Die Volksrepublik China ist ein laizistischer Staat und die Mehrheit der Chinesen bekennt sich offiziell zu keiner Konfession. Es gibt bis heute kein nationales Religionsgesetz, sondern nur vielerlei Dokumente. Das Verhältnis des Staats zu den Religionen ist unklar und lokal unterschiedlich. Die Regierung der Volksrepublik China fördert jedoch den chinesischen Volksglauben als “einzig kompatible Religion mit dem chinesischen Staatssystem”. Chinas indigene Religion ist der Daoismus. Dessen geistige und rituellen Vorläufer sind der chinesische Geisterglaube, die Geomantie und andere magische Künste (wie die Wahrsagerei und das Hand- und Gesichtslesen) sowie die Naturverehrung und der der Schamanismus als Ganzes. Der Buddhismus kam erst um die Zeitenwende über die Seidenstraße und auf dem Seeweg nach China. Über die Seidenstraße kam später auch der Islam nach China und ab dem 12. Jahrhundert gibt es erste Kontakte mit dem Christentum.
Wesen der Religion in China Religionen haben in China eine durchaus andere Bedeutung als in Europa. In China hat die Frage nach dem Sinn des Lebens, einem Leben nach dem Tod oder nach einem allmächtigen Gott nie eine große Rolle gespielt. Konfuzius antwortete auf die Frage, was nach dem Tode geschehen wird: „Wenn wir noch nicht einmal wissen, was das Leben ist, wie können wir da etwas vom Tod wissen?“ Über Götter sagte er, dass man zwar nicht wisse, ob sie existierten, man solle aber so leben, als ob sie existieren würden.
Im Zentrum der chinesischen Kultur standen stets das Leben, die Erde, Harmonie und das Glück der Menschen, nicht ein unsichtbarer Gott im Himmel. Der chinesische Philosoph Lin Yutang (1895–1976) schrieb darüber: „Dem westlichen Geist ist es kaum fassbar, dass die Beziehung von Mensch zu Mensch ohne den Gedanken an ein höchstes Wesen fruchtbar gestaltet werden könnte, während es dem Chinesen ganz ebenso erstaunlich vorkommt, weshalb die Menschen sich nicht auch ohne den Gedanken an einen Gott untereinander anständig sollten benehmen können.“
Für die Chinesen ist eine Religion eine Lehre unter vielen anderen Lehren. Sie schließt andere Lehren nicht aus und kann kein Vorrecht als Lehrmeinung oder unfehlbare Gültigkeit beanspruchen. Auch kann ein Chinese mehreren Religionen gleichzeitig anhängen. Ein Sprichwort beschreibt das Verhältnis der drei wesentlichen chinesischen Lehren: „Ein Chinese ist Konfuzianer, wenn es ihm gut geht, er ist Daoist, wenn es ihm schlecht geht, und er ist Buddhist im Angesicht des Todes.“ Auch werden die verschiedenen Religionen unterschiedlichen „Arbeitsfeldern“ zugeordnet. Zu einer Heirat wird bevorzugt ein Daoistenpriester hinzugezogen, während zu Beerdigungen eher buddhistische Mönche gerufen werden.
Die chinesischen Kaiser, die zugleich Oberhaupt des chinesischen Staatskults waren, besuchten bei besonderen Festen die Tempel aller Religionen. Der Unterschied im Verhalten der Kaiser gegenüber den verschiedenen Religionen lag nur darin, dass die Kaiser sich vor dem Altar des Himmelstempels und des Konfuziustempels niederwarfen, während sie sich vor den anderen Altären nur verbeugten.
Die Religion des einfachen Volkes ist eine Mischung aus altem Volksglauben mit Weissagen, Handlesen, Heilzaubern und Geistervertreiben sowie Feng Shui (= Geomantik), Fojiao (= Buddhismus), Daojiao (= Daoismus) und Kongjiao (= Konfuzianismus). Weder die Priester noch die einfachen Gläubigen interessieren sich dafür, aus welcher Religion ihre Götter stammen. Sie ist utilitaristisch und befasst sich wenig mit religiösen Bekenntnissen. Wichtig ist die Hilfe der Götter für ein gutes und langes Leben.China im Widerspruch: Mit Konfuzius ins 21. Jahrhundert, Helmut Steckel, Rowohlt Verlag, 1988.
