XII. von Frankreich war sie für einige Monate Königin von Frankreich. Nach seinem Tod heiratete sie in zweiter Ehe heimlich Charles Brandon, 1. Duke of Suffolk, zum Ärger ihres Bruders Heinrich VIII., der ihr letztlich jedoch verzieh. Ihre Enkeltochter Jane Grey war 1553 für wenige Tage Königin von England.
Mary Tudor ist nicht zu verwechseln mit der englischen Königin Maria I., ihrer Nichte, die nach ihr benannt wurde.
Leben mini|hochkant|Mary Tudor als junges Mädchen
Kindheit und Jugend Mary wurde als fünftes Kind und dritte Tochter ihrer Eltern geboren und wuchs zusammen mit ihren älteren Geschwistern Margaret und Heinrich im Schloss Eltham Palace auf. Ihre Geburt wurde von ihrer Großmutter Lady Margaret Beaufort in ihrem Stundenbuch notiert: „Hodie nata Maria tertia filia Henricis VII., 1495“Maria Perry: Sisters to the King: The tumultuous lives of Henry VIII's sisters - Margaret of Scotland and Mary of France, S. 18. Über Marys Taufe gibt es keine Aufzeichnungen, wohl hauptsächlich, weil sich damals die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Bedrohung durch Perkin Warbeck konzentrierte.
An öffentlichen Auftritten mangelte es der jungen Prinzessin dennoch nicht. Mary war als Vierjährige anwesend, als Erasmus von Rotterdam Heinrich seinen Besuch in Eltham abstattete. Anders als ihre Geschwister musste sie jedoch noch keine repräsentative Rolle übernehmen und spielte während des Besuchs des Gelehrten.Maria Perry: Sisters to the King: The tumultuous lives of Henry VIII's sisters - Margaret of Scotland and Mary of France, S. 25 Am 14. November 1501 nahm sie als Sechsjährige teil an den Hochzeitsfeierlichkeiten ihres ältesten Bruders Arthur Tudor und dessen Braut Katharina von Aragón, mit der Mary zeit ihres Lebens eng befreundet sein sollte. Anlässlich der Feierlichkeiten trug Mary ein neues Kleid aus scharlachrotem Samt. Nur wenig später, am 25. Januar, wohnte Mary einer weiteren Hochzeit bei, als ihre Schwester Margaret in einer feierlichen Trauung per Stellvertreter den König von Schottland, Jakob IV., heiratete.
Als sie acht Jahre alt war, starb ihre Mutter im Kindbett. Nur wenige Wochen später verließ ihre Schwester Margaret den englischen Hof, um ihren Platz als Königin von Schottland einzunehmen. Im Dezember 1507 wurde Mary als zwölfjähriges Mädchen mit dem vier Jahre jüngeren Karl von Kastilien, dem späteren Kaiser Karl V., verlobt.David Loades Hutson: Mary (1496–1533) In: Oxford Dictionary of National Biography. Oxford University Press 2004, Online Edition Januar 2008, . Einige Wochen nach ihrem 13. Geburtstag starb auch ihr Vater, der König, womit Marys unmittelbare Familie nur noch aus ihrer Großmutter Margaret Beaufort und ihrem um fünf Jahre älteren Bruder Heinrich bestand. Ihr Verhältnis zu dem jungen König, der nun als Heinrich VIII. den Thron bestieg, war sehr herzlich und Mary genoss in den nächsten Jahren an seinem Hof ungewöhnliche Freiheiten für ein Mädchen ihres Standes.
Mary galt als eine der schönsten Prinzessinnen in Europa. Der venezianische Botschafter bezeichnete sie als „groß, schlank, grauäugig und im Besitz einer großen Blässe“ und der Gelehrte Erasmus sagte gar von ihr, dass „die Natur niemals etwas Schöneres geformt“ habe. Besonders interessant wurde ihre Schönheit für den Heiratsmarkt, als Heinrich schließlich nach jahrelangem Aufschub ihre Verlobung mit Karl von Kastilien löste. Nach dem Krieg mit Frankreich war Heinrich an einer dauerhafteren Allianz mit dem französischen Königshaus interessiert und überlegte zunächst, seine inzwischen verwitwete Schwester Margaret Tudor mit dem französischen König Ludwig XII. zu verheiraten. Zu seinem Ärger heiratete Margaret jedoch Archibald Douglas und Ludwig war sehr viel mehr an Mary interessiert.
