Das Lied vom Kindsein ist ein Gedicht von Peter Handke.
Es wurde 1986 für den Film Der Himmel über Berlin von Wim Wenders geschrieben, der das Kindsein als utopischen Idealzustand der Menschen andeutet.
Aufbau und Entstehung Das Lied vom Kindsein hat vier Strophen, die jeweils mit dem Vers beginnen „Als das Kind Kind war“. Wichtiges Bauprinzip des Gedichts ist die paradigmatische Reihung, die auch die Duineser Elegien (1923) von Rainer Maria Rilke bestimmt. Der Leser muss in ihnen die einzelnen Aspekte selbst zusammenfügen.
Peter Handke schrieb das Gedicht wie auch Prolog für eine Liebe und Anrufung der Welt in erster Linie für den Film nach einem Gespräch mit Wenders. Handke fühlte sich 1986 ausgeschrieben und konnte daher nur Teile für den Film liefern und kein Erzählgerüst oder Drehbuch im traditionellen Sinne. Die Gedichte entstanden in einem Prozess, durch den das Werk eines Autors in die Literatur eingeht, ohne die traditionellen Stationen des literarischen Werdegangs in Buchform zu durchlaufen. Sie wurden nie in einem Buch oder als eigenständiges Werk veröffentlicht. Aber auch das Filmbuch enthält die Gedichte nicht vollständig. Es ist also Literatur, die weder der Konzeption der Papierform von Gedichten entspricht und den traditionellen Literaturbegriff erfüllt, noch entstand sie in filmischer Schreibweise.
Der Schritt einer Transformation vom Gedicht zum Film lässt sich nicht allein mit einer literaturwissenschaftlichen Auffassung von Lyrik verstehen und muss davon unterschieden werden.
Handkes Texte hängen häufig mit dem Grundgedanken einer Verschmelzung von Leben und Kunst zusammen, wie ihn die Wiener Gruppe und die Grazer Gruppe angestrebt haben. Dazu gehören unter anderem Sprach-Happenings, Collagen, poetische Demonstrationen und visuelle Texte. Das Lied vom Kindsein und die Texte für Himmel über Berlin sind ein Hinweis auf seinen Versuch, vorhandene literarische und filmische Muster zu überwinden. Der Film bringt zugleich die literarischen Ansprüche einer neuen Generation von Schriftstellern zur Geltung, die nicht länger an traditionellen Mitteln festhalten wollen.
Möglich ist, dass eine Stelle im 1. Brief des Paulus an die Korinther Handke zu dem Gedicht inspiriert hat: „Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind und hatte kindische Anschläge; da ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindisch war.“ Das Grundthema des Wandels des Kindes zum Erwachsenen wird aufgegriffen, aber verändert. In Handkes Notizbuch findet sich der Anfang des Gedichts zunächst in der ersten Person („Als ich ein Kind war“) und wurde später in die allgemeine Form „Als das Kind Kind war“ geändert.
Allgemeine Aspekte Das Gedicht fragt zum einen nach den Bedingungen menschlichen Daseins und seiner Kategorien. Zum anderen beschreibt es nicht direkt die Erfahrung der Erinnerung an die Kindheit und stellt diese Erfahrung dar, sondern es liefert einen poetischen Ausdruck des Gefühls, das die Erinnerungen an die Kindheit begleitet. Es zeigt die lebendige Kraft, die diese Erinnerungen besitzen.
Es steht in einer sinnbildlichen, barocken Tradition als Rätsel und wirft Fragen auf, die existenzphilosophische Themen aus der Metaphysik und Moralphilosophie sind. Der Beginn des Films, in dem das Gedicht erscheint, ist mit dem Kindheitsideal zugleich aber auch der Romantik in der Tradition von E. T. A. Hoffmann und Wilhelm Hauff verpflichtet.
