Johann Baptist von Garelli (* 29. Oktober 1649 in Bologna; † 15. Dezember 1732 in Wien) war ein bedeutender Arzt italienischer Herkunft, der 1679 zur Zeit einer Pestepidemie nach Wien berufen wurde und dort 55 Jahre als Leibarzt von Mitgliedern des Hauses Österreich tätig war, indem er drei Kaisern Leopold I., Joseph I. und Karl VI. – sowie zwei Kaiserinnen – Maria Eleonora Gonzaga und Wilhelmine Amalie von Braunschweig-Lüneburg diente. In dieser Funktion als kaiserlicher Leibarzt folgte ihm – und übertraf ihn – sein Sohn Pius Nikolaus von Garelli, unter dessen Zeit als Präfekt der kaiserlichen Hofbibliothek (heute Österreichische Nationalbibliothek) der heute noch vorhandene Prunkbau errichtet wurde. Nachkommen von Johann Baptist von Garelli leben bis heute.

Herkunft Die gegenständliche Familie Garelli stammt aus der Stadt Bologna, wo sie zu den angesehenen Patrizierfamilien zählte. Ihr Wappen – „Oro nella punta un fiume, nel quale ci e un porco di colore oscuro mezzo immerso nell‘ aqua“ (Auf goldenem Schild befindet sich unten ein (blauer) Fluss, in dem ein dunkelfarbiges Schwein halb eingetaucht schwimmt) wird in verschiedenen einschlägigen Wappenbüchern beschrieben. So etwa in dem sechsbändigen Wappenbuch der adeligen und nichtadeligen Familien Bolognas von Giuseppe Guidalotti Franchini im Band III auf Seite 1270, und in dem siebenbändigen Wappenbuch des Giosefo Maria Moretti: „Armi gentilizie de‘ Nobili e Cittadini bolognesi estratte da publici Archivi, Sepulture, Lapidi etc., divise in sette tomi“, Tom II Blatt 61. Im Manuskript des Marchese D. Carlo Salaroli, „Della Nobiltá bolognese“, ohne Jahreszahl, in der Gemeindebibliothek von Bologna, werden die Garelli in Band II Blatt 46 ausdrücklich unter die adeligen Familien gezählt.Gustav Freiherr von Suttner: „Die Garelli“: Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des XVII. und xviii. Jahrhunderts. Gerold, Wien 1885, S. 4

Ein näherer Stammvater der Familie war Carlo Garelli, der im Jahre 1573 als einer der acht „Anziani“ (der vom Volk gewählten Mitglieder des Stadtrates) mit dem Gonfaloniere Bartolomeo Castelli die Stadt Bologna regierte.Manuskript von Ludovico Maria Montefani, Universitätsbibliothek der Stadt Bologna und Manuskript des Giuseppe Guidalotti FranchiniGiovanni Nicolo Pasquali Alidosi: I Signori Anziani, Consoli e Gonfalonieri di giustizia della citta di Bologna. Dall anno 1456. Accresciuti fino al 1670. Manolessi, Bologna 1670, poag. 121. Gemeindebibliothek der Stadt Bologna

Garellis Vater Francesco Garelli war mit Orsina Facchina verheiratet.M. Denis: Die Merkwürdigkeiten der k. k. Garellischen öffentlichen Bibliothek am Theresianum. Wien 1780, S. 2 (im Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek.)

Leben Johann Baptist von Garelli wurde als Giovanni Battista Garelli am 29. Oktober 1649 in Bologna geboren und in der Metropolitankirche San Pietro getauft. Er wuchs in der wappengeschmückten Villa der Familie auf, die in der Straße Volta dei Barberi, die später nach Ugo Bassi benannt wurde, Ende des 19. Jahrhunderts abgerissen wurde. Er wandte sich in Bologna erst dem Studium der Philosophie zu und präsentierte 1670 eine Dissertation am Collegium Poeti in Bologna, die auch gedruckt wurde,Gustav Freiherr von Suttner: „Die Garelli“: Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des XVII. und xviii. Jahrhunderts. Gerold, Wien 1885, S. 4. studierte anschließend an der Universität Bologna Medizin, war daher Doktor der Philosophie und der Medizin und wurde in der Folge zu einem über die Grenzen der Stadt hinaus berühmten Arzt. Berufung nach Wien Johann Baptist Garelli wurde 1679 von Kaiser Leopold I. nach Wien berufen, da dort in der Leopoldstadt eine geheimnisvolle, sich epidemisch verbreitende Krankheit ausbreitete, die von Garelli als die Pest identifiziert und durch intensive Betreuung der Kranken bekämpft wurde. Dabei soll ihn sein noch kindlicher Sohn Pius Nikolaus Garelli begleitet und assistiert haben, weshalb er „Pestbuberl“ genannt wurde.Moritz Bermann: Geschichte der Stadt Wien und ihrer Vorstädte. Wien 1863, S. 128.Gustav Reinhold: Die Pest in Wien. Wien 1879, S. 29, 39.

