Wirtschaftssoziologie ist eine spezielle Soziologie. Sie befasst sich mit der soziologischen Analyse von ökonomischen Phänomenen im gesellschaftlichen Zusammenhang.
Geschichte und Entwicklung der Wirtschaftssoziologie mini|hochkant|Max Weber (1894) mini|hochkant|Vilfredo Pareto Die Politik sowie die Nikomachische Ethik von Aristoteles sind die ersten uns bekannten systematische Darstellungen einer einheitlichen Sozialwissenschaft. Deren Hauptinteresse liegt auf dem Gebiet der politischen Soziologie, welcher Wirtschaftssoziologie und Wirtschaftslehre untergeordnet werden.Joseph A. Schumpeter, (Elizabeth B. Schumpeter) (Hrsg.): Geschichte der ökonomischen Analyse. Erster Teilband. Vandenhoeck Ruprecht Göttingen 1965. S. 97 Für Vilfredo Pareto, Ferdinand Tönnies, Émile Durkheim, Georg Simmel oder Max Weber, die zu den „soziologischen Klassikern“ zählen, gehören Verstehen und Erklären wirtschaftlicher Tatbestände und Zusammenhänge zur wissenschaftlichen Aufgabe der Soziologie. Besonders die Frage nach dem Charakter, den kausalen Ursachen und den gesellschaftlichen Folgen der modernen kapitalistischen Wirtschaftsform steht im Zentrum vieler Werke der klassischen Soziologie. Wirtschaftliches Handeln wird dabei als eine besondere Form des sozialen Handelns angesehen. Dies ermöglicht es, wirtschaftliches Tun als Ergebnis gesellschaftlicher Aggregations- und Konstruktionsprozesse zu interpretieren.
Aus mehreren Gründen differenzierte sich das Fach Nationalökonomie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend in die Wirtschaftswissenschaften (Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre) und in die Soziologie. Einen Nebenstrang hierzu bildeten die Staatswissenschaften und die Finanzwissenschaft sowie die Finanzsoziologie (Rudolf Goldscheid, Fritz Karl Mann, Joseph Schumpeter und Max Weber).
Ein Hauptgrund für die Trennung von Nationalökonomie und Soziologie ist die Herausbildung einer „reinen Ökonomie“, die sich auf eine „exakte“ Modellbildung beschränkteJoseph Schumpeter: Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie. Berlin 1970, S. 32; „… exakt sein heißt, alle nötigen und nur die nötigen Worte zu machen.“ (S. 76), die sich mathematischer Funktionen bediente. Den Boden für eine solche der Form nach mathematische Analyse war durch William Stanley Jevons, Carl Menger und Léon Walras bereitet worden. Im Verein für Socialpolitik kam es darüber zu dem sogenannten Methodenstreit mit Vertretern einer historisch orientierten Nationalökonomie. Darauf kam es im sogenannten Werturteilsstreit zu einer weiteren Kontroverse um die Frage, inwieweit es zur Aufgabe von Wissenschaft gehören sollte, Werturteile zu fällen, etwa in sozialpolitischen Fragen. In den 1920er Jahren hat sich dann innerhalb der Volkswirtschaftslehre die theoretische Ökonomie mit ihrer der mathematischen Betrachtungsweise weitgehend durchgesetzt. Zu deren Ergänzung hielt Schumpeter dann die Wirtschaftssoziologie als eine stilisierte Geschichte der wirtschaftlichen Institutionen für sinnvoll.Joseph A. Schumpeter/Elizabeth B. Schumpeter, Hrsg.: Geschichte der ökonomischen Analyse. Erster Teilband. Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1965, S. 51 f.
Aber auch in der Soziologie selbst lässt sich diese Abscheidung beobachten. Talcott Parsons kritisierte das individuell - utilitaristische Handlungsmodell der ÖkonomenTalcott Parsons: Economics and Sociology: Marshall in Relation to the Thought of His Time. Quarterly Journal of Economics, 46, 1932, S. 316–347. und klassifiziert in seiner Handlungs- und Systemtheorie den ökonomischen Bereich als eines der wesentlichen Teilsysteme der Gesellschaft.Talcott Parsons, Neil J. Smelser: Economy and Society. New York 1956.