Das Staunen hat im Lied vom Kindsein den hohen Stellenwert, den es seit Platon und Aristoteles bis in die moderne Philosophie behalten hat. Thema sind Grundfragen der Existenz und die „Kinderfragen“, wie sie der Philosoph Ernst Bloch nennt. Diese Kinderfragen sind Grundfragen der Metaphysik wie zum Beispiel „Warum ist etwas und nicht nichts?“, die auch den Philosophen Martin Heidegger beschäftigten, auf dessen Philosophie Handke sich oft bezog, und sind ein Thema des Gedichts. Auf eine Lebensweise, die mehr vom Staunen als vom Wissen gekennzeichnet ist, legte auch der Philosoph Jacques Derrida großen Wert, nach dessen Auffassung es die Ansicht von sicherem Wissen entmachtet. Das Staunen öffnet nach Derrida Möglichkeiten für die Ansicht, dass die Differenz, obwohl sie gar nicht ist, sich in Sprache und Denken auswirkt. In Derridas Denken hat das Staunen auch eine ethische Dimension, er plädiert für die unvoreingenommene Hinwendung zu jedem einzelnen Menschen und jedem einzelnen Phänomen, selbst wenn klar sei, dass vollkommen unvoreingenommene Wahrnehmung unmöglich ist. Das Kindheitsideal kann daher auch als Dekonstruktion des Mythos von der metaphysischen Kompetenz der Menschen überhaupt verstanden werden. Das Lied vom Kindsein versucht, die Gegenwart als Ergebnis einer individuellen Vergangenheit und Zukunft zu begreifen. Schon im ersten Vers zeigt sich temporale Widersprüchlichkeit darin, dass ein Kind Kind war, also keines mehr ist. Dadurch wird eine Paradoxie hervorgerufen.
Kindheit bei Peter Handke Die Kindheit als Thema spielt in Handkes Werk insgesamt eine Rolle. Auch im Lied vom Kindsein finden sich intertextuelle Verweise auf das Werk Handkes, wie zum Beispiel auf Kindergeschichte (1981). Handke bezog sich in seinem Werk auch auf Rainer Maria Rilkes Beschäftigung mit dem Kindsein, wie etwa in Handkes Die Stunde der wahren Empfindung (1975), das Beziehungen zu Rilkes Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910) aufweist, in dem es auch um die Daseinsangst geht, die sich zum ersten Mal und zeitlich lange vor ihrer existenzphilosophischen Ergründung als eine Grundstimmung des Jahrhunderts zeigt. Der Protagonist in Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge „lernt sehen“ durch Rückgriff auf seine Kindheit, dringt unter die Oberfläche der Erscheinungen und enthüllt die Innenseite der Dinge (zum Beispiel an einer stehengebliebenen Mauer einer Ruine), weil er sich im „Fühlen“ des Beobachteten innerlich mit dem Beobachteten identifiziert. Zugleich erschließt sich ihm sein eigenes Inneres, aus dem dann „Verlorenes aus der Kindheit“ hervordrängt. Diese Erfahrungen zeigen ein gewohnte Zeitfolgen verneinendes Zeitverhältnis, eine gleichzeitige Präsenz von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das erinnerte Kindsein bleibt für Rilke also „eine unendliche Realität“ und soll in der Gegenwart durch erzählende und reflektierende Vergegenwärtigung innerlich geleistet werden.
Erinnerung bei Handke
Im Zusammenhang mit dem Thema der Kindheit in Handkes Werk kommt der Erinnerung Bedeutung zu.
Erinnerung als ein plötzlicher, unverhoffter Durchblick auf ein ganz Anderes zum Gewohnten fasst Handke wie Marcel Proust in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit und auch James Joyce als Weg zu einer Epiphanie auf, die im Zusammenhang mit der modernen Literatur verstanden werden muss als plötzlich eintretendes geistiges Erlebnis, das eine Einsicht in eine unbekannte Welt ermöglicht. Im Erinnern liegt eine existenzielle, aber auch eine ästhetische Verheißung. Die unwillkürliche Erinnerung bei Proust als Kriterium der Wahrheit und innere Wirklichkeit hat auch einen Aspekt der Transzendenz, der auch für Handkes Werk gilt. Für Handke sind Innenwelt und Erinnerung aber nur Durchgangsstationen hin zu einer Epiphanie. In den 1970er Jahren schrieb Handke direkt nach Notizen zu Heidegger in sein Notizbuch, wie ein Geschmackserlebnis ähnlich wie bei Auf der Suche nach der verlorenen Zeit Erinnerungen auslöste. Aber auch die Erinnerungen und die Details der Umgebung können ihm das plötzliche Erlebnis der Weltoffenheit nicht erklären. Die Beschreibungen der Dinge selbst sind für Handke bereits der Ausdruck der Weltoffenheit. Diese freischwebende Aufmerksamkeit nimmt vergangene und gegenwärtige Dinge zugleich wahr und reflektiert dabei das Erstaunliche ihrer Existenz. Die Intuition und die Erinnerung führen für Handke wie für Heidegger also, im Gegensatz zu den Auffassungen von Proust und Joyce, ins Sein und nicht in private Gedächtnisräume des eigenen Ich. Im Zentrum steht bei Handke der Erlebnisgegenstand selbst und nicht die Innerlichkeit wie bei Proust. Erinnerungen sind ontologische Visionen und keine biographischen Rekonstruktionen. Raum und Zeit sind für Handke dann im Erinnern außer Kraft.
