Ein Rufer in der Wüste ist ein Zeitroman von Jakob Bosshart, der 1921 erschienen ist. Es geht darin um eine kritische Auseinandersetzung mit den moralischen Schwächen der Vorkriegsgesellschaft und um den gescheiterten Versuch ihrer Rettung durch den jugendlichen Protagonisten Reinhart Stapfer. Ein Rufer in der Wüste ist der erste Teil einer von Bosshart geplanten Romantrilogie, deren andere Teile aber nicht fertiggestellt wurden. Der Roman ist Bossharts HauptwerkFrançois Comment: Der Erzähler Jakob Bosshart (=Sprache und Dichtung NF 40), Verlag Paul Haupt, Bern und Stuttgart 1990, Seite 124 und hat ihm viel Anerkennung eingebracht, so 1922 jeweils den Grossen Schillerpreis der Schweizerischen Schiller-Stiftung sowie den Gottfried-Keller-Preis der Martin-Bodmer-Stiftung.Vgl. Jakob Bosshart: Ein Rufer in der Wüste. Roman. Mit einem Nachwort von Martin Stern, Buchclub Ex Libris, Zürich 1982, Seite 404
Inhalt Ein Rufer in der Wüste spielt in den Jahren 1908 bis 1914 in einer Schweizer Stadt, die nie genannt wird, die aber leicht als Zürich erkannt werden kann.Einige Anzeichen: die Stadt liegt an einem See; war Schauplatz des Besuchs von Kaiser Wilhelm II; hat eine Gasse, die so steil ist, „dass man der ganzen Länge nach Treppenstufen angbracht hatte“ (Seite 301 – vgl. die Trittligasse in der Zürcher Innenstadt); und vor allem: auf dem Golsterhof, der etwa 2 bis 3 Stunden Fussmarsch von der Stadt entfernt liegt, stehen Eichen, von denen der Grossvater sagt, „die haben schon zugeschaut, als Zwingli an ihnen vorbei in den Tod ging“ (Seite 32)
Reinhart Stapfer hat die Mittelschule erfolgreich abgeschlossen und möchte Geschichte und Philosophie studieren. Sein Vater Ferdinand, ein erfolgreicher Unternehmer, Politiker und hoher Offizier, verlangt stattdessen von ihm, dass er in die familieneigene Textilfabrik eintritt. Reinhart beugt sich dem väterlichen Willen, vor allem um seiner gesundheitlich angeschlagenen Mutter Ulrike einen familiären Zwist zu ersparen, den sie nur schwer ertragen würde. Ferdinand, der mit seiner Familie in einer Villa nahe am See in der Stadt lebt, stammt vom Golsterhof, einem Bauerngut, das von seinem Bruder Hans Rudolf bewirtschaftet wird und wo auch noch Reinharts Grosseltern Abraham und Annabab, sowie Hans Rudolfs Kinder Adelheid, Esther und Walter leben. Bei einem Besuch auf dem Golsterhof erfährt Reinhart vom Grossvater, dass er befürchte, auf dem Hof stünden grössere Veränderungen bevor, denn Hans Rudolf ziehe es in die Stadt, wo der denke, zu leichterem Verdienst zu gelangen.
Als Geschäftsführer steht Ferdinand der deutsche Helmut Geierling zur Seite. Geierling ist von wilhelminischem Imperialismus und Militarismus durchdrungen und betrachtet die Schweiz etwa so, wie wenn sie bald eine Kolonie des deutschen Reichs werden müsste. Er hat ein Auge auf Küngold geworfen, die Schwester Reinharts, und Ferdinand sähe die Verbindung nicht ungern, da sie Geierling stärker an die Familie binden würde. Reinhart trifft in der Fabrik auf David Holzer, einen Kameraden aus der Primarschulzeit. Holzer stammt aus einfachen Verhältnissen und ist in der Fabrik als Arbeiter tätig. Durch ihn kommt Reinhart in Kontakt zu einem weiteren Bruder des Vaters, Melchior, der die Beziehung zur Familie völlig abgebrochen hatte, nachdem ihn Abraham ungnädig behandelt hatte. Reinhart erfährt, wie viel Unglück Melchior und seine Frau in ihrem Leben durchmachen mussten und er sieht, wie glücklich die beiden trotzdem dank ihrer bescheidenen Art sind. Durch David Holzer, der sich in seiner Freizeit mit sozialistischer Literatur abgibt, erfährt Reinhart auch die Ressentiments, die den Reichen von vielen Proletariern entgegengebracht werden. Als Kinder waren sie sich noch unbelastet begegnet. Mit Davids Schwester Paula hatte er im Park der Villa sogar erste, unschuldige Küsse getauscht. Sie hatten sich danach während Jahren aus den Augen verloren, doch in beiden ist die Erinnerung an diese Szene noch lebendig. Paula würde gerne die Beziehung zu Reinhart an dieser Stelle wieder aufnehmen, doch Reinhart ist in eine andere Frau verliebt. Es ist Jutta von Homberg, die Schwester Georgs, eines Schulkameraden aus dem Gymnasium. Ihre Familie sieht diese Verbindung allerdings nicht gern, denn die Stapfers, als Neureiche, werden nicht als dem eigenen, patrizischen Stand gleichwertig empfunden.