Die Kritische Theorie bezieht sich zwar auf die Folgen der kapitalistischen Wirtschaftsweise, arbeitet aber zumeist kultursoziologisch, ohne die Wirtschaftsabläufe selbst in den Blick zu nehmen. Insbesondere die Industrie- und die Organisationssoziologie bemüht sich um einen integrierten Blick von Soziologie und Wirtschaftswissenschaft. Dabei stehen allerdings vor allem die innerbetrieblichen Abläufe sowie die Mikroanalysen der Arbeitsverhältnisse und -bedingungen in der Produktion im Vordergrund der Betrachtung. Mit der Auswanderung der deutschen Soziologie aus den Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen in die Philosophischen Fakultäten und Fachbereiche gibt es immer weniger soziologischen Nachwuchs mit wirtschaftswissenschaftlichen und -rechtlichen Kenntnissen. Zu den Professoren, die sich mit soziologisch-ökonomischen Fragen auseinandersetzen gehört Sighard Neckel, ein Soziologe, der seit 2016 an der Universität Hamburg lehrt.
Richard Swedberg bündelt und hält die in vielen Richtungen forschende Wirtschaftssoziologie zusammen und trägt damit maßgeblich zur Ordnung und Strukturierung der verschiedenen Forschungsrichtungen der Wirtschaftssoziologie und ihrer Ergebnissen bei.Richard Swedberg: The Critique of the 'Economy and Society' Perspective During the Paradigm Crisis: From the United States to Sweden. Acta Sociologica, 29 (1986), S. 91–112. Sich selbst sieht Swedberg als ein Vertreter der Weberschen „verstehenden Wirtschaftssoziologie“, die am Interessenkonzept festhält. Swedberg schuf mit seinem Handbook of Economic Sociology die Grundlage und ein international anerkanntes Standardwerk der Wirtschaftssoziologie.
Die Wirtschaftssoziologie als Teildisziplin (oder „Bindestrichsoziologie“) ist ein wichtiger Forschungsbereich der Soziologie als Wissenschaft in der modernen, globalisierten Gesellschaft. Max Weber, ein bedeutender Gründungsvater der Soziologie, befasste sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert mit den Auswirkungen der Ökonomie und ihrer staatlich-politischen Organisation auf die Gesellschaft. Zu Webers Standardwerken zählt das Buch Wirtschaft und Gesellschaft, das durch vergleichende Analysen einen Grundstein für weitere wirtschafts-, fiskal- und herrschaftssoziologische Forschung gelegt hat.
Weber vertritt das 'Interessenkonzept', das Akteure als Tauschpartner ansieht, die rational handeln, um den eigenen Nutzen zu maximieren. Hierfür konzipierte Weber die Idealtypen des zweckrationalen und wertrationalen Handelns (siehe Soziales Handeln). Auf diese Vorstellung stützt sich auch die ökonomische Forschung, deren neoklassischer Zweig den Menschen als Homo oeconomicus betrachtet.
Der Ökonom Alfred Marshall gilt neben Weber als ein weiterer Begründer der frühen Wirtschaftssoziologie. In seinen Hauptwerken Principles of Economy (1920) und Industry and Trade (1919) befasst sich Marshall mit der Untersuchung von Industriedistrikten in Sheffield / England und Solingen / Deutschland, die er als Organisationsform der Produktion durch das allgemeine Kapitalismusmodell betrachtet. Ergebnisse seiner Studien sind, dass es vorteilhaft für Industrien sei, sich nahe an anderen Industrien anzusiedeln, und dass durch die räumliche Nähe eher Spezialisierung und Kooperation möglich wären. Marshall erweitert den Begriff des Marktes und etabliert in ökonomischer Forschung die Angebot-Nachfrage-Kurve (1890), die aufzeigt, dass bei Preisangleichung Märkte entstehen. Im Laufe seiner Forschungen jedoch verändert Marshall seine Ansichten über Märkte. Am Ende seines Schaffens beleuchtet er auch die sozialen Dimensionen von Märkten. Bei der Betrachtung von Marshalls Gesamtwerk kristallisieren sich 5 Faktoren für das Verständnis von Märkten heraus. Raum und Zeit sind wichtig für allgemein formell regulierte Märkte, formelle Regeln, informelle Regeln und Vertrautheit andererseits wichtig für spezifische, formell nicht geregelte Märkte.
