mini|Werner Drechsler (links), gestützt von Hermann Polowzyk, verlässt die USS Osmond Ingram am 20. Juni 1943 auf der Naval Operating Base Norfolk. mini|Die Gefangenen von U 118 am selben Tag in einem Bus auf dem Navy-Stützpunkt. Der zweite von links ist Werner Drechsler. Werner Drechsler (* 17. Januar 1923 in Mühlberg (Elbe); † 12. März 1944 in Camp Papago Park, Arizona) war ein deutscher U-Boot-Fahrer (U 118) der Kriegsmarine im Zweiten Weltkrieg. Nach seiner Gefangennahme durch die US Navy vor den Azoren 1943 sammelte er bei Mitgefangenen für die US-Behörden Informationen über U-Boote und wurde am 12. März 1944 von sieben Mitgefangenen aus anderen U-Booten gelyncht. Diese wurden am 16. August 1944 zum Tode verurteilt und am 25. August 1945 in Fort Leavenworth gehängt. Die Tat wurde in der einzigen deutschsprachigen Publikation zum Thema (Paul Carell und Günter Böddeker) als Fememord bezeichnet.

Leben und Tod Werner Drechsler wurde in Mühlberg (Elbe) in der zum Freistaat Preußen gehörenden Provinz Brandenburg nahe der Grenze zum Freistaat Sachsen als Sohn eines Sozialdemokraten geboren und wuchs in Chemnitz im Freistaat Sachsen auf. Er hatte zwei Brüder, von denen im Zweiten Weltkrieg einer bei der Infanterie des Heeres der Wehrmacht diente, der andere bei der Kriegsmarine auf einem Minensuchboot.Jane Eppinga (2017), S. 43.

Drechsler, der während des Zweiten Weltkriegs wehrpflichtig wurde, kam zur Kriegsmarine und wurde in Kiel, in der U-Boot-Schule in Gotenhafen und der Torpedoschule in Flensburg-Mürwik für den Dienst im U-Boot ausgebildet, bevor er zum U-Boot U 118 kam, das am 6. Januar 1942 in Kiel in Dienst gestellt wurde. Wegen Vereisung konnte das Boot erst am 29. März 1942 auslaufen. Während es bei den ersten zwei Feindfahrten im Atlantik zu keinem Feindkontakt kam, erlebte er bei seiner dritten Feindfahrt die Versenkung von 3 Handelsschiffen mit 57 toten Seeleuten sowie einer kanadischen Korvette mit 7 Toten. Auf dieser Feindfahrt legte das U-Boot im Februar 1943 Seeminen vor Gibraltar und Tanger.U-118, Uboatarchive.net: Navy Department Office of the Chief of Naval Operations Washington, O.N.I. 250 – G/Serial 23, Report on the Interrogation of Survivors From U-118 Sunk on 12 July 1943.

Auf der vierten Feindfahrt wurde U 118 am 12. Juni 1943 im Mittelatlantik westlich der Kanarischen Inseln von vier Avenger und vier Wildcat-Flugzeugen des US-Geleitträgers Bogue mit Wasserbomben angegriffen, als sich Drechsler und einige Kameraden an Deck des über Wasser fahrenden U-Bootes befanden. Ein Treffer am Turm tötete den Kommandanten Werner Czygan und sämtliche Offiziere. Drechsler wurde im Nacken und am Knie verletzt und konnte nur mit Mühe schwimmen. Nach einer Stunde waren von den 59 Mann der Besatzung nur noch 17 am Leben – unter ihnen kein Offizier –, und diese wurden vom US-Kriegsschiff USS Osmond Ingram an Bord genommen, doch der Matrosenobergefreite Wilhelm Ervin starb nur wenige Minuten danach an seinen Verwundungen und wurde seebestattet. Somit waren 43 Mann der Besatzung tot und nur 16 überlebten.