Mary allerdings war auch nicht begeistert von der Aussicht, einen kranken alten Mann zu heiraten, zumal sie wahrscheinlich bereits damals in Charles Brandon, 1. Duke of Suffolk, verliebt war. Es ist nicht bekannt, wie sie reagierte, als Heinrich ihr seine Pläne unterbreitete. Doch es steht fest, dass sie ihm schließlich das Versprechen abrang, dass sie, sollte sie ihren Mann überleben, ihren zweiten Gatten selbst wählen dürfte. In einem späteren Brief an Heinrich schreibt sie:
Königin von Frankreich links|mini|hochkant|Skizze von Mary in ihrer Zeit als Königin von Frankreich Im Alter von 18 heiratete Mary den 52-jährigen König Ludwig XII. von Frankreich, der aus zwei vorangegangenen Ehen keine männlichen Nachkommen hatte. Die Ehe wurde per procurationem durch den Herzog von Longueville in Greenwich Castle am 19. August 1514 geschlossen sowie, rechtlich bindender, am 9. Oktober 1514 in Abbeville mit dem König persönlich. Ludwig bezeichnete Mary nach wenigen Wochen Ehe als „das größte Juwel, das je ein Fürst von einem anderen erhalten hatte“, dass sie sich „weise und tugendhaft“ verhielt und dass „kein Mann jemals seiner Frau in größerem Maße sein Herz schenken könnte aufgrund ihrer liebevollen Art“.Letters and Papers, Foreign and Domestic, Henry VIII. Volume 1: S. 1509-1514 Er überschüttete sie mit Geschenken und überließ ihr Einkunftsrechte aus mehreren Ländereien und Städten in Frankreich, darunter Chinon, La Rochelle und Pézenas.Letters and Papers, Foreign and Domestic, Henry VIII. Volume 1: S. 1509-1514
Obwohl der König bezaubert war von seiner jungen, schönen Braut, wurde die Ehe selbst von einigen Zeitgenossen mit Widerwillen betrachtet. So hieß es im Brief Peter Martyrs vom 4. Oktober 1514:
Der Morgen nach der Hochzeitsnacht hielt eine unangenehme Überraschung für Mary bereit. Ludwig entließ sämtliche ihrer Diener und einen Großteil der englischen Hofdamen aus Marys Dienst, unter anderem ihre alte Gouvernante Joan, Lady Guildford (um 1463–1538), von Mary „Mutter Guildford“ genannt. Ihre Entlassung war ein schmerzlicher Verlust für Mary, da Lady Guildford sie und ihre Schwester Margaret von Kindesbeinen an umsorgt hatte. Wütend und verzweifelt schrieb sie Kardinal Wolsey und ihrem Bruder: Der Hinweis, dass es sich für sie nicht schickte, mehr zu schreiben, legte für einige Historiker die Vermutung nahe, dass Mary auf Erlebnisse in der Hochzeitsnacht anspielte, die sie möglicherweise Lady Guildford erzählte. Ludwig weigerte sich allerdings auch auf Wolseys Fürbitten, Lady Guildford wieder einzustellen. Seine Begründung dafür war:
mini|hochkant=1.0|Mary und Ludwig von einem unbekannten Künstler Obwohl der König Mary nach eigenen Angaben zärtlich liebte, war er nicht gewillt, ihre Gouvernante weiterhin bei ihr zu dulden, da ihre Anwesenheit ihm offenbar die Freuden des Ehebettes verdarb. Ende Oktober wurde Mary ein wenig über Lady Guildfords Verlust hinweggetröstet, als Charles Brandon ihren Mann mit einer Gesandtschaft in Frankreich besuchte. Am 5. November wurde sie schließlich in Anwesenheit der englischen Gäste offiziell zur Königin von Frankreich gekrönt. Diesen Titel sollte sie bis an ihr Lebensende behalten, auch während ihrer zweiten Ehe.
Zu ihren Ehren ließ Ludwig ein Turnier ausrichten und bei einem großen Empfang überreichte Mary ihm symbolisch das Geschenk des Friedens zwischen England und Frankreich, der durch ihre Heirat mit dem König möglich geworden war. Die freundschaftlichen Beziehungen der beiden Länder wirkten sich direkt auf die Beziehung Englands mit Schottland aus, was die Auld Alliance empfindlich schwächte und Heinrich mehr Spielraum verschaffte. Durch Marys Einfluss und Suffolks Überredungskünste war Ludwig durchaus gewillt, Heinrich in seiner Politik gegen Schottland zu unterstützen und den neuen Regenten von Schottland, John Stewart, 2. Duke of Albany, in Frankreich zu halten, was Marys Schwester Margaret Tudor, der schottischen Königin, eine Atempause im Kampf um ihre Söhne und ihre Regentschaft verschaffte.Letters and Papers, Foreign and Domestic, Henry VIII. Volume 1: S. 1509-1514
Die Jugend seiner Königin schien auch dem alternden König einen zweiten Frühling zu bescheren. Er nahm häufiger an den höfischen Vergnügungen teil, als er es vor der Hochzeit getan hatte, obwohl er bereits recht geschwächt und häufig krank war. Er starb bereits drei Monate nach der Hochzeit. Boshafte Zungen behaupteten, Mary hätte ihren Mann systematisch „ins Grab getanzt“.Dulcie M. Ashdown: Tudor Cousins: Rivals for the Throne, S. 15 Obwohl Mary zweifellos Charles Brandon liebte, zeigte sie sich Ludwig gegenüber stets als pflichtbewusste, liebevolle Ehefrau. Während Suffolks Besuch, als der kranke König ihn im Bett empfing, saß Mary an seiner Seite und schrieb auch in ihren Briefen an Heinrich stets, dass der König von Frankreich sie liebevoll behandelte. Dennoch bewies Mary nach Ludwigs Tod sehr schnell, wem ihr Herz tatsächlich gehörte.
Die Königswitwe Nach dem Tod des französischen Königs war Mary die attraktivste Partie auf dem europäischen Heiratsmarkt, was zusätzlich dadurch bestärkt wurde, dass das Gerücht umging, sie sei noch Jungfrau. Zunächst musste sie aber nach der französischen Sitte für Königinwitwen 40 Tage Trauerzeit bei verdunkelten Fenstern und Kerzenlicht im Palast Hotel de Cluny verbringen,Maria Perry: The Sisters of Henry VIII. The Tumultuous Lives of Margaret of Scotland and Mary of France. Da Capo Press Edition, Boulder CO 2000, S. 151 auch um zu sehen, ob sie womöglich mit dem zukünftigen Thronfolger schwanger war.
links|mini|hochkant|Franz I., König von Frankreich Die Zeit im Witwengemach war alles andere als angenehm für Mary. Von der tristen, abgedunkelten Umgebung abgesehen, war ihre Zukunft ungewisser denn je. Der neue König von Frankreich, Franz I., schien selbst ein Auge auf die attraktive junge Witwe geworfen zu haben, denn Mary schrieb am 15. Februar 1515 an ihren Bruder Heinrich VIII.:
Um ihren Bruder zu beschwichtigen, fügte Mary hinzu:
Die letzten Worte ihres Briefes zeigen, wie sehr Mary um ihre Zukunft fürchtete und wie hilflos sie in dieser Zeit war.
Ihre stattliche Mitgift war ein Zankapfel zwischen Franz und Marys Bruder. Heinrich bestand auf einer Rückzahlung der Mitgift, Franz war der Ansicht, dass sie mit Marys Ehe in den Kronschatz Frankreichs eingegangen war. Hinzu kam, dass Franz befürchtete, Mary könnte in zweiter Ehe mit einem Angehörigen des Hauses Habsburg verheiratet werden und damit ein antifranzösisches Bündnis begründen. Um über die Rückzahlung der Mitgift und Marys weiteres Schicksal zu verhandeln, sandte Heinrich einmal mehr Charles Brandon nach Frankreich, wobei er ihm einschärfte, die Mitgift zurückzubekommen und dann mit Mary heimzukehren.Letters and Papers, Foreign and Domestic, Henry VIII. Volume 2: S. 1515-1518 Gewarnt durch den Brief seiner Schwester musste Heinrich bereits geahnt haben, dass Mary versuchen würde, so schnell wie möglich den Mann zu heiraten, den sie liebte. Aus diesem Grund warnte er Charles ausdrücklich davor, mit Mary eine Eheschließung einzugehen, während er in Frankreich war.