Neue Wirtschaftssoziologie
In den 1970er- und 1980er-Jahren entwickelte sich – ausgehend von den USA – eine neuere Wirtschaftssoziologie mit dem Ziel, die Erklärung wirtschaftlichen Handelns nicht mehr allein den Wirtschaftswissenschaften zu überlassen, sondern selbst hierzu einen Beitrag zu leisten. Waren zuvor vor allem die Auswirkungen wirtschaftlicher Prozesse auf die Gesellschaft analysiert worden, wurde von nun an die sozialen Hintergründe wirtschaftlichen Handelns herausgearbeitet. Dabei lässt sich die Kritik der Wirtschaftssoziologie auf drei zentrale Kritikpunkte an der Wirtschaftstheorie bringen, die die Handlungslogik wirtschaftlicher Akteure wie Unternehmen oder Organisationen betreffen (vgl. Homo oeconomicus), aber die Ordnung des Marktes selbst oder den Austausch zwischen marktlichen und staatlichen Akteuren.
Die Neue Wirtschaftssoziologie löst die neoklassische Sichtweise ab, die Märkte als „perfekte Märkte“ mit vollkommener Konkurrenz und Information beschreibt, und das Zustandekommen des Preises als ein Resultat von Angebot und Nachfrage betrachtet. Doch dem Problem der Preisbildung im Markt schenkt die Wirtschaftssoziologie seit jeher wenig Aufmerksamkeit. Laut Weber entstehen Preise durch Kampf und Kompromisse. Dieser Idee schließen sich auch Granovetter und Yakubovich (2001) an. In ihrer Studie untersuchen sie die Preisbildung in der Amerikanischen Energieversorgungsindustrie des 19. Jahrhunderts. Sie bestätigen mit der Studie Webers These, dass der Preis das Ergebnis von Machtkonstellationen sei.
Ökonomische Forschung ist bisher vornehmlich am Preisbildungsprozess interessiert gewesen, Soziologische Forschung jedoch konzentriert sich mehr auf den Markt als Institution. Markt soll dann heißen ein Ort, an dem Interessen aufeinandertreffen. Der durch den Zweiten Weltkrieg entstandene „Bruch mit der Moderne“Ulrich Becks Antwort in der Vorlesung Sozialstruktur der Bundesrepublik Deutschland im Sommersemester 2005 an der Ludwig-Maximilians-Universität München auf die Frage eines Studenten, wie die 13 Jahre Nationalsozialismus in die Theorie reflexiver Modernisierung passten. und die anschließenden Jahre des Aufbaus und Aufschwungs hinterlassen eine fast 50 Jahre andauernde Lücke in intensiver wirtschaftssoziologischer Forschung. Ende der 1970er Jahre dann kommt der Aufbruch der Neuen Wirtschaftssoziologie. Durch die kritische Abgrenzung zur klassischen und neoklassischen ökonomischen Wirtschaftstheorie, die einen perfekten Zustand des Marktes voraussetzt (vollständige Konkurrenz / Information), in dem rationales und von Eigennutz geprägtes Verhalten nur geringfügig von sozialen Beziehungen beeinflusst wird, entsteht die strukturale Soziologie mit einer eigenständigen soziologischen Theorie des Marktes. Die Erklärung hinsichtlich der Funktion von Märkten mit dem neoklassischen Marktgleichgewicht der klassischen Ökonomie werden unter anderem von Harrison C. White als unzureichend angesehen. In den Vordergrund seiner Forschung rückt die Untersuchung von Märkten hinsichtlich der Struktur sozialer Beziehungen der Marktakteure zueinander. White differenziert zwei Arten von Märkten, solche, auf denen Akteure die Rollen tauschen (switch role markets), und solche, auf denen die Akteure feste Rollen innehaben (fixed role markets). Letztere Marktform ist laut White in der Ökonomie dominant. Die Marktidentität ist an eine Seite des Marktes gebunden. Der Akteur ist entweder Käufer oder Verkäufer. Somit begründet sich seit Mitte der 1980er Jahre die Neue Wirtschaftssoziologie, die sich insbesondere in der US-amerikanischen Soziologie eine neue Nische schafft. Durch die kritische Abgrenzung zur neoklassischen ökonomischen Theorie etabliert sich innerhalb soziologischer Forschung der auf der Netzwerktheorie beruhende Einbettungsansatz. Der Anspruch dieses Ansatzes lautet, die positive Wirkung sozialer Beziehungen auf wirtschaftliches Handeln auszuarbeiten. Damit löst die neue wirtschaftssoziologische Forschung die seither dominierende neoklassische Argumentationslogik ab und etabliert an dieser Stelle die Vorstellung der strukturalen Soziologie, die mit dem Netzwerkansatz eine analytische Methode zur Untersuchung der Beziehungen zwischen und innerhalb von Akteuren bietet.