Zwei schwer verwundete Gefangene wurden an Bord der Osmond Ingram operiert: Drechsler, dem vom Chirurgen ein Projektil aus dem Knie entfernt wurde, und Hans Wosnitzka. Am 20. Juni 1943 wurden die Gefangenen in Naval Station Norfolk in den USA an Land gebracht. Bei der Ankunft konnte Drechsler nur schwer gehen und wurde von seinem Kameraden Herman Polowzyk unterstützt. Drechsler und Wosnitzka kamen ins Marinekrankenhaus, während die übrigen 14 Gefangenen zum Verhör nach Fort Meade (Maryland) sowie Fort Hunt bei Alexandria (Virginia) gebracht wurden.

Mit dem Ende seines Krankenhausaufenthalts neun Tage nach Ankunft in Norfolk musste auch Drechsler nach Fort Hunt. Während seine Kameraden hier – abhängig vom Wert der ermittelten Informationen – etwa einen Tag bis mehrere Wochen verbrachten, wurde Drechsler hier sieben Monate verhört. Die verhörenden Offiziere sahen Drechsler als zuverlässigen und kooperationswilligen, wenn auch eingebildeten Antifaschisten an, dessen sozialdemokratischer Vater drei Jahre im Konzentrationslager gesessen hatte. Das Office of Naval Intelligence sah in ihm einen hohen Wert, da er das Vertrauen von Gefangenen gewinnen und so an Informationen gelangen konnte.Jane Eppinga (2017), S. 47–49.

So wurde Drechsler in verwanzte Zellen mit anderen Gefangenen gesperrt und gab Informationen aus Gesprächen an die Behörden der US Navy weiter. Allerdings misstrauten ihm die meisten Gefangenen und sagten nichts von Belang. In Fort Hunt saß Drechsler in einer Zelle mit einem seiner späteren Mörder, Rolf Wizuy, und stellte sich diesem als „Obermaat Limmer“ vor. Wizuy, der an einer Blinddarmentzündung litt, misstraute dem freundlichen Kameraden „Limmer“. Anderen Gefangenen stellte dieser sich als „Leimi“ vor. Für die US-Behörden zeichnete er U 118 und schrieb die U-Boot-Operationen auf. Ebenso fertigte er Karten seiner Heimatstadt Chemnitz mit möglichen Angriffszielen an. Drechsler verbesserte seine Englischkenntnisse erheblich. Drechsler bat nach sieben Monaten darum, von Fort Hunt in ein Gefangenenlager mit Antifaschisten verlegt zu werden. Auch ein vernehmender Offizier drängte darauf, dass Drechsler wegen seiner Kooperationsbereitschaft niemals in ein Gefangenenlager mit anderen Gefangenen aus der Kriegsmarine, die ihn kennen und von seiner Rolle wissen könnten, geschickt werden dürfe. Dieser Ratschlag wurde später jedoch von den US-Militärbehörden ignoriert.

Die US-Marineführung beschloss, Drechsler an das für die Kriegsgefangenenlager zur dauerhaften Unterbringung zuständige Heer zu überantworten, da keine weiteren neuen wichtigen Informationen von ihm erwartet wurden, und so verließ Drechsler am 8. Januar 1944 Fort Hunt. Drechslers Wunden heilten schlecht, und er litt an Tuberkulose. Er wurde in Fort Leonard Wood (Missouri) wegen seiner Tuberkulose behandelt und war deswegen von anderen Gefangenen getrennt.Jane Eppinga (2017), S. 60f.

Am 4. Februar 1944 fiel die Entscheidung, Drechsler – entgegen den Warnungen von Offizieren und Drechslers Bitten – nach Camp Papago Park zu verlegen. Am Morgen des 12. März betrat er einen Zug, der Camp Papago Park um 15 Uhr erreichte. Hier strich er Mitgefangenen gegenüber heraus, wie gut die Amerikaner zu ihm gewesen seien und dass Deutschland den Krieg verlieren werde. Im Lager gab es Gefangene, die Drechsler von vorher aus der Gefangenschaft kannten und ihn als Verräter ansahen. Nach 21 Uhr, als Drechsler schon im Bett lag, drang eine Gruppe von sieben Männern in seine Baracke ein und ergriff ihn. Trotz heftiger Gegenwehr wurde er blutig geprügelt, in den Duschraum geschleppt und dort kurz vor 22 Uhr aufgehängt. Als Drechsler starb, war er noch keine sieben Stunden in Camp Papago Park.