Von Bedeutung für Handkes Verständnis von Epiphanie und Erinnerung ist auch Hugo von Hofmannsthals Ein Brief. An die Stelle eines bedeutungslosen Nichts tritt bei Handke wie für Hofmannsthal die Aura der Hoffnung. Zum Beispiel beschreibt Handke wie Hofmannsthal eine Erfahrung, als bestünde der Körper aus lauter Chiffren.
Parallelen zur Auffassung Handkes finden sich bei Robert Musil. Wie Musil verwahrt Handke sich gegen eine hilflose Zeitgenossenschaft, gegen ein Ergeben in ein Mitmachen der Jahrhunderte. Die Epiphanie öffnet das Wirkliche und offenbart Offenheit und Möglichkeit.
Kindheit und das Motiv der Erzählung
Das Motiv des Kindseins wird im Film aber auch mit dem Motiv der Erzählung in Verbindung gebracht. Die Figur des Homer ist Erzähler, Vorsänger und Erinnerungsforscher auf der Suche nach der verlorenen Zeit, der im Film den Beginn der Ilias von Homer abwandelt. Er steht für den Bedeutungs- und Autoritätsverlust des Erzählers in der Moderne. Zwischen dem Lied vom Kindsein und den Gedanken Homers gibt es Ähnlichkeiten. Homers Gedanken deuten sowohl ein metaphysisches als auch ein dekonstruktives Verständnis der Kindheit an. Homer sagt in einer Szene des Films: „Und hat die Menschheit einmal ihren Erzähler verloren, so hat sie auch ihre Kindschaft verloren.“ Homer kann das Kindheitsideal der Offenheit und der Unvoreingenommenheit allerdings selbst nicht vollständig einlösen. Die Aporie, die sich im Ideal der Kindheit zeigt, kennzeichnet also auch Homers Verhältnis zur Kindschaft. Homer versucht zwar, das Kindheitsideal und den zugleich unbestimmbaren Zustand zu erreichen. Indem er aber glaubt, diesen Zustand in den Kategorien seines Denkens erreichen zu können, verfehlt er ihn.
Kindheit und Schrift
Handkes Werk wird oft als dichterische Umsetzung der Philosophie Martin Heideggers interpretiert. Dem Germanisten Ulrich von Bülow zufolge beschäftigte sich Handke jedoch nicht intensiv mit Heideggers Sein und Zeit, aber mit dem Begriff des Wohnens in Dichterisch wohnet der Mensch und stellte sich in eine Linie zu Friedrich Hölderlin, auf den sich auch Heidegger berief. Heidegger unterschied zwei Arten zu Denken: das rechnende Denken, das plant und forscht einerseits, und andererseits das besinnliche Denken, das über den Sinn nachdenkt, der in den Dingen liegt und sie jenseits ihres praktischen Werts oder wissenschaftlicher Fragen betrachtet. Nach Heideggers Auffassung legt die Wissenschaft ihre Gegenstände zwar auf neutrale und gleichförmige Raum- und Zeit-Stellen fest, aber die Dinge prägen den sie umgebenden Raum. Das Verhältnis des Menschen zu den Dingen beschreibt Heidegger mit dem Begriff des „Wohnens“. Zu diesen Dingen gehören nach Heidegger unter anderem Himmel und Erde. Die analytische Form der denkenden Weltaneignung erklärte Handke in Beschäftigung mit Heidegger ebenfalls für unzureichend und plädierte für eine Anschauung, die bei den Dingen beginnt. Diese Tradition der Dingverbundenheit reicht in der Literatur von Johann Wolfgang von Goethe bis zu Rilke, aber Handke aktualisiert sie in seinem Werk. Das Lied vom Kindsein erinnert neben Bezügen zu Rilke auch an Hölderlin und seine Konzeption von Kindheit.