Auf dem Golsterhof stirbt der Grossvater. Beim Leichenmahl geraten Ferdinand und Hans Rudolf aneinander, weil Hans Rudolf den Eindruck hat, Ferdinand habe lange Zeit von einem viel zu tiefen Zins profitiert, den ihm Abraham für einen Kredit gewährt hat. Es stellt sich heraus, dass Hans Rudolf finanzielle Probleme hat mit seinen Unternehmungen, die er in der Stadt angefangen hat. Ferdinand stellt ihm einen Betrag in Aussicht, doch sind auch seine Möglichkeiten begrenzt, denn auch er hat in letzter Zeit Geld verloren. Um wieder Geld hereinzuholen, will Ferdinand die Firma auf Export umstellen. Er, der bis dahin seinen politischen Einfluss noch nie eigennützig eingesetzt hat, deutet Reinhart gegenüber an, dass es gerade jetzt wichtig sei, bei der Gestaltung der Exportbedingungen gesetzgeberisch mitreden zu können.
Obwohl ihn Juttas Oberflächlichkeiten manchmal irritieren, hält Reinhart bei ihrem Vater um ihre Hand an. Der lehnt ab mit der Begründung, es könne von seiner, Hombergs Familie keine Verbindung geben zu einer Familie, die dem Gelderwerb nachgehe. Reinharts Frage, ob denn das Zinsnehmen so viel besser sei, wird empört zurückgewiesen. Gleichzeitig wird bekannt, dass die von Hombergs eine Textilfabrik in Aarwald, ähnlich der Stapferschen, erben. Ferdinand macht Reinhart Hoffnung mit der Bemerkung, die von Hombergs könnten letzten Endes doch noch an einem Schwiegersohn interessiert sein, der etwas vom Geschäft verstehe.
Der ehrgeizige Dr. Wäspi, ein Schulkamerad Reinharts aus dem Gymnasium, wird bei Ferdinand vorstellig. Er möchte in der Zeitung, die Ferdinand kontrolliert und auf deren Redaktion er nur eine untergeordnete Stellung hat, eine verantwortliche Funktion, da er meint, vieles besser machen zu können, als es bisher gemacht wird. Ausserdem hält er um die Hand von Küngold an. Er droht Ferdinand, zur Konkurrenz zu gehen, wenn er die Stelle nicht erhalte. Ferdinand lässt sich das nicht bieten, lehnt beide Ansinnen ab, auch weil Küngold und Geierling so gut wie verlobt sind. Wäspi lässt aber durchblicken, dass Geierling bereits Kontakte zu von Hombergs geknüpft habe, was Ferdinand verunsichert.
In Ferdinands Firma kommt es zu einem Aufruhr. Geierlings Umgangston wird von den Untergebenen nicht goutiert. In Abwesenheit von Ferdinand, eskaliert die Situation. David Holzer organisiert Widerstand. Geierling will Holzer entlassen, was zu einem Streik der Arbeiter führt. Reinhart gelingt es, die Situation zu beruhigen. Der zurückgekehrte Ferdinand entscheidet gegen die Entlassung Holzers. Reinhart bietet seinem Vater an, die Funktionen von Geierling zu übernehmen. Eigentlich gegen seine ursprüngliche Absicht engagiert er sich stärker für den Betrieb. Geierling verlässt die Firma, besitzt aber noch einen kleinen Anteil. Ferdinand führt im Betrieb ein rationelleres Färbeverfahren ein. Reinhart hegt den Verdacht, dass es den qualitativen Anforderungen nicht genügt. Geierling fügt seinem Namen ein „von“ zu und steigt bei der Firma Homberg ein.
