mini|Jean-Michel Nicollier in Vukovar, Kroatien Jean-Michel Nicollier, im Kroatischen meist Nicolier, (* 1. Juli 1966 in Vesoul, Frankreich; † 20. November 1991 in Ovčara bei Vukovar, Kroatien) war ein französischer Freiwilliger der Kroatischen Verteidigungskräfte (HOS) während des Kroatienkrieges. Er wurde nach der Schlacht um Vukovar als Kriegsgefangener während des Krankenhausmassakers von serbischen Freischärlern qualvoll hingerichtet.
Biografie Nicollier wurde am 1. Juli 1966 im französischen Vesoul als zweitältester von drei Söhnen der Lyliane Fournier geboren. In Vesoul besuchte er die Grund- und Weiterführende Schule.
Als Nicollier durch das französische Fernsehen über den Krieg in Kroatien erfuhr, beschloss er, nach Kroatien zu reisen, um auf der kroatischen Seite zu kämpfen. Vor seiner Abreise sagte er zu seiner Mutter:
Im Juli 1991 erreichte er mit der Bahn den Zagreber Hauptbahnhof. Kurz nach seiner Ankunft trat er den Freiwilligenkorps der Kroatischen Verteidigungskräften bei und wurde an der Front entlang des Flusses Kupa in der Banovina stationiert. Im September 1991 erreichte Nicolliers Einheit die Stadt Vukovar an der Donau. Er kämpfte in der Schlacht um Vukovar und wurde dabei innerhalb von drei Monaten zweimal verwundet. Wenige Stunden vor seiner Ermordung bezeichnete Nicollier das umkämpfte und zerstörte Vukovar in einem Interview mit der französischen Reporterin Agnès Vahramian als „Schlachthaus“. In dem vom französischen Fernsehen ausgestrahlten Interview sagte Nicollier weiter:
mini|Die Ruinen der Ovčara – des Hinrichtungsortes von 200 Kranken und Verwundeten aus dem Krankenhaus Vukovar, darunter auch Jean-Michel Nicollier Am 20. November 1991 wurde Nicollier zusammen mit 300 Patienten des Krankenhauses von Vukovar von serbischen Freischärlern auf das Gelände des ehemaligen landwirtschaftlichen Betriebes Ovčara verschleppt.
Während des Krankenhausmassakers in der Nacht vom 20. auf den 21. November 1991 soll nach kroatischen Quellen der verwundete Nicollier von einem Mann mit dem Spitznamen „Kemo“ aus einer der Hallen geführt und verprügelt worden sein. Nach späteren Zeugenaussagen soll dieser „Kemo“ mit einer Keule auf Nicollier eingeschlagen haben. Schließlich soll Nicollier zu dem 19-jährigen Spasoje Petković, Kampfname „Štuka“, gebracht worden sein, der ihn mittels Kopfschuss hingerichtet und ausgeplündert haben soll.'NAZVAO SAM UBOJICU JEANA MICHELA NICOLIERA' Brat ubijenog vukovarskog junaka prepričao što se dogodilo kada je preko telefona dobio zloglasnog Štuku, jutarnji.hr, abgerufen am 8. September 2019
Petković erwähnte sein Opfer Nicollier schon 1991 in einem Interview:
Nicolliers Überreste wurden 2025 gefunden und am 29. Oktober 2025 identifiziert. Dies wurde am gleichen Tag vom kroatischen Minister für Veteranenangelegenheiten Tomo Medved in einer Pressekonferenz bestätigt. Über den Verbleib der Leiche wurde durch kroatische Medien lange spekuliert. Am 6. November 2025 kurz nach 14 Uhr wurden Nicolliers Überreste in einem Begräbnis mit militärischen Ehren auf dem Gedenkfriedhof für die Opfer des Heimatkrieges in Vukovar beigesetzt. An dem Staatsakt nahmen tausende Menschen teil, darunter Nicolliers Mutter Lyliane Fournier und Bruder Paul, der Veteranenminister Tomo Medved, die stellvertretenden Ministerpräsidenten David Vlajčić und Ivan Anušić, der Generalstaatsanwalt Ivan Turudić, der Trainer der kroatischen Fußballnationalmannschaft Zlatko Dalić, die Sportlegenden Stojko Vranković und Dubravko Šimenc sowie viele Kriegsveteranen.
Gedenken mini|Büste von Nicollier vor der nach ihm benannten Brücke in Vukovar (Juli 2021). Posthum wurde Nicollier am 15. November 2006 mit einer Gedenktafel in Vukovar geehrt.
Im Jahre 2010 veröffentlichten die kroatischen Autoren Višnja Starešina und Ivan Maloča eine Dokumentation über das Krankenhausmassaker von Vukovar. In dieser wurde auch sehr detailliert über die Schicksale von Siniša Glavašević und Nicollier berichtet. Die Dokumentation wurde vom Kroatischen Rundfunk am 19. Gedenktag des Massakers erstmals ausgestrahlt.
Da Nicolliers Schicksal nach knapp zwei Jahrzehnten wieder Aufmerksamkeit erhielt, beschlossen der kroatische Kriegsveteran Antun Ivanković aus Tovarnik und die pensionierte Professorin Nevenka Nekić, den Fall zu untersuchen und nahmen u. a. Kontakt zu Nicolliers Mutter auf. Ivanković stellte fest, dass Nicollier nie in die offizielle Liste der kroatischen Veteranen aufgenommen worden war; das Kriegsveteranenministerium der Republik Kroatien trug ihn daraufhin ein.
Der Kroatische Staat zeichnete Nicollier mit dem 23px|border Orden des Nikola Šubić Zrinski aus. Nicolliers Mutter reiste mit ihrem jüngeren Sohn Paul nach Zagreb, um den Orden vom damaligen kroatischen Staatspräsidenten Ivo Josipović anzunehmen.
Im Juni 2012 veröffentlichte Nekić ein Buch über Nicollier mit dem Titel Jean ili miris smrti („Jean oder der Geruch von Tod“). Zwei Monate später traf sich Nicolliers Mutter mit dem kroatischen Kriegsveteranenminister Predrag Matić, der ihr bestätigte, dass sie Anspruch auf die Veteranenrente ihres verstorbenen Sohnes habe.
Im Mai 2013 stimmten die Bürger der Stadt Vukovar mittels elektronischer Stimmabgabe dafür, eine neuerbaute Brücke im Zentrum der Stadt Most Jean-Michela Nicoliera („Jean-Michel-Nicolier-Brücke“) zu nennen.
Einzelnachweise
Kategorie:Schlacht um Vukovar Kategorie:Franzose Kategorie:Person im Kroatienkrieg Kategorie:Militärperson (Kroatien) Kategorie:Scharfschütze Kategorie:Person (Bourgogne-Franche-Comté) Kategorie:Person (Vukovar) Kategorie:Geboren 1966 Kategorie:Gestorben 1991 Kategorie:Mann