Vier Jahre nach seiner Ankunft in Wien wartete auf ihn, wie auf alle anderen Ärzte in Wien, eine große Herausforderung: die Zweite Wiener Türkenbelagerung unter Großwesir Kara Mustafa, die von 14. Juli bis zum 12. September 1683 dauerte. Diese blieb zwar erfolglos, forderte jedoch trotzdem zahlreiche Opfer in der Stadt und im Entsatzheer, die ärztlicher Betreuung bedurften, wobei sich Garelli gleichfalls bewährte.

Leibarzt von Kaiserin Eleonore Gonzaga mini|Eleonora Gonzaga by Frans Luyckx

Der dadurch erworbene Ruf, ein hervorragender Arzt zu sein, führte dazu, dass er in der Folge zu einem der Leibärzte der Kaiserin Eleonora Magdalena Gonzaga von Mantua-Nevers (* 1628; † 1686), der verwitweten dritten Gemahlin von Kaiser Ferdinand III. (* 1608; † 1657), ernannt wurde.Gustav Freiherr von Suttner: „Die Garelli“: Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des XVII. und xviii. Jahrhunderts. Gerold, Wien 1885, S. 5.

Leibarzt von Kaiser Leopold I. mini|Kaiser Leopold I. Patient von Garelli

Nach dem Ableben der Kaiserin-Witwe Eleonora wurde Garelli am 6. Dezember 1686 zu einem der Leibärzte von Kaiser Leopold I. ernannt. Als solcher ist er ab 1. Jänner 1687 nachgewiesen, da ihm ab diesem Datum eine „jährliche Pension“ in Höhe von 750 Gulden angewiesen wurde. Ab 1. Jänner scheint er als Leibarzt von Kaiser Leopold mit einer jährlichen Besoldung von 1000 Gulden auf.Hoff Zahl Ambts Raittung de Anno 1697, Blatt 188; Nationalbibliothek Wien. Am 22. Mai 1700 erhielt er von Kaiser Leopold I. die Zusage einer Zuwendung in Höhe von 10.000 Gulden, die ihm beim Erwerb eines dem Staat gehörenden Gutes gutgeschrieben oder bei einem Verkauf eines solchen an Dritte überwiesen werden sollten. Der Fall ergab sich 1701 im Zusammenhang mit dem Heimfall des Lehensgutes Schwanz (?) in Schlesien, das durch Elias von Hartig erworben wurde, die vorgesehene Zahlung an Garelli unterblieb jedoch vorderhand.Gustav Freiherr von Suttner: „Die Garelli“: Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des XVII. und xviii. Jahrhunderts. Gerold, Wien 1885, S. 6

Am 8. Jänner 1705 wurde ihm als einem der sechs Leibärzte Kaiser Leopolds eine Personalzulage von 1000 Gulden jährlich zugewiesen.Ordinanz Buch von A 1701 bis 1705, Blatt 337 (Öst. Staatsarchiv in Wien)

Kaiser Leopold starb – betreut von seinen Leibärzten – am 5. Mai 1705 im Alter von 65 Jahren in Wien. Garelli hatte zweifellos Anteil an der dem feierlichen Bestattungsritual und der Beisetzung in der Kapuzinergruft vorangehenden Konservierung des Leichnams, wobei bei Kaiser Leopold I. traditionsgemäß eine „Getrennte Bestattung“ der Körperteile erfolgte, indem das Herz und die inneren Organe getrennt vom Körper bestattet wurden. Die schnell verwesenden inneren Organe wurden entfernt, die Hohlräume mit Wachs gefüllt und die Leiche auch an der Oberfläche mit desinfizierenden Tinkturen behandelt. Die entfernten Körperteile wurden in Seidentücher gehüllt, in Spiritus eingelegt, die Behältnisse dann zugelötet. Das Herz und die Zunge des Kaisers legte man in einen vergoldeten Silberbecher, der in die Herzgruft der Habsburger kam. Seine Eingeweide, seine Augen und sein Gehirn wurden in einem vergoldeten Kupferkessel in der Herzogsgruft des Wiener Stephansdoms bestattet.Alexander Glück, Marcello LaSperanza, Peter Ryborz: Unter Wien: Auf den Spuren des Dritten Mannes durch Kanäle, Grüfte und Kasematten. Christoph Links Verlag, 2001, S. 44 ()

Leibarzt von Kaiser Joseph I. mini|Kaiser Joseph I.