Wäspi ist Redaktor einer neuen Zeitung namens Schweizerspiegel. Der Schweizerspiegel ist ein Revolverblatt. Täglich reitete er Attacken gegen Ferdinand Stapfer. Bei den anstehenden Wahlen tritt Wäspi gegen Ferdinand an. Auch wenn er seine Anschuldigungen nicht beweisen kann, bleibt doch etwas hängen. David Holzer äussert gegenüber Reinhart, dass Ferdinand besser auf seine Kandidatur verzichten würde, denn die Linken würden mit dem Schweizerspiegel zusammengehen. Für Ferdinand ist es schliesslich wie eine Niederlage, dass er bloss 200 Stimmen mehr erhält als Wäspi. Er tritt aus allen Ämtern zurück. Im Auftrag Hans Rudolfs erscheint überraschend Reinharts Cousine vom Golsterhof, die bucklige Esther, in der Stadtvilla und bittet Ferdinand um einen grösseren Geldbetrag. Da dieser selber in finanziellen Nöten steckt und nichts geben kann, verkauft Ulrike ihren Schmuck um der verschüchterten, mitleiderregenden Esther zu helfen.
Ferdinand ist auch sonst unter Druck: In einem Gerichtsprozess, den er gegen den Schweizerspiegel angestrengt hat, wird Wäspi zwar mit einer Busse belegt, aber nur, weil es ihm nicht gelungen war, die gegen Ferdinand erhobenen Anschuldigungen zu beweisen. Dieser fühlt, dass er auf dem gesellschaftlichen Parkett seinen guten Ruf verloren hat. Er verzichtet auf die Teilnahme an der Seefahrt zu Ehren des die Stadt besuchenden Monarchen, zu der er eigentlich eingeladen wäre. Dieser Monarch wird mit für Schweizer Verhältnisse untypischem Prunk empfangen. Anlässlich seines Besuchs wird ein Feuerwerk gegeben, die ganze Stadt ist in Feststimmung. In einer Gartenwirtschaft feiert auch Geierling mit Gesinnungsgenossen. Er fühlt sich provoziert von Romands, die französische Lieder singen. Die beiden Gruppen geraten aneinander, der Wirt versucht zu schlichten. Reinhart ist zufällig auch anwesend. Geierling spielt hämisch auf die verlorene Ehre des Vaters an. Reinhart schlägt drein. Die beiden werden getrennt. Reinhart ist vom Vorfall dermassen aus der Fassung geraten, dass er sich betrinkt. Auf einer Parkbank schläft er seinen Rausch aus. Als er sich in der Frühe der elterlichen Villa nähert, trifft er im Garten auf seine Schwester neben der Leiche der Mutter, die sich wegen der verlorenen Ehre des Vaters im See ertränkt hat. Reinhart merkt, dass Küngold sich für den Tod der Mutter verantwortlich fühlt und den Verstand verloren hat. Im Haus drin schläft der Vater seinerseits einen Rausch aus; er hat vom Tod Ulrikes noch nichts mitbekommen. Reinhart beschliesst, Küngold von der Unglücksstätte wegzubringen. Er will mit ihr auf den Golsterhof gehen. Doch Hans Rudolf, immer noch wütend auf Ferdinand und dessen Familie, will ihr kein Zimmer geben.
Auf dem Rückweg in die Stadt bricht die Nacht herein. Sie lagern auf einem Bergrücken. Küngold will sterben, schläft aber nach einiger Zeit ein. Reinhart gibt sich seinen Gedanken hin, die zunächst ebenfalls um Selbstmord kreisen. Aber der Blick in die Sterne weckt in ihm das Bewusstsein dafür, was für eine Gnade das Leben ist auf der Erde, die vielleicht der einzige bewohnte Ort im ganzen Universum ist. Er nimmt sich vor, sein Leben zu ändern, sich nicht mehr der Welt auszuliefern, keine faulen Kompromisse mehr zu schliessen, nur seinem Gewissen zu gehorchen. Der Tod der Mutter hat ihm den Weg in die Freiheit gewiesen, denn er muss nun keine Rücksicht mehr nehmen auf sie. Am nächsten Morgen bringt er Küngold zu Melchior und Bethli.