Die Täter Die sieben Täter kannten Drechsler teilweise von vorher aus gemeinsamen Zellenaufenthalten, bei denen Drechsler versucht hatte, ihnen militärisch wichtige Informationen zu entlocken. Keiner von ihnen stammte jedoch vom selben U-Boot wie Werner Drechsler, U 118. Aus U 615 waren es fünf Männer: Helmut Fischer (zum Tatzeitpunkt 21 Jahre), Fritz Franke (20 Jahre), Günter Külsen (21 Jahre), Bernhard Reyak (20 Jahre) und Rolf Wizuy (22 Jahre). Die übrigen beiden waren je ein Mann von U 199, Heinrich Ludwig (25 Jahre), und von U 352 Otto Stengel (26 Jahre), der verheiratet war und Kinder hatte.Paul Carell und Günter Böddeker (1990), S. 84.

Die fünf U-Boot-Fahrer von U 615 kamen Wochen vor ihrer gemeinsamen Tat in einem Lager in Stringtown (Oklahoma) zusammen und sprachen über Drechsler, den sie bereits als Verräter einordneten. Rolf Wizuy und Heinrich Ludwig erkannten, dass die beiden von ihnen beschriebenen verdächtigen Personen mit unterschiedlichen Namen, Leimi und Limmer, ein und derselbe Mann waren – Werner Drechsler von U 118, auf den die Beschreibungen passten. Diese stimmten mit Beschreibungen durch verschiedene gefangene Seeleute und Offiziere überein, die von dieser Person zu militärischen Informationen befragt worden waren.Jane Eppinga (2017), S. 54.

Zu den zunächst der Beihilfe zum Mord an Drechsler Angeklagten gehörte der Unteroffizier Friedrich Murza von U 487. Dieser wurde anfangs von den US-Behörden als kooperationsbereit eingestuft, doch weigerte er sich in Fort Hunt, Drechsler („Limmer“) etwas über technische U-Boot-Details zu erzählen.Jane Eppinga (2017), S. 50.

Das Gefangenenlager Camp Papago Park Die Kriegsgefangenen aus den versenkten U-Booten wurden zunächst in Stringtown festgehalten. Im Januar 1944 wurde jedoch der Befehl gegeben, alle U-Boot-Gefangenen nach Camp Papago Park (Arizona) zu verlegen. Am 3. März 1944 bestimmte das US-amerikanische Kriegsministerium Camp Papago Park als Gefangenenlager für sämtliche deutschen Kriegsgefangenen aus der Kriegsmarine.Jane Eppinga (2017), S. 52.

Von den U-Boot-Gefangenen, die nun in Camp Papago Park konzentriert wurden, waren die meisten mindestens bis Kriegsende loyal zum Hitlerregime. Zahlreiche dieser Gefangenen zeigten offen ihre Loyalität zu Hitler – so wurde beispielsweise aus einem Transport-LKW am 7. Februar 1945 eine selbstgemachte Hakenkreuzflagge gehängt.Jane Eppinga (2017), S. 51. Sie unterhielten im Lager effektive Kommunikationsstrukturen. Offiziere und Mannschaften wurden getrennt untergebracht, doch kommunizierten sie über versteckte Zettel, das Werfen von Flaschen mit Zettelbotschaften oder auch durch Lichtzeichen mit Spiegeln.Jane Eppinga (2017), S. 58. Bei den Gefangenen war insbesondere der in diesem Lager festgehaltene Kapitän zur See Jürgen Wattenberg (1900–1995) aus U 162 gefürchtet, der jede Art der Zusammenarbeit mit den Amerikanern als Hochverrat betrachtete. Eine zu erwartende harte Bestrafung nach dem Endsieg schüchterte Gefangene ebenso ein wie unmittelbare Sanktionen durch die regimetreuen Kameraden. Drechsler war der einzige Gefangene, der in Camp Papago Park ermordet wurde, doch waren andere von Prügel oder Bedrohungen betroffen, darunter auch Offiziere wie der Leutnant zur See Hermann Ritter (1891–1968) vom Wetterbeobachtungsschiff 1 Hermann und der Kapitänleutnant Hellmut Rathke von U 352.Jane Eppinga (2017), S. 57f.

Der Tathergang