Auf Kaiser Leopold I. folgte dessen ältester Sohn, Kaiser Joseph I., der Garelli als bewährten Leibarzt in seine Dienste übernahm. Garelli scheint urkundlich erstmals am 1. Juli 1705 als einer der Leibärzte von Kaiser Joseph I. mit einer Hofbesoldung von 1000 Gulden auf. Am 3. Juli erhielt das Hofzahlamt den Auftrag, Garelli zusätzlich zu seiner Besoldung jährlich weitere 1000 Gulden auszuzahlen.Suttner, op. cit. S. 7

Unter Kaiser Joseph erhielt Garelli schließlich auch den vor sieben Jahren von Kaiser Leopold I. zugesagten Betrag von 10.000 GuldenHoffinanz Act vom 22. Juni 1707, k. und k. Reichs-Finanz-Archiv in Wien sowie weitere 2000 Gulden als Geschenk „in Ansehung seiner 20 Jahr hindurch Jederzeit mit besondern Eyfer trey gehorst erwisenen sehr nützlichen bedienung.“

Kaiser Joseph I. erkrankte an den Pocken und starb – wohl auch betreut von Garelli – am 17. April 1711 in der Wiener Hofburg. Auch in diesem Fall kam es wie bei Kaiser Karl V. zu einer „getrennten Bestattung“ – und daher wohl auch für Garelli zu den erforderlichen ärztlichen Vorkehrungen, da der Körper des Kaisers in der Kapuzinergruft, das Herz in der Herzgruft der Habsburger in der Loretokapelle in der Augustinerkirche in Wien und die Eingeweide in der Herzogsgruft im Stephansdom beigesetzt wurden.

Leibarzt der Kaiserin-Witwe Wilhelmine Amalie mini|Kaiserin Wilhelmine Amalie

Seit dem Tod von Kaiser Josef I. im Jahre 1711 war Garelli Leibarzt der verwitweten Kaiserin Wilhelmine Amalie von Braunschweig-Lüneburg (* 1673; † 1742) und wird 1721 als deren erster Leibarzt bezeichnet.Kaiserlicher Und Königlicher/Wie auch Erzherzoglicher/und der Residenz Stadt Wien/Staats und Standes Kalender Auf das Jahr MDCCXXI Seite XXXV

Leibarzt von Kaiser Karl VI mini|Kaiser Karl VI.

Am 2. Februar 1713 wurde Garelli – zusätzlich zu seiner Funktion als Leibarzt der Kaiserin-Witwe Wilhelmine Amalie – auch zum Leibarzt von Kaiser Karl VI. ernannt und ihm am 1. Oktober der Betrag von 2250 Gulden als jährliche „Besoldung und Zuschuss“ angewiesen. Am 28. Mai 1715 verfügte Kaiser Karl VI. mit einem Dekret an die Ministerial-Banco-Deputation, dass Garelli rückständige 3500 Gulden, nämlich eine jährliche Pension von 2000 Gulden vom 1. Juli 1709 bis zum Todestag von Kaiser Joseph I. auszuzahlen seien.Hoffinanz Act vom 28. Mai 1715 Auch setzte sich der Kaiser durch eine Anweisung an die kaiserliche Verwaltung in Mantua dafür ein, dass Marchese Amorotti endlich die seit langem rückständige Pacht für das Gut Garellis „La Corte Cardinale“ in Italien zahlen sollte. Im Jahre 1725 wird Garelli als sechster der neun angestellten Leibärzte des Kaisers genannt, während sein Sohn Pius Nikolaus von Garelli bereits als zweiter Leibarzt aufscheint.Francisci Ernesti Brückmanni Phil Et Med. Doct Centuria Epistolarum Itinerariarum. Epistola XXII De Medicinis Viennensibus, Centur. I., S. 2 Garelli rückte im Jahre 1729 zum dritten Leibarzt von Kaiser Karl V. auf, während sein Sohn Pius Nikolaus bereits erster Leibarzt war.Kaiserlicher Und Königlicher / Wie auch Erz-Herzoglicher / und dero Residenz Stadt Wien / Staats und Standeskalender Auf das Jahr NDCCXXIX Seit xviii;

Mitglied der medizinischen Fakultät Am 23. November 1713 wurde Johann Baptist von Garelli „als Extrafacultist“ mit Sitz und Stimme in die medizinische Fakultät der Universität Wien aufgenommen, wobei ihm – auf seinen Wunsch – der Ehrenplatz zur Rechten des Dekans eingeräumt wurde, wofür er sich durch Schenkung eines silbernen Pokals bedankte.Johannis Jacobi Freundt de Weyenberg: Re Medica Virorum. S. 72Acta Decanatus 1710-1725 2. Blatt 316, Bibliothek des medizinischen Doctoren-Collegiums in Wien Bemerkenswert ist, dass seinem Sohn Pius Nikolaus Garelli dieselbe Ehrung – knapp einen Monat zuvor – gleichfalls erwiesen worden war.Suttner op. cit. S. 10

Kulturelle Interessen Dass Garelli auch weitreichende kulturelle Interessen hatte, illustriert seine Freundschaft mit dem Dichter Donato Cupeda (* 1661 in Neapel; † 1704), der ab 1694 Hofpoet am kaiserlichen Hof in Wien und Mitglied der literarischen Akademie Kaiser Leopolds I. war und für Antonio Draghi, Carlo Agostino Badia, Giovanni Bononcini, Marc’Antonio Ziani, Johann Joseph Fux und Attilio Ariosti zahlreiche Librettos für Opern, Serenaden und Kantaten schrieb.Herbert Seifert: Cupeda, Donato OFMConv. In: Oesterreichisches Musiklexikon online; abgerufen am 8. September 2019.