Rechtlicher Status der Religionen mini|Tempel im Hengshan-Gebirge in der Provinz Hunan
In der Verfassung der Volksrepublik China ist der Schutz religiöser Lebensformen von Anfang an verankert, solange sie sich nicht gegen den Staat richten. Dazu gehört, dass die Religion nicht zu konterrevolutionären Tätigkeiten missbraucht wird, durch die Religionsausübung die öffentliche Ordnung nicht gestört wird, die religiösen Aktivitäten nicht durch eine ausländische Macht kontrolliert werden.
Die chinesische Religionspolitik gründet sich zwar auf der Verfassung, sie wird jedoch durch vielerlei Dokumente der Partei und der Regierungen auf den verschiedenen Ebenen (Provinz, Autonome Region, Kreis, Stadt) bestimmt. Die Formulierungen dieser Dokumente, die juristisch gesehen zwar keinen Gesetzescharakter besitzen, jedoch trotzdem die Basis der Religionspolitik bilden, lassen Spielraum für sehr unterschiedliche Auffassungen und für diametral entgegengesetzte Entscheidungen der Behörden in der Praxis, so dass die Verwirklichung der offiziellen Religionspolitik auf lokaler Ebene sehr unterschiedlich ausfallen kann. Auch gelten viele Dokumente nur für eine einzige Stadt oder einen Kreis. Trotz etlicher Anläufe gibt es in der VR China bisher kein ReligionsgesetzNeue Vorschriften für religiöse Angelegenheiten in der Volksrepublik China, S. 22–31 und mit dem Aufschwung der Religionen in China entstanden ausgedehnte Grauzonen zwischen dem „Untergrund“ und den vom Staat offiziell anerkannten Kirchen.
Religion in der chinesischen Verfassung Die Volksrepublik China ist seit Anfang, gemäß der Verfassung, ein laizistischer Staat. Dies wurde in den Verfassungen folgendermaßen festgelegt:
Verfassung von 1954 Nach der Gründung der Volksrepublik China wurde in der Verfassung des Jahres 1954 festgelegt: „Jeder Bürger der Volksrepublik China soll Religionsfreiheit haben.“ Es wurde aber von Anfang an unterschieden zwischen religiösen Glaubensinhalten und der Organisation religiöser Institutionen. Was die Glaubensinhalte betraf, so überließ man es weitgehend den Religionsgemeinschaften, sie selber zu bestimmen. Die religiösen Institutionen wurden jedoch einer strengen Reglementierung und Kontrolle seitens der Partei und der Regierungsorgane unterworfen, um zu verhindern, dass sie Einfluss auf die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse im Land nehmen könnten. Die in der Verfassung festgelegte Religionsfreiheit wurde jedoch in der Frühphase der kommunistischen Herrschaft nur beschränkt beachtet und in der Zeit der Kulturrevolution (1966–1976) vollständig außer Kraft gesetzt.
Verfassung von 1978 Im Artikel 46 der Verfassung wird die Religionsfreiheit folgendermaßen beschrieben: „Die Bürger sind frei, an eine Religion zu glauben, frei, nicht zu glauben, und frei, den Atheismus zu propagieren.“
Verfassung von 1982 In der bis heute geltenden Verfassung der Volksrepublik China von 1982 lautet Artikel 36:
„Die Bürger der VR China genießen die Glaubensfreiheit. Kein Staatsorgan, keine gesellschaftliche Organisation und keine Einzelperson darf Bürger dazu zwingen, sich zu einer Religion zu bekennen oder nicht zu bekennen, noch dürfen sie jene Bürger benachteiligen, die sich zu einer Religion bekennen oder nicht bekennen. Der Staat schützt die normalen religiösen Tätigkeiten. Niemand darf eine Religion dazu benutzen, Aktivitäten durchzuführen, welche die öffentliche Ordnung stören, die körperliche Gesundheit von Bürgern schädigen oder das Erziehungssystem beeinträchtigen. Die religiösen Organisationen und Angelegenheiten dürfen von keiner ausländischen Kraft beherrscht werden.“
Diese Verfassungsgarantie der Religionsfreiheit bezieht sich nur auf die fünf anerkannten Religionen, nämlich Buddhismus, Daoismus, Islam, Protestanten (die in China „Christen“ heißen) und Katholiken, und zwar in ihren offiziellen, staatlich anerkannten und durch sogenannte „Patriotische Vereinigungen“ agierenden Strukturen (siehe unten).Georg Evers: Religionsfreiheit in der Volksrepublik China
