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Die St.-Marien-Kirche in Winsen (Luhe) ist eine spätgotische Hallenkirche, die etwa ab 1415 erbaut wurde. Besonders prägend für ihr Erscheinungsbild sind das einzelne Seitenschiff und der 63 Meter hohe, sechseckige, neugotische Kirchturm, durch den ein Durchgang der Kirchstraße verläuft. Die evangelisch-lutherische St.-Marien-Gemeinde dient den Einwohnern der Kernstadt und der Dörfer Hoopte, Stöckte, Gehrden, Laßrönne und Tönnhausen. Geschichte Vorgängerbau Bevor die St.-Marien-Kirche erbaut wurde, stand am selben Ort in der im 13. Jahrhundert noch jungen Stadt ein anderer Kirchenbau, der zunächst eine Filialkirche der Gemeinde St.-Gertrud in Pattensen war und die Rechte einer Kapelle innehatte. Ausgrabungen, die im Jahr 2000 bei Renovierungsarbeiten durchgeführt wurden, legten Fundamentreste frei, die mit hoher Sicherheit von dieser früheren Kirche stammen. Demnach war sie deutlich kleiner als die später errichtete Kirche, etwa sieben Meter breit, und befand sich innerhalb der heutigen Außenmauern. Die westliche Begrenzung lag vermutlich im Bereich des jetzigen Glockenturms oder ist mit dem Westfundament, sie ist jedenfalls nicht mehr lokalisierbar. Auch die Lage des Chors konnte nicht festgestellt werden. Die südliche Mauer befand sich im Bereich zwischen dem heutigen Haupt- und Seitenschiff, die nördliche stand südlich der späteren Nordmauer.

Die Winsener Kirche wurde 1233 erstmals urkundlich erwähnt, als das Patronat, das zuvor beim Konvent des Lüneburger St.-Michaelis-Klosters lag, an Helena von Lüneburg und ihren Sohn Otto übertragen wurde. Das Kloster erhielt im Tausch die St.-Knut-Kapelle. Deren Standort ist nicht gesichert. Vermutlich stand sie auf dem Lüneburger Kalkberg, wo sich auch das Kloster und die welfische Burg befanden. Die Reihenfolge und die Ausführlichkeit der Erwähnung der Tauschgegenstände in der Urkunde deuten darauf hin, dass das Hauptanliegen des Tauschgeschäfts die Übertragung der Kapelle war. Mit dem Tausch wurde das Winsener Kirchspiel aus dem Pattensener ausgegliedert und konnte fortan selbständig Begräbnisse, Taufen und andere kirchliche Handlungen durchführen. Die Ausgliederung wurde geldlich abgegolten. Noch im selben Jahr setzte Helena einen Geistlichen ein.

Im Jahr 1336 stifteten die gemeinsam regierenden Brüder Otto III. und Wilhelm II., Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, der Kirche einen St.-Georg-Altar, der vermutlich der erste Nebenaltar war.

Über die frühen Geistlichen ist wenig bekannt, erst ab dem 14. Jahrhundert gibt es gesicherte Informationen. Oben in der Hierarchie stand der Rektor, der vor allem für die Verwaltung des Kirchenguts und die allgemeine Leitung zuständig war. Ihm unterstand der Pleban, dessen Aufgaben die Seelsorge und Predigt umfassten. Beide hatten zeitweise einen Stellvertreter, den Vizerektor bzw. Vizepleban. Für den St.-Georg-Altar war ein Vikar zuständig, der Seelenmessen für die Stifter und ihre Familie zu halten hatte. Er unterstand dem Pleban und dem Rektor. Die Winsener Rektoren hatten – verglichen mit anderen Kirchen – eine vergleichsweise herausragende Rolle und wurden in der Regel mit Angehörigen des lüneburgischen Landadels besetzt. Der erste namentlich bekannte Rektor war Werner Bintremen (1320). Im Jahr 1350 war ein Mann namens Willekin in dem Amt. Möglicherweise ist er mit einem gleichnamigen Rektor der Hittfelder Kirche (1351–1373 belegt) identisch. Heinrich von Offensen ist 1364 als Rektor dokumentiert, bis er am 7. Juli 1365 zum Propst des Ebstorfer Klosters bestimmt wurde. Gleichzeitig war er ab 1375 Kanoniker von St. Blasius in Braunschweig. Das häufige Auftreten Heinrich von Offensens als Protonotarius Wilhelms II. deutet darauf hin, dass er in Winsen keinen seelsorgerischen Aufgaben nachging. In den Jahren 1372 und 1382 ist Dietrich Spoerken als Rektor belegt. 1415 hielt sich Johann, Titularbischof von Salmasa und Weihbischof des Verdener Bischofs Ulrich von Albeck, in Winsen auf. Dies bezeugen Dokumente vom Vizerektor und dem Schulmeister.

Das Kirchengebäude seit dem 15. Jahrhundert mini|Die St.-Marien Kirche um 1650 Anfang des 15. Jahrhunderts wurde der Bau der heutigen Kirche begonnen, wahrscheinlich um 1415, wie ein auf dieses Jahr datierter Ziegelstempel zeigt. Möglicherweise war die alte Kirche für die Gemeinde zu klein geworden. Vermutlich hing der Anlass für den Neubau der Kirche mit Plänen der Lüneburger Herzöge zusammen, eine Residenz in Winsen zu errichten. Nach der Landesteilung 1409 standen Lüneburg und Celle nicht mehr zur Verfügung, da Celle als Witwensitz diente und die Stadt Lüneburg bei der Teilung nicht Heinrich I. zugeschlagen wurde, sondern im Besitz des Gesamthauses verblieb. Spätestens 1428 zogen Bernhard I., Herzog zu Braunschweig-Lüneburg, seine Söhne Otto IV. und Friedrich II. und deren Gemahlinnen ins Winsener Schloss. Im Jahr 1433 wurde der Wohnsitz bereits wieder aufgegeben und Celle als Residenz gewählt. Danach zog sich der Kirchenbau in die Länge. 1437 wurde der Dachstuhl über dem Chor und 1465 der über dem Langhaus errichtet.

Um 1445 wurden drei Altäre sowie Vikare erwähnt. Neben dem St.-Georg-Altar waren dies ein Altar für Maria Magdalena und einer für Kosmas und Damian. 1464 ist erstmals das Patrozinium Unse leve Frowe (Unsere Liebe Frau, also Maria, die Mutter Jesu) belegt.

Das 1477 gegründete Winsener Franziskanerkloster hatte wohl keinen Bezug zu St. Marien und der St.-Georg-Kapelle südlich der Stadt, auch wenn in einiger Literatur behauptet wird, der Orden hätte das Seelsorgerecht für sie erhalten. Die Anwesenheit der Franziskaner von 1348 bis zu ihrer Vertreibung aus Winsen im Jahr 1528 stellt aus heutiger Sicht ein Parallelereignis dar.

Mitte 1526 wurde von ersten reformatorischen Bestrebungen in Winsen berichtet. Ein Jahr später beschloss der Lüneburger Landtag die Reformation. Im Jahr 1528 kehrte Heinrich I., ehemals Herzog von Braunschweig-Lüneburg, aus dem Exil zurück, um die inzwischen unter seinem Sohn Ernst dem Bekenner fortgeschrittene Reformation zurückzudrängen und die Macht zurückzuerlangen, was ihm allerdings nicht gelang. Die Vikarien blieben nach der Reformation zunächst noch bis mindestens 1555 erhalten.

Vor einem 1837 errichteten Dachreiter gab es schon mehrere Glockentürme. Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein Backsteinturm errichtet, der 1899 eingeweiht wurde.

Seit der Reformation wurde die Einrichtung mehrfach geändert. Spätestens seit 1656 verfügt die Kirche über eine Orgel. Die heutige Ott-Orgel wurde 1960 geweiht. Ein Großteil der weiteren Einrichtung sowie die Fenster im Chor stammen ebenfalls aus der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Seit 1883 erinnert ein Denkmal auf dem Platz südlich der Kirche an die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges. Auf dem nördlichen Kirchplatz befindet sich seit 1954 ein Denkmal für den gebürtigen Winsener Johann Peter Eckermann.

Glockenturm Erste Glockentürme mini|hochkant|Architektur des Glockenturms mini|hochkant|links |Blick vom Turm auf die Marktstraße Angesichts der Bedeutung der Winsener Kirche als Stadtkirche und fürstliche Patronatskirche erscheint es unwahrscheinlich, dass sie im Mittelalter keinen Glockenturm hatte. Dennoch ist in der ersten bekannten Erwähnung des Glockenturms im Jahre 1578 von seiner Errichtung die Rede. Möglicherweise war damit ein Wiederaufbau, vielleicht nach dem Stadtbrand 1528, gemeint.

Über viele Jahrhunderte läuteten die Kirchenglocken von freistehenden Holztürmen, die jeweils dem Feuer zum Opfer fielen. So wurde der Turm beim großen Stadtbrand im Jahr 1585 zerstört und in den Jahren 1605 bis 1608 mit einem Mauerwerk und hölzerner Spitze versehen, neu errichtet. Im Jahre 1627 wurde die Stadt im Dreißigjährigen Krieg von Dänen in Brand geschossen. Dem fiel erneut auch der Glockenturm zum Opfer. Von 1663 bis 1664 wurde auf dem stehengebliebenen Steinsockel eine neue Turmspitze gesetzt. Am 16. April 1822 schlug der Blitz in den Turm ein, sodass er bis auf die untere Mauer niederbrannte. Im 1663/1664 errichteten Turm befanden sich zwei Läute- und zwei Schlagglocken. Die große Läuteglocke wurde bereits 1585 und 1628 beschädigt und anschließend umgegossen. 1645 und 1687 entstanden erneut Sprünge. Am Rand der Glocke stand: Mein Klang möge bis zu den spätesten Zeiten Ohren und Herzen treffen und mahne alle dringend an Gebet und Tod. Den Brand im Jahr 1822 überlebte nur die Viertelstundenglocke. Die Stundenglocke und die Läuteglocken wurden unter der Hitze verschmolzen. Die Metallstücke wurden in den folgenden Tagen eingesammelt.

Stahlstangengeläut Für einen neuen Glockenturm und den Guss von Glocken fehlten damals die finanziellen Mittel und die Spendenbereitschaft von Gemeindemitgliedern war gering. Aus diesem Grund wurde Glockenmetall der zerstörten Glocken verkauft. In den folgenden Jahren erklang die Viertelstundenglocke gemeinsam mit einer Glocke der St.-Georg-Kapelle. Als 1830 noch immer keine Besserung der finanziellen Lage in Sicht war, meldete sich ein Mann aus einer Gaststätte in Hannover, der erklärte, er habe ein Geläut aus Stahlfedern erfunden, das sogar besser als Glocken klinge und in größerer Entfernung hörbar sei. Die Kosten seien erheblich geringer. Doch bevor die Winsener eine Antwort geben konnten, hatte er bereits die Gaststätte in unbekannte Richtung verlassen. Anfang 1831 verbreitete sich die Nachricht, dass Stahlstäbe eines Schmiedemeisters aus Roßlau als Geläut eingesetzt werden könnten. Der Winsener Amtsvogt Blume beauftragte auf Grund dessen den Coswiger Baukondukteur Henning, eine Stahlfeder anfertigen zu lassen, die am 21. Oktober 1833 in Hoopte ankam und vier Tage später in Winsen zur Probe geläutet wurde. Die Kirchengemeinde hatte daraufhin beschlossen, weitere Federn anzuschaffen, doch aus unbekannten Gründen erfolgte das nicht.

Ein weiteres Mal war vom Einsatz hochwertiger Stahlstäbe der Sollinger Hütte die Rede, die zu einem Geläut komplettiert werden konnten. Nach einem Schriftwechsel mit Blume erklärte das Hüttenmanagement, ein Stahlstangengeläut herstellen und im Herbst 1836 auf einer Gewerbeschau in Hannover vorstellen zu wollen, die allerdings ausfiel. Im April 1837 verschickte die Sollinger Hütte das Geläut zu einer Lüneburger Gewerbeschau. Obwohl dort stattfindende Proben als klanglicher Misserfolg beurteilt wurden, bestellte Winsen am 20. Juni 1837 die Stahlstangen. Statt in einem freistehenden Turm wurden sie in einem dafür erbauten Dachreiter auf der Kirche montiert. Ab dem 3. Dezember 1837, dem ersten Advent, läuteten sie zum Gottesdienst. Mit der Zeit wurden sie als eintönig empfunden. Der spätere Superintendent Hermann verglich sie mit „heidnischem Klingelwerk“.

Statikprobleme und Bau eines neuen Turms Das Hauptproblem war jedoch nicht der Klang, sondern die Statik. Kurz nach 1850 mahnten Baufachleute, der Dachreiter stelle eine Gefahr für die Kirche dar. In den folgenden Jahrzehnten entstanden Entwürfe für einen Kirchturm, die allesamt nicht umgesetzt wurden. Am 12. Februar 1895 kam Conrad Wilhelm Hase, Konsistorialbaumeister der Hannoverschen Landeskirche, der einige Jahrzehnte zuvor einen der Entwürfe angefertigt hatte, zu der Erkenntnis, dass das Dach einzustürzen drohe, wenn der Dachreiter nicht entfernt werde. Am 26. August wurde beschlossen, einen Kirchturm im neugotischen Stil nach Plänen des Architekten Eduard Schlöbcke auszuführen, der in Winsen geboren und damals Privatdozent an der Technischen Hochschule Hannover war. Im Dezember des folgenden Jahres begannen die Erdarbeiten. Ende 1897 wurden vier neue Glocken geweiht. Die Stahlstäbe waren noch ein Jahr als Schlagwerk für die Uhr in Betrieb, dann wurde der Dachreiter entfernt. Am 2. Juli 1899 wurde der Kirchturm eingeweiht.

Seit dem 20. Jahrhundert Im Glockenturm befindet sich seit 1958 eine Gedächtniskapelle für die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges und des Ersten Weltkriegs, darüber ein weiteres Turmzimmer.