Rolle der Religionen in der Gesellschaft Religion im alten China Religionen galten im alten China als verdächtig. Der Konfuzianismus setzte Religion mit Aberglaube gleich. Die Chinesen selbst brachten keine Erlösungsreligion hervor, im Gegenteil, Lao-Tse, dem Vater des Daoismus, wird die Aussage zugeschrieben: „Der Mensch braucht weder Götter noch Geister, wenn er dem Dao folgt.“ Dao meint hier das Streben nach Harmonie und die Suche nach dem rechten Weg.Woran die Chinesen glauben: Religion, Seelenfrieden und Olympia im Land des Lächelns 3sat.de Erlösungsreligionen wie das Christentum oder der Islam wurden als etwas Fremdes, von außen Gekommenes und, in Zeiten innerer Schwäche, als etwas Staatsbedrohendes wahrgenommen.Balduin Winter: Chinas wilder Westen Forum für Politik, Ökonomie, Kultur 3/2008
Die Sicherung der staatlichen Einheit war stets vorrangiges Ziel der chinesischen Religionspolitik. Eine gute Religion verband sich mit dem Staat und wurde zur staatstragenden Kraft, indem sie dem Kaiser oder der herrschenden Regierung den Segen des Himmels vermittelte. Beispielhaft dafür ist der Konfuzianismus. Der Staat wurde im Konfuzianismus wie eine riesige patriarchalisch organisierte Familie verstanden, in der jeder seine Stellung, verbunden mit den damit einhergehenden Verpflichtungen, hatte. Religionen, welche das existierende politische System aus einer prophetischen Sendung heraus zu kritisieren wagten und sich um Einfluss auf politische oder gesellschaftliche Veränderungen bemühten, wurden als heterodox abgelehnt und verfolgt. Ihre Anhänger galten dann nicht mehr nur als religiöse Spinner, sondern als anarchistische Elemente und als eine Gefahr für den Bestand des ganzen Systems. Gerade das Christentum hat in der Vergangenheit öfter das herrschende System in Frage gestellt und sich für Veränderungen bis hin zur Revolution eingesetzt.
Religion in der VR China mini|Blick auf den Sheshan-Hügel mit der Marienbasilika und dem Astronomischen Observatorium Shanghai
Seit Beginn der Volksrepublik ist China, gemäß der Verfassung, ein laizistischer Staat. Das Verhältnis zwischen dem Staat und den Religionen war im Verlauf der letzten Jahrzehnte jedoch sehr unterschiedlich.
Vom Beginn der Volksrepublik bis zur Kulturrevolution Die neue Regierung übernahm von den Vorgängern die Skepsis gegenüber den Religionen. Gemäß der kommunistischen Vorstellung erwartete die kommunistische Regierung jedoch ein „natürliches“ Verschwinden der Kirchen. Im Jahr 1950 sagte Premierminister Zhou Enlai vor protestantischen Christen dazu folgendes: „Wir werden euch lehren und versuchen lassen, das Volk zu bekehren…. Schließlich glauben wir beide, dass sich die Wahrheit durchsetzen wird. Wir sind der Ansicht, dass eure Glaubenssätze falsch und unwahr sind, deshalb wird das Volk, wenn wir denn recht haben, sie verwerfen, und die Kirche wird zugrunde gehen. Solltet ihr jedoch recht haben, dann wird das Volk euch glauben. Aber, da wir sicher sind, dass ihr unrecht habt, lassen wir uns auf dieses Risiko ein.“
Trotz des Neutralitätsgebots in der Verfassung stand die Regierung in den 50er Jahren den Religionen feindselig gegenüber – eine Haltung, welche zum Teil aus ideologischen Gründen herrührte, zum Teil aber auch aus den schlechten Erfahrungen mit westlichen Missionswerken, die eng mit den Kolonialisten zusammenarbeiteten.Richard Wilhelm: Die Seele Chinas, 1926 Alle ausländischen christlichen Missionare (ca. 6200) wurden aus China ausgewiesen und der Kontakt der Kirchen zu allen ausländischen Organisationen abgebrochen.
Nach der Lehre der chinesischen kommunistischen Partei sollten sich alle religiösen Organisationen darüber hinaus streng auf die religiösen Inhalte und damit verbundenen Riten beschränken. Sie sollten sich keinesfalls in Belange einschalten dürfen, die in einer sozialistischen Gesellschaft dem Staat zugeordnet sind. Das wurde lange Zeit so interpretiert, dass sich die Religionen auf den Gebieten der Erziehung, des Gesundheitswesens und der Sozialarbeit nicht betätigen dürfen. Sie mussten sich ausschließlich auf den binnenreligiösen